Nola
Das große Anwesen vor mir schien so, als würden die Besitzer zum Nachtisch Pudding mit Blattgold essen. Das Anwesen bestand aus Tausenden Fenstern. Die Fassade war weiß, die Fensterrahmen anthrazit. Es wirkte wie ein Schloss aus einer anderen Dimension. Vor dem Haus stand ein riesiger Brunnen, auf dessen Spitze eine Wolfsstatue thronte, die den Kopf nach oben hob und nur darauf wartete, den Mond heulend anzuhimmeln.
Der Chauffeur fuhr noch einmal im Kreis, hielt schließlich vor dem Treppenaufgang an. Das Anwesen wirkte nicht mehr wie ein Schloss mitten im Märchenland, eher wie etwas, das mich verschlucken würde, sobald ich die Türschwelle betrat. »Sie dürfen.« Die Stimme des Fahrers war kratzig, als wäre er gerade erst aufgestanden. 𝑂𝑑𝑒𝑟 𝑒𝑟 ℎ𝑎𝑡𝑡𝑒 𝑒𝑖𝑛𝑓𝑎𝑐ℎ 𝑛𝑢𝑟 𝑧𝑢 𝑣𝑖𝑒𝑙𝑒 𝐾𝑖𝑝𝑝𝑒𝑛 𝑔𝑒𝑟𝑎𝑢𝑐ℎ𝑡. Ich räusperte mich kurz, nahm meine Handtasche und warf sie mir über die Schulter. Langsam stieg ich aus. Meine Augen wanderten übers Gelände. Der Boden bestand aus Pflastersteinen. Das eiserne Tor schimmerte im Sonnenlicht. In der Mitte prangte ein großes »V«. Es schien, als würde diese Familie, für die ich ab sofort arbeitete, ihren Namen nur zu gern ins Rampenlicht stellen.
Der Zaun, der das Grundstück umzäunte und Privatgelände von öffentlichem Grund trennte, war von Efeu überwuchert. Am Rand standen dichte Büsche. Früher hätte ich nur davon träumen können, in so einem Haus zu leben. Jetzt ist es mein Arbeitsplatz. Mein zweites Zuhause. Je nachdem, 𝑤𝑖𝑒 𝑚𝑎𝑛 𝑒𝑠 𝑠𝑒ℎ𝑒𝑛 𝑤𝑜𝑙𝑙𝑡𝑒. Über den Zaun hinaus ragten die riesigen Hochhäuser New Yorks in den Himmel. Die Innenstadt wirkte so nah und war doch meilenweit entfernt. 𝑊𝑢𝑠𝑠𝑡𝑒 𝑔𝑎𝑟 𝑛𝑖𝑐ℎ𝑡, 𝑑𝑎𝑠𝑠 𝑁𝑒𝑤 𝑌𝑜𝑟𝑘 𝑠𝑜𝑤𝑎𝑠 𝑤𝑖𝑒 𝑅𝑢ℎ𝑒𝑜𝑟𝑡𝑒 𝑏𝑒𝑠𝑎ß.
»Miss.« Der Fahrer holte mich mit seiner tiefen Stimme zurück ins Jetzt. Er hatte sich bereits halb zur Tür gedreht und wirkte ungeduldig, als stünde er unter Zeitdruck. Meine Mundwinkel zogen sich freundlich in die Länge. »Entschuldigen Sie, die Stadt fasziniert mich.« Schnell holte ich die Schritte auf, die er mir voraus war.
Selbst der Türklopfer war in der Form eines V. 𝑖𝑐ℎ ℎ𝑎𝑡𝑡𝑒 𝑛𝑜𝑐ℎ 𝑛𝑖𝑒 𝑒𝑖𝑛𝑒𝑛 𝐵𝑢𝑐ℎ𝑠𝑡𝑎𝑏𝑒𝑛 𝑠𝑜 𝑜𝑓𝑡 𝑎𝑛 𝑒𝑖𝑛𝑒𝑚 𝑂𝑟𝑡 𝑔𝑒𝑠𝑒ℎ𝑒𝑛, 𝑤𝑖𝑒 𝑎𝑛 𝑑𝑖𝑒𝑠𝑒𝑚 𝑇𝑎𝑔. Der Mann öffnete sie für mich. Vor mir erhoben sich zwei riesige Wendeltreppen, die gegengesetzt nach oben führten. Der Boden bestand aus weißem Marmor, durchzogen von schwarzen Adern. In der Mitte des Foyers lag ein schwarz-weißes Mandala. Selbst darin prangte ein großes ›V‹.
