Same Roads von Karina bei Inkitt
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Same Roads

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Zusammenfassung

William war immer da. Der beste Freund ihres Bruders. Fünf Jahre älter. Unerreichbar. Und genau der Mann, den Hope niemals hätte wollen dürfen. Jahrelang haben sie so getan, als wären da keine Blicke, keine Gedanken und kein Was wäre, wenn? Bis eine Nacht reicht, um alles zu verändern. Denn Will kann Hope nicht länger ignorieren. Und Hope hat längst aufgehört, es zu versuchen. Aber sich in William zu verlieben bedeutet nicht nur, eine Grenze zu überschreiten. Es bedeutet, einem Mann zu vertrauen, dessen Vergangenheit gerade beginnt, ihn wieder einzuholen.

Genre:
Romance
Autor:
Karina
Status:
vor 10 Stunden
Kapitel:
3
Rating
n/a
Altersfreigabe
18+

Chapter 1 - Kein Taxi


HOPE

Im Nachhinein würde ich wahrscheinlich behaupten, dass alles damit angefangen hatte, dass kein Taxi kam.

Das klang harmloser als die Wahrheit.

Es war weit nach zwei, die Party meiner Freunde längst vorbei, und mein Handy zeigte mir zum wiederholten Mal dieselbe ernüchternde Antwort: kein Fahrer verfügbar. Die Straßen

waren beinahe leer. Das Stimmengewirr des Abends lag hinter mir, ebenso die Musik, die noch immer dumpf in meinen Ohren nachklang. Vor mir lag ungefähr eine halbe Stunde Fußweg.

Nicht ideal. Aber machbar.

Zumindest redete ich mir das ein, während ich die Jacke enger um mich zog und losging.

Chace hätte mich vermutlich eigenhändig zurück zur Party getragen, wenn er gewusst hätte, dass ich nachts allein durch die Stadt lief. Mein großer Bruder hatte ein Talent dafür, aus jeder Situation eine persönliche Sicherheitskrise zu machen. Deshalb würde er es schlicht nicht erfahren. Problem gelöst.

Ich war erst ein paar Straßen weit gekommen, als Stimmen aus einer schmalen Gasse zu mir herüberdrangen. Männerlachen, das kurze Aufglimmen einer Zigarette, irgendwo Musik aus einem Handy.

Und dann sah ich ihn.

William.

Will für fast alle Menschen, die ihn lange genug kannten. Für mich war er in meinem Kopf erstaunlich oft William, obwohl ich nicht einmal genau wusste, warum.

Er lehnte mit ein paar Freunden an einer Backsteinwand, dunkle Lederjacke, Zigarette zwischen den Fingern, sein Motorrad nur wenige Meter entfernt. Ich kannte dieses Bild von ihm. Eigentlich kannte ich ihn mein ganzes Leben. Er war Chaces bester Freund, seit die beiden praktisch Kinder gewesen waren. Der Junge, der früher ständig bei uns herumgehangen hatte, war irgendwann zu einem Mann geworden, über den Leute Geschichten erzählten. Motorräder. Ärger. Frauen. Dinge aus seiner Vergangenheit, über die Chace nie besonders gern sprach.

Und leider sah er dabei auch noch unverschämt gut aus.

Ich hatte gelernt, diesen Gedanken dort zu lassen, wo er hingehörte: in meinem Kopf.

Tabu.

Chaces bester Freund.

Ende der Geschichte.

Will drehte den Kopf und erkannte mich sofort.

Sein Gesicht veränderte sich.

Nicht stark. Bei ihm veränderte sich selten etwas stark. Aber die lockere Aufmerksamkeit, mit der er eben noch bei seinen Freunden gewesen war, verschwand.

