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Was uns hält

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Zusammenfassung

Mara Varga ist Notfallsanitäterin, kontrolliert, ehrgeizig – und daran gewöhnt, sich auf niemanden verlassen zu müssen. An einer internationalen Bergrettungsakademie in Tirol trifft sie auf Lukas Auer, einen erfahrenen Bergführer, der genau das an ihr erkennt, was sie selbst nicht sehen will: Dass sie lieber alles allein trägt, als jemandem wirklich zu vertrauen. Als beide zu einem festen Rettungsteam werden, zwingt die Ausbildung sie zu Nähe, Vertrauen und Entscheidungen, bei denen Fehler nicht nur Punkte kosten. Zwischen Felswänden, Nachtübungen und eisigen Einsätzen wächst etwas, das keiner von beiden geplant hat. Doch als am Ende nur einer von ihnen das begehrte Fellowship bekommen kann, wird ausgerechnet die Person, die sie am meisten braucht, zu ihrer größten Konkurrenz.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
34
Rating
n/a
Altersfreigabe
18+

Kapitel 1 - Mara: Vier Schrauben

Die Berge hinter Innsbruck hatten etwas Unverschämtes an sich. Zuerst waren sie einfach nur schön gewesen, beeindruckend sogar, das Postkartenmotiv, das Ben mit einem seiner respektlosen Kommentare über Kühe kaputtgemacht hätte, wenn er dabei gewesen wäre. Aber irgendwann hörten sie nicht mehr auf. Sie standen rechts, links, vor uns, und jedes Mal, wenn der Bus eine Kurve nahm, schob sich hinter dem nächsten Hang ein noch größerer hervor, als würde die Landschaft testen, wie lange ich brauchte, um mich klein zu fühlen.

Hamburg hatte mich schlecht auf Orte vorbereitet, an denen man den Kopf in den Nacken legen musste, um überhaupt Himmel zu finden.

Ich lehnte die Stirn gegen das Fenster und ließ den Blick ins Tal fallen, was sich sofort als Fehler herausstellte. Die Straße klebte am Hang, mit genug Abstand zum Boden, dass man mehrere hundert Meter Zeit gehabt hätte, über die eigenen Entscheidungen nachzudenken, falls etwas schiefging. Nicht dass ich Höhenangst gehabt hätte. Ich hielt einfach wenig von Situationen, in denen so viel zwischen einem Fehler und seinen Folgen lag.

Vier Schrauben hielten die Armlehne an meinem Sitz. Ich zählte sie zum dritten Mal, strich mit dem Daumen über das zerkratzte Glas meiner Uhr und versuchte, mich nicht dabei zu ertappen, wie ich es ein viertes Mal tat.

„Wenn du die Schrauben noch länger anstarrst, werden es trotzdem nicht fünf.”

Ich drehte den Kopf. Die Frau auf der anderen Seite des Mittelgangs hatte ihr Taschenbuch gesenkt, dunkle Locken fielen ihr bis auf die Schultern, ein senfgelber Schal lag lose um ihren Hals, und sie musterte mich mit einer Selbstverständlichkeit, die eigentlich nur Menschen zustand, die man seit Jahren kannte, nicht seit zwei Stunden im selben Bus.

„Vielleicht überprüfe ich die Verarbeitung”, sagte ich.

„Natürlich.”

„Qualitätskontrolle ist wichtig.”

Sie klappte das Buch ganz zu, als hätte sie ohnehin nach einer Ausrede dafür gesucht. „Amira.”

„Mara.”

„AIRA?”

Ich nickte, und sie atmete hörbar aus, so erleichtert, dass ich fast lachen musste. „Gut. Dann bin ich wenigstens nicht die Einzige, die aussieht, als hätte sie sich bei der Bewerbung maßlos überschätzt.”

„Ich sehe nicht so aus.”

„Nein. Du siehst aus, als würdest du gerade überlegen, ob man den Busfahrer für diese Straße strafrechtlich belangen kann.”

