KAPITEL I
Jakob, 06:30
Es war nicht seine Art. Er würde sich nicht so einfach geschlagen geben. Jakob stand vor dem Spiegel mit der Waffe an seiner Schläfe. Die heißen Tränen liefen an seiner Wange herunter, während er versuchte, Augenkontakt mit sich selbst zu halten.
Sie hatten es verdient, auch zu sterben, wenn er es schon musste. Sie waren schuld. Sollte all das umsonst gewesen sein? Wie schwer es gewesen war, die Waffen und die Patronen zu besorgen.
„Du weißt, dass du das kannst“, flüsterte er sich selbst zu. Er wusste immer, wenn jemand ihn belog, vor allem natürlich, wenn er es selber war.
Sein Blick schweifte zu seinem schwarzen Rucksack. Die Anleitungen aus dem Darknet waren undeutlich, und ob alles funktionieren würde wie geplant, stand in den Sternen.
Aber er musste es probieren, nur so hatte alles einen Sinn. Er wollte sie nicht davonkommen lassen. Der Gedanke an die Angst und das Leid, das er auszulösen gedachte, ließ ihn zögern, aber nichts reizte ihn mehr, als endlich ernst genommen zu werden. Heute würden ihn alle ernst nehmen. Niemand würde lügen. Er auch nicht.
„Ich liebe sie.“ Es war nicht gelogen.
„Jakob, bist du fertig? Du weißt, ich muss zur Arbeit. Willst du laufen?“
„Bin bereit.“ Gelogen.
Lena, 06:45
Als der Handywecker zum vierten Mal klingelte, merkte Lena, dass Gegenwehr zwecklos war, und setzte sich müde in ihrem Bett auf. Neuer Tag, neues Glück. Ihr Zimmer war voll von solchen kalenderspruchartigen Mantras, aber es fiel ihr immer schwerer, ihnen zu glauben.
„Lena, bist du wach? Frühstück!“, schallte es aus dem Erdgeschoss.
„Ja, Mama, komme.“
Als Lena die Wendeltreppe ins Wohnzimmer hinunterlief, dachte sie darüber nach, wie sehr sie es hasste, ohne Zähne zu putzen zu frühstücken. Aber ihre Mutter musste früh los, und früher aufzustehen war keine Option.
Aber jetzt hieß es, sich auf das Schöne zu konzentrieren. Der einfach angerichtete Esstisch mit Blumen und Osterdeko sah wunderschön aus. Die Sonne malte den Raum in dramatischer Beleuchtung. Keine schlechte Kulisse für ein paar Cornflakes mit Milch. Ihre Mutter verabschiedete sich, und Lena ging hoch, um sich fertig zu machen und ihren Rucksack zu packen.
Am liebsten würde sie sich gar nicht schminken, aber die Schule war ein Haifischbecken. Aber mehr noch war sie eine Bühne: Jeder Schritt eine Performance und jeder Satz könnte den sozialen Tod bedeuten. Das Schminken war fast ein Ritual, die magische Grenze zwischen Schul-Lena und Zuhause-Lena. Eine Grenze, die mit jedem Jahr immer deutlicher wurde. Sie hasste Schul-Lena, aber Schul-Lena war beliebt und wusste, was sie tat. Sie war nicht unsicher und nicht hilflos. Sie war schlagfertig und gemein. Sie war notwendig wie eine kugelsichere Weste: reiner Selbstschutz.
„Reiner Selbstschutz“ – wie ein Mantra waren das die morgendlichen letzten Worte von Zuhause-Lena.
Am Ende war es ein ganz normaler Freitag. Und wie an jedem Schultag klingelte Jonas.
Jonas, 07:20
„Jeden Tag das Gleiche.“ Jonas schaute leicht genervt auf die Haustür, als sie sich endlich nach dem fünften Klingeln öffnete.
„Tut mir SO leid“, sagte Lena.„Ich kam einfach nicht aus dem Bett.“
„Schon gut“, sagte Jonas. Es war keine große Sache. Einen flüchtigen Kuss später waren beide auf dem Weg zur Schule. Ein Laufweg von gerade einmal 20 Minuten.
Die beiden waren seit ungefähr drei Monaten zusammen, wobei Jonas es nicht so eng nahm. Er war der beliebteste Junge der Schule, und er war sich ziemlich sicher, dass Lena sowieso wusste, dass er sich noch mit anderen traf. Auch wenn er es nie direkt gesagt hatte. Musste er das? Sie konnte glücklich sein, dass er sich überhaupt für sie entschieden hatte. Eigentlich wollte er das in der Oberstufe vermeiden, aber sie sah wirklich sehr gut aus und war selbst ziemlich beliebt. Insofern war es vertretbar.
