Prolog
Der junge Mann war an dem Tag früher aufgewacht. Er wollte den Fischern ihre Beute stehlen. Sie hatten immer so viele Fische, dass zwei fehlende Fische kein großer Verlust sein würden. Aber wenn er keine Fische bekam, müsste er schon wieder mit nichts zu essen auskommen, und das wollte er nicht. Also wanderte er durch die Straßen der immer noch schläfrigen Stadt und machte sich mit einem Stock auf den Weg zum Hafen. Er kannte die Gegend in- und auswendig. Ein Dieb zu sein, war inzwischen eine Art Arbeit geworden und eine echte Arbeit zu finden, wäre schwer gewesen, da viele ihn schon als Dieb kannten und nichts von ihm wollten.
Die Sonne ging auf. Die Luft war kühl und sehr feucht wegen des dichten Nebels, der fast greifbar war. Der Himmel war trotzdem fast blutrot.
Er lief zum Marktplatz und genoss die morgendliche Ruhe, die die Stadt bot. Die Vögel zwitscherten, der Wind bewegte die Blätter, die raschelten, und die Natur gab das Beste von sich. Seine Augen gingen hin und her und suchten die Gegend ab. Es war nicht selten, einen Betrunkenen oder Kinder auf der Straße zu finden, die Hilfe brauchten. Und als hätte man ihm die Gedanken gelesen, lehnte an der Wand des gelben Hauses ein Mann mit langem Bart, einer Decke mit Stofffetzen und einer Flasche Blaumond. Es war ein blauer Likör, der aus einer Blume gewonnen wurde, die nur nachts während Vollmond blühte. Wenn diese Blume vom Mondlicht getroffen wurde, glänzte sie und so tat es auch dieser Likör. Blaumond wärmte einen für Stunden. Das war ein Grund, warum viele, die sich keine Wärme im Haus leisten konnten, darauf zurückgriffen. Oft wurden auch Kinder gesehen, die das tranken und die Konsequenzen ignorierten.
Je näher er dem Hafen kam, desto ruhiger wurde die Gegend. Ein Geruch von Fisch und Salz machte sich bemerkbar. Vielleicht war er zu früh angekommen, aber eigentlich sollten schon mehrere Fischer bei der Arbeit sein.
Ich habe doch recht gehabt. Auf den Straßen standen mehrere Personen, aber etwas stimmte nicht, merkte er. Sie bewegten sich nicht, sie redeten nicht. Sie starrten auf etwas, das er in diesem Moment nicht sehen konnte. Der Hafen war zum Teil immer noch von den Häusern bedeckt. Je näher er kam, desto ruhiger wurde es. Der Nebel ging langsam zurück. Die Stille war nun unangenehm und unerträglich, sodass er einen Stein umkickte, um die Ruhe zu brechen. Niemand drehte sich um. Seine Hände umklammerten seinen Stock noch fester. Die Tatsache, dass sie sich nicht bewegten oder nichts sagten, machte ihn nervös. Er sah sich um. Die Häuser waren alle geschlossen und niemand öffnete die Tür, um sich auf den Weg zur Arbeit zu machen. Als würden viele von ihnen wissen, dass etwas nicht stimmte.
Am Hafen angekommen, blieb er stehen und starrte mit aufgerissenen Augen und offenem Mund vor sich hin. Er sah genau dorthin, wo alle anderen hinstarrten. Er dachte zuerst, dass er träumte, aber er war wach und es war da. Khrokh war angekommen. Ein riesiges, altes Schiff, das mindestens vierzig Personen unterbringen konnte. Es war aus Holz und die Segel waren fast zerrissen und elfenbeinweiß.
Der Junge konnte sich nicht sicher sein, dass es Khrokh war, denn er hatte es noch nie in seinem Leben gesehen. Aber etwas, ein Gefühl, sagte ihm, dass er richtig lag. Fünfzig Jahre waren vergangen, seit das Schiff seine Erwählten genommen hatte. Jetzt war es wieder da und jemand musste sein Leben opfern. Sechs Personen mussten ihr Leben opfern, um genau zu sein. Und jeder konnte einer von ihnen sein. Die Geschichte besagte, dass einmal sogar ein Neugeborenes erwählt wurde. Die Eltern hatten alles getan, um es nicht zu verlassen, aber es war unnötig gewesen. Am Ende mussten sie es loslassen. Niemand wusste, ob das Kind jemals zurückgekommen war oder nicht. Das blieb ein Geheimnis, das nur Khrokh wusste.
In dem Moment vergaß der Junge seine Umgebung. Er vergaß, dass er stehlen wollte. Und in diesem Moment fühlte er sich genauso hilflos wie die anderen. Er fühlte sich hilflos wie einst und das mochte er nicht.
Er konnte sich aus dem hypnotisierenden Anblick des Schiffes losreißen und ging ein Schritt nach dem anderen rückwärts. Ungläubig über das, was er gerade gesehen hatte, ging er langsam davon. Er legte den ganzen Weg zurück, während die Stadt aufwachte, immer noch unwissend darüber, was ihr bevorstand.