Ich musste lachen, obwohl ich es nicht wollte, und das schien sie zu freuen, denn sie lehnte sich in ihrem Sitz zurück, als hätte sie gerade eine kleine Schlacht gewonnen. Wir tauschten Städte wie Visitenkarten – Hamburg gegen Lyon, ihre Hügel gegen meine Treppen –, und für einen Moment vergaß ich, dass ich seit Stunden in einem Bus saß, der mich in ein Leben brachte, von dem ich noch nicht wusste, ob ich dafür gemacht war.

Dann rutschte, zwei Reihen vor uns, ein Mann zur Seite.

Zuerst dachte ich, er hätte etwas fallen lassen. Dann sackte sein Kopf gegen die Scheibe, und die Frau neben ihm schrie seinen Namen, und mein Körper reagierte, bevor mein Kopf überhaupt registriert hatte, was passierte. Ich war schon aufgestanden, als der Busfahrer bremste.

„Nicht hochziehen”, sagte ich und schob mich an zwei Sitzreihen vorbei. „Lassen Sie ihn sitzen.”

„Was ist mit ihm?”

„Weiß ich noch nicht.”

Mitte sechzig, schätzte ich, blass, mit feuchter Stirn, die Augen geschlossen, aber die Atmung vorhanden. Ich ging vor ihm in die Hocke und tastete nach seinem Puls – schnell, aber nicht chaotisch, was schon einmal etwas war.

„Können Sie mich hören?”

Keine Antwort.

„Hat er Vorerkrankungen?”

Seine Frau starrte mich an, als müsste sie erst entscheiden, ob ich überhaupt zu ihr sprach. „Herz. Er hat etwas mit dem Herzen.”

Etwas mit dem Herzen. Präzise genug für einen Sonntagnachmittag am Küchentisch, völlig nutzlos für alles andere. Ich fragte nach Medikamenten, bekam ein hilfloses „Tabletten” als Antwort, hörte hinter mir jemanden fragen, ob er einen Krankenwagen rufen sollte, und bat einfach nur um etwas Platz. Es wurde erstaunlich schnell still um uns herum.

Der Mann öffnete die Augen.

„Hallo”, sagte ich. „Wissen Sie, wo Sie sind?”

Sein Blick brauchte einen Moment, um mich zu finden. „Bus.”

„Gut. Wohin fahren Sie?”

Er blinzelte, und sein Mund verzog sich ein wenig. „Zu meiner Frau. Wenn sie mich lässt.”

Seine Frau stieß gleichzeitig einen erleichterten und empörten Laut aus, und ich musste mir das Grinsen verkneifen. Orientierung vorhanden, Humor auch – zwei gute Zeichen. Ich fragte nach Übelkeit, Brustschmerzen, Schwindel, und als ich beim Frühstück ankam, schwieg er, und seine Frau sah ihn nur an, und ich brauchte nichts mehr zu fragen.

„Kaffee ist kein Frühstück”, sagte ich.

„Das sage ich seit dreißig Jahren”, sagte seine Frau.

„Dann haben Sie heute offiziell gewonnen.”

Ein paar Leute lachten, der Mann ebenfalls, schwach, aber immerhin, und seine Haut bekam langsam wieder Farbe. Wahrscheinlich Kreislauf, zu wenig gegessen, zu wenig getrunken, die kurvige Fahrt als letzter Auslöser. Ich blieb trotzdem noch ein paar Minuten, kontrollierte Puls und Atmung, ließ ihn erst in kleinen Schlucken trinken, als ich sicher war, dass nichts Akutes dagegenstand, und gab ihm eine klare Ansage mit auf den Weg: Wenn der Schwindel zurückkam, wenn Brustschmerzen dazukamen, sollte er nicht einfach weiterfahren.

„Wir sind fast da”, sagte er.

„Dann schaffen Sie vorher ein Brötchen.”

Er seufzte. „Sie sind schlimmer als meine Frau.”

