Kapitel 1 ~ Azara
Im Schlaf zu fallen löst Gefühle von Schock und Panik aus, die unvorhersehbar und plötzlich einschlagen wie Blitze und auf genau diesem Wege wieder verschwinden. Im Vergleich dazu, ist das Gefühl, die Welt um einen herum würde ohne ersichtlichen Grund zerbersten, die schleichende Angst, die sich nach und nach in Panik verwandelt, wie ein herannahendes Unwetter. Du spürst es aber siehst es nicht kommen. Wenn du es dann siehst, verstehst du nicht das Ausmaß. Erst wenn es bereits am Wüten ist, wird dir bewusst, wie verheerend die Folgen dessen sind.
Welches der beiden Arten von Gefühl wiegt schwerer? Eine klare Antwort darauf zu geben ist nicht möglich, weil die Meinungen subjektiv sind. Es liegt im Auge des Betrachters und dieser macht es ganz deutlich von der Situation abhängig. Allerdings bleibt eines gleich. Das Gefühl, welches verspürt wird, ist keine Laune der Natur, sondern ein echtes Gefühl, das den Menschen einnimmt und in seinem Denken und Handeln beeinträchtigt. Beide Arten der Angst können somit bleibende Schäden hinterlassen, die nicht heruntergespielt werden sollten.
Zählt es als Herunterspielung, wenn nicht darüber gesprochen wird? Wenn die Angst da ist aber niemand außer einem selbst es weiß. Vermutlich. Aber wie soll jemand über sowas sprechen, wenn das Gefühl, in dem Punkt ernst genommen zu werden, einem geraubt wurde?
So, here we are.
Seit gestern habe ich ein Prickeln im Nacken. Eines von der negativen Art. Jenes stellt mir die Nackenhaare auf und lässt mich alle paar Sekunden über die Schulter blicken, um die Ursache zu finden.
Obwohl ich mit Dante innerhalb unserer vier Wände sitze und mich sicher fühlen sollte, fühle ich es nicht.
Meine damalige Psychologin würde mit mir sicherlich das Gefühl des Verfolgungswahns bis ins Detail analysieren. Sie würde so etwas sagen wie: »Azara, denk einmal in Ruhe darüber nach, ob es nicht einen anderen Grund gibt, weshalb das schwarze Auto langsamer fährt als erlaubt. Vielleicht ist es jemand, der sich in der Gegend nicht auskennt.« Und ich würde ihr zustimmen, weil ich es immer getan habe. Sie würde mir raten, mich Dante anzuvertrauen, damit er ein Auge auf die Umgebung wirft, was er sowieso seit Jahren macht und Überraschung, nie ist ihm etwas merkwürdiges aufgefallen.
In seine Arbeit auf dem Laptop vertieft, sitzt er auf der cremefarbenen Couch. Das dunkelbraune Haar kurz und ordentlich. Ein helles Hemd bedeckt den trainierten Oberkörper, während die schwarze Stoffhose die Beine bedeckt. Seine braunen Augen strahlen zu jeder Tageszeit eine beruhigende Ruhe aus. Wahrscheinlich ist das mit einer der Gründe, weshalb mein Vater wollte, dass Dante mich zu meinem Schutz begleitet, obwohl er damals gerade mal achtzehn war. Eine Aufgabe, die er seit jeher mit Sorgfalt erfüllt.
Nach einem kurzen Blick auf die Uhr klappe ich meinen Laptop auf dem Schoß langsam zu und stelle ihn zwischen uns auf dem Glastisch ab. Meine Konzentration hat erheblich nachgelassen. Viel zu oft bin ich heute abgedriftet. Zur Vergangenheit oder zum Prickeln im Nacken. »Hat Padre (Vater) erwähnt, weshalb er angerufen hat?«, frage ich schließlich, da ich mir darauf immernoch keinen Reim bilden kann. Padre und ich haben gestern erst telefoniert. Unsere Telefonate beschränken sich auf einmal die Woche, da er mit seiner eigenen Kanzlei und ich mit Studium und meiner Arbeit in einer Kanzlei sehr eingespannt sind.
