Prolog
Der Gestank nach Schwefel und geronnenem Blut brannte in Kyrenitis Nase, doch es war die Kälte, die sie am meisten schmerzte. Nicht die des feuchten Kellergewölbes unter den Wäldern von Immersang, sondern eine innere, absolute Leere. Wo einst Glaube und eiserner Wille in ihrer Seele geruht hatten, klaffte nun ein bodenloser Abgrund. Etwas fehlte. Etwas, das ihr Vater ihr genommen hatte. Sie war nicht länger Kyrielle, sondern nur noch Zorn und Feuer. Und das Feuer wollte brennen.
Mit einem kehligen Schrei riss sie an den rostigen Ketten des Steintisches. Funken stoben von ihren Fingern, doch die Teufelseisen-Runen der Fesseln glühten giftgrün auf und fraßen ihre Magie. Ein schmerzhafter Ruck fuhr durch ihre Arme. Der Schaft einer Axt bohrte sich in ihre Rippen.
„Ruhig, Spitzohr“, grollte eine Stimme wie mahlende Steine.
Kyreniti hob den Kopf. Kupferrotes Haar hing ihr wirr ins schweißnasse Gesicht. Die hellen Strähnen waren verschwunden - wie alles, was an ihr früheres Selbst erinnerte.
Vor ihr stand ein Blutork. Seine karminrote Haut wurde von pulsierenden grünen Adern durchzogen, aus seinem Unterkiefer ragten dolchlange Hauer. Er roch nach verbrannter Erde, Blut und der Scherbenwelt. Kyreniti spuckte ihm vor die Füße. Der Ork grinste.
„Sie ist temperamentvoll, wie ihr seht.“ Die Stimme ihres Vaters zitterte, doch nicht aus Furcht vor den Orks, sondern vor fiebrigem Wahnsinn. Am Rand des flackernden Beschwörungskreises stand Lord Voranis in blutverschmierten Roben, den Blick auf den Beutel mit Netherkristallen gerichtet, den der Orkanführer auf einen Seziertisch geworfen hatte. Er sah seine Tochter nicht an.
„Das Feuer in ihr brennt hell“, murmelte Voranis. „Rein.“ Fast zärtlich strich er über eine Phiole. „Ihre Mutter mochte das Feuer. Aber es war zu gefährlich.“
Kyreniti starrte ihn an. „Vater...“
Er überhörte sie. „Ich musste es extrahieren. Für die Forschung... für sie.“ Seine Hand zitterte. „Ihr versteht doch? Ich musste sie zerbrechen.“
Etwas in Kyrenitis Brust zerbrach tatsächlich. Doch an die Stelle des Schmerzes trat heiße, klare Wut.
„Sie taugt als Batterie für die Teufelsschmieden in der Höllenfeuerzitadelle“, grunzte der Orkanführer und packte die Kette an ihrem Kragen. „Öffne das Portal, Magier.“
Voranis nickte und hob die Hände. Arkane Energie sammelte sich zwischen seinen Fingern, während die Runen des Beschwörungskreises giftgrün aufglühten. Die Luft knisterte, als ächze die Wirklichkeit unter der Belastung.
„Vater!“ Er reagierte nicht. „VATER!“
Ein Riss entstand in der Luft, erst kaum größer als eine Narbe, dann immer breiter. Grünes Feuer quoll heraus. Aus der Spalte drang der Klang zersplitterter Welten, endloser Kriege und einer Macht, die niemals hierhergelangen sollte.
Kyreniti zerrte an ihren Fesseln. „Sieh mich an!“
Voranis hielt inne. Für einen Augenblick traf sein leerer Blick den ihren. Kyreniti suchte darin den Vater, der ihr beigebracht hatte, ihre ersten Funken zu kontrollieren und das Feuer nicht zu fürchten. Sie fand nur einen gebrochenen Mann, der seine Tochter gegen Kristalle und Forschung eingetauscht hatte.
„Du kannst mich nicht in die Dunkelheit werfen!“, brüllte sie. „Was hast du mit mir gemacht? Wo sind die anderen Teile?“ Voranis erbleichte. „Bist du nun endgültig von Sinnen?“
Er schluckte. „Kyreniti.“
Es war das erste Mal, dass sie diesen Namen hörte. Trotzdem fühlte er sich an, als hätte er immer zu ihr gehört.
„Du bist nur die Asche“, flüsterte Voranis und blickte an ihr vorbei. „Das Licht und der Stahl... schlafen noch.“
Kyreniti erstarrte. „Was soll das heißen?“
Doch Voranis antwortete nicht. Der Ork riss an der Kette und zerrte sie vom Steintisch. Ihre Füße schleiften über blutverklebte Fliesen. Das Portal wuchs, die Hitze der Scherbenwelt schlug ihr ins Gesicht.