„Nehme ich als Kompliment.”

Als ich zu meinem Platz zurückging, saßen ungefähr ein Dutzend Leute nicht mehr da, wo sie vorher gesessen hatten, als hätte ein medizinischer Zwischenfall im Bus offiziell zur Gemeinschaftsveranstaltung erklärt worden. Amira hob die Augenbrauen, sagte aber nichts, bis ich mich wieder gesetzt hatte.

„Notfallsanitäterin”, sagte ich, bevor sie fragen konnte.

„Das erklärt einiges.”

„Was genau?”

„Den Blick. Der sagt: Entweder ihr macht jetzt alle, was ich sage, oder ich entferne euch aus dem Arbeitsbereich.”

„Ich habe keinen solchen Blick.”

„Natürlich nicht”, sagte sie und lächelte, als hätte sie gerade etwas sehr Wichtiges über mich herausgefunden.

Der Bus setzte sich wieder in Bewegung. Meine Hände lagen vollkommen ruhig auf meinen Knien, und erst als ich den Daumen wieder über die Kante meiner Uhr schob, fiel mir auf, dass ich seit dem Zwischenfall keine einzige Schraube mehr gezählt hatte. Amira bemerkte es natürlich auch.

„Du zählst also nur, wenn du nervös bist.”

„Berufskrankheit”, sagte ich, was keine wirkliche Antwort war, aber sie ließ es durchgehen, vielleicht weil mein Handy in diesem Moment vibrierte. Zwei Nachrichten von meiner Mutter – Bist du angekommen?, eine Minute später nur noch mein Name, als hätte das Warten selbst schon eine Frage geworden. Ich schrieb zurück, dass ich noch im Bus säße, lebte, mich später melden würde, und bekam ein Sehr beruhigend und dann die Information, dass Ben überzeugt war, ich würde spätestens morgen von einer Kuh angegriffen. Ich grinste, tippte, Kühe seien zuverlässiger als jüngere Brüder, und eine Minute später kam direkt eine Nachricht von ihm selbst.

ich hoffe deine neuen freunde sehen nie wie du wirklich bist

Geh lernen.

major mara ist wieder da

Ich steckte das Handy weg und erzählte Amira von Ben, achtzehn, chaotisch, humorvoll, mit einer beunruhigenden Begabung dafür, im exakt falschen Moment recht zu haben. Sie lachte an den richtigen Stellen, und ich merkte, wie sich etwas in mir löste, das ich vorher gar nicht als angespannt wahrgenommen hatte.

Draußen wurden die Häuser häufiger, dann verschwanden sie wieder zwischen Bäumen, und schließlich sah ich die AIRA zum ersten Mal in echt – kleiner als auf den Fotos im Internet, aber nicht weniger modern, nicht weniger beeindruckend, einfach nur beherrschbarer. Der Campus zog sich über einen Hang, eingerahmt von Wald und Fels, ein älteres Gebäude aus dunklem Holz und grauem Stein im Zentrum, daneben Glas und Beton und große Fensterfronten, weiter oben eine Trainingshalle, dahinter eine künstliche Kletterwand, die sich gegen den Himmel abzeichnete. Und über allem die Berge, in diesem Moment nicht schön, einfach nur zu groß, so groß, dass ich merkte, wie ich sie viel zu lange anstarrte, bis Amira neben mir seufzte und sagte, vielleicht kündige sie schon jetzt.

„Wir sind noch nicht mal ausgestiegen.”

„Der ideale Zeitpunkt.”

Die Türen öffneten sich, kalte Luft strömte herein, und mein Koffer erwies sich innerhalb von drei Minuten als schlechte Entscheidung und nach fünf als persönlicher Feind. Der Weg zum Wohnheim führte bergauf, natürlich, vermutlich musste man hier selbst zum Briefkasten eine gewisse Grundkondition mitbringen, und Amira blieb irgendwann stehen, sah auf ihren eigenen Koffer und erklärte knapp, dass sie dagegen sei, ohne dass irgendjemand sie gefragt hätte.

