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Vale, das erwachen des netzes

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Zusammenfassung

MANCHMAL BEGINNT DAS GRÖSSTE GEHEIMNIS MIT EINEM SCHLÜSSEL. Quint Vale hat sein ganzes Leben im Schatten einer Wahrheit verbracht, die ihm nie jemand erklärt hat. Als er nach dem Tod seines Grossvaters dessen geheimnisvolles Tagebuch findet, beginnt er zu zweifeln. Gemeinsam mit Roxy und Damon folgt er den Spuren, die sein Grossvater hinterlassen hat – und stösst auf ein Geheimnis, das weit älter ist als sie selbst. Ihre Reise führt sie durch verbotene Orte, über streng bewachte Grenzen und immer tiefer in eine Vergangenheit, die besser verborgen geblieben wäre. Drei Freunde. Drei unterschiedliche Stärken. Eine Verbindung, die stärker ist als jede Grenze, jede Lüge und jede Angst. Doch je näher sie der Wahrheit kommen, desto deutlicher wird: Etwas ist erwacht. Etwas, das Erinnerungen kennt, Menschen verbindet – und sie ihrer selbst berauben kann. Bald geht es nicht mehr nur darum herauszufinden, was mit Quints Grossvater geschehen ist. Es geht darum, wem die eigenen Erinnerungen gehören. WER BIST DU, WENN DAS NETZ DEINE ERINNERUNGEN KENNT?

Genre:
Adventure
Autor:
Jx_mine_
Status:
In Arbeit
Kapitel:
5
Rating
n/a
Altersfreigabe
13+

Kapitel 1 – Ein wirklich schlechter Plan

„Das ist eine wirklich schlechte Idee.“

Damon sagte es bereits zum dritten Mal.

Roxy klemmte sich die kleine Taschenlampe zwischen die Zähne und warf ihm einen Blick über die Schulter zu.

„Beim ersten Mal war es überzeugender.“

„Beim ersten Mal standen wir auch noch nicht vor einem verschlossenen Museumsfenster.“

„Jetzt stehen wir davor.“

„Genau das ist mein Punkt.“

Quint hörte nur mit halbem Ohr zu.

Er stand etwas abseits im Schatten einer alten Linde und betrachtete das Museum.

Tagsüber wirkte das Gebäude beinahe freundlich. Heller Stein, grosse Fenster, zwei breite Treppen vor dem Eingang. Über der Tür prangten goldene Buchstaben:

Museum für Naturkunde und Entdeckungen

Quint war als Kind oft hier gewesen.

Damals hatte sein Grossvater noch neben ihm gestanden.

Er hatte ihm die ausgestopften Tiere gezeigt und sich darüber beschwert, dass die Beschriftungen falsch waren. Er hatte ihm erklärt, warum man bei einem Gewitter niemals unter einer einzelnen Eiche Schutz suchen sollte und weshalb die ausgestellte Feder angeblich von einem südlichen Silberadler stammte, obwohl jeder Mensch mit zwei funktionierenden Augen erkennen konnte, dass sie zu einem Gebirgsfalken gehörte.

Zumindest laut Grossvater.

Quint hatte ihm alles geglaubt.

Heute stand sein Name auf einer kleinen Messingtafel im zweiten Stock.

Dr. Alaric Vale

Forscher, Naturkundler und Entdecker

Leihgabe aus seinem persönlichen Nachlass

Und dahinter lag sein Tagebuch.

„Quint.“

Er blinzelte.

Damon stand vor ihm.

„Du kannst noch Nein sagen.“

Roxy nahm die Taschenlampe aus dem Mund.

„Kann er nicht.“

Damon drehte sich zu ihr. „Natürlich kann er.“

„Wir sind hier.“

„Das ist kein Argument.“

„Ein ziemlich gutes.“

„Nein.“

„Doch.“

„Roxy.“

„Damon.“

„Könnt ihr aufhören?“

Beide sahen Quint an.

Endlich.

Er zog die Hände aus den Jackentaschen. Obwohl die Nacht mild war, waren seine Finger kalt.

„Ich gehe rein.“

Damon schwieg einen Moment.