Die Finger halten auf der Tastatur inne als er aufschaut und gelassen mutmaßt: »Wahrscheinlich wollte er dich fragen, ob du dieses Jahr zu Weihnachten die Familie besuchst.«
»Hätte er gestern auch ansprechen können, obwohl er die Antwort kennt.«, kontere ich während ich aufstehe. Die Antwort wäre wie die letzten Jahre ein Nein gewesen und sie wird auch zukünftig ein Nein bleiben. Aber ich werde den Gedanken nicht los, dass es aus anderem Anlass war. Bloß ist Padre nicht erreichbar. »Wie immer werde ich bei Morellis sein. Du kannst also unbesorgt die Familie über die Feiertage besuchen. Apropos Morelli, Luciano sollte bald da sein.«, lasse ich ihn wissen, bevor ich unser gemütliches Wohnzimmer in sanften Grüntönen verlasse, um mich umzuziehen.
Mein Schlafzimmer ist nichts besonderes. Ein typisches Studentenzimmer würde ich behaupten. Die weißen Möbel bilden einen starken Kontrast zu den dunkelgrünen Wänden. Im Bücherregal neben dem Schreibtisch am Fenster häufen sich Gesetzesbücher und Juralitaratur im Allgemeinen. Ein weißer breiter Schrank beinhaltet Freizeitkleidung sowie die Outfits, die ich in der Kanzlei trage. Aus jenem hole ich Leggings und Hoodie hervor, die ich auf das große Boxspringbett werfe, um mich aus der Bluse und dem Stiftrock zu schälen. Bevor ich mich aber umziehe, ziehe ich die Vorhänge zu, da ich weiterhin das Gefühl, beobachtet zu werden, nicht abschütteln kann. Dabei ist keine Menschenseele im angrenzenden Park zu sehen.
Nur ein kleiner Rückfall in alte Muster, rede ich mir ein. Die letzten Tage waren aufgrund eines Mandats nervenaufreibend und stressig. In Stresssituationen neigen Menschen dazu, öfter in alte Muster zu verfallen oder anfälliger für Empfindungen wie Verfolgungswahn zu sein. Zumindestens sagte mir meine Psychologin es damals. Sie muss recht haben, denn bisher hat sich der Verdacht nie bewahrheitet.
Bis auf das Prickeln schien die letzten Tage alles wie immer zu sein. Auch das Luciano mich heute morgen zur Uni mitgenommen hat und Dante mich danach abgeholt und in die Kanzlei gebracht und von da wieder abgeholt hat, ist nichts neues. Es kommt des öfteren vor, da Luciano und ich uns abwechseln mit dem Fahren, weil wir gemeinsam studieren und beide nicht im Wohnheim wohnen.
Frisch umgezogen gehe ich zum Spiegel neben der Tür und entferne die Haarklammer. Rabenschwarzes Haar purzelt herunter. Fahrig kämme ich es mit den Fingern durch. Die kleinen aber starken Wellen fallen wie ein gewolltes Chaos und enden an meiner Taille. Ein Chaos, das ich liebe und doch trage ich sie eher selten offen. Samtgrüne Iriden blinzeln mich durch lange geschwungene Wimpern an. Früher täuschte die sanfte Farbe über die Wildheit hinweg. Heute passt die Farbe auch zu meinem Wesen, will ich wenigstens behaupten. Jetzt liegt in dem Blick nur noch ein tiefsitzender Schmerz, der niemals enden wird.
Durch das Läuten der Türklingel löse ich die Augen vom Spiegelbild und tapse zur Tür. Mit einem Lächeln auf den Lippen öffne ich Luciano die Tür. »Hey.«
Der gut gebaute Italiener mit hellbraunen Locken und bernsteinfarbenen Haaren grinst mich an. »Na, kleiner Rabe, hast du mich schon vermisst?«
Kleiner Rabe, ein Spitzname, den ich von meinen Brüdern aufgrund meiner Haarfarbe geerntet habe und unsere Freunde, sowie auch Luciano, haben ihn übernommen.
Ich trete zur Seite, damit er eintreten kann und nehme ihm die Tüten mit dem duftenden Essen ab. »Vielleicht habe ich das Essen mehr vermisst als dich.« Zum Spaß fächele ich mit einer Hand den Duft zur Nase und summe genüsslich. »Definitiv das Essen.«
Grinsend schüttelt er den Kopf über mich, während er sich die Schuhe auszieht. »Mamma hat sich auch wieder große Mühe gegeben.« Das glaube ich ihm sofort. Seine Mutter ist eine begnadete Köchin, die ein eigenes Restaurant führt, damit sie sich zuhause nicht langweilt. Ihr italienisches Essen ist das beste, welches ich je gegessen habe. Sie ist überhaupt der Grund dafür, dass italienisches Essen mein Lieblingsessen wurde, neben chinesischen gebratenen Nudeln.
