Prolog
Der Wind heulte durch die schmalen Gassen des kleinen Ortes und trieb Schneeflocken vor sich her. Es war eine jener Winternächte, in denen selbst die Straßenlaternen zu frieren schienen und jeder vernünftige Mensch längst in seinem warmen Bett lag.
Nur die Glocke der alten Kirche St. Michael durchbrach die Stille.
Es war drei Uhr morgens. Pfarrer Johannes Berger schreckte aus dem Schlaf. Zunächst glaubte er, das Läuten nur geträumt zu haben. Doch dann erklang die Glocke erneut. Ein einzelner Schlag. Nicht das automatische Uhrwerk.
Jemand musste am Glockenseil gezogen haben.
Mühsam erhob er sich, streifte seinen Mantel über und nahm eine Laterne. Wer um diese Uhrzeit vor der Kirche erschien, brachte selten gute Nachrichten mit sich.
Als er die schwere Holztür öffnete, schlug ihm eisige Kälte entgegen.
„Hallo?“, rief er in die Dunkelheit.
Keine Antwort. Nur der Wind heulte wütend durch die Straßen. Pfarrer Berger trat hinaus auf die vereisten Stufen. Da hörte er ein Geräusch. Ein leises Wimmern. Erst glaubte er, eine Katze zu hören. Dann wiederholte sich das Geräusch. Ein Baby?
Mit schnellen Schritten umrundete er das Kirchenportal. Neben einer Steinbank stand ein Weidenkorb bereits dick mit Schnee bedeckt. Und darin lag ein Kind. Der Pfarrer erstarrte.
Das Mädchen war sorgfältig in eine dunkelblaue Decke gewickelt. Trotz der eisigen Temperaturen wirkte es erstaunlich ruhig. Fast friedlich.
„Mein Gott...“
Vorsichtig hob er den Korb hoch. Auf der Decke waren seltsame silberne Muster eingestickt. Kreise. Halbmonde. Symbole, die er noch nie gesehen hatte.
Eine Nachricht fand er nicht. Keinen Namen. Keinen Hinweis. Nichts. Nur das Kind.
Als er die Decke etwas zurückschlug, blickten ihn zwei ungewöhnlich helle Augen an. Bernsteinfarben. Für einen Moment glaubte er sogar, sie würden im Licht seiner Laterne leuchten.
Dann blinzelte das Baby. Und die Wirkung war verschwunden. „Keine Sorge, kleine Dame“, murmelte er. „Du bist jetzt in Sicherheit.“
Doch irgendwo im Wald, hinter der Kirche, sah ihn jemand aus der Dunkelheit. Für einen Augenblick schimmerte zwischen den Bäumen silbernes Haar. Dann verschwand die Gestalt. Und wurde nie wieder gesehen.
Drei Tage später bekam das Kind einen Namen.
Maya.
Die Leiterin des örtlichen Waisenhauses hatte ihn ausgesucht, weil er ihr gefiel. Niemand konnte ahnen, wie gut er tatsächlich passte.
Schon als Kleinkind war Maya anders. Nicht krank. Nicht auffällig. Einfach ... anders.
Während andere Kinder weinten, wenn sie Angst hatten, wurde Maya still.
Wenn andere Kinder fielen, standen sie wieder auf.
Maya hingegen schien überhaupt keine Schmerzen zu empfinden.
Mit fünf Jahren kletterte sie auf Bäume, die deutlich zu hoch für sie waren.
Mit sechs konnte sie schneller rennen als die meisten älteren Jungen.
Mit sieben sprang sie über einen Zaun, an dem selbst Erwachsene hängen geblieben wären.
Die Betreuer erklärten sich alles mit Fantasie. Kinder waren nun einmal unterschiedlich. Doch die anderen Kinder bemerkten die Unterschiede längst.
Und Kinder konnten grausam sein.
„Feuerschopf!“
„Karottenkopf!“
„Hexe!“
Maya hörte die Beleidigungen beinahe täglich. Ihre roten Haare waren auffällig. Ungewöhnlich leuchtend. Fast als würden sie im Sonnenlicht brennen.
Oft saß sie allein. Nicht weil sie es wollte, sondern weil man sie meist allein ließ.