„Gut.“

Roxy grinste. „Gut.“

„Ich meinte nicht, dass ich die Idee gut finde.“

„Das wissen wir.“

„Ich möchte nur, dass das später eindeutig festgehalten wird.“

Roxy wandte sich wieder dem Fenster zu.

„Wenn wir verhaftet werden, darfst du es dem Polizisten erzählen.“

„Sehr beruhigend.“

Quint musste trotz allem lächeln.

Seit der Schule war es so.

Roxy hatte eine Idee.

Damon erklärte, weshalb sie schlecht war.

Und Quint stand irgendwann irgendwo, wo er eigentlich nicht sein sollte, und fragte sich, wie genau es wieder so weit hatte kommen können.

Nur dass es diesmal seine Idee gewesen war.

Das Lächeln verschwand.

Roxy schob ein dünnes Metallstück zwischen Fenster und Rahmen.

Damon betrachtete sie.

„Woher kannst du das?“

„Was?“

„Ein Fenster aufbrechen.“

„Ich breche es nicht auf.“

Ein leises Klicken.

Das Fenster sprang einen Spalt auf.

Roxy lächelte zufrieden.

„Ich öffne es.“

Damon schloss kurz die Augen.

„Ich möchte meine Frage zurückziehen.“

Roxy schob das Fenster hoch und blickte hinein.

„Leer.“

„Natürlich ist es leer“, murmelte Damon. „Es ist mitten in der Nacht.“

Roxy kletterte hinein.

Ein dumpfer Schlag folgte.

Dann Stille.

Quint trat näher.

„Roxy?“

„Alles gut.“

„Was war das?“

„Nichts.“

„Es klang nicht nach nichts.“

„Eine Vase.“

Damon erstarrte.

„Du hast eine Vase kaputt gemacht?“

„Nein.“

„Du hast gerade gesagt—“

„Ich bin dagegen gestossen.“

„Und?“

„Sie lebt.“

Damon sah Quint an.

„Wir sind seit ungefähr acht Sekunden im Museum.“

Quint stieg durchs Fenster.

Nachts war das Museum ein anderer Ort.

Die hohen Räume wirkten grösser. Die ausgestellten Tiere warfen im schwachen Licht ihrer Taschenlampen lange Schatten an die Wände. Ein Braunbär stand mit geöffnetem Maul hinter Glas. Seine Augen glänzten.

Roxy blieb davor stehen.

„Unheimlich.“

„Er ist tot“, sagte Quint.

„Danke. Jetzt ist es besser.“

„Ausserdem ist die Haltung falsch.“

Damon seufzte hinter ihnen.

„Bitte fang jetzt keine Diskussion mit einem ausgestopften Bären an.“

„Ich diskutiere nicht.“

„Noch nicht.“

Sie gingen weiter.

Quint kannte den Weg.

Er brauchte keine Taschenlampe.

Durch die grosse Halle. Links an den Mineralien vorbei. Die Treppe hinauf. Im ersten Stock rechts. Noch eine Treppe.

Sein Herz schlug schneller, je näher sie kamen.

An der Wand hing eine Uhr.

Zweiundzwanzig Minuten nach zwei.

Das Ticken war in der Stille unglaublich laut.

Dann standen sie davor.

DIE LETZTE EXPEDITION DES ALARIC VALE

Quint blieb stehen.

Die Ausstellung war erst drei Monate alt.

Drei Monate, seit das Museum beschlossen hatte, aus dem Tod seines Grossvaters eine Geschichte zu machen.

Sein Rucksack.

Sein Kompass.

Eine zerbrochene Feldflasche.

Fotografien.

Ein Paar schwere Stiefel.

Und in der Mitte:

das Tagebuch.

Braunes Leder. Abgewetzte Kanten. Ein dunkler Lederriemen hielt es geschlossen.

Quint trat näher an die Glasscheibe.

Er hatte es seit seiner Kindheit nicht mehr gesehen.

Grossvater hatte es fast immer bei sich getragen. Beim Essen lag es neben seinem Teller. Auf Reisen steckte es in seiner Jackentasche. Wenn er nachdachte, strich er mit dem Daumen über den Einband.

Quint erinnerte sich sogar an den Geruch.

Leder.

Tabak.

Und dieses widerliche Kräuteröl, das Grossvater gegen Mücken benutzt hatte.

