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Der Junge, der den Tod bezwingen wollte

Zusammenfassung

*Ein totes Mädchen auf kalten Fliesen.* Mit sechzehn Jahren begeht Tom Riddle seinen ersten Mord. Hogwarts sieht in ihm nur den brillanten Schüler: höflich, begabt und bei fast allen beliebt. Fast niemand erkennt, was sich hinter seiner makellosen Fassade verbirgt. *Ein Opfer für die Ewigkeit.* *Ein Horkrux für die Unsterblichkeit.* Doch schwarze Magie fordert ihren Tribut. Das Ritual hinterlässt mehr als einen Riss in Toms Seele. Zwischen ihm, dem toten Mädchen und dem schwarzen Tagebuch entsteht eine Verbindung, die sich nicht mehr lösen lässt. Während Hogwarts in Schuld, Gerüchten und wachsender Paranoia versinkt, beginnt das Tagebuch ein eigenes Bewusstsein zu entwickeln. Es kennt Toms Erinnerungen. Es trägt sein Gesicht. Und es wartet auf den Moment, in dem es seinen Schöpfer nicht mehr braucht.

Status:
vor 2 Monaten
Kapitel:
7
Rating
n/a
Altersfreigabe
18+

Das Mädchen im Spiegel

Myrte stand vor dem rissigen Spiegel im zweiten Stock und verzog das Gesicht. Die Hornbrille rutschte ihr wieder auf die Nasenspitze – diese verfluchten dicken Gläser, die ihre Augen aussehen ließen, als betrachte man sie durch ein Aquarium. Sie schob die Brille hoch, bestimmt schon zum hundertsten Mal an diesem Tag.

Der Pickel an ihrem Kinn pochte. Sie hatte daran herumgedrückt, obwohl sie sich geschworen hatte, es diesmal zu lassen. Jetzt war er größer als am Morgen und ihre Mutter würde seufzen: »Myrte, du musst einfach die Finger davon lassen.«

Ihre nervige Mutter. Die saß jetzt wahrscheinlich beim Bridgeclub und erzählte Mrs Pemberton, wie prächtig sich Myrte in Hogwarts machte. »Sie ist in Ravenclaw, wissen Sie. Das ist das Haus der Klugen.« Wenn sie nur wüsste, dass ihre kluge Tochter die Pausen weinend auf dem Klo verbrachte. Aber selbst wenn sie es wüsste, würde ihre Mutter nur peinlich berührt lächeln und schnell das Thema wechseln. Hauptsache, die Nachbarn dachten, die Familie Warren sei perfekt. Sollen sie doch alle an ihrem billigen Sherry ersticken.

Der Wasserhahn tropfte unermüdlich vor sich hin. Sie hatte einmal versucht, die Tropfen pro Minute zu zählen. Einundvierzig. Es waren immer einundvierzig, als hätte selbst das tropfende Wasser in Hogwarts seine unveränderlichen Regeln.

In ihrer Rocktasche steckte das Foto von Clark Gable, sorgfältig ausgeschnitten aus einer Muggelillustrierten, die jemand im Gemeinschaftsraum hatte liegen lassen. Myrte zog es heraus und strich mit dem Daumen über sein selbstsicheres Lächeln. Die Kanten waren schon ganz weich geworden, weil sie es ständig herausholte und betrachtete. Nicht, dass sie verliebt war oder so etwas Albernes.

Die Jungen in Hogwarts waren ohnehin alle unerträglich. Picklige, laute Idioten, die beim Essen schmatzten wie die Schweine. Gut, Tom Riddle sah aus wie ein verdammter Engel, der sich in dieses Schloss verirrt hatte. Im Zaubertrankunterricht hatte sie einmal eine halbe Stunde lang nur auf seine Finger gestarrt und sich ausgemalt, wie sie sich wohl auf ihrem Nacken anfühlen würden. Wie es wäre, wenn diese kühlen Hände sich um ihren Hals legten und sie im leeren Gewächshaus an die Wand drängten. Nachts im Schlafsaal lag sie oft wach, die Decke bis zum Kinn gezogen, und stellte sich vor, wie seine Daumen fordernd über ihr Schlüsselbein strichen, bis sie keine Luft mehr bekam. Doch Tom war unerreichbar, glatt und eiskalt wie eine Marmorstatue.

Clark hingegen war ein echter Mann. Er sah aus, als würde es ihn nicht kümmern, was andere von ihm dachten. »Frankly, my dear, I don’t give a damn.« Sie formte die berühmten Worte lautlos mit den Lippen. Einmal, nur ein einziges Mal, würde sie das gerne zu Olive Hornby sagen. Oder zu Florence. Oder zu all den anderen, die »Vier-Augen-Myrte« tuschelten, wenn sie glaubten, Myrte könne es nicht hören.

Aber sie hörte es immer.

Die Eingangstür quietschte in den Angeln.

Bevor jemand sie mit dem verheulten Gesicht und dem Foto von Clark Gable in den Händen sehen konnte, presste Myrte es gegen ihren Rock und huschte in die nächstgelegene Kabine. Sie zog die Tür bis auf einen schmalen Spalt zu.

