Kapitel 1. Der Bahnhof
Der Morgen war klar und kühl, und die Sonne stand tief über den Dächern.
Sarah stieg wie jeden Tag die Treppe zum Bahnsteig hinauf, die Hände tief in den Manteltaschen, den Schal bis zum Kinn gezogen. Ihre braunen Haare fielen ihr in weichen Wellen über die Schultern, und sie pustete sich eine Strähne aus dem Gesicht, während sie zur großen Uhr über den Gleisen blickte. Kurz vor acht. Wie immer.
Sie war fünfundzwanzig und arbeitete als Kauffrau im Büro der Bank ihrer Eltern, einem der angesehensten Familienunternehmen der Stadt.
Ihre Eltern hatten sich alles selbst aufgebaut, mit Ehrgeiz, Disziplin und einer Menge Nächte im Büro, und ihr Name öffnete in dieser Stadt Türen, bevor sie überhaupt anklopfte. Ihr Vater hätte ihr jederzeit einen Fahrer geschickt. Sarah nahm trotzdem lieber den Zug, weil sie an diesen Morgenstunden zwischen den fremden Gesichtern zum ersten Mal am Tag einfach nur Sarah war und nicht die Tochter von irgendwem.
Sie wohnte allein, in einer Wohnung mit zu vielen Pflanzen und einem Bücherstapel neben dem Bett, der nie kleiner wurde. Am Wochenende kochte sie für sich selbst, als würde sie Gäste erwarten, und morgens holte sie sich im Café gegenüber vom Bahnhof einen Milchkaffee, immer am selben Tisch am Fenster. Ein gutes Leben, sagte sie sich, ein Leben, um das andere sie beneideten. Auch wenn an stillen Abenden manchmal das leise Gefühl da war, dass ihr etwas fehlte, ohne dass sie hätte sagen können, was.
Der Bahnhof war voll wie immer. Pendler mit Kaffeebechern, eine Frau mit Kinderwagen, ein Mann, der in sein Handy sprach, als würde die ganze Welt zuhören. Sarah suchte sich ihren gewohnten Platz an der Säule und zog ihr Buch aus der Tasche.
Sie kam nicht dazu, die erste Seite zu lesen.
Ein paar Meter weiter stand eine Gruppe junger Männer, die lachten und sich gegenseitig anstießen. Und mitten zwischen ihnen stand er.
Er war größer als die anderen, hatte schwarze Haare, die ihm ein wenig in die Stirn fielen, und eine helle Haut, die im Morgenlicht fast leuchtete. Sehr gutaussehend, dachte Sarah und ärgerte sich sofort über den Gedanken. Dann hob er den Kopf,und seine Augen trafen ihre.
Sie waren hell, ein ungewöhnliches, klares Blau, fast silbrig, wie Eis über tiefem Wasser.
Damian stand seit einer Weile schon an diesem Bahnsteig, und nichts an diesem Morgen war anders als sonst. Er war achtundzwanzig und arbeitete als Architekt in einem kleinen Büro nicht weit vom Bahnhof. Der Beruf gefiel ihm, aber reich wurde man damit nicht, jedenfalls nicht als Angestellter in einem kleinen Büro. SeineWohnung war klein, sein Auto alt, und am Monatsende rechnete er meistens ziemlich genau. Es machte ihm weniger aus, als andere vermutet hätten. Er hatte, was er brauchte: seine Zeichnungen, seine Gitarre und zwei Freunde.
Tim und Jonas, die beiden Männer neben ihm, waren seine Kollegen und seit Jahren seine besten Freunde. Sie erzählten die selben Geschichten wie immer, er lachte an den richtigen Stellen, und trotzdem war da diese Leere, die er nie ganz loswurde, selbst wenn er mitten unter Menschen stand. Er war gut darin, freundlich zu sein, und schlecht darin, jemanden wirklich an sich heranzulassen.
Dann sah er sie.
Sie stand an der Säule, ein Buch in der Hand, und blickte ihn an, als hätte sie ihn gerade erst bemerkt. Haselnussbraune Augen, ein Mund, der aussah, als würde er gleich lächeln, sich aber noch nicht traute, und eine Strähne, die ihr immer wieder ins Gesicht fiel. Ihr Mantel war schlicht, aber gut geschnitten, und die Art, wie sie dastand, aufrecht und ein wenig zurückhaltend, verriet, dass sie aus einer anderen Welt kam als er. Das machte ihn nur noch befangener. Und doch blieb bei ihr etwas in ihm stehen, ganz still, wie eine Uhr, die man versehentlich anhält.
Sprich sie an, dachte er.
Er machte einen halben Schritt. Sein Mund öffnete sich. Was sollte er auch sagen? Kennen wir uns? Er kannte sie nicht. Und doch fühlte es sich an, als hätte er sie schon tausend mal gesehen.
Dann kam der Zweifel, kalt und vertraut. Sie wirkte so echt, so nah, dass es beinahe unwirklich war.