Anfangs versuchte sie Anschluss zu finden. Doch jedes Mal, wenn sie sich einer Gruppe näherte, wechselten die anderen Kinder die Plätze oder gingen einfach weg.
Irgendwann hörte sie auf, es zu versuchen. Sie fing an Bücher zu lesen. Saß im Garten oder beobachtete nachts den Mond. Niemand wusste, warum sie das so gern tat.
Nicht einmal Maya selbst.
Mit zehn Jahren begann sie sich zu verändern. Nicht körperlich sondern innerlich. Sie wurde wachsamer. Aufmerksamer. Schneller. Als würde langsam ein Instinkt in ihr erwachen.
Einmal schlossen drei ältere Mädchen sie in einem Geräteschuppen ein. Sie wollten ihr Angst machen.
Maya erinnerte sich später nur daran, wie Panik in ihr aufstieg. Und daran, dass sie plötzlich auf dem Dach des Schuppens stand. Niemand konnte erklären, wie sie dort hingekommen war.
Nicht einmal sie selbst.
In der Schule wurde es nicht besser. Kaum war sie alt genug, wurden aus Hänseleien offene Schikanen. Bücher verschwanden. Schulhefte wurden zerrissen. Auf ihrem Spind standen beleidigende Nachrichten, die ihre Mitschüler mit wasserfesten Stiften hinterlassen hatten.
Maya ertrug vieles. Lange. Vielleicht zu lange. Bis eines Tages ein Junge sie von hinten schubste. Sie stürzte. Ihre Knie und ihre Handinnenflächen rutschten über den rauhen, steinigen Boden. Die ganze Klasse lachte.
Etwas in ihr riss in dem Augenblick, als sie das Blut an ihren Händen und Knien realisierte. Noch bevor sie bewusst darüber nachdenken konnte, stand sie wieder auf, drehte sich um und schlug mit voller Wucht zu.
Nicht wild. Nicht unkontrolliert. Sondern mit einer Geschwindigkeit und Härte, die niemand von diesem schmalen, zierlichen Mädchen erwartet hatte.
Der Junge landete auf dem Boden. Die Klasse verstummte. Selbst Maya war erschrocken.
Von diesem Tag an änderte sich etwas. Viele ließen sie in Ruhe. Nicht aus Respekt, sondern aus Vorsicht. Andere betrachteten sie nun erst recht als Ziel.
Doch Maya hatte gelernt. Wenn eine Situation aussichtslos wurde, kämpfte sie oder sie lief. Und niemand konnte so schnell laufen wie sie.
Oft war sie verschwunden, bevor ihre Verfolger überhaupt reagierten. Als hätte der Wind sie getragen.
Ihr größtes Geheimnis begann kurz nach ihrem dreizehnten Geburtstag. Natürlich wusste Maya nichts davon. Denn jedes Mal geschah es im Schlaf. Immer bei Vollmond.
Dann färbten sich ihre roten Haare silbern. Nicht grau oder weiß. Es war ein echtes silbernes Schimmern, wie flüssiges Mondlicht.
Jahrelang bemerkte es niemand. Bis zu jener Nacht.
Lena, eines der jüngeren Mädchen, musste dringend zur Toilette. Verschlafen tappte sie durch das Zimmer. Als sie an Mayas Bett vorbeikam, blieb sie plötzlich stehen.
Dort lag Maya. Doch ihre Haare waren nicht rot. Sie glänzten silberweiß. Im Licht des Mondes leuchteten sie geradezug genau so hell wie der Mond selbst.
Lena bekam Angst. So große Angst, dass sie schreiend aus dem Zimmer rannte.
Kurz darauf standen Betreuer und Kinder im Schlafsaal. Maya wurde wach. Verwirrt setzte sie sich auf. Ihre Haare waren wieder rot. Niemand sah etwas Ungewöhnliches.
Die Erwachsenen schoben alles auf die Fantasie eines Kindes.
Doch Lena blieb bei ihrer Geschichte. Tagelang. Wochenlang. Monatelang. Die Gerüchte breiteten sich aus. Einige Kinder behaupteten, Maya sei verhext. Andere glaubten, sie stamme von Zigeunern, Feen oder Dämonen ab. Wieder andere hatten schlicht Angst.
Sobald das Licht ausging, wurde hinter ihrem Rücken getuschelt.