Ein Mann, der ein paar Meter vor uns ging, drehte sich um. Groß, hellbraunes Haar, schwarzer Rucksack, ein britischer Akzent, der sich schon in dem einen Wort verriet, das er uns zurief.

„Soll ich helfen?”

Amira ließ ihren Koffer fast sofort los. „Ja.”

„Verräterin.”

„Überlebende.”

Er nahm ihr Gepäck, warf einen Blick auf meines und fragte, ob er auch das übernehmen solle. Ich lehnte ab, und sein Blick wanderte kurz zurück zu dem Koffer, der eindeutig zu schwer war – das wusste ich, das wusste er wahrscheinlich auch, und inzwischen ahnte es vermutlich sogar der Koffer selbst.

„Okay”, sagte er, ohne nachzuhaken, ohne diesen belustigten Blick, den Menschen manchmal aufsetzen, wenn sie eine Höflichkeit anbieten, die sie eigentlich schon abgelehnt sehen wollten. Allein dafür mochte ich ihn sofort ein bisschen.

Theo, wie sich herausstellte, aus Manchester, mit einem Hintergrund als Rettungsschwimmer und Klettertrainer, der schnell genug redete, dass Amira und ich kaum eine Pause fanden, um etwas über uns zu erzählen, was ihm offenbar egal war. Vor dem Wohnheim standen mehrere Gruppen mit Rucksäcken, Helmen, Seesäcken und Ausrüstung, deren Namen ich vermutlich erst im Laufe der Woche lernen würde. Manche bewegten sich mit der selbstverständlichen Sicherheit von Menschen, die genau wussten, was sie taten. Andere taten zumindest sehr überzeugend so.

Metall klirrte irgendwo rechts von mir, und mein Blick ging automatisch in die Richtung.

Ein Mann stand neben einem offenen Ausrüstungscontainer, dunkle Hose, graues T-Shirt, ein kurzer, gepflegter Bart, das dunkelbraune Haar etwas länger, als ich es bei jemandem erwartet hätte, der seine Freizeit offenbar an Felswänden verbrachte – aber ordentlich, nicht ungepflegt, ganz im Gegenteil. Er hielt einen Karabiner zwischen den Fingern und hörte einem jüngeren Teilnehmer zu, während er nebenbei am Verschluss arbeitete, mit der beiläufigen Konzentration von jemandem, der das schon tausendmal getan hatte.

„Du hast den gestern schon repariert”, sagte der andere.

„Dann hast du ihn gestern schon wieder kaputt gemacht.”

Der österreichische Akzent war nur leicht zu hören, genug, um seine Stimme wärmer klingen zu lassen, als der trockene Ton eigentlich hergab.

„Du bist ein Kontrollfreak.”

„Nein”, sagte er, prüfte den Verschluss noch einmal und reichte ihm den Karabiner zurück. „Ich mag Dinge, die funktionieren.”

Fast hätte ich gelächelt, und in genau diesem Moment hob er den Kopf, und sein Blick traf meinen. Braune Augen mit einem warmen Bernsteinanteil, eine Nase, die irgendwann einmal gebrochen gewesen sein musste und leicht schief verheilt war, und der Bart stand ihm, was ich mir eigentlich hätte sparen können, festzustellen. Er sah mich nicht lange an, vielleicht eine Sekunde, dann wandte er sich wieder dem anderen Mann zu, als wäre nichts gewesen.

Amira machte neben mir ein Geräusch.

„Nein”, sagte ich, bevor sie überhaupt etwas gesagt hatte.

„Ich habe nichts gesagt.”

„Du hast auf eine bestimmte Art geatmet.”

„Jetzt darf ich nicht mal mehr atmen?” Sie folgte meinem Blick und grinste. „Er ist attraktiv.”

„Wer?”