Auf dem Weg ins Wohnzimmer frage ich grinsend: »Wann gibt sie sich denn mal keine Mühe?« Bisher habe ich nicht erlebt, dass sie weniger Einsatz beim Kochen gezeigt hat als ein Profifootballer bei einem Spiel.
»Touché.« Kumpelhaft begrüßt er Dante und lässt sich auf der Couch mit ausgestreckten Beinen nieder. »Sofia wollte nachkommen, sobald sie die Kleinen bei Tantchen abgegeben hat.«
Ich stelle das Essen auf dem Tisch ab und gehe zur angrenzenden Küche, um Besteck und Weingläser zu holen. »Falls die Mädchen sie gehen lassen.«
»Das wäre mal was ganz neues.«, kommentiert Dante amüsiert und schenkt Wein in die Gläser ein.
Luz gluckst nickend. »Sie schläft mindestens genauso oft bei den Mädchen ein wie Azara.«
Meine Unterlippe schiebt sich empor zur Schmolllippe, dabei verschränke ich die Arme vor der Brust. »Du weißt ja gar nicht, wie schnell das geht. Wie Kraken schlingen sie Ärmchen und Beinchen um dich und ehe du dich versiehst, ziehen sie dich mit in den Schlaf.«
Zur Antwort lachen beide nur und Luz reicht mir eine Schachtel Essen. »Von mir wollen sie auch nie ins Bett gebracht werden.«, winkt er grinsend ab. Womit er recht hat, denn seine Nichten bestehen darauf, dass Sofia oder ich das übernehmen.
Wir wünschen uns guten Appetit und beginnen die leckere Pasta zu verspeisen. Dabei unterhalten wir uns über das Studium oder andere belanglose Themen.
Ein normaler Abend, wenn nicht weiterhin das Prickeln im Nacken wäre, welches mittlerweile von einem nagenden Gefühl im Bauch begleitet wird. Dennoch spreche ich es nicht aus, weil ich in der Gesellschaft zweier Männer bin, die wissen, wie sie eine Waffe nicht nur zu halten sondern auch abzufeuern zu haben. Dante als mein Beschützer und Luciano als Erbe der italienischen Mafia, die hier in Stanford Fuß gefasst hat. Dank ihnen ist es mir möglich ein relativ normales Leben zu führen, ohne ständig von einem Bodyguard begleitet zu werden.
Ein weiteres Läuten der Türklingel lässt Luciano grinsen. »Wie es scheint, ist Sofia nicht eingeschlafen.«
Kichernd stehe ich auf und gehe zur Haustür. Unser kleines Haus steht in einer ruhigen Gegend, in der hauptsächlich Familien oder ältere Menschen wohnen. Bereit, Sofia ein lustigen Spruch zu drücken, ziehe ich mit Schwung die Tür auf aber halte dann mit offenen Mund verwirrt inne. »Na nu?«, murmle ich zu mir selbst.
Statt Sofia dort stehen zu sehen, ist niemand auf der beleuchteten Veranda.
Möglich, dass sie etwas im Auto vergessen hat, daher trete ich vor, um nachzusehen, stoße aber mit dem nackten Fuß gegen etwas. Stirnrunzelnd sehe ich nach unten.
Ein kleines Päckchen in einem knalligen Rot liegt auf der Fußmatte.
Wider besseren Wissens und den schrillen Alarmglocken im Kopf hebe ich es auf und lese meinen Namen darauf. Nochmal schaue ich auf die Straße, die nun nur noch von Laternen beleuchtet wird aber kann niemanden sehen. Sobald ich die Tür geschlossen habe, zupfe ich das Bändchen auf.
»Was ist denn los mit euch? Ihr seid so still.«, ruft Luz belustigt aus dem Wohnzimmer.
»Das war nicht Sofia. Scheinbar ein Spätzusteller.«, erwidere ich geistesabwesend und hadere noch, es endlich zu öffnen. Meine innere Stimme schreit mich an, es nicht zu öffnen und dennoch klappe ich es langsam auf. Ein gellender Schrei entringt sich meiner Kehle. Das Päckchen mitsamt Inhalt entgleitet meinen Händen, während ich mich bebend mit dem Rücken an die Haustür dränge und den Blick nicht vom Inhalt nehmen kann.








