Ein ganz normaler Dienstag in Finsterheul
Wenn man Ragnar Graupel vor fünf Jahren gesagt hätte, dass er als Alpha eines Werwolf-Rudels eines Tages freiwillig den Hausputz koordinieren würde, hätte er vermutlich nur milde gelächelt. Heute allerdings stand er mitten im Flur des Rudelhauses in Finsterheul, einen Staubsauger wie ein Schwert umklammert, und starrte mit weit aufgerissenen Augen an die Decke.
Dort oben, direkt in der Ecke zwischen dem alten Eichenbalken und dem Kronleuchter, saß Edgar.
Edgar war eine Winkelspinne von der Größe eines Untertellers. Zumindest kam sie Ragnar so vor. In Wahrheit maß Edgar vielleicht vier Zentimeter, aber für den Alpha von Finsterheul war das vier Zentimeter zu viel.
„Ragnar? Ist das dein Ernst?“, fragte Greta, seine Beta, die mit verschränkten Armen in der Tür zur Küche aufgetaucht war. Sie trug eine abgewetzte Jeans, Arbeitsstiefel und hatte einen Schwamm in der Hand, aus dem noch Spülmittelschaum tropfte. „Du bist der mächtigste Werwolf im Umkreis von dreihundert Kilometern. Du kannst einen ausgewachsenen Hirsch im Lauf anspringen. Und du zitterst vor einem Spinnentier, das nicht einmal Zähne hat?“
„Edgar hat Zähne! Ich spüre seinen Blick, Greta! Er plant etwas“, flüsterte Ragnar und wich mit dem Staubsaugerrohr einen Schritt zurück. „Außerdem ist das hier Reviermarkierung. Auf meinem Dachbalken.“
„Edgar wohnt hier seit fünf Jahren. Er fängt die Fliegen. Lass ihn in Ruhe“, seufzte Greta. Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn und schob eine dunkle Haarsträhne zurück. „Und vor allem: Hilf lieber mit! Wenn Tante Hilde gleich die nächsten Pfannkuchen fertig hat, stürmen die Kleinen wieder das Wohnzimmer.“
Wie auf Kommando ertönte aus dem ersten Stock ein Geräusch, das verdächtig nach einer Herde wild gewordener Büffel klang. Kurze Zeit später polterten zwei kleine Schattengestalten die Holztreppe hinunter. Es waren Leo und Maya, die fünfjährigen Zwillinge von Luna und Adrian. Sie hatten die Ohren ihrer Wölfe halb ausgefahren – eine Marotte, die sie immer zeigten, wenn sie zu viel Zucker erwischt hatten.
„Onkel Ragnar!“, rief Maya und bremste haarscharf vor seinem Schienbein ab. „Der Kater hat wieder auf Papas Schuhe geschlafen!“
„Der schwarze Schrecken darf das. Das sind jetzt seine Schuhe“, verkündete Leo mit voller Überzeugung und streckte die Zunge heraus.
Beide Kinder wirbelten herum, als Luna aus der Küche trat. Sie trug ein Tablett mit dampfenden Tassen und sah erstaunlich gelassen aus – abgesehen von ihrem Fell, das an ihren Unterarmen leicht bläulich hervorlugte. Seit ihrer Gefährtenbindung mit Adrian konnte sie sich zwar jederzeit verwandeln, doch ihre Fellfarbe passte sich noch immer unwillkürlich ihrer Stimmung an. Heute Morgen war es ein entspanntes Himmelblau.
„Kinder, zieht bitte die Schuhe aus, bevor ihr ins Wohnzimmer rennt. Oskar hat draußen gerade den Rasen gemäht und Bob hat versucht, die Haustür zu ölen“, sagte Luna warmherzig.
Adrian folgte ihr auf dem Fuß. Seine zweifarbigen Augen – das rechte grün, das linke blau – funkelten amüsiert, als er Ragnar mit dem Staubsauger beobachtete. „Immer noch im Kampfeinsatz gegen die Fauna von Finsterheul, Alpha?“
„Er belagert mich“, knurrte Ragnar, während er den Staubsauger langsam auf den Boden sinken ließ. „Wo ist eigentlich Mops?“
Ein leises, zufriedenes Schnarchen gab die Antwort. Mops, eines der treuesten und schlichtesten Rudelmitglieder, lag der Länge nach auf dem Teppich im Flur. Er hatte den Kopf auf die Füße des dicken, schwarzen Katers gelegt, der als Der schwarze Schrecken bekannt war. Der Kater würdigte niemanden im Raum auch nur eines Blickes, sondern putzte sich stoisch die Pfote. Mops hob kurz ein Augenlid, schnaufte einmal tief durch wie eine Bulldogge im Tiefschlaf und schloss das Auge wieder.