Florence hatte einmal behauptet, Pringle, dieser nutzlose Hausmeister, öle die Scharniere absichtlich nicht, damit die Lehrer hörten, wenn sich hier jemand zum heimlichen Rauchen traf. Als ob Myrte jemals so etwas Ekliges tun würde. Sie bekam schon vom bloßen Geruch Kopfschmerzen. Genauso wie von dem billigen Rosenwasser, in dem Olive und ihre Freundinnen jeden Morgen buchstäblich badeten, um zu übertünchen, dass sie sich nicht richtig wuschen. Sollen sie sich hier auf dem Klo doch gegenseitig vergiften.

Hinter der Kabinentür wartete sie auf Olives Stimme oder das Gekicher ihrer Freundinnen. Stattdessen hörte sie nur ein paar leise Schritte. Dann – nichts.

Myrte runzelte die Stirn. Vielleicht hatte sich jemand in der Tür geirrt. In Hogwarts verirrten sich ständig irgendwelche Erstklässler, die zu dumm waren, sich ein paar Treppen und Korridore zu merken.

Dann hörte sie ein Rascheln. Aber nicht wie von Stoff. Eher wie … sie kannte dieses Geräusch. Es klang wie der große Gartenschlauch, den ihr Vater im Sommer über den Kies geschleift hatte – kurz bevor er in diesen dämlichen Krieg zog, um sich für ein paar Franzosen abknallen zu lassen. Was für eine idiotische Verschwendung. Wahrscheinlich war es nur ein feiger Vorwand gewesen, um ihre oberflächliche Mutter loszuwerden – und seine ständig heulende Tochter gleich mit. Nur dass hier kein Kies war, sondern feuchte Steinfliesen.

Jemand sprach. Nein, das war kein richtiges Sprechen. Es war … sie fand kein Wort dafür. Es klang merkwürdig verzerrt, wie eine Schallplatte, die rückwärts lief. Die Worte verstand sie nicht. Das Zischen hatte einen Rhythmus, und der Ton war scharf wie ein Befehl.

Draußen schabte Stein über Stein. Gleich darauf strich eiskalte Luft unter der Kabinentür hindurch. Im Mai? Ihr eigener Atem stieg als kleine Wölkchen auf. Wahrscheinlich schlossen die alten Fenster noch schlechter, als sie gedacht hatte. Wenn Olive jetzt ihren eigenen Atem sähe, würde diese hohle Nuss wahrscheinlich kreischen und glauben, sie hätte versehentlich eine Wolke verschluckt.

»Wer ist da?« Ihre Stimme klang dünn. »Das ist die Mädchentoilette! Du hast hier nichts zu suchen!«

Mit einer Hand stieß sie ihre Kabinentür auf, bereit, irgendeinen verirrten Erstklässler zurechtzuweisen – und jedes Wort war weg.

Vor den großen Waschbecken stand ein Junge.

Ihr Hals wurde heiß. Tom Riddle.

Was um alles in der Welt machte er hier? Gott, sie musste schrecklich aussehen. Das Gesicht rot und verheult, die Haare strähnig und dieser verdammte Pickel am Kinn! Sie wollte die Hand heben, um ihr Gesicht zu bedecken. Sie wollte ihn anschreien, dass er sofort verschwinden sollte.

Stattdessen presste sie das Foto von Clark Gable mit beiden Händen gegen ihren Rock, als könnte Tom es dort übersehen.

Aber Tom Riddle sah sie gar nicht an.

Er stand halb von ihr abgewandt und starrte regungslos in die Öffnung unter den großen Waschbecken. Seine Hände hingen locker an seinen Seiten, der Zauberstab ruhte in seinen langen Fingern.

Und in der Dunkelheit neben ihm … bewegte sich etwas, das Myrte im ersten Moment für die Wand gehalten hatte.

Nein. Das war keine Wand. Es war etwas Schuppiges, viel zu groß für diese Toilette.

Tom, wollte sie sagen. Tom, du Idiot, dreh dich um –

Dann hob sich der Kopf des Tieres aus dem Dunkeln. Ihr Kopf folgte der Bewegung nach oben. Und sie sah hin.

Die gelben Augen trafen sie wie ein verdammter elektrischer Schlag, der ihr durch den Schädel fuhr.

Dann brach alles ab.

Ihre Hände verkrampften sich und rissen das Foto von Clark Gable mitten durch sein selbstsicheres Lächeln.

Ihr Körper erschlaffte. Die Knie schlugen auf die feuchten Steinfliesen. Die dicke Hornbrille rutschte von ihrer Nase, prallte auf den Stein und zerbrach mit einem leisen Knacken.

Einundvierzig Tropfen pro Minute.

Der nächste Tropfen löste sich vom Metall und fiel klatschend in das Waschbecken. Aber Myrte Warren zählte ihn schon nicht mehr.

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Gutes Schreiben

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Überzeugende Handlung

3

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Toller Charakter

3

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Starker Dialog

3

Starker Dialog

author

Wow. Das ist ziemlich dark 🖤

2 Monate
3
author

Ein großartiger Einstieg 🤩
Myrte ist dir extrem gut gelungen und mir gefällt, dass die Geschichte an der Stelle beginnt. Aus Buch und Film kennt man das Ende der Szene, hier erlebt man sie aus Myrte‘s Perspektive.

2 Monate
2
author

Sehr spannender Einstieg. Hier erlebt man Myrthe lebend,in den Filmen ist ja schon ein Geist . Die maulende Myrthe. Gefällt mir echt gut.☺️

16 Tage
1

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