Der neue fremde Wald - Farah
Der Wald roch anders als daheim.
Das war ihr in den ersten Tagen kaum aufgefallen, zu sehr hatten Flucht und Ankunft alle anderen Sinne beansprucht. Aber jetzt, mit dem Weidenkorb am Arm und dem Blick suchend am Boden, bemerkte sie es mit jedem Schritt deutlicher. Feuchte Erde statt trockener Hitze, modriges Laub statt Staub und Zitrusblüten. Unter allem lag ein harziger, fast bitterer Unterton – Nadelbäume, vermutete sie, auch wenn sie noch keinen Namen dafür hatte. Zu Hause hätte sie den Duft eines jeden Krauts benennen können, noch bevor sie es sah, hätte gewusst, welche Wurzel bei Fieber half und welche Blüte man besser meilenweit mied. Hier war sie blind. Und das machte sie nervöser, als sie zugeben wollte.
Sie schob eine nasse Strähne aus dem Gesicht und musterte den Boden vor sich. Etwas Ähnliches wie Salbei? Nein – die Blätter waren zu spitz, die Farbe zu dunkel, fast schon ins Bläuliche kippend. Vielleicht taugte es trotzdem gegen Halsschmerzen. Sie zupfte ein Blatt ab, zerrieb es zwischen den Fingern, hielt es sich unter die Nase. Herb. Ein bisschen wie Minze, die sich entschieden hatte, schlechte Laune zu haben. Sie steckte es trotzdem ein. Ausprobieren war besser als gar nichts.
Damir hustete seit zwei Tagen wie ein alter Mann, der sein Leben lang Pfeife geraucht hatte, dabei war er gerade mal einundzwanzig. Und Amaris Nase war so verstopft, dass sie nachts durch den Mund atmete und dabei klang wie eine quietschende Tür, die niemand ölte. Farah brauchte etwas, das half. Irgendetwas. Sie konnte nicht tatenlos zusehen, wie die Kälte hier sich ihre Geschwister griff, einen nach dem anderen, während ihr Vater sich Sorgen um ganz andere Dinge machte.
Zuhause – falls man diesen Ort überhaupt noch so nennen durfte – wäre das nie passiert. Sie erinnerte sich an einen Nachmittag, nicht lange vor allem, was danach kam: Amari, noch kleiner, mit sandigen Knien im Kräutergarten hinter dem Haus, wie sie eine Handvoll Ringelblumen zerdrückte und behauptete, sie könne den Duft schon von der Straße aus riechen. Ihre Mutter hatte gelacht, dieses helle, kurze Lachen, das Farah manchmal nachts noch hörte, wenn sie die Augen schloss, und hatte gesagt: Übertreib nicht, Kleines – aber die Nase stimmt. Die Sonne hatte gebrannt, nicht gestochen, sondern warm, wie eine Hand auf dem Rücken. Hier brannte die Sonne selten. Und wenn sie es doch einmal tat, an manchen Nachmittagen, wenn der Himmel für ein, zwei Stunden aufriss, dann war die Luft trotzdem kalt genug, dass Farah sich fragte, ob das überhaupt derselbe Stern war.
Sie seufzte, richtete sich auf und wischte sich die Hände an der Hose ab – ein Fehler, wie sie eine Sekunde später merkte, denn die weite Stoffhose war längst dunkel gefleckt vom Knien im Unterholz. Ihre Schuhe, ebenfalls Stoff, viel zu dünn für diesen Boden, schmatzten bei jedem Schritt. Nur die Regenjacke hielt, was sie versprach – dieses seltsame, gummiartige Ding, auf das ihr Vater so großen Wert gelegt hatte, dass sie sich kaum getraut hatte, sich zu weigern. Sie mochte die Textur nicht. Kalt und glatt und fremd fühlte sie sich an, wie eine zweite Haut, die nicht ihre eigene war. Aber trocken hielt sie zumindest.
Was die Hose nicht von sich behaupten konnte.
Farah trat um einen umgestürzten Stamm herum, den Blick auf ein Fleckchen Grün gerichtet, das vielversprechend aussah – und genau in diesem Moment schlug ein nasser Farnwedel gegen ihr Bein, als hätte er nur auf sie gewartet. Kalt lief es ihr durch den Stoff bis zur Haut. Sie blieb stehen, starrte auf den dunklen Fleck, der sich sofort ausbreitete, und lachte leise, trocken, halb genervt.
„Danke auch”, murmelte sie den Farn an. „Sehr freundlich.”
Der Farn antwortete nicht, was fair war.
