Einleitung
Dat hier is die Germania, mitten in Hamme. Zwei Straßen, Gotenstraße und Wotan-Weg, Backstein an Backstein, Vorgärten vorne ordentlich wie die Sonntagswäsche, und hinten die langen Gärten, wo man vom einen Ende bis zum anderen gucken kann. Hier biste nie wirklich allein – einer sieht dich immer. Im Sommer hört man schon vom Eck her, wer gerade grillt, wer Bohnerwachs auf’m Flur verteilt hat, und wo die erste Flasche Bier ploppt.

Zwei Häuser weiter die Sängers. Günther, kräftiger Kerl, Elektriker mit eigener Bude, lacht so laut, dat die Nachbarn am Küchentisch zusammenzucken. Edith, seine Frau, halbtags im Horten, immer geschniegelt, ein Spritzer »Tabu« oder »Trés Chic«, und für’n Spaß zu haben, wenn die Kinder nich’ da sind. Jens und Anita sind schon halbwüchsig und tun so, als kriegen sie nix mit. Jaja.
Nummer Achtzehn, die Wolters. Fritz, der Postbote, kommt immer um dieselbe Uhrzeit an der Ecke vorbei. Kannste die Eieruhr nach stellen. Gertrud, Krankenschwester, akkurat wie’n frisch gebügeltes Hemd. Und Timo, der Junge… sagen wir mal so: Der weiß mehr über die Nachbarn als die über sich selbst. Hat öfter mal das Fernglas in der Hand, als es vielleicht gut für ihn is’.
Gleich daneben, die de Vries. Franz, Schlosser, Hände wie Schraubenschlüssel, redet nich’ viel, packt aber zu, wenn er was will. Waltraud, Schneiderin ohne Zettel, schlank und vollbusig – und wenn Franz Spätschicht hat, sucht sie sich ihre Gesellschaft selber aus. Man sieht’s manchmal an der Art, wie sie die Gartentür hinter sich zuzieht.
Dann rüber in den Wotan-Weg. Gleich am Anfang, Nummer Eins: der Opa Kowalski. Sitzt oft auf seiner Bank, Schiebermütze tief, selbstgedrehte im Mundwinkel. War sein Leben lang unter Tage, hat immer’n Spruch parat. Ist bekennender FKK-Mann, im Verein und stolz drauf. »Dat is’ doch nix Unanständiges«, sagt er. Zu Hause läuft er auch mal nackend durch’n Flur, aber nie im Garten, dat is’ Vereinssache. Sieht die Frauen gern – jung, älter, egal – und weiß, wie er die zum Lachen oder Rotwerden kriegt.
Ein Haus weiter die Krügers. Elisabeth, Kriegerwitwe, alles bei ihr wie aus’m Prospekt: Gardinen im rechten Winkel, Flur nach Lavendel. Ihr Sohn Udo, Lehrer, stiller Typ, läuft immer gradlinig. Zumindest draußen. Drinnen hält er sich an andere Regeln. Das merkt man erst, wenn man länger hinsieht.
Und bei der Nowatzki, Mutter Gisela und Tochter Marion. Die sind wie zwei Gläser auf’m Küchentisch: eins Eierlikör, eins Sekt und beide prickeln. Gisela, blondiert, Bücherei, mit einem Blick, der schon alles weiß. Marion, jung, frech, Minirock und Plateaus, immer was Neues im Kopf. Die beiden lachen zusammen, zicken sich an, und sitzen an Sommerabenden auf der Terrasse, Radio Luxemburg im Hintergrund, jede mit’m Glas in der Hand.
Die Irmgard Brenner wohnt nebenan, Frisörmeisterin. Im Laden kriegt man Dauerwelle und Neuigkeiten im Paket. Privat hält sie sich bedeckt, aber sie weiß, wann sie wen reinlässt und wen nicht.
So isset hier. Jeder hat seine Eigenarten, jeder seine Geheimnisse. Und glaub mir: Auch wenn die Gardinen zu sind, einer guckt immer.