„Hey.“ Sein Blick glitt kurz die Straße hinter mir entlang. „Was machst du hier?“

„Ich versuche irgendwie heimzukommen.“ Ich hob mein Handy, als wäre es Beweismaterial. „Es fährt kein einziges Taxi mehr. Ich muss wohl laufen.“

Er nahm einen letzten Zug von seiner Zigarette und drückte sie an der Mauer aus.

„Du willst jetzt zu Fuß nach Hause?“

Die Art, wie er das fragte, machte deutlich, dass er meine Antwort bereits für falsch hielt.

„Sind nur ungefähr dreißig Minuten.“

„Alleine? Um die Uhrzeit?“

Ich öffnete den Mund.

Er schüttelte bereits den Kopf.

„Vergiss es. Ich fahr dich.“

Will löste sich von der Wand und ging zu seinem Motorrad. Seine Freunde bekamen nur ein kurzes Handzeichen. Niemand schien überrascht, niemand versuchte, ihn aufzuhalten.

Und sofort bekam ich ein schlechtes Gewissen.

„Das ist wirklich nicht nötig. Ehrlich. Ich kann laufen.“ Ich folgte ihm ein paar Schritte. „Chace wird davon nichts erfahren, versprochen. Du musst jetzt nicht wegen mir deinen Abend abbrechen.“

Er öffnete das Helmfach und hielt inne.

Als er sich wieder zu mir drehte, war da etwas in seinem Blick, das mich automatisch verstummen ließ.

„Eine halbe Stunde. Zu Fuß. Alleine. Um zwei Uhr nachts.“

„Will—“

„Mir ist egal, ob dein Bruder davon erfährt.“

Seine Stimme war ruhig. Nicht scharf, nicht genervt. Gerade deshalb war sie so schwer zu ignorieren.

„Darum geht’s nicht.“

Er zog einen zweiten Helm heraus.

„Du bist keine Last. Und meine Jungs laufen nicht weg.“

Der Helm landete in seinen ausgestreckten Händen zwischen uns.

„Fünf Minuten auf dem Motorrad oder ich laufe die halbe Stunde neben dir her. Deine Wahl.“

Ich starrte ihn an.

Er meinte es ernst.

Natürlich meinte er es ernst.

Und ein ziemlich verräterischer Teil von mir dachte, dass eine halbe Stunde mit William neben mir plötzlich gar nicht mehr so schlimm klang.

„Okay.“ Ich nahm ihm den Helm ab. „Dann fahren wir.“

Ein winziger Zug um seinen Mund.

Sieg.

„Danke. Wirklich. Und tut mir leid, dass du das jetzt machen musst.“

„Hör auf, dich zu entschuldigen.“

Ich sah auf den Helm in meinen Händen und dann auf das Motorrad.

Erst jetzt wurde mir bewusst, dass es ein kleines Problem gab.

„Ich bin noch nie Motorrad gefahren.“

Sein Mundwinkel hob sich.

„Noch nie?“

„Nein.“

Will schwang sich auf die Maschine und sah über die Schulter zu mir.

„Ist nicht schlimm. Helm auf. Hinter mich. Und du hältst dich an mir fest.“

Mein Herz stolperte auf eine Weise, die absolut nichts mit Motorrädern zu tun hatte.

„An dir.“

„Nicht an der Jacke.“ Seine Augen blitzten kurz amüsiert. „An mir. Wenn ich in die Kurve gehe, gehst du mit. Nicht dagegen.“

Er klopfte auf den Sitz hinter sich.

„Und wenn du Angst kriegst, sagst du Bescheid. Ich fahr langsam.“

Dann wurde sein Blick für einen Moment ernster.

„Vertrau mir einfach, ja?“

Ich hätte nicht so schnell antworten sollen.

„Okay. Ich vertraue dir.“

Vielleicht lag es daran, dass ich ihn seit meiner Kindheit kannte. Vielleicht daran, dass Will trotz allem, was über ihn erzählt wurde, nie jemand gewesen war, vor dem ich Angst gehabt hatte.