An der Wand neben einer geschlossenen Tür hing ein großes Porträt. Zu sehen waren ein Mann und eine Frau, die ihre Hand auf die Schulter eines jüngeren Mannes legte. Ein weiterer Mann stand ganz rechts außen, als würde er jeden Moment ganz New York niederbrennen. Daneben ein junges Mädchen, dessen Gesichtsausdruck weich wirkte, aber auch geprägt davon, als müsste sie in ihrem Alter bereits viel zu viel Verantwortung tragen.
»Interessant. Sind Sie immer so neugierig, Miss …?« Ich wandte den Blick zu der Person, die gerade Schritt für Schritt die Treppe herunterkam. Es war der Mann, auf dessen Schulter die Frau auf dem Bild ihre Hand gelegt hatte. Dunkelblonde Haare, breite Schultern, die den Stoff seines Anzugs bereits spannten. Silberringe an beiden Händen und eine teure Uhr, die vermutlich ein kleines Vermögen gekostet hatte. Unter seinem Hemd lag schwarze Tinte. Tief unter mehreren Hautschichten.
»McCarty«, informierte ich ihn, um seinem Unwissen ein Ende zu setzen. »Aber nein. Nur … wie soll einem dieses riesige Bild nicht auffallen?« Er blieb direkt vor mir stehen und wirkte aus der Nähe noch maskuliner. Seine Mundwinkel zuckten kurz. Er richtete seine Ärmel, die Tattoos auf seinem Handrücken liefen weiter über beide Arme. Seine Augen wanderten ebenfalls übers Familienporträt. »Da haben Sie recht. Deswegen hängt es dort. Man sollte wissen, wem das Grundstück gehört, sobald man die Türschwelle betritt.« Er sprach klar, ließ meinen Körper für einen winzigen Moment jedoch anspannen.
»Wieso ist überall dieses riesige V?« Ich dachte, es sei eine simple Frage, aber sein Kopf schnellte direkt in meine Richtung, als hätte ich ihm gerade erklärt, Eisbären würden in der Savanne leben. 𝐻𝑎𝑡𝑡𝑒 𝑖𝑐ℎ 𝑖ℎ𝑛 𝑗𝑒𝑡𝑧𝑡 𝑤𝑖𝑟𝑘𝑙𝑖𝑐ℎ 𝑏𝑒𝑙𝑒𝑖𝑑𝑖𝑔𝑡? »Es steht für Vale.« Er musterte mich kurz, deutete mit einem Nicken zu einem kleinen silbernen Namensschild am Bilderrahmen. ›Vale‹. Ich blieb regungslos stehen. Rieb mir über den Oberarm. Kontrolliert richtete sich Mister Vale auf, das Kinn leicht angehoben. »Sie kommen hierher und das Erste, was Sie mich fragen, ist, wofür das V steht? Ich dachte, das wäre offensichtlich.« Ich schluckte. »Ich wollte nicht unhöflich sein.« Unter seiner Gelassenheit lag etwas Beleidigtes. Etwas, das mir sagte, dass ich zu weit ging. 𝑂ℎ𝑛𝑒 𝑒𝑠 𝑧𝑢 𝑤𝑜𝑙𝑙𝑒𝑛. Eine Sekunde sagte er nichts. Sah mich einfach nur an.
Lange.
Tief.
Bewegungslose Sekunden …
Seine Augen wirkten dunkler.
Gefährlicher.
Wie ein Sturm, der drohte, die Kontrolle zu verlieren.