Ich sah sie schweigend an, bis sie die Hände hob und behauptete, wir würden uns doch erst seit zwei Stunden kennen, was mich nicht davon abhielt, ihr zu sagen, sie solle den Mund halten, was wiederum nichts daran änderte, dass sie den Rest des Weges zum Eingang leise vor sich hin lachte.

Mein Zimmer im dritten Stock war besser, als ich erwartet hatte – klein, aber hell, mit Bett, Schrank, Schreibtisch, einem schmalen Regal und einem Fenster, das praktisch nur aus Berg bestand. Ich stellte meine Uhr auf den Tisch, duschte, zog mich um, entschied mich für Schwarz, weil es neutral genug für eine Begrüßungsveranstaltung war, ohne auszusehen, als hätte ich meinen ersten Schultag mit dreiundzwanzig übermäßig ernst genommen. Meine Haare, dunkelblond bis hellbraun und stur genug, um sich gegen jeden Zopf zu wehren, ließ ich beim dritten Versuch einfach gewinnen. Es gab wichtigere Probleme – zum Beispiel, dass laut Amira vierzig Menschen für dreißig Plätze angereist waren, eine Information, die sie angeblich von einer Schweizerin draußen hatte und die nirgendwo in meinen Unterlagen gestanden hatte.

„Und was passiert mit den anderen zehn?”

„Vermutlich werden sie rituell vom Berg gestoßen.”

„Hilfreich.”

„Gern.”

Vorne im Hörsaal öffnete sich eine Tür, und eine Frau trat herein, Anfang vierzig, dunkles Haar, gerade Haltung, graues Poloshirt mit dem Logo der Akademie. Sie stellte weder Laptop noch Unterlagen auf das Pult. Sie wartete einfach, bis der Raum innerhalb weniger Sekunden von selbst still wurde, was mehr über sie aussagte als alles, was sie hätte sagen können.

„Eva Hartmann. Technische Rettung. Ausbildungsleitung.” Keine Begrüßung, keine Präsentation, und ich mochte sie sofort dafür. „Sie sind nicht hier, um Bergsteigen zu lernen. Und Sie sind auch nicht hier, um Medizin zu lernen.” Ihr Blick wanderte durch die Reihen. „Wenn Sie angenommen wurden, können Sie bereits etwas. Einige von Ihnen sogar sehr viel. Was wir herausfinden werden, ist, ob dieses Können noch irgendeinen Wert hat, wenn Sie müde sind, frieren, Angst haben – und die Person neben Ihnen eine Entscheidung trifft, die Ihnen nicht gefällt.”

Meine Hände lagen ruhig auf dem Tisch.

„Individuelle Kompetenz ist Voraussetzung”, sagte Hartmann. „Sie reicht nicht.”

Der Satz traf einen Punkt, den ich nicht ganz greifen konnte, vielleicht weil ich grundsätzlich wenig davon hielt, meine eigene Sicherheit von der Zuverlässigkeit anderer Menschen abhängig zu machen. Hartmann erklärte, dass um sechs Uhr dreißig die Einstufung beginnen würde, Kondition, medizinische Fähigkeiten, technische Grundlagen, Kommunikation und Entscheidungsverhalten, und dass anschließend feste Zweierteams gebildet würden, die über weite Teile der kommenden neun Monate bestehen blieben, bewertet einzeln und gemeinsam.

Neun Monate. Mit einem Fremden. Perfekt.

Neben mir formte Amira lautlos Bitte du, und ich schüttelte nur den Kopf, als sich hinten die Tür öffnete und jemand hereinkam. Zu spät. Ich drehte mich um – natürlich der Mann vom Ausrüstungscontainer, jetzt mit einer dunkelblauen Jacke über dem T-Shirt, die Haare leicht feucht, der Bart genauso ordentlich wie vorher.

„Herr Auer”, sagte Hartmann.

„Entschuldigung.”

„Wie großzügig, dass Sie noch teilnehmen.”

Einige grinsten, er selbst auch, nur leicht. „Wollte Ihnen den dramatischen Auftritt nicht nehmen.”

