Epilog
Der Geruch von Rauch lag schwer in der kalten Nacht.
Nicht der Duft eines Kaminfeuers.
Nicht der Geruch eines Sommerfestes.
Es war der beißende Gestank von brennendem Holz... und Blut.
Flammen fraßen sich durch die Dächer eines kleinen Dorfes, verborgen in den Wäldern nahe Tokio. Das Knacken der Balken vermischte sich mit verzweifelten Schreien, die einer nach dem anderen verstummten.
Der Himmel färbte sich blutrot.
Asche tanzte lautlos durch die Luft.
Ein Windstoß trug verkohlte Kirschblüten über den Dorfplatz.
Dort, zwischen den Trümmern ihres Zuhauses, lag ein kleines Mädchen.
Vier Jahre alt.
Ihr schwarzes Haar klebte blutverschmiert an ihrem Gesicht. Ihre Kleidung war an vielen Stellen verbrannt, ihre kleinen Hände zitterten, als sie versuchte, sich über den kalten Boden zu ziehen.
„...Mama...?“
Keine Antwort.
„Papa...?“
Nur das Knistern der Flammen.
Mit glasigen Augen blickte sie zu dem Haus, das noch vor wenigen Minuten voller Leben gewesen war.
Jetzt war es nur noch ein brennendes Grab.
Sie verstand nicht, warum.
Sie verstand nur, dass niemand mehr antwortete.
Eine Träne löste sich aus ihrem Auge und zog eine saubere Spur durch den Ruß auf ihrer Wange.
„...Ich habe Angst...“
Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
Da bewegte sich etwas im Schatten.
Lautlos trat ein kleiner schwarzer Fuchs zwischen den Flammen hervor.
Sein Fell war dunkel wie eine mondlose Nacht.
Hinter ihm schwangen sieben lange Schweife sanft durch die Luft.
Seine eisblauen Augen ruhten auf dem Kind.
Nicht voller Zorn.
Nicht voller Macht.
Sondern voller Schmerz.
„Rio...“
Das kleine Mädchen streckte ihm mit letzter Kraft ihre Hand entgegen.
„...Bitte... geh nicht weg...“
Der Fuchs trat sofort zu ihr.
Er legte seinen Kopf behutsam in ihre kleine Hand, als hätte er Angst, sie könne daran zerbrechen.
„Ich bin hier, Sayaka.“
Seine Stimme war ruhig.
Sanft.
Fast wie die eines Vaters.
„Ich lasse dich nicht allein.“
Sayaka schloss für einen Moment die Augen.
Sie glaubte ihm.
Denn Rio hatte sie noch nie angelogen.
Ein lauter Schlag ließ den Boden erbeben.
Schritte.
Langsame.
Schwere Schritte.
Mehrere Gestalten traten aus dem Feuer.
Lange schwarze Mäntel.
Weiße Masken.
Auf ihren Rücken schimmerte das uralte Symbol des Hohen Rates.
Der Fuchs stellte sich sofort schützend vor Sayaka.
Seine Schweife richteten sich auf.
Die Schatten unter seinen Pfoten begannen zu leben.
„Noch einen Schritt...“, knurrte Rio.
„...und ich reiße euch die Seele aus dem Leib.“
Die Männer blieben stehen.
Einer von ihnen betrachtete das Dorf.
Die Leichen.
Das Feuer.
Dann fiel sein Blick auf das Kind.
„Sie lebt.“
Seine Stimme klang erschreckend ruhig.
Ein anderer trat neben ihn.
„Sollen wir sie erlösen?“
Sayaka verstand die Worte nicht.
Sie sah nur die fremden Männer.
Und Rio.
Der sich kein Stück von ihrer Seite bewegte.
Nach einem langen Schweigen schüttelte der Anführer den Kopf.
„Nein.“
Er trat näher.
„Sie ist die Letzte.“
Rio fletschte die Zähne.
„Ihr bekommt sie nicht.“
Für einen winzigen Moment glaubte Sayaka, ihr treuer Fuchs würde kämpfen.
Bis zum letzten Atemzug.
Doch dann legte sich eine warme Hand auf ihren Kopf.
Nicht liebevoll.
Nicht grausam.
Einfach entschlossen.
„Schlaf.“
Goldene Runen leuchteten unter ihrem kleinen Körper auf.
Sayakas Finger krallten sich verzweifelt in Rios Fell.
„Rio...“
Ihre Stimme brach.
„...Bitte... vergiss mich nicht...“
Der uralte Schattenfuchs schloss die Augen.
Zum ersten Mal seit über tausend Jahren liefen Tränen über sein Gesicht.
„Ich schwöre es dir.“
Seine Stimme bebte.
„Egal, wohin sie dich bringen...“
Er legte seine Stirn gegen ihre.
„...ich werde dich finden.“
Sayakas Hand glitt langsam aus seinem Fell.
Ihre Augen schlossen sich.
Die Runen verschlangen ihren kleinen Körper.
Und sie verschwand.
Zurück blieb nur ein brennendes Dorf.
Und ein uralter Fuchs, der zwischen den Flammen saß und begriff, dass er seinen Schwur nicht hatte brechen können...
sondern dass man ihm das Wertvollste genommen hatte, das er jemals beschützen wollte.