„Das ist es?“, fragte Roxy leise.

Quint nickte.

Damon las die Tafel neben der Vitrine.

„Aufgefunden bei seinen persönlichen Gegenständen am Ort seines Todes.“

Quint sah ihn an.

„Lüge.“

Damon antwortete nicht.

„Er hätte es bei sich gehabt.“

„Vielleicht hatte er es abgelegt.“

„Nein.“

„Quint—“

„Nein.“

Er wusste, wie es klang.

Seit Monaten wusste er es.

Der Enkel, der nicht akzeptieren konnte, dass sein Grossvater tot war.

Der Junge, der überall Widersprüche suchte, weil ein natürlicher Tod ihm nicht genügte.

Herzversagen.

So stand es im Bericht.

Alaric Vale, dreiundsechzig Jahre alt, allein auf einer Expedition im Norden.

Gefunden vier Tage später.

Keine Hinweise auf Fremdeinwirkung.

Fall abgeschlossen.

Nur hatte sein Grossvater keine Herzprobleme gehabt.

Sein Gepäck war nicht vollständig gewesen.

Seine Notizen über die letzten sechs Tage fehlten.

Und die Position, an der man ihn angeblich gefunden hatte, ergab keinen Sinn.

Dort wuchs kein Beifuss.

Quint hatte das dreimal gesagt.

Dem Arzt.

Dem Museumsdirektor.

Sogar dem Polizisten.

Auf dem Foto des Fundortes lagen Beifusszweige neben Grossvaters Rucksack.

Die Pflanze wuchs in feuchten, tiefen Böden.

Nicht auf einem steinigen Hochplateau in zweitausend Metern Höhe.

Niemand hatte ihm zugehört.

„Wir nehmen es“, sagte Roxy.

Damon blickte sie an.

„Wir können nicht einfach—“

Roxy sah ihn nur an.

Damon atmete aus.

„Richtig. Natürlich können wir.“

Die Vitrine war abgeschlossen.

Diesmal brauchte Roxy länger.

Quint stand daneben und starrte auf das Tagebuch.

Etwas störte ihn.

Er wusste nur nicht, was.

Dann klickte das Schloss.

Roxy hob vorsichtig die Glasscheibe.

„Bitte.“

Quint griff hinein.

In dem Moment, in dem seine Finger das Leder berührten, blieb er stehen.

Kalt.

Das Buch war eiskalt.

„Alles okay?“, fragte Damon.

Quint nahm es heraus.

Es war schwerer, als er es in Erinnerung hatte.

„Ja.“

Das war gelogen.

Roxy schloss die Vitrine wieder.

„Dann verschwinden wir.“

Quint öffnete den Rucksack.

Und irgendwo unter ihnen fiel eine Tür ins Schloss.

Alle drei erstarrten.

Schritte.

Roxy löschte ihre Taschenlampe.

Damon tat dasselbe.

Quint presste das Tagebuch an seine Brust.

Die Schritte kamen näher.

Langsam.

Nicht hastig.

Jemand ging durch die untere Halle.

„Wächter?“, flüsterte Damon.

Roxy schüttelte den Kopf.

„Der macht seine Runde um zwei.“

„Es ist zweiundzwanzig.“

„Eben.“

Quint sah sie an.

„Woher weisst du, wann der Wächter seine Runde macht?“

Roxy schwieg.

Damon hob eine Augenbraue.

„Das besprechen wir später.“

Die Schritte erreichten die Treppe.

Einer.

Zwei.

Drei.

Roxy deutete nach hinten.

Sie bewegten sich.

Durch den nächsten Ausstellungsraum.

Eine Tür.

Verschlossen.

Roxy probierte es noch einmal.

Nichts.

Die Schritte kamen näher.

Damon sah sich um.

„Da.“

Ein schmaler Durchgang führte in das Archiv.

Sie schlüpften hinein.

Quint zog die Tür fast vollständig zu.

Dunkelheit.

Sie standen so eng, dass Quint Damons Atem hören konnte.

Die Schritte erreichten den Raum.

Dann hörten sie eine Stimme.

„Es ist weg.“

Quint hörte auf zu atmen.

Eine zweite Stimme antwortete.