»Zu spät.« Die Antwort klang wie ein leises Knurren. Ich machte einen Schritt zurück. Mein Puls stieg. 𝑏𝑒𝑠𝑠𝑒𝑟 𝑘𝑜𝑛𝑛𝑡𝑒 𝑑𝑒𝑟 𝑒𝑟𝑠𝑡𝑒 𝐴𝑟𝑏𝑒𝑖𝑡𝑠𝑡𝑎𝑔 𝑛𝑖𝑐ℎ𝑡 𝑙𝑎𝑢𝑓𝑒𝑛. »Kommen Sie. Ich zeige Ihnen Ihr Büro.«
Er lief die Treppe wieder hinauf, warf mir einen Blick über die Schulter zu, weil ich mich noch immer nicht von der Stelle bewegte. Ich schüttelte mich kurz. Auf der oberen Etage angekommen, kam uns ein junger Mann entgegen. Es war derselbe Mann, der auf dem Familienporträt ganz außen gestanden hatte. Wie der Schatten der Familie.
»Ah … darf ich Ihnen vorstellen? Zethan. Mein Bruder.« Er lächelte, aber die Anspannung in seinen Gesichtszügen war deutlich zu erkennen. 𝐼𝑐ℎ 𝑚𝑢𝑠𝑠𝑡𝑒 𝑠𝑒𝑖𝑛 𝐸𝑔𝑜 𝑤𝑜ℎ𝑙 𝑤𝑖𝑟𝑘𝑙𝑖𝑐ℎ 𝑔𝑒𝑘𝑟𝑎̈𝑛𝑘𝑡 ℎ𝑎𝑏𝑒𝑛. »Zethan, das ist unsere Anwältin. Nollary McCarty«, informierte er seinen Bruder geschäftlich, behielt mich dabei scharf im Auge.
Zethan hingegen betrachtete mich mit offenem Interesse. Die Hände locker in den Hosentaschen vergraben. Seine Haare waren feucht, pechschwarz. Zwei Knöpfe seines Hemdes standen offen und in der Mitte seines Halses zeichnete sich ein tätowierter Wolfskopf ab. »Nollary. Schöner Name für eine schöne Frau.« Ich schmunzelte kurz, ging aber nicht auf seinen Flirt ein. »Danke.« Ich umfasste die Schlaufen meiner Tasche fester.
Er lief an mir vorbei, blieb noch einmal hinter mir stehen. So nah, dass sein Atem meinen Nacken streifte. »Merk dir meinen Namen, denn du wirst ihn noch schreien.« Seine Augen wanderten kurz zu seinem Bruder. Ich dachte für einen Moment, ich hätte mich verhört. Mister Vale stand einfach da, als wäre er das Verhalten seines Bruders längst gewohnt. Ich ließ Zethan weitergehen, sah ihm kurz hinterher und wandte mich dann meinem Mandanten zu.
»Und so was dulden Sie?« Meine Stimme war von Unglaube geprägt. Mister Vales Hände verschwanden in seinen Hosentaschen, er zuckte beiläufig mit den Schultern. »Soll ich ihm jetzt Hausarrest geben? Oder was haben Sie sich vorgestellt?« Mir fehlten die Argumente. 𝐴𝑢𝑠𝑔𝑒𝑟𝑒𝑐ℎ𝑛𝑒𝑡 𝑚𝑖𝑟, 𝑢𝑛𝑑 𝑖𝑐ℎ 𝑏𝑖𝑛 𝐴𝑛𝑤𝑎̈𝑙𝑡𝑖𝑛.
Mister Vale lief weiter. Er ließ mich stehen und hoffte, ich würde ihn direkt verstehen wie ein Hund. Kopfschüttelnd ging ich ihm nach. Das Zimmer war nicht besonders groß. Darin standen ein Schreibtisch, ein Regal und eine Stehlampe.
»Das hier, Miss McCarty, wird ab heute Ihr Arbeitsplatz sein. Ich erwarte Pünktlichkeit. Wenn ich Sie brauche, müssen Sie direkt verfügbar sein. Ich lasse nicht gerne auf mich warten.« Er legte seine Hand auf die Türklinke, während er mit der anderen leicht gestikulierte. »Kommen Sie heute erst einmal an.« Mit diesen Worten schloss er die Tür hinter sich. Zurück blieben nur ich und die Stille.