Oder vielleicht daran, dass mein Körper längst Dinge über ihn wusste, die mein Kopf seit Jahren erfolgreich ignorierte.

Ich setzte den Helm auf und stieg hinter ihm auf.

Für einen Augenblick wusste ich nicht, wohin mit meinen Händen.

Will hob seine Jacke ein Stück, damit ich meine Arme um seine Mitte legen konnte.

Mein Zögern dauerte nur Sekunden.

Dann schlang ich die Arme um ihn.

Unter dem dünnen Stoff seines Shirts spürte ich die feste Spannung seines Körpers.

Zu nah.

Der Gedanke kam sofort.

Das hier war zu nah.

Ich saß hinter dem besten Freund meines Bruders auf einem Motorrad, mitten in der Nacht, die Arme um seinen Körper gelegt.

Aber er fuhr mich nur nach Hause.

Mehr war das nicht.

Der Motor erwachte unter uns mit einem tiefen Grollen.

Und ich ahnte noch nicht, wie oft ich mir diesen Satz in den nächsten Stunden würde sagen müssen.

WILL

Hope hatte ihre Arme um mich gelegt.

Das war ein Problem.

Nicht das Motorrad. Nicht die Uhrzeit. Nicht Chace.

Ihre Arme.

Ich spürte genau, wie vorsichtig sie mich zunächst berührte, als wollte sie verhindern, dass ihr Körper zu viel von meinem wahrnahm. Dann setzte ich die Maschine in Bewegung und ihre Hände schlossen sich fester.

Ich fuhr langsamer als sonst.

Deutlich langsamer.

Das redete ich mir zumindest als Rücksicht auf ihre erste Fahrt schön.

Die Wahrheit war, dass ich jeden kleinen Wechsel ihres Griffs bemerkte. Dass der Duft ihres Parfüms sich mit Leder, kalter Nachtluft und dem Rest Rauch in meiner Jacke mischte. Dass ich mich viel zu bewusst daran erinnerte, wer hinter mir saß.

Hope.

Nicht einfach Chaces kleine Schwester.

Das war ja das verdammte Problem.

Sie war seit Jahren erwachsen. Ich hatte nur sehr viel Übung darin entwickelt, so zu tun, als hätte ich das nicht bemerkt.

An einer roten Ampel hielt ich.

„Alles gut da hinten?“

„Ja.“

Ich legte meine Hand für einen kurzen Moment über ihre verschränkten Finger an meinem Bauch.

Dumme Idee.

Sehr dumme Idee.

Ich nahm sie sofort wieder weg.

„Halt dich ruhig fester. Ich beiße nicht.“

Ihr Griff veränderte sich.

Ich spürte es sofort.

„Danke. Alles gut.“ Ihre Stimme kam gedämpft durch den Helm. „Macht echt Spaß. Hätte ich nicht gedacht.“

Dann, als hätte sie beschlossen, meine Selbstbeherrschung persönlich zu testen:

„Du kannst auch etwas schneller fahren, wenn du willst. Ich halte das schon aus.“

Mir entkam ein kurzes Lachen.

„Du willst schneller?“

Die Ampel sprang auf Grün.

Ich hätte vernünftig sein können.

Stattdessen sagte ich: „Halt dich gut fest.“

Ich beschleunigte.

Nicht annähernd so, wie ich allein gefahren wäre. Aber genug, dass Hope ihre Arme reflexartig enger um mich zog und sich ihr Körper bei der nächsten Kurve mit meinem bewegte.

Fuck.

Ich konzentrierte mich auf die Straße.

Weiße Markierungen.

Ampeln.

Kurven.

Alles, nur nicht darauf, wie sie sich an mir anfühlte.

Die kleine Schwester meines besten Freundes.

Genau.

Dieser Satz hatte früher besser funktioniert.

Als die vertrauten Straßen ihres Viertels auftauchten, nahm ich das Gas zurück.

Vielleicht etwas früher als nötig.

