Was bisher geschah
Manchmal frage ich mich, wann dieser Moment eingetreten war, in dem mein Leben eine Richtung einschlug die ich nicht erwartet hatte.
Mit dem Beginn meines Studiums, wusste ich das meine Zeit in Köln enden würde. Vielleicht war es der Augenblick, als ich zum ersten Mal in Niederelgbach aus dem Auto stieg, voller Nervosität, Heimweh und Zweifel. Oder der Moment, als Rosel mir mit ihrer herzlichen, aber warnenden Art sagte, dass Veränderungen an diesem Ort Zeit brauchen würden. Ich war eine solche Veränderung und meine größte Angst war, das ich dieser nicht gewachsen sein würde. Dass ich scheitern würde.
Die ersten Tage waren schwer. Die Leere in der Praxis, das Schweigen der Dorfbewohner, das Gefühl, meine Familie im Stich gelassen zu haben. Das alles lastete schwer auf mir und meine Anwesenheit in diesem kleinen Dorf, deren Bewohner eine eingeschworene Gemeinschaft bildeten, fühlte sich falsch an. Ich fühlte mich fehl am Platz, als wäre ich ein Eindringling.
Und dann war da dieser schroffe, wortkarge Bauer, der mir in einem Unwetter begegnete und mich wortlos nach Hause brachte. Benedikt. Schon damals hatte ich das Gefühl, gegen eine Wand zu reden. Aber seine Wand verriet mehr, als er bereit war zuzugeben.
Ich stolperte immer wieder über ihn, als würde mich irgendetwas in seiner Umlaufbahn halten. Eine Gravitation, der ich nicht entkam, egal wie oft er mich von ich stieß. Und ich stolperte wortwörtlich über ihn, wieder und wieder. Und immer war es ein Unwetter aus dem er mich rettete. Er war einfach da.
Widerwillig, brummig, aber hilfsbereit. Und jedes Mal spürte ich dieses Knistern, das ich versuchte zu ignorieren, weil er es genau so tat.
Als das Dorf mich endlich akzeptierte, ironischerweise durch den Herzinfarkt des Bürgermeisters, bekam ich kaum Luft vor Arbeit. Und doch schaffte ich es zu Mo, meinem Bruder, meinem Stern. Für ihn hatte ich einen echten Stern am Himmel benannt. Dieser Moment mit ihm, weit weg von Niederelgbach, erinnerte mich daran, warum ich Ärztin geworden war und wie sehr ich meine Familie liebte.
Und dann, war da Benedikt. Wieder und wieder Benedikt. Jedes Mal, wenn er mich ein Stück näher an sich heranließ, stieß er mich wieder weg. Selbst als wir zusammen ein Fohlen zur Welt brachten und Lissi uns Dreamteam nannte. Und dann war da dieser Kuss vor meiner Haustür, dieser eine Moment, der mich für Sekunden schweben ließ. Aber die Bruchlandung, er ließ mich einfach stehen und ging.
Gabriel war das Gegenteil von alledem: offen, charmant, unkompliziert. Vielleicht auch eine Flucht nach vorn für mich. Ich glaubte, mit ihm Sicherheit gefunden zu haben, bis ich begriff, dass es nur ein schöner Schein gewesen war. Dass hinter seiner Perfektion ein Plan stand, der für mich Abhängigkeit bedeuten sollte. Als ich sein Gespräch mit seinem Vater hörte, fiel alles wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Das Bild, dass ich in meinen Gedanken von ihm gezeichnet hatte, wich einem manipulativen, eigennützigen Mann, der nicht an mir interessiert war, sondern nur an seiner eigenen Ambition.
Ich floh. Verletzt, enttäuscht, wütend auf mich selbst, weil ich mich so in ihm getäuscht hatte. Und dann kam der Unfall.
Metall, Eis, Schmerz – und Dunkelheit.
Als ich wieder zu mir kam, war mein Vater da. Und die Erkenntnis, dass ein »Herr Hartl« mein Leben gerettet hatte.
Benedikt. Natürlich war es Benedikt. Während ich zwischen den Welten geschwebt hatte, hatte er mich aus dem zerstörten Wagen gezogen. Er, der Mann, der seine Gefühle so tief begraben hatte, dass er sie selbst nicht sehen wollte.
Und genau in diesem Moment, als ich erfuhr, was geschehen war, wusste ich: Nicht Gabriel, nicht die Praxis, nicht das Dorf hatten mich dort gehalten.
Sondern Benedikt.
Der Mann, der mich immer wieder wegstieß, weil er mehr fühlte, als er zugeben wollte. So viel, dass er niemanden daran teilhaben lassen wollte. Der Mann, der mich nicht verlieren wollte, bevor er mich überhaupt wirklich hatte. Der Mann, der mich letztlich gerettet hat – nicht nur an diesem Abend.
Und ich? Ich hatte mich längst in ihn verliebt. Vielleicht vom ersten Tag an. Vielleicht im Regen. Vielleicht in dem Moment, in dem er mich küsste und dann davor davonlief. Vielleicht immer dann, wenn er so tat, als wäre ihm alles egal, nur damit ich nicht sah, wie viel es ihm bedeutete.
Jetzt weiß ich, dass all die Zweifel, die Einsamkeit, die schmerzhaften Wendungen nötig waren, um uns beide an diesen Punkt zu bringen. An einen Punkt, an dem wir, endlich nicht mehr vor unseren Gefühlen davonlaufend mussten.
Es war ein schwerer Weg. Aber er führte mich zu Benedikt und er gab mir einen Grund zu bleiben. Er ist mein Grund, warum ich noch immer hier bin.