Maya tat so, als würde es sie nicht interessieren. Doch natürlich tat es das. Sie wusste nur nicht, wie sie sich dagegen wehren sollte.
Denn sie kannte selbst keine Antworten.
Die Jahre vergingen. Kinder kamen. Kinder gingen. Maya blieb. Manchmal beobachtete sie die Familien, die andere Kinder adoptierten. Sie lächelte dann höflich. Gönnte ihnen ihr Glück. Doch insgeheim stellte sie sich immer wieder dieselbe Frage: Warum wollte niemand sie?
Die Betreuer mochten sie. Das wussten alle. Doch sie war nie die Erste auf einer Adoptionsliste gewesen. Nie die Wahl einer Familie. Nie das Kind, das abgeholt wurde.
Mit siebzehn begann ein neuer Gedanke, sie zu verfolgen. Ein Gedanke, den jedes Kind im Heim irgendwann hatte.
Der achtzehnte Geburtstag. Der Tag des Abschieds. Der Tag, an dem das Heim kein Zuhause mehr für sie war. Die Regeln waren eindeutig. Mit achtzehn musste man gehen.
Egal wohin. Egal wie. Man war dann erwachsen. Zumindest auf dem Papier.
Je näher ihr Geburtstag rückte, desto öfter lag Maya nachts wach. Sie hatte kein Geld. Keine Familie. Keine Wohnung. Keine Zukunftspläne. Nur Fragen.
Immer dieselben Fragen. Wer war sie? Woher kam sie? Warum fühlte sie sich ihr ganzes Leben wie eine Fremde?
Dann kam der Morgen ihres achtzehnten Geburtstags. Die Sonne war gerade aufgegangen, Sie hatte gefrühstückt und eine der Küchenhilfen hatte ihr ein kleines Paket mit etwas zu Essen und zu trinken eingepackt. Der Himmel färbte sich rosa. Maya stand vor dem Eingang des Waisenhauses. Neben ihr stand ein kleiner Rucksack.
Darin befand sich ihre gesamte Habe. Einige Kleidungsstücke. Ein Foto ohne Namen. Eine dunkelblaue Babydecke. Und eine alte silberne Kette, die man damals bei ihr gefunden hatte und auch das Essenspäckchen und die Flasche Wasser, die ihr die Küchenhilfe mitgegeben hatte. Nicht mehr.
Achtzehn Jahre Leben passten in einen einzigen Rucksack. Die Heimleiterin umarmte sie zum Abschied. „Du wirst deinen Weg finden.“
Maya versuchte zu lächeln. „Hoffentlich.“
Dann schloss sich die Tür. Langsam. Endgültig. Zum ersten Mal war sie wirklich allein. Sie stand auf dem Gehweg.
Links führte die Straße in die Stadt. Rechts hinaus aufs Land. Keiner wartete auf sie und sie wusste auch nicht, wohin sie gehen sollte. Maya zog ihren Mantel enger um sich und griff nach dem Rucksack. Sie zog ihn über ihre Schultern.
In genau diesem Moment wurde die silberne Kette an ihrem Hals plötzlich warm. Dann heiß. Sie zuckte zusammen. Verwirrt blickte sie hinunter. Die Kette leuchtete. Ein silberner Lichtschein, kaum sichtbar. Nur ein kurzer Augenblick.
Als Maya wieder den Kopf hob, sah sie auf der anderen Straßenseite einen Mann. Groß, dunkel gekleidet und er beobachtete sie. Absolut regungslos stand er da und sah ihr zu.
Als ihre bernsteinfarbenen Augen seine trafen, erlosch das Leuchten der Kette sofort.
Der Fremde lächelte nicht. Er wirkte nicht freundlich. Es sah vielmehr so aus, als hätte er endlich gefunden, wonach er viele Jahre gesucht hatte.
Maya spürte, wie sich jedes Haar auf ihrem Körper aufrichtete.
Instinktiv wusste sie: Dieser Mann bedeutete Gefahr.
Und ohne zu ahnen, dass sein Name Gideon lautete, griff sie nach den Schultergurten ihres Rucksacks und machte den ersten Schritt in ein Leben, das ihr sämtliche Antworten geben würde.
... wenn sie lange genug überlebte.