Ich biss mir auf die Innenseite der Wange, während Amira neben mir plötzlich verdächtig still saß. Hartmann lächelte nicht, sagte nur „Setzen”, und er ging ohne weiteren Kommentar in die hintere Reihe. Lukas Auer also. Ich versuchte, wieder nach vorn zu sehen, während Hartmann fortfuhr, dass wir in den nächsten Wochen Menschen treffen würden, die schneller, stärker, erfahrener waren als wir selbst, und dass es darauf ankäme, ob wir mit Ego oder mit Neugier reagierten. Das saß, bei mir zumindest, und als sie uns schließlich entließ mit der knappen Empfehlung, zu schlafen, weil wir uns morgen wünschen würden, es getan zu haben, lachten ein paar Teilnehmer. Hartmann nicht.

Eine halbe Stunde später standen wir vor dem schwarzen Brett, und meine Testzeit wurde nicht besser, nur weil ich sie dreißig Sekunden früher las.

„Wenn ich vor sieben anfangen muss, kündige ich wirklich”, sagte Amira.

„Diesmal wirklich?”

„Diesmal aus Prinzip.”

„Du änderst deine Prinzipien ziemlich häufig.”

„Flexibilität ist eine Stärke.”

Die Liste war alphabetisch. Auer, Lukas – 06:30, Alpine Ausdauer. Natürlich. Haddad, Amira – 07:15, worauf sie beide Hände hob und von einem Gott sprach, der offenbar existierte. Ich fand meinen eigenen Namen kurz darunter. Varga, Mara – 06:30.

Unter den Testzeiten hing eine zweite Liste, Partnerzuordnung, Testblock 1, und ich fuhr mit dem Finger daran entlang, bis ich meinen Namen fand. Daneben stand, ohne jede Überraschung mehr: Auer, Lukas.

„Oh”, sagte Amira.

„Nein.”

„Ich habe gar—”

„Nichts.”

„Du bist Varga?”

Die Stimme kam von hinten, und als ich mich umdrehte, stand er zwei Schritte entfernt. Aus der Nähe fiel seine Nase zuerst auf, eindeutig einmal gebrochen, und seine Augen waren heller als draußen im Hof, das Haar zwar etwas zu lang, aber so gepflegt, dass es fast unfair wirkte.

„Mara”, sagte ich und nahm seine ausgestreckte Hand. Sie war warm, fest, ohne das lächerliche Bedürfnis, daraus einen Krafttest zu machen.

„Lukas.” Er sah kurz auf die Liste. „Sieht aus, als würden wir morgen zusammen anfangen.”

„Solange du pünktlich bist.”

Für einen Moment sagte niemand etwas, während Amira neben mir vermutlich innerlich starb, bis sich ein Mundwinkel bei ihm hob.

„Das habe ich wahrscheinlich verdient.”

„Wahrscheinlich.”

„Sechs dreißig.”

„Ich kann Uhrzeiten.”

Er grinste, nur kurz, sagte, das spare morgen Zeit, und ging. Ich sah ihm nicht hinterher – ich überprüfte lediglich, ob er tatsächlich gegangen war, was, wie mir sofort klar war, etwas völlig anderes war.

„Mara.”

„Nein.”

„Ich habe nichts gesagt.”

„Dein Gesicht schon.”

„Mein Gesicht findet ihn attraktiv.”

„Dann soll dein Gesicht ihn daten.”

Amira lachte, und ich sah noch einmal auf die Liste. Varga – Auer. Ein Testblock, ein Morgen, mehr nicht. Ich kannte Lukas Auer nicht, und er kannte mich nicht, und trotzdem blieb mein Blick einen Moment länger auf unseren beiden Namen hängen, als nötig gewesen wäre. Das gefiel mir nicht besonders. Noch weniger gefiel mir, dass ich nicht wusste, warum.

Kapitel
1. Kapitel 1 - Mara: Vier Schrauben
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