„Chace schläft hoffentlich schon“, rief ich über die Schulter. „Sonst darf ich erklären, warum seine Schwester um zwei Uhr nachts auf meinem Motorrad sitzt.“

„Soweit ich weiß, ist er gar nicht zu Hause. Sonst hätte er mich schon vor der Party genervt.“

Mein Blick blieb auf der Straße.

Chace war nicht da.

Diese Information war völlig irrelevant.

Mein Kopf speicherte sie trotzdem ab.

HOPE

Als das Motorrad vor unserem Haus verstummte, war die plötzliche Stille fast unangenehm.

Ich nahm den Helm ab.

Und ging nicht zur Tür.

Eigentlich hätte ich genau das tun sollen. Danke sagen, gute Nacht wünschen, hineingehen.

Stattdessen blieb ich bei ihm stehen und hasste, wie schnell fünf Minuten vergehen konnten.

Will zog seinen Helm ab und fuhr sich durchs Haar. Im Licht der Straßenlaterne sah er anders aus als in der Gasse. Weniger wie der Mann, der mit seinen Freunden herumhing. Ruhiger.

Sein Blick wanderte zum dunklen Haus.

„Also ist er nicht da.“

„Nein.“

„Dann sorg dafür, dass du hinter dir abschließt, ja?“

Ich nickte.

Er machte trotzdem keine Anstalten zu fahren.

„Oder brauchst du noch jemanden, der nachsieht, ob kein Monster unter deinem Bett liegt?“

Sein Mundwinkel hob sich.

In meinem Kopf entstand sofort eine Antwort, die ich niemals laut sagen würde.

Ja. Bitte. Sieh nach. Und wenn du schon da bist, bleib einfach.

„Ich werde abschließen.“ Ich zwang mich zu einem normalen Lächeln. „Und danke fürs Heimfahren. War eine ziemlich coole erste Motorradfahrt.“

Umarmen?

Nicht umarmen?

Was machte man mit dem besten Freund seines Bruders, nachdem man sich die ganze Fahrt an ihm festgehalten und viel zu viel dabei gefühlt hatte?

„Wir sehen uns bestimmt die Tage, wenn du Chace besuchen kommst.“

Geh jetzt rein, Hope.

„Oder… willst du noch mit reinkommen? Etwas essen oder trinken oder so? Als kleines Dankeschön.“

Oh Gott.

Ich hatte es wirklich gesagt.

Wills Blick ging zum Haus.

Dann zurück zu mir.

Er schwieg lang genug, dass ich jedes einzelne Wort meiner Einladung bereute.

„Ich sollte nicht.“

Die Enttäuschung kam viel zu schnell.

Natürlich sollte er nicht.

Er hatte recht.

„Dein Bruder ist zwar nicht da“, fuhr er fort, „aber wenn irgendein Nachbar um halb drei mein Motorrad vor eurer Tür stehen sieht und Chace davon erzählt, hab ich ein Problem, das kein Helm der Welt lösen kann.“

„Ja.“ Ich versuchte zu lachen. „Wahrscheinlich.“

Will trat näher.

Nur einen Schritt.

Trotzdem vergaß ich kurz, wie Atmen funktionierte.

Seine Fingerknöchel strichen flüchtig über meine Wange.

Eine so kleine Berührung, dass ich mir fast hätte einreden können, sie hätte nichts bedeutet.

Mein Körper glaubte mir kein Wort.

„Trink ein Glas Wasser und schlaf gut, ja?“

Er trat wieder zurück.

„Aber beim nächsten Mal sagst du mir vorher Bescheid, wenn du irgendwo hinmusst.“

Ich blinzelte.

„Chace?“

„Nein.“

Sein Blick hielt meinen fest.

„Mir.“

Mein Herz schlug so laut, dass ich überzeugt war, er müsste es hören.