Was, wenn er sie ansprach und sie einfach verschwand? Was, wenn er sich nur ein Gesicht ausgedacht hatte, weil er sich so sehr wünschte,dass jemand wie sie existierte?
Er hätte es nicht ertragen, wenn es so wäre. Vielleicht war es besser, sie einfach anzusehen und zu glauben, dass sie echt war, solange der Zug noch nicht kam.
„Hey, Damian, träumst du?“, rief Jonas. Sarah wandte als Erste den Blick ab. Sie starrte in ihr Buch, als gäbe es dort etwas Wichtiges zu lesen, doch er sah, dass ihre Wangen ein wenig rot geworden waren.
Er schluckte die Worte hinunter. Als die Bahn einfuhr, ließ er sich von seinen Freunden mitziehen. An der Tür sah er noch einmal über die Schulter zurück. Sie stand immer noch da, das Buch an die Brust gedrückt, und schaute ihm nach. Nur einen Herzschlag lang.
Dann schlossen sich die Türen.
Sarah blieb auf dem Bahnsteig zurück und sah dem Zug hinterher, bis er hinter der Kurve verschwand. Ihr Herz klopfte, was albern war. Sie hatte einen Fremden angesehen, mehr nicht.
Sie holte sich im Café ihren Milchkaffee und setzte sich an ihren Tisch am Fenster. Sie hatte kein Interesse an fremden Männern am Bahnhof. Wirklich nicht. Sie las den selben Satz dreimal, ohne ein Wort davon zu behalten.
Das Bankgebäude lag mitten in der Innenstadt, ein Haus aus hellem Stein mit hohen Fenstern und einem Messingschild neben dem Eingang, aufdem der Name ihrer Familie stand. Am Empfang begrüßte sie Frau Keller, die schon seit Sarahs Kindheit dort arbeitete.
„Guten Morgen, Sarah. Dein Vater fragt schon zweimal nach dir. Der Bericht für die Sitzung.“
„Ich habe ihn gestern fertig gemacht“, sagte Sarah und lächelte.
„Ich bringe ihn gleich hoch.“
Ihr Büro lag im dritten Stock, mit Blick auf den Marktplatz. Sie erledigte ihre Arbeit gründlich und ohne Aufsehen: Kundenakten, Korrespondenz, Zahlen, die stimmen mussten. Alle wussten, wessen Tochter sie war, und manche behandelten sie deshalb mit einer Vorsicht, die sie hasste. Sie wollte, dass man sie wegen ihrer Arbeit schätzte, nicht wegen ihres Namens. Darum war sie immer die Erste im Büro und die Letzte, die ging.
An diesem Vormittag las sie dieselbe Zahlenkolonne dreimal durch und musste jedes Mal von vorn anfangen.
Das Architekturbüro lag im zweiten Stock eines alten Backsteinhauses, mit hohen Fenstern und einem Zeichentisch, der schon älter war als Damian selbst. Er arbeitete gerade an den Plänen für ein Wohnhaus am Stadtrand, und normalerweise konnte er sich stundenlang in Linien und Proportionen verlieren. Heute rutschte sein Stift immer wieder ab.
„Du hast jetzt zum dritten Mal dieselbe Wand gezeichnet“, sagte Tim und lehnte sich über seine Schulter.
„Habe ich nicht.“
„Doch. Und sie ist schief.“
Damian legte den Stift hin und rieb sich die Augen. Vor ihm lag das Skizzenbuch, das er immer bei sich trug, weil er unterwegs gern Gebäude und Gesichter zeichnete. Auf der aufgeschlagenen Seite war keine Wand zu sehen. Da waren Haselnussaugen, eine widerspenstige Strähne und ein Mund, der fast lächelte.
Er klappte das Buch zu, schneller, als er wollte.
Am Abend saß er in seiner kleinen Wohnung aufdem Sofa, die alte Gitarre auf dem Schoß, und spielte ein paar Akkorde, ohne wirklich zu zuhören.
Er dachte an ihren Blick, an das Buch an ihrer Brust, an die roten Wangen.
Eine Frau wie sie, dachte er, würde sich nie für jemanden wie ihn interessieren. Aber sie war da gewesen. Sie hatte zurückgesehen. Vielleicht war das genug für heute.
Sarah stand am Abend in ihrer Küche und rührte in einer Suppe, für die sie eigentlich zu viel Gemüse geschnitten hatte. Die Pflanzen am Fenster hatten Wasser bekommen, der Bücherstapel neben ihrem Bett war um ein Buch gewachsen. Ihre Mutter hatte angerufen und gefragt, ob sie am Sonntag zum Essen komme, wie jede Woche. Sarah hatte ja gesagt, wie jede Woche.
Sie dachte an die blaue Augen.
Sie schüttelte den Kopf, lachte über sich selbst und probierte die Suppe. Aber als sie später im Bett lag und ins Dunkel starrte, wusste sie genau, was sie morgen früh tun würde: ein bisschen früher aufstehen, den Schal etwas sorgfältiger binden und sich an die Säule stellen. Nur für den Fall.