„Der Tag läuft doch wie am Schnürchen“, meinte Adrian und schnappte sich einen Apfel aus einer Schale auf dem Sideboard. „Seit der Sache mit dem Mondstein vor fünf Jahren war es hier im Rudel nicht mehr so ruhig. Keine Beschwerden, keine verlorenen Artefakte, kein Ärger mit dem Mondrat.“
„Sag das nicht laut“, warnte Greta und deutete mit dem feuchten Schwamm drohend auf ihn. „Jedes Mal, wenn jemand im Haus das Wort ‘ruhig’ benutzt, passiert irgendetwas. Letztes Mal hat Bob versucht, den Herd zu reparieren und wir mussten zwei Tage im Garten zelten.“
„Ich habe die Dichtung ausgetauscht! Sie war porös!“, erklang eine dumpfe Stimme von draußen. Bob stand auf der Terrasse, eine Rohrzange in der einen und einen Akkubohrer in der anderen Hand. Sein Gesicht war rußverschmiert, aber er lächelte stolz. „Übrigens, die Dachrinne hält jetzt wieder. Ich habe sie mit Panzertape und etwas Zaunreparaturset verstärkt.“
Greta schloss für einen kurzen Moment die Augen und holte tief Luft. „Danke, Bob. Wirklich. Eine Glanzleistung.“
Bevor die Situation weiter deeskalieren konnte, flog die schwere Eichentür zum Arbeitszimmer auf. Finn stürzte heraus. Der belesene Nachwuchs-Forscher des Rudels trug seine Brille schief auf der Nase, in den Händen hielt er einen dicken, verstaubten Ordner. Seine Haare standen in alle Himmelsrichtungen ab.
„Leute!“, rief Finn mit brüchiger Stimme. „Wir haben ein Problem. Ein sehr, sehr großes, bürokratisches Problem!“
Ragnar wandte sich langsam um. „Finn. Wenn es wieder darum geht, dass die Müllabfuhr die Biotonne nicht mitgenommen hat, weil Mops darin geschlafen hat–“
„Nein!“, unterbrach Finn ihn aufgeregt und gestikulierte wild mit dem Ordner. „Ich habe gerade die alten Archivunterlagen aus dem Dachgeschoss sortiert. Wusstet ihr, dass die Magische Betriebserlaubnis für autonome Rudel-Territorien alle fünf Jahre erneuert werden muss?“
Im Flur wurde es schlagartig still. Sogar der schwarze Kater hielt inne.
„Betriebserlaubnis?“, wiederholte Greta langsam. „Wir sind ein Werwolf-Rudel, kein Handwerksbetrieb.“
„Das sieht das Amt für Magische Infrastruktur & Ordnung aber anders!“, rief Finn und schlug den Ordner auf. „Hier steht es! § 12, Absatz 4 der Territorialverordnung! Wenn die Anträge nicht spätestens fünf Jahre nach der letzten Überprüfung vorliegen, erlischt der Status von Finsterheul als geschütztes Rudelgebiet!“
Ragnar runzelte die Stirn. „Und wann genau läuft diese Fünf-Jahres-Frist ab?“
Finn sah auf seine Armbanduhr, verfehlte die Skala, blickte kurz auf die Wanduhr und stammelte: „Heute Nacht. Um Punkt Mitternacht.“
Greta ließ den Spülschwamm fallen. Luna starrte Finn an, während sich ihr blauer Fellschimmer an den Armen blitzschnell in ein alarmierendes Leucht-Orange verwandelte.
„Heute Nacht?“, brüllte Ragnar. „Warum erfahren wir das erst jetzt?!“
„Weil Oskar die gelben Briefe aus dem Postkasten für den Kaminofen verwendet hat!“, rief Finn panisch, machte einen Schritt nach hinten, übersah die Stufe zum Wohnzimmer und marschierte rückwärts vollkommen ungerührt gegen den Türrahmen. „Er dachte, das wären Werbeflyer für Rasendünger!“
Ragnar griff sich an die Schläfen. Edgar saß unbeeindruckt auf seinem Balken. Und im Flur von Finsterheul brach das absolute Chaos aus.