„Okay, William. Mach ich.“

Ich drehte mich zur Haustür, bevor mein Gesicht mich verraten konnte.

Jeder Schritt fühlte sich falsch an.

Ich wollte mich umdrehen.

Tat es nicht.

Erst als mein Schlüssel bereits im Schloss steckte, hörte ich ihn.

„Hey.“

Ich blieb stehen.

Als ich mich umdrehte, saß er noch immer auf dem Motorrad.

„Morgen bei Jason“, begann er. „Gehst du jetzt eigentlich hin?“

Jason.

Die Party, von der meine Freundin den ganzen Abend gesprochen hatte, bevor sie mir kurz zuvor abgesagt hatte.

„Bis jetzt eher nicht. Meine Begleitung ist abgesprungen.“

Will hob das Visier seines Helms wieder an.

Eine kleine Pause.

„Dann komm mit mir.“

Ich starrte ihn an.

„Was?“

„Ich wollte sowieso hin.“ Sein Ton war lässig. Zu lässig. „Ich hol dich ab, fahr dich hin und zurück. Kein Taxi. Kein nächtlicher Spaziergang.“

Mein Magen machte etwas vollkommen Lächerliches.

„Du fragst mich gerade, ob ich mit dir auf eine Party gehe?“

„Ich frage dich, ob du eine Mitfahrgelegenheit möchtest.“

„Natürlich.“

Sein Mundwinkel verriet ihn.

„Ganz normal“, ergänzte er.

Das Wort hing zwischen uns und klang überhaupt nicht normal.

„Chace muss davon nichts wissen“, sagte er. „Wir treffen uns einfach an der Tankstelle zwei Straßen weiter. Um neun.“

Das hätte mich abschrecken sollen.

Stattdessen fühlte es sich an wie ein Geheimnis.

Unser erstes.

„Okay.“

„Du hast meine Nummer.“

Dann klappte er das Visier herunter.

„Schlaf gut, Hope.“

Der Motor sprang an.

Ich blieb in der offenen Haustür stehen, bis sein Rücklicht am Ende der Straße verschwunden war.

Erst dann schloss ich hinter mir ab und lehnte mich mit dem Rücken gegen die Tür.

Was zum Teufel war gerade passiert?

Morgen.

William und ich.

Zusammen auf eine Party.

Ich presste beide Hände gegen mein Gesicht und musste trotzdem grinsen.

Danke, lieber Gott, dass heute kein Taxi gekommen war.

WILL

Ich fuhr nicht nach Hause.

Das hätte ein vernünftiger Mensch getan.

Ich war offensichtlich keiner.

Stattdessen landete ich auf einer Brücke über dem Kanal, stellte den Motor ab und saß im Dunkeln auf meiner Maschine, während ich versuchte, eine einfache Frage zu beantworten:

Was zur Hölle machte ich da?

Hope war fünfundzwanzig.

Erwachsen.

Das war nicht das Problem.

Das Problem hieß Chace und war seit mehr als zwanzig Jahren mein bester Freund.

Das andere Problem war, dass ich Hope nicht erst seit heute Abend attraktiv fand.

Darüber dachte ich grundsätzlich nicht nach.

Funktionierte hervorragend.

Bis vor ungefähr einer Stunde.

Ich zog mein Handy heraus.

Ihr Kontakt stand nüchtern im Display.

Hope.

Mein Daumen schwebte über der Tastatur.

Ich tippte.

Löschte.

Tippte wieder.

Bist du drin? Tür abgeschlossen?

Ich schickte die Nachricht ab und ärgerte mich im selben Moment darüber, wie verdammt schnell ich auf eine Antwort wartete.

Drei Sekunden später schrieb ich noch eine.

Wegen morgen: Sag niemandem, dass ich dich fahre. Tankstelle zwei Straßen weiter. Neun Uhr.

Chace würde mich umbringen.

Das Schlimmste daran war, dass mich dieser Gedanke gerade nicht annähernd genug störte.

