Kapitel 1 – Ohne Anfang
Die Dunkelheit hatte kein Ende. Und kein Anfang. Sie war einfach da. Cael wusste nicht, wie lange er sich schon in ihr befand. Sekunden, Minuten oder etwas, das sich nicht messen ließ. Zeit existierte hier nicht. Oder vielleicht hatte sie nie existiert.
Er konnte seinen Körper nicht spüren. Kein Gewicht. Keinen Boden unter seinen Füßen. Keinen Atem in seiner Brust.
Und trotzdem war er da. Bewusstsein, ohne Form. Gedanke, ohne Ursprung. Zuerst glaubte er, allein zu sein.
Dann bemerkte er, dass das nicht stimmte. Es war kein Geräusch. Kein Schatten. Keine Bewegung. Nichts, das seine Augen hätten sehen oder seine Ohren hätten hören können.
Es war ein Gefühl. Leise. Unvermeidlich. Wie der Moment, in dem man weiß, dass jemand hinter einem steht, ohne sich umzudrehen.
Er wurde beobachtet. Nicht mit Augen. Mit etwas anderem. Die Dunkelheit um ihn herum war nicht leer. Sie war dicht. Schwer. Als würde sie existieren, unabhängig von ihm.
Und irgendwo darin— Ein Punkt. So schwach, dass er ihn fast nicht bemerkte. Ein Licht. Nicht hell. Nicht warm. Nicht einladend.
Aber real. Es flackerte nicht. Bewegte sich nicht. Und doch hatte er das Gefühl, dass es näher kam.
Oder dass er näher kam. Er wusste es nicht. Er versuchte, sich zu bewegen. Sein Körper reagierte nicht.
Oder vielleicht hatte er keinen. Das Licht blieb fern. Und doch wurde das Gefühl stärker. Ein Ziehen.
Nicht an seinem Körper. An etwas Tieferem. Als würde etwas ihn erkennen. Nicht sehen.
Erkennen. Ein Gedanke erschien in seinem Bewusstsein. Nicht gesprochen. Nicht gehört.
Und doch vollkommen klar. Du bist hier. Die Worte gehörten niemandem. Und doch waren sie realer als alles andere.
Die Dunkelheit veränderte sich. Nicht vollständig. Nur ein Riss. Für einen Moment, kürzer als ein Atemzug, sah er etwas.
Eine Form. Still. Allein. Unvollständig.
Und dahinter— Weite. Unendliche Weite. Etwas Offenes. Etwas, das nicht begrenzt war.
Sein Verstand konnte es nicht erfassen. Es war zu groß. Zu fremd. Aber das Gefühl traf ihn mit einer Wucht, die alles andere auslöschte.
Sehnsucht. So tief, dass sie schmerzte. Als hätte er etwas verloren, an das er sich nicht erinnern konnte. Und im selben Moment wusste er etwas, das er nicht erklären konnte.
Er war hier nicht zum ersten Mal. Dann verschwand das Licht. Die Präsenz. Die Weite.
Alles brach auseinander. Und Cael fiel.
—
Er wachte mit einem scharfen Atemzug auf. Dunkelheit. Echte Dunkelheit. Sein Zimmer.
Seine Decke. Sein Körper. Sein Herz raste, als versuchte es, aus seiner Brust zu fliehen. Für einen Moment bewegte er sich nicht.
Er starrte an die niedrige Decke über sich, deren Oberfläche von feinen Rissen durchzogen war, die sich über die Jahre gebildet hatten. Vertraut. Begrenzt. Real.
Langsam setzte er sich auf. Die Luft war kühl. Still. Alles war normal.
Und doch fühlte sich nichts normal an. Das Gefühl war noch da. Schwach. Aber vorhanden.
Er wusste nicht, was er gesehen hatte. Nicht wirklich. Die Bilder entglitten ihm bereits, wie Wasser, das durch seine Finger rann. Aber das Gefühl blieb.
Dieses Ziehen. Diese Gewissheit. Er stand auf und trat an das kleine Fenster. Wie immer war der Himmel grau.
Still. Leer. Unverändert. Er wusste nicht, warum, aber ein Gedanke formte sich in ihm.
Leise. Fast unbemerkt. Das ist nicht alles. Er wusste nicht, woher dieser Gedanke kam.
Nur, dass er ihn nicht mehr loslassen würde.