Sie stapfte weiter, jetzt mit einem nassen Bein und einem trockenen, eine Kombination, die ihr zunehmend albern vorkam, aber was sollte man machen. Wenigstens war niemand da, der es sah. Kein Damir, der eine Bemerkung über ihre “heldenhafte Wald-Expedition” gemacht hätte, kein Baba, der ihr besorgt hinterhergerufen hätte, sie solle vorsichtiger sein. Nur Bäume. Und Moos. Und dieser eigentümliche, harzig-feuchte Geruch, der sich langsam, gegen ihren Willen, in etwas verwandelte, das fast schon vertraut war.
Vor ihr lichtete sich das Unterholz.
Eine kleine Lichtung öffnete sich zwischen den Stämmen, umrahmt von hohem Farn und einem Ring aus Bäumen, deren Kronen sich fast, aber nicht ganz, über der offenen Stelle trafen. Silbriges Licht fiel schräg herein, gedämpft durch dünne Wolken, und ließ den Boden in einem matten Grün-Grau schimmern. Es war der hellste Fleck, den sie seit Beginn ihres Spaziergangs gefunden hatte.
Sie ließ sich auf einen halbwegs trockenen Stein sinken und betrachtete ihre Hände. Der Wald war zu nass, um wirklich etwas anzurichten – selbst wenn sie wollte, kaum vorstellbar, dass hier draußen ein Funke Schaden anrichten könnte, wo doch jedes Blatt, jeder Grashalm noch vom letzten Regen troff. Eine kleine, verbotene Versuchung meldete sich trotzdem.
Sie formte die Hand zur Schale, konzentrierte sich, ließ die vertraute Wärme in den Fingerspitzen aufsteigen wie eine leise Erinnerung an Zuhause. Ein winziges Flämmchen erwachte über ihrer Handfläche, kaum größer als eine Kerzenflamme, flackernd im feuchten Wind. Sie kippte die Hand sacht zur Seite, ließ es tanzen, formte es mit einem gedanklichen Ziehen zu einem schmalen Faden, dann wieder zurück zu einem runden Tropfen aus Licht und Hitze.
Die Wärme kroch ihr bis in den Handrücken, ein Gegengewicht zur klammen Kälte, die sich seit Wochen in ihre Knochen gesetzt hatte. Angenehm, dieses Kribbeln unter der Haut – fast tröstlich. Früher hatte Baba genau das für sie getan, an kalten Abenden, wenn ihre Finger vor Kälte taub geworden waren: hatte ihre Hände zwischen seine eigenen genommen und einen winzigen Funken darin entstehen lassen, gerade genug, um die Kälte zu vertreiben, während er ihr Geschichten erzählte, bis sie eingeschlafen war. Das hatte er lange nicht mehr getan. Nicht, seit alles passiert war. Vielleicht hatte er es einfach vergessen, zwischen all der Sorge, dem Packen, dem ewigen Voranschreiten. Vielleicht wollte er selbst nicht mehr daran denken, welche Wärme sein eigenes Feuer einmal bedeutet hatte, bevor es zur Waffe geworden war, die ihre Familie hatte fliehen lassen.
Sie beobachtete, wie das Licht über die feuchten Blätter um sie herum tanzte, kleine goldene Punkte, die sich in jedem Tropfen Regenwasser spiegelten, als hätte der ganze Wald für einen Moment ein Dutzend winziger Sonnen geliehen bekommen. Irgendwo tropfte es stetig von einem Ast, ein leises, gleichmäßiges Klopfen, das sich fast mit dem Knistern der kleinen Flamme zu einem eigenen, ruhigen Takt verband.
Es war nichts Großes. Nur eine Fingerübung, wie ihre Mutter es genannt hätte – Kontrolle statt Kraft, Feingefühl statt Wucht. Du musst nicht laut sein, um stark zu sein, Habibti. Die Kleinen, die man kaum sieht, halten am längsten. Farah hatte das nie ganz geglaubt, nicht wirklich, nicht mit der Ungeduld, die ihr eigen war – aber jetzt, allein auf dieser fremden Lichtung, mit einem Fünkchen Licht in der hohlen Hand, verstand sie es vielleicht zum ersten Mal ein bisschen besser. Manchmal war das Kleine das Einzige, was übrig blieb.
Sie fragte sich, ob sie hier je wieder etwas Größeres wagen würde. Zuhause hatte sie geübt, Woche für Woche, war ungeduldig gewesen mit sich selbst, hatte sich mehr gewünscht, mehr Kontrolle, mehr Kraft, mehr von allem. Hier reichte schon dieses kleine Licht, um sich zu fühlen wie jemand, der etwas riskierte. Der Gedanke schmeckte bitter und vertraut zugleich.