HOPE

Mein Handy vibrierte, kaum dass ich mein Schlafzimmer erreicht hatte.

Ich griff so schnell danach, dass es peinlich gewesen wäre, wenn jemand zugesehen hätte.

William.

Allein sein Name auf meinem Display ließ mein Herz wieder schneller schlagen.

Bist du drin? Tür abgeschlossen?

Ich biss mir auf die Lippe.

Ja. Abgeschlossen. Liege schon im Bett.

Gelogen. Ich stand noch mitten im Zimmer.

Dann seine zweite Nachricht.

Morgen. Neun Uhr. Tankstelle.

Ich bestätigte.

Eigentlich hätte das gereicht.

Gute Nacht. Ende.

Stattdessen starrte ich auf unseren Chat und wusste genau, dass ich nicht wollte, dass der Abend vorbei war.

Bist du wieder zu deinen Freunden gefahren?

Absenden.

Sofort fragte ich mich, ob das zu interessiert wirkte.

Dann kamen die kleinen Punkte.

Nein. Sitze auf irgendeiner Brücke und starre ins Wasser wie ein Idiot.

Ich lächelte so breit, dass meine Wangen wehtaten.

Eine zweite Nachricht.

Wollte noch nicht nach Hause. Keine Ahnung warum.

Und eine dritte.

Du solltest schlafen statt mit mir zu schreiben. Morgen ist Chace wieder da und dann wird das hier schwieriger.

Schwieriger.

Nicht falsch.

Nicht vorbei.

Schwieriger.

Ich las das Wort zweimal.

Mein Bruder wird davon nichts erfahren. Mein Handy ist für ihn tabu, das weiß er.

Dann zwang ich mich, wenigstens so zu tun, als wäre ich vernünftig.

Aber ja, du hast recht. Ich sollte schlafen. Pass auf dich auf und komm gut nach Hause, William.

Meine Finger schwebten kurz über Senden.

Zu viel?

Ich schickte es trotzdem.

WILL

William.

Sie schrieb William.

Ich hatte keine Ahnung, warum mir das auffiel.

Tat es aber.

Mach dir keine Sorgen um mich. Bin gleich zuhause.

Gelogen.

Ich saß noch immer auf der Brücke.

Und ja. Schlaf. Einer von uns sollte vernünftig sein und wir wissen beide, dass ich es nicht bin.

Ich legte das Handy weg.

Nahm es dreißig Sekunden später wieder.

Gute Nacht. Und zieh dir was Warmes an. Du hattest vorhin kalte Hände.

Ich starrte auf die Nachricht.

Was stimmte eigentlich nicht mit mir?

Ihre Antwort kam fast sofort.

Süß, dass du dir Sorgen machst. Mir ist warm, danke. Gute Nacht.

„Süß?“

Ich sagte das Wort laut in die leere Nacht.

Dann musste ich lachen.

Ich mach mir keine Sorgen. Ich bin einfach aufmerksam. Großer Unterschied.

Und weil ich offenbar jeden Rest Selbstschutz für heute aufgebraucht hatte:

Und nenn mich nicht süß. Davon kriegt ein Mann auf einer Brücke um drei Uhr nachts eine Identitätskrise.

Ihre Antwort:

Okay, sorry, William. Du bist nicht süß. Hahaha.

Ich schnaubte.

Dann tippte ich die letzte Nachricht für diese Nacht.

Gute Nacht. Morgen. Neun Uhr. Vergiss es nicht.

Niemals, kam zurück.

Ich steckte das Handy ein und startete endlich den Motor.

Auf dem Weg nach Hause versuchte ich, mir einzureden, dass morgen nichts passieren würde.

Ich würde Hope abholen.

Wir würden zu Jason fahren.

Andere Leute würden da sein.

Alles vollkommen harmlos.

Ganz normal.

Ich wusste schon in dieser Nacht, dass das gelogen war.

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