„Brenn für uns, Elfe“, lachte der Ork und warf sie in die grünen Flammen.
Der Aufprall auf dem rissigen Boden der Höllenfeuerhalbinsel presste Kyreniti die Luft aus den Lungen. Unter einem kränklich grünen Himmel regnete Asche auf ihr Gesicht. Raue Hände zerrten sie auf die Beine und schleiften sie durch Tore aus schwarzem Eisen, immer tiefer hinein, bis selbst der Wind verstummte und nur noch das Dröhnen der Schmieden blieb.
Im Herzen einer Teufelsschmiede herrschte Mor’gath, ein aufgedunsener Blutork, der sich Feuerlord nannte. Sein massiger Körper war mit glühenden Brandnarben übersät, Hörner wuchsen aus seinem Schädel, und seine Augen brannten wie Kohlen in einer Esse. Kyreniti spuckte Blut auf den Boden. „Ich werde mich dir nicht beugen, Monster.“
Mor’gath lachte. „Das will ich hoffen, meine kleine Batterie.“
Er sah in ihr kein Lebewesen, sondern ein Werkzeug und Gefäß aus reinem Zorn. Er wollte wissen, wie viel Feuer es aushielt, bevor es zerbrach.
Wochenlang hing Kyreniti in magischen Fesseln über einer Grube aus Teufelslava. Ihre Handgelenke waren wund, ihre Haut von Brandmalen übersät, ihre Stimme heiser. Mor’gath zapfte ihre feurige Essenz ab und leitete sie in seine Schmieden. Jedes Mal fühlte es sich an, als risse man ihr einen Teil der Seele heraus. Jedes Mal wurde ihr Zorn größer. Mor’gath glaubte, er würde sie brechen. Er begriff nicht, dass Zorn unter Druck schärfer und hungriger wurde. Kyreniti wartete auf den richtigen Moment.
Dann kam der Tag des Rituals. Mor’gath wollte einen Höllenbestienkern schmieden, mächtiger als je zuvor. Dafür brauchte er ein Gefäß: Kyreniti. Er schnitt in ihr Fleisch, malte dämonische Runen mit ihrem Blut auf ihre Haut und leitete reine Teufelsmagie durch ihren Körper.
Zuerst fühlte Kyreniti Hitze. Dann Schmerz. Dann nichts mehr.
Mor’gath lächelte. „Du bist nicht stärker als wir!“
Doch er hatte etwas übersehen. Kyreniti war nicht nur Feuer, sondern ein unvollständiges, traumatisiertes Fragment einer stärkeren Seele. In ihrem Innersten klaffte jener Abgrund, den Voranis hinterlassen hatte, wo einst Glaube und Wille geruht hatten. Die fremde Teufelsmagie fand keinen Halt. Sie konnte Kyreniti nicht kontrollieren, sondern sie nur füllen. Und der Abgrund war bodenlos.
Das Ritual geriet außer Kontrolle. Mor’gaths Lächeln verschwand. „Was...?“
Kyreniti hob den Kopf. Ihre Haut begann zu leuchten. Ein Riss aus weißem Licht erschien über ihrem Brustbein.
„Nein“, flüsterte Mor’gath.
„NEIN!“
Mit einem ohrenbetäubenden Knall implodierte der Zauber in Kyrenitis Körper - und explodierte. Weißglühendes, von grünem Teufelsblut korrumpiertes Feuer brach aus ihr hervor. Eine Druckwelle schleuderte Mor’gath und seine Wachen gegen die Wände. Metall schmolz, Ketten rissen aus ihren Verankerungen. Kyreniti schrie. Die Hitze überlud ihre Sinne mit arkaner und dämonischer Energie. Sie presste die Hände auf ihr Gesicht und kniff die Augen zusammen.
Dann verschwand die Welt. Zumindest für ihre Augen. Doch sie war nicht blind.
Hinter ihren Lidern entstand ein pulsierendes Netz aus Licht. Sie sah die Resthitze der Steine, die Bewegungen der Flammen und die Lebenslinien der Orks. Sie erkannte Struktur, Richtung und Schwachstellen der Magie. Ihre Wahrnehmung hatte keinen blinden Fleck, sondern erstreckte sich als unsichtbare Sphäre in alle Richtungen.
Kyreniti atmete ein. Zum ersten Mal seit Wochen war die Welt still.