Lena wirkte heute besonders ruhig. Sonst erzählte sie auf dem Schulweg mit übereifriger Stimme alles, was ihr gerade über den Weg gelaufen war, aber heute blieb sie still. Jonas registrierte es, wie er immer alles registrierte: kurz, aber analytisch. Vielleicht Stress wegen Mathe, vielleicht Ärger zu Hause. Vielleicht war es auch das Wetter, wechselhaft und schwer über allem, als hätte der Tag schon beschlossen, nichts Gutes zu bringen.
Er schob den Gedanken beiseite und konzentrierte sich auf sein Handy. Neue Storys, neue Likes. Ein Meme über ihren Mathelehrer, ein Kommentar seiner Fußballkumpels. Jonas lachte laut auf und zeigte es Lena. Sie grinste bemüht, aber es war nicht ihr echtes Lächeln.
Jonas seufzte und steckte sein Handy weg, eine Geste aufgesetzter Geduld.
„Alles klar bei dir?“
Lena zuckte nur mit den Schultern. „Schon. War nur spät gestern.“
„Warum?“
„Hat sich so ergeben.“
An der Ampel setzte er sich mit einem langen Schritt in Bewegung und ließ sie eine halbe Stufe hinter sich zurück.
Sein Tonfall. Zu streng. Er wusste es, aber dieses einfühlsame Zeug fiel ihm einfach schwer. Disziplin, das war alles, was sein Vater je hatte gelten lassen. Und was sollte er auch tun? Er hielt sich für etwas Besseres, und war er das nicht auch? Groß, sportlich, klug, gutaussehend. Trotzdem nagte etwas an ihm, eine leise, sture Unzufriedenheit.
Ein kurzer, hässlicher Gedanke blitzte auf – ob jemand anderes sie wach gehalten hatte.
Er schob ihn beiseite. Lächerlich. Als ob.
Tom, 07:45
Jakob war zu spät. Das war eigentlich untypisch für ihn, aber was soll’s.
Tom hatte ihn schon immer etwas seltsam gefunden, aber ihre Freundschaft hatte sich nun mal ergeben. Außerdem sah er neben ihm immer gut aus, in jedem Sinne.
Während Tom vor der Schule stand und sein Blick über die Straße schweifte, sah er Lena und Jonas. Das Traumpaar. Da hatten sich wohl zwei gefunden. Ob er es riskieren sollte, Hallo zu sagen? Sind wir ehrlich: Der Einzige, der weniger Chancen bei Lena hatte als er, war Jakob. Wobei Jakob das auch deutlich mehr störte als ihn.
Das Schlurfen erkannte Tom sofort: ein schleppendes, trauriges Hin und Her, als wäre jeder Schritt unfassbar anstrengend. Jakob tauchte auf, die Haare wild und das T-Shirt dermaßen nass, als wäre er in den Regen geraten. Er hob entschuldigend beide Hände, als käme er zu spät in den Unterricht, und schob ein schiefes Grinsen hinterher. Irgendwas an ihm war immer ein bisschen zu viel oder zu wenig. Nur Jakob schaffte es, gleichzeitig zu spät und zu früh zu wirken.
„Tut mir leid, Tom, meine Mutter hat mich diesmal woanders herausgelassen.“
Tom zog eine Augenbraue hoch. „Noch passt es ja. Soll ich dir den Rucksack kurz abnehmen?“
Tom schaute auf den sonderbar schwer herunterhängenden Rucksack auf Jakobs Schulter.
„Nein, nein, passt schon, danke.“
Unfassbar. Jakob wirkte noch komischer als sonst. Aber was hieß das schon? Meistens nichts.
Jakob schob die Hände in die Jackentaschen und sah zu Jonas, der Lena zum Lachen brachte. Seine Gesichtszüge fielen kurz in sich zusammen, dann fing er sich. Musste Jakob es immer so raushängen lassen? Jeder wäre gerne mit Lena zusammen, aber so war das nun mal.
„Es ist bald acht, lass uns reingehen“, sagte Tom, und Jakob folgte ihm, ohne etwas dazu zu sagen.
Sie redeten nicht viel; ihr gesamter Umgang war mehr Routine als Freundschaft. Doch obwohl das so war, hatte Tom das Gefühl, dass er heute mal fragen sollte.
„Alles klar bei dir, Jakob?“