Leiser.

„Dann war er doch nicht so dumm.“

Roxy sah Quint an.

Selbst in der Dunkelheit konnte er ihre Augen erkennen.

Damon bewegte sich nicht.

„Findet den Jungen.“

Quints Finger schlossen sich fester um das Tagebuch.

„Und diesmal“, sagte die Stimme draussen, „machen wir keine Fehler.“

Eine Stunde später sassen sie auf dem Boden von Roxys Schlafzimmer.

Niemand hatte auf dem Heimweg gesprochen.

Das Tagebuch lag zwischen ihnen.

Roxy hatte die Vorhänge geschlossen.

Damon kontrollierte zum zweiten Mal das Fenster.

Quint sass mit angezogenen Knien vor dem Buch.

„Sie wussten, wer du bist“, sagte Damon.

Quint nickte.

„Vielleicht.“

„Sie haben gesagt: Findet den Jungen.“

„Es gibt viele Jungen.“

Roxy sah ihn an.

„Quint.“

„Ich weiss.“

Stille.

Dann griff er nach dem Tagebuch.

Der Lederriemen löste sich leicht.

Die ersten Seiten kannte er.

Zeichnungen von Pflanzen.

Wetterbeobachtungen.

Karten.

Notizen über Tiere.

Grossvaters kleine, schiefe Schrift.

Quint blätterte schneller.

Nichts.

Weiter.

Nichts.

„Vielleicht haben sie etwas anderes gesucht“, sagte Damon.

Quint antwortete nicht.

Er erreichte die letzten beschriebenen Seiten.

Die Expedition.

Tag eins.

Tag zwei.

Tag drei.

Dann—

nichts.

Sechs Seiten waren herausgerissen worden.

Sauber.

Nicht alt.

Nicht zufällig beschädigt.

Herausgerissen.

„Das war nicht so“, flüsterte Quint.

„Bist du sicher?“, fragte Roxy.

„Ja.“

Er strich über die Reste der Seiten am Buchrücken.

Dann bemerkte er etwas.

Die Rückseite des Einbands war dicker als früher.

Quint fuhr mit dem Finger über die Kante.

Eine kleine Unebenheit.

„Gebt mir ein Messer.“

Roxy reichte ihm ihres.

Damon sah sie an.

„Natürlich hast du ein Messer.“

„Konzentrier dich.“

Quint schob die Spitze vorsichtig unter das Innenleder.

Es löste sich.

Darunter lag Papier.

Sehr dünn gefaltet.

Seine Hände begannen zu zittern.

Er zog es heraus.

Roxy rückte näher.

Damon setzte sich neben sie.

Quint faltete den Zettel auseinander.

Die Handschrift erkannte er sofort.

Grossvater.

Nur war sie anders.

Hastiger.

Unruhiger.

An einigen Stellen war die Tinte verschmiert.

Oben stand ein einziges Wort.

Quint.

Er schluckte.

Dann las er.

Quint, wenn du das hier liest, haben sie mich gefunden.

Keiner sagte etwas.

Quint las weiter.

Glaube nicht, was man dir über meinen Tod erzählen wird.

Sein Herz schlug so laut, dass er die nächsten Worte beinahe nicht verstand.

Und was auch immer geschieht: Folge niemals meiner letzten Route.

Darunter befand sich ein Zeichen.

Drei ineinander verschlungene Kreise.

Und darunter ein Name.

Ost-Ost.

Roxy sah Quint an.

In ihren Augen lag etwas, das er seit Jahren kannte.

Neugier.

Abenteuerlust.

Und die sichere Ankündigung einer weiteren ausgesprochen schlechten Idee.

Damon bemerkte es ebenfalls.

„Nein.“

Roxy hatte noch gar nichts gesagt.

„Auf keinen Fall.“

Sie lächelte.

„Ich habe doch gar nichts gesagt.“

„Ich kenne dich.“

Quint starrte auf den Namen.

Ost-Ost.

Sein Grossvater war dort gewesen.

Und irgendjemand hatte ihn dafür getötet.

Zum ersten Mal seit Monaten wusste Quint mit absoluter Sicherheit, dass er recht gehabt hatte.

Er wünschte, er hätte sich geirrt.

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