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Tag des Jupiters

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Zusammenfassung

Fünfzehn Jahre lang lebten sie unbemerkt mitten unter uns. Sie waren unsere Ärzte, Handwerker, Anwälte und Nachbarn – friedliche Wesen einer fernen Welt, die auf der Erde eine neue Heimat suchten. Doch leider hatte das Militär andere Pläne. Nach dramatischen Jahren in denen sie in Einsamkeit versteckt und verstreut in allen Richtungen gelebt hatten, schöpfen die Proteaner nach einer dramatischen Aktion endlich Hoffnung. (ich will nicht zu viel verraten) Eine mitreißende Geschichte über Hoffnung, Zusammenhalt und eine Liebe, die selbst die Grenzen der Sterne überwindet.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
15
Rating
n/a
Altersfreigabe
13+

Prolog: Die Nacht der Entladung

Tief unter der glühenden Einöde von New Mexico herrschte eine Stille, die künstlicher kaum hätte sein können. Keine Erderschütterung drang durch die meterdicken Stahlbetondecken von Sektor Caelum, kein Luftzug regte sich in den unterirdischen Gängen. Einzig das monotone, rhythmische Piepen der Vitalmonitore und das leise, periodische Zischen der automatischen Infusionspumpen durchbrachen die sterile Kälte von Trakt 7.

Hinter einer Verbundglasscheibe aus fünfundzwanzig Zentimeter dickem Panzerglas lagen acht Gestalten auf massiven Stahlliegen. Schlauchelemente führten in ihre Venen, feine Elektroden klebten an ihren Schläfen, und Sauerstoffmasken bedeckten ihre Gesichter.

Monatelang hatte man sie in diesem Zustand gehalten. Vor genau einhundertachtundachtzig Tagen war ihr unmarkiertes, diskusförmiges Erkundungsschiff nach einer unbegreiflichen Fehlfunktion in der Atmosphäre wie ein brennender Meteor über dem Ödland niedergegangen. Die Rettungskräfte des Militärs waren binnen Minuten vor Ort gewesen. Sie hatten die Trümmer abtransportiert und die acht leblosen Körper geborgen.

Für die Führung von Sektor Caelum und die Verantwortlichen im Verteidigungsministerium war das Wrack ein technisches Wunderwerk gewesen – doch die Insassen waren ein noch größeres Rätsel. Ihre Körperform glich auf den ersten Blick verblüffend der menschlichen Anatomie: zwei Arme, zwei Beine, ein Kopf. Doch ihre Haut besaß einen schimmernden, fast perlmutternen Glanz, und ihre Organstrukturen wiesen Dichten und Frequenzen auf, die keinem irdischen Lehrbuch entsprachen.

Um jedes Risiko einer Infektion, eines Angriffs oder einer unkontrollierten Reaktion zu vermeiden, hatte das medizinische Stabsteam unter der Leitung der Militärführung die Fremden vom ersten Tag an in ein tiefes künstliches Koma versetzt. Tag und Nacht wurden hochdosierte Sedierungsmittel, Muskelrelaxanzien und neuroleptische Blockersubstanzen in ihre Blutbahnen gepumpt. Sie sollten Werkzeuge der Forschung werden – stumm, reglos und vollkommen kontrollierbar.

Vor vier Wochen hatte der Stabsarzt Dr. Harrison auf Anweisung der Stationsführung begonnen, die Dosis der Beruhigungsmittel schrittweise zu senken. Man wollte erste kognitive Reaktionen testen. Man wollte sehen, ob das Gehirn dieser Wesen auf einfache Sprachsignale oder visuelle Reize reagierte.

Das Ergebnis hatte die Wissenschaftler und die Bewachungsteams überrascht.

Als Arian als Erster die Augen aufgeschlagen hatte – gefolgt von Lyra, Kaelen und den anderen –, gab es keine Ausbrüche hysterischer Panik. Es gab keine fremdartigen Schreie, keine Aggressionen und keinen Versuch, die Fesseln zu sprengen. Die acht Insassen blickten mit tiefen, klaren und erstaunlich sanften Augen durch das Panzerglas. Wenn die Pflegekräfte die Schleuse betraten, um Messungen vorzunehmen, fügten sich die Fremden ohne Widerstand. Sie bewegten sich langsam, fast behutsam, als wüssten sie um die Zerbrechlichkeit der Menschen um sie herum.

Im Kontrollraum der Station verbreitete sich schnell eine gefährliche Gewissheit.

„Sie sind vollkommen harmlos“, hatte Dr. Harrison in seinem wöchentlichen Statusbericht an das Pentagon notiert. „Ihre physische Konstitution ist filigran und schwach. Sie verfügen weder über außergewöhnliche Körperkräfte noch über biologische Abwehrmechanismen. Es handelt sich um eine friedfertige, womöglich geistig hochstehende, aber physisch unterlegene Spezies. Weitere Sicherheitsvorkehrungen der Stufe A sind unbegründet.“

In der Chefetage nickte man zufrieden. Die Sorge vor einer außerirdischen Bedrohung wich einer kühlen Überheblichkeit. Schließlich gab die Stationsleitung die Anordnung: Die intravenöse Sedierung war mit Wirkung zum morgigen Tag vollständig einzustellen. Man wollte die Spezies in ihrem natürlichen, wachen Grundzustand studieren, um ihr Gehirn und ihre Physiologie lückenlos zu kartografieren.

Keiner der Ärzte ahnte, welch verheