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Wolfsseele

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Zusammenfassung

Sie wacht mitten im Wald auf. Verloren. Ohne Erinnerungen, ohne Namen und blutverschmiert. Plötzlich wird sie gezwungen, ihr Leben von Grund auf neu aufzubauen. Zwischen der aufkeimenden Liebe zu ihrem Gefährten, der tiefen Trauer um ein verlorenes Leben und der Rache für eine vernichtete Familie muss sie ihren Weg finden – während ihre Gefühle und wahren Erinnerungen von einem undurchdringlichen Nebel gefangen gehalten werden. Sein Name ist Damien Silberkralle, und er hat sie nach langer Suche endlich gefunden. Aber warum schickt ihm die Göttin eine Heimatlose ohne Gedächtnis? Seine Position als Alpha und seine eiserne Selbstbeherrschung werden durch ihre bloße Nähe auf eine harte Probe gestellt – und sein Wolf droht, vollkommen die Kontrolle zu verlieren. Wer ist sie wirklich? Stück für Stück graben sie Erinnerungen und dunkle Geheimnisse aus. Geheimnisse, für die jemand bereit war, ein ganzes Rudel auszulöschen …

Genre:
Fantasy
Autor:
Myradielle
Status:
vor einem Tag
Kapitel:
8
Rating
4.0 (1 Bewertung)
Altersfreigabe
18+

Gähnende Leere

Aus ihrer Sicht

Ich schlug langsam die Augen auf. Das schwach rötliche Licht der untergehenden Sonne brannte kurz in meinen Augen. Instinktiv kniff ich sie zu schmalen Schlitzen zusammen.

Habe ich hier geschlafen?

Völlige Verwirrung hielt mich gefangen. Wie ich hierher geraten war oder was sich überhaupt abgespielt hatte, entzog sich jeder Logik. Der Nebel in meinem Kopf lag schwerer auf mir als der dunkle Wald um mich herum.

Ein Versuch, mich aufzurichten, endete sofort in Schmerzen – es fühlte sich an, als würden mir die Eingeweide herausgerissen.

Erst jetzt fiel mein Blick auf meinen Bauch. Meine linke Hand lag in einer warmen, klebrigen Flüssigkeit.

Blut...

Ich blinzelte gegen die Sonnenstrahlen, die sanft durch die Bäume auf meinem Gesicht tanzten. Leichter Wind wehte mir den angenehmen Geruch von Blumen, Moos und Holz um die Nase.

Ich schloss die Augen und atmete ein. Direkt durchfuhr mich ein Stich.

Meine linke Hand fest gegen die Wunde an meinem Bauch pressend und gegen den Schmerz ankämpfend, versuchte ich mich aufzurichten, nur um wieder hilflos zusammenzusacken. Gegen die Wurzeln des Baumes gelehnt, runzelte ich die Stirn.

Denk nach.

Wie bist du hier gelandet?

Dann blitzten unerklärliche Erinnerungen durch meinen Geist.

Ein kleiner Junge mit einer grünen Brille, nicht älter als sieben, vielleicht acht. Er lächelte mich an – vertraut, mit einer bedingungslosen Vertrautheit. Doch das Bild verblasste ebenso rasch, wie es aufgetaucht war.

Wer war das?

Ich versuchte mich erneut aufzurichten und biss die Zähne zusammen, um die Qual zu ertragen. Die Augen fest geschlossen, zwang ich meinen Geist zurück in die Erinnerung.

Was sich diesmal vor meinem inneren Auge entfaltete, glich einem Albtraum. Feuer – so greifbar real, dass ich die Hitze auf der Haut spürte und den beißenden Rauch im Hals schmeckte. Panik und Verzweiflung würgten mich, mir blieb die Luft weg. Schreie. Schrill, voller Todesangst. Nur Fetzen drangen durch das Chaos:

„Du... nicht bekomm...!... mein Tod... nichts!“

Erneut legte sich der dichte Nebel über mein Bewusstsein, und die Konturen verschwammen. Ein Stechen hämmerte gegen meine Schläfen und verdrängte sogar das Brennen in meiner Seite.

Ich sog keuchend Luft ein.

Wer war dieser Junge?

Wo befand ich mich überhaupt?

Ich stieß einen leisen Fluch aus. Es half alles nichts.

Reiß dich zusammen!

Genau.

Was auch immer vorgefallen sein mochte – wer mich so zugerichtet hatte, atmete mir gewiss schon im Nacken. Wer wusste, wie lange ich hier regungslos gelegen hatte? Minuten? Stunden?

Ein Geistesblitz durchfuhr mich:

Ich habe Verfolger!

Ich schloss die Lider und lauschte hinaus. Intuitiv filterte ich die unzähligen Laute des Waldes. Mir war bisher gar nicht aufgefallen, wie sensibel mein Gehör in Wahrheit arbeitete und wie fehlerfrei ich jedes Knacken, Rascheln und Hauchen zu deuten vermochte.

Links von mir, auf einer kleinen Lichtung, ein Reh. Es graste ruhig.

Vor mir sprang ein Hase ins Gebüsch.

Rechts von mir, in einiger Entfernung, das Plätschern eines kleinen Baches.

Ich konzentrierte mich ein wenig mehr und versuchte, das Rascheln der Blätter im Wind, das Zwitschern der Vögel und das Quieken von Frischlingen auszublenden.

Irgendwo weit entfernt hörte ich Motorengeräusche eines vorbeifahrenden Fahrzeugs.

Eine Straße?

Ich horchte genauer hin. Doch nichts weiter.

Habe ich mich verhört?

Ein stechender Schmerz holte mich aus meiner Trance zurück in die Realität.

„Verdammt...“, stöhnte ich.

Ich blickte an mir herab. Meine schlichten schwarzen Sneaker versanken im Schlamm, völlig zerschlissen. In meiner hellblauen Jeans klafften Risse, und ein winziger Zweig hatte sich in einem davon verfangen. Das linke Hosenbein triefte vor Blut. Die viel zu dünne Bluse bot einen erbärmlichen Anblick. Von dem zarten Beige blieb nicht viel übrig. Blut, Schmutz und Moosflecken bedeckten den Großteil. Die Tatsache, dass gleich mehrere Knöpfe fehlten, schob ich lieber gar nicht erst hinterher.

Ein Kribbeln kitzelte an meiner Bauchseite. Mit jeder Sekunde, die verstrich, wurde es stärker. Es juckte, brannte beinahe. Ich riss meine Bluse hoch, nur um zu bemerken, dass die Blutung aufgehört hatte und die Wunde sich leicht geschlossen hatte.

Heilung?

Was zum Henker war das?

WAS bin ich?

Der Schmerz wurde dumpf, pochte nur noch leicht und ließ mir Raum zum Aufatmen. Ich setzte mich endlich auf.

Ich fuhr mit meiner rechten Hand durchs Haar, einige Strähnen fielen mir direkt wieder ins Gesicht. Da sah ich es: weiß... silbrig... beinahe glänzend.

Wieso ist es weiß?

Ich hatte aschbraunes Haar. Ein verwaschenes Braun. Eine Haarfarbe, die ich immer gehasst und immer gefärbt hatte. Rot, Aubergine, Orange, Schwarz, Cosmic Blue. Alles, nur kein Braun. Doch das hier waren nicht meine Haare. Ich wusste es tief in mir. Nicht, woher. Nur wusste ich: Dies konnte nicht mein Haar sein!

Verflucht...

Was ist das?

Erinnerungen?

Ich – so hager? Nein! Das gehörte unmöglich zu meinem Körper! Meine Hände glichen skelettierten Klauen, bloß Haut und klappernde Knochen. Keine Ringe. Wo zum Geier waren meine Ringe? Ich trug sie doch sonst immer!

Wieso weiß ich das? Es deutet absolut nichts darauf hin!

Panik erwachte in mir zu neuem Leben. Ich hörte wieder diese grausamen Schreie. Schreie, nicht nur wegen körperlicher Schmerzen, sondern wegen Verlusts. Schreie, die deutlich machten, wie schmerzhaft es ist, jemanden Wichtigen zu verlieren.

Und dann...

Nichts...

Es wurde still.

Ich seufzte.

Verwirrung.

Völlige Verwirrung...

Ich schloss die Augen.

Hielt den Atem an.

Sekunden verstrichen. Sekunden wurden zu Minuten. Bis ich nicht mehr erkennen konnte, wie lange ich in diesem Schock die Luft angehalten hatte.

Meine Lunge schrie nach Sauerstoff, und endlich ließ ich es zu. Ich atmete schwer und tief...

Schmerz...

Bildete ich mir das ein?

Ist das ein Traum?

Woher weiß ich, wann ein zu real gefühlter Traum tatsächlich Realität ist?

Erneut versuchte ich Erinnerungen aufzurufen, die einfach nicht da waren. Nur Nebel.

Ruckartig sprang ich auf.

Mein Name!?

Wie ist mein Name?

Nichts...

Mein Kopf entsprach gähnender Leere...

Kein Name.

Keine Herkunft.

Ich tastete an mir herab.

Leere Taschen.

Keine Hinweise.

Ich sah mich um.

Nichts...

Ich drehte mich zum Baum, schloss die Augen und lehnte mich resigniert mit der Stirn dagegen. Meine Arme schlaff an den Seiten hängend, seufzte ich erneut.

Unbewusst schlug ich mit der Stirn gegen den Baum.

Reiß dich zusammen!

Wer war das?

Ich sah mich um. Beobachtete jede Bewegung in den Büschen und in den Baumkronen. Ich sah niemanden. Ich spürte und hörte niemanden.

Wem gehörte diese Stimme?

Mein Herz schlug mir bis zum Hals.

Werde ich etwa verrückt?!

Halluzinationen?

Ich hob eine Hand an meine Stirn.

Was mache ich jetzt? Ist das ein Traum?

Egal!

Ich fuhr abermals herum, drehte mich mehrmals um meine eigene Achse und durchsuchte den Wald um mich herum.

Ich ballte die Fäuste.

Ist das meine Realität? Oder spielt sich alles nur in meinem Kopf ab?

Egal! Du bist hier!

Mir entwich ein erstickter Pieps, als ich meine Hand auf den Mund presste, um nicht loszuschreien.

Fang an zu leben!

Die Stimme erklang in meinem Kopf!

Nein, keine Stimme. Mehr ein Knurren. Oder… ein Gefühl?

Ich holte tief Luft.

Fang an zu leben, also, ja? Habe ich bisher nicht gelebt? Nicht, dass ich mich daran erinnern würde…

Ein Lachen entwich mir. Kein Funken Fröhlichkeit lag in diesem Lachen. Es spiegelte meinen zermürbten Zustand wider. Ich verlor meinen Verstand!

Nein.

Ich hatte ihn bereits verloren.

Menschen wurden durch Erinnerungen und Erfahrungen definiert. Ich glich einer leeren Hülle ohne Erinnerungen. Sämtliche Gefühle, die in mir aufflammten, wurden im Keim erstickt. Wer auch immer diesen Körper einst besessen hatte, jetzt bin ich ein reines Nichts.

Bau es neu auf! LEBE!

Ich blickte leicht abwesend in Richtung Bach.

Wasser.

Absolut logisch und die erste Notwendigkeit. Zum Leben brauchte man erst einmal Wasser.

Ich stieß mich vom Baum ab und trat aus seinem Schatten. Ein langsamer und tiefer Atemzug wirkte beruhigend, durch den Geruch des Waldes – Moos, Holz, frisches Gras und Erde.

Dann…

Ein Schritt.

Ein weiterer Schritt im Schlamm.

In schwerfälligen Bewegungen begann ich mich zu rühren, als wäre ich eine aus Blei gegossene Statue, der gerade erst Leben eingehaucht wurde. Ich rutschte immer wieder auf dem weichen und feuchten Waldboden aus. Die Geräusche des Waldes bildeten nach einer Weile eine Melodie. Zwischen dem Zwitschern, dem Rascheln und Quieken wurden meine stapfenden Schritte auf der Erde plötzlich rhythmisch.

Als ich an einem umgestürzten Baum ankam, kletterte ich schwerfällig auf ihn und rutschte auf der anderen Seite hinunter. Das Plätschern des Baches wurde lauter und klarer, je näher ich kam. Als ich endlich den Bach erreichte, hielt ich nicht am Rand an. Ich stapfte direkt ins Wasser und fiel auf die Knie.

Meine Schuhe und Jeans sogen sich mit Wasser voll. Ich wusch mir zunächst notdürftig das Blut ab, das langsam bachabwärts gespült wurde. Eine angenehme Kühle ging von dem Wasser aus – gerade genug, um mich ein Stück weit zurück ins Leben zu holen. Ich sammelte Wasser in meinen Handflächen und spritzte es mir ins Gesicht.

Einmal.

Zweimal.

Dreimal.

Wie ein bekanntes Ritual.

Danach trank ich etwas davon. Die Ärmel meiner Bluse wurden nass und klebten an meiner Haut. Ich erschrak bei dem Anblick, obwohl nur Sekunden später auch dieser Schreck vom Nebel verschluckt wurde.

Ich zog die Ärmel zurück und betrachtete nüchtern meine blauen Flecken und Narben, die langsam verblassten. Die Haut an meinen Handgelenken dagegen sah verbrannt aus und wirkte roh und abgeschürft. Die Heilung setzte zwar bereits ein, verlief jedoch langsam. Ich blickte zu meinem Bauch hinunter.

Die Stichwunde war deutlich größer und tiefer als die Verletzungen an meinen Handgelenken – und trotzdem heilte sie schneller. Doch meine Handgelenke zeigten keinerlei Besserung.

Mich überströmte eine Art tiefes Wissen. Keine Erinnerung. Reines Wissen.

Silber. Nur Silber besaß die Macht, die Regeneration so massiv einzuschränken und sie sogar vollständig zu blockieren.

Wenn ich eines dieser Fabelwesen aus den Büchern bin…

Ich schlug mir die Hände auf den Kopf und raufte mir die Haare.

Wann las ich je solche Bücher? Woher wollte ich das Wissen haben?

Das ist doch alles reinster Wahnsinn!

AARRGH!

Ich stand wieder ruckartig aufrecht.

Aufgeschreckte Vögel!

Adrenalin durchströmte mich.

Etwas in mir übernahm die Kontrolle.

Ich sprang.

Unbewusst.

Schnell.

Kletterte.

Versteckte mich im Geäst einer hohen Baumkrone.

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