Prolog
2023⎮ANDALUSIEN
Meine Hände, fest ineinander verschränkt, lagen ruhig auf dem Tisch. Zumindest äußerlich ruhig. Innerlich tobte längst ein Sturm.
„Hohes Gericht, verehrtes Publikum – mein Mandant, der hier unschuldig angeklagte Armando Álvarez, sieht keinerlei Notwendigkeit, ein Geständnis abzulegen.”
Die Stimme meines Anwalts, gleichzeitig mein bester FreundLeon , hallte durch den Saal.
„Richtig, er hatDominic Costageschlagen. Und vielleicht auch etwas stärker als notwendig.Abermit einem Messer in seine Brust eingestochen hat er nicht.”
Sein Blick glitt kurz zu mir. Ruhig. Kontrolliert.
„Die Körperverletzung könnte man möglicherweise damit erklären, dass vor Kurzem der Vater meines Mandanten verstorben ist. Die Ermittlungen, ob Señor Dominic Costa etwas mit diesem Tod zu tun haben könnte, sind noch nicht abgeschlossen.”
Der Anwalt der Gegenseite verzog spöttisch den Mund.
„Also sprechen wir hier von Rache? Von Selbstjustiz? Verstehen wir das richtig, Anwalt?”
Leon verschränkte die Hände hinter dem Rücken.
„Nein. Wir sprechen hier von einer emotionalen Reaktion auf massive Provokation.”
Dominic, du Bastard.
Hätte ich dich damals schon umgebracht... damals, als ich dich das erste Mal gesehen habe. Als duReynaangesehen hast, als würde sie dir gehören.
Dann wären wir jetzt nicht hier.
Mein Bein wippte nervös unter dem Tisch. Ich konnte das alles nicht mehr ertragen. Nicht den Saal. Nicht Dominic. Nicht diese Lügen. Und vor allem nicht die Tatsache, dass ich nicht wusste, wo sie war.
Wo bist du, mi vida?
„Hohes Gericht”, begann plötzlich der Anwalt der Gegenseite, „ich möchte eine Zeugin aufrufen.”
Leon runzelte die Stirn.
„Eine Zeugin, die bestätigen kann, dass der hier anwesende Señor Álvarez meinem Mandanten Dominic Costa mit einem Messer in die Brust gestochen hat.”
Verwirrt sah ich zuJavierhoch.
Zeugin?
Es war doch niemand da gewesen.
„Ich möchteSeñorita Dos Santoshereinbitten.”
Mein Herz stoppte.
Reyna?
Reyna als Zeugin?
Für ihn?
Die Tür öffnete sich, und ein leises Murmeln ging durch den Saal.
Langsam. Mit kleinen, vorsichtigen Schritten betrat sie den Raum. Schwarzes Kleid. Offene Haare. Blasse Haut.
Und Augen, die meinen Blick mieden.
Scheiße.
Sie stellte sich an das Mikrofon.
„Señorita Dos Santos”, begann der Richter, „wir möchten Ihnen einige Fragen stellen.”
Sie nickte leicht.
„Waren Sie am Abend des Vorfalls im Costa-Anwesen anwesend?”
„Ja.”
Ihre Stimme war leise. Fast zerbrechlich.
„Haben Sie gesehen, wie es zu der Auseinandersetzung zwischen Señor Álvarez und Señor Costa kam?”
Sie schluckte.
„Ja.”
„Dann erzählen Sie dem Gericht bitte, was passiert ist.”
Stille.
Ich starrte sie an.
SagdieWahrheit.
Sag es.
Ihre Finger zitterten leicht.
„Armando kam wütend ins Haus. Er war außer sich. Er hat Dominic angeschrien... wegen seines Vaters... wegen... wegen allem.”
Mein Atem stockte.
„Dominic hat versucht, ruhig zu bleiben, aber Armando hat ihn geschlagen. Mehrmals.”
Leon stand sofort auf.
„Einspruch. Interpretation.”
„Abgelehnt”, sagte der Richter knapp.
Reyna atmete tief ein.
„Dann... dann habe ich gesehen, wie Armando ein Messer genommen hat.”
Nein.
„Und... er hat auf Dominic eingestochen.”
Der ganze Saal wurde still.
Mein Blick brannte sich in ihr Gesicht.
Nein.
Nein, Reyna.
Nicht du.
„Lüge”, presste ich hervor.
Der Richter schlug mit dem Hammer.
„Ruhe im Saal!”
Ich stand auf.
„Das ist eine verdammte Lüge!”
„Armando—“, zischte Leon.
„Sie lügt! Sie war nicht mal—”
„SETZEN SIE SICH!” schrie der Richter.
Zwei Beamte traten bereits näher.
Ich sah nur sie.
Reyna.
Sie hob endlich den Blick.
Und in ihren Augen lag Schuld.
Aber sie sagte nichts.
Kein Sorry.
Keine Erklärung.
Nur Schweigen.
Das war schlimmer.
Viel schlimmer.
Der Richter rückte seine Brille zurecht.
„Nach Anhörung der Aussagen, der Beweislage und insbesondere der Zeugenaussage von Señorita Dos Santos kommt das Gericht zu folgendem Urteil.”
Mein Kiefer spannte sich an.
„Der Angeklagte Armando Álvarez wird wegen schwerer Körperverletzung mit vorsätzlicher Waffennutzung zu vier Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.”
Vier Jahre.
Vier verdammte Jahre.
Das Murmeln im Saal wurde lauter.
Ich hörte nichts mehr.
Nur dieses eine Geräusch in meinem Kopf.
Reynas Stimme.
Ihren Verrat.
Die Beamten legten mir Handschellen an.
Leon sagte irgendetwas.
Dominic grinste.
Aber ich sah nur sie.
Reyna stand noch immer da.
Regungslos.
Als ich an ihr vorbeiging, blieb ich kurz stehen.
„Ich hoffe”, sagte ich leise, rau und voller Hass, „es war es wert.”
Eine Träne lief über ihre Wange.
Zu spät.
Viel zu spät.
Dann führten sie mich hinaus.
Vier Jahre Gefängnis.
Vier Jahre mit nur einem Gedanken:
Ich komme zurück.
Und wenn ich zurückkomme—
wird jeder bezahlen.