Dann hörte sie Mor’gath. „Tötet die Hexe!“
Sie riss die Augen auf. Sofort explodierte die Welt in Agonie. Nicht ihre Augen brannten - ihr gesamter Körper wurde zur Waffe. Jede Pore spie grelle Flammen hervor. Eine gigantische Schockwelle aus verzehrendem Feuer raste von ihr fort.
Kyreniti schrie. Die Macht zerriss sie von innen. Ihre Knochen schienen zu schmelzen, ihr Blut kochte, jeder Herzschlag wurde zum Donnerschlag. Die Druckwelle zerschmetterte die Mauern der Teufelsschmiede. Türme stürzten ein, Belagerungswaffen wurden auseinandergerissen. Dutzende Blutorks verschwanden in einem blendenden Herzschlag. Stein wurde zu Glas, Glas zu Staub und Staub zu Asche.
Kyreniti schrie, bis ihre Stimme versagte. Dann presste sie die Augen wieder zusammen. Die Qual ebbte ab. Der Feuersturm erstarb.
Stille.
Wo Mor’gaths Stützpunkt gestanden hatte, lag ein gewaltiger Krater aus geschmolzenem Gestein. Schwarze Asche trieb durch die heiße Luft. Kyreniti stand im Zentrum, schwer atmend, die Augen geschlossen. Trotzdem sah sie alles.
Zwei Lebenslinien. Eine gewaltig, flackernd und von dämonischer Energie umhüllt: Mor’gath. Die andere schwach: ein Wächter unter einem Eisenblock.
„Was hast du aus mir gemacht, du elendes Drecksviech?“, flüsterte Kyreniti.
Der Wächter befreite sich hustend aus den Trümmern. Sein Blick fiel auf die zerbrechlich wirkende Elfe im Krater. Er zog seine Klinge. „Für Mor’gath!“
Er stürmte los. Kyreniti bewegte sich nicht. Sie spürte seine Schritte, die Spannung seiner Muskeln, die Bewegung der Klinge und den Winkel seines Angriffs. Sie hob eine Hand. Ein lautloser Flammenstoß durchbohrte die Brust des Orks. Für einen Herzschlag blieb er stehen, dann zerfiel er zu Staub.
Kyreniti wandte sich Mor’gath zu. Der Feuerlord kauerte zwischen den Trümmern. Seine Teufelsmagie hatte ihn geschützt, doch sein Stolz war gebrochen. Er sah über das aschebedeckte Ödland und dann zu Kyreniti.
„Du...“ Zum ersten Mal lag Furcht in seiner Stimme.
Kyreniti ging langsam auf ihn zu. „Hast du dir auch nur einen Moment Gedanken über Konsequenzen gemacht?“
Mor’gath wich zurück. „Ich habe dich erschaffen!“
Kyreniti blieb stehen. Ein schwaches Lächeln berührte ihre Lippen. „Nein.“ Flammen flackerten um ihre Finger. „Du hast nur vergessen, dass Feuer nicht fragt, wem es gehört.“
Mor’gath versuchte aufzustehen, doch seine Beine versagten. Kyreniti trat näher. „Das hier ist das Resultat deiner zerstörerischen Magie.“
Mit ihrer neuen Wahrnehmung sah sie jede Faser seines Körpers und jeden Tropfen Teufelsenergie in seinen Adern. Doch tief in diesem fremden Sinn spürte sie etwas anderes: einen schwachen Widerhall. Nicht Mor’gath. Nicht die Legion. Nicht das Feuer. Ein Echo aus längst vergessener Zeit.
Kyreniti blieb stehen. Für einen Herzschlag verschwand der Zorn aus ihrem Gesicht. „Was... bist du?“
Das Echo antwortete nicht. Doch jenseits des Kraters flackerte eine zweite Präsenz auf, schwach und fremd, zugleich vertraut. Hinter ihren Lidern zeichnete sich ein Riss aus silbernem Licht ab. Das Feuer in ihr flackerte - nicht vor Wut, sondern vor Erkenntnis.
Voranis’ Worte kehrten zurück: Du bist nur die Asche. Das Licht und der Stahl... schlafen noch.
Kyrenitis Hände ballten sich zu Fäusten. Zum ersten Mal fragte sie sich, was ihr Vater wirklich aus ihr gemacht hatte - und ob die anderen Teile ihrer Seele noch existierten.
Dann wandte sie sich wieder Mor’gath zu. Der Feuerlord wich zurück. Kyreniti lächelte.
„Aber bevor ich Antworten suche...“ Eine einzelne Flamme tanzte über ihre Fingerspitzen. „... räumen wir erst einmal deine Schmiede auf.“
Mor’gath schrie.
Und das Feuer antwortete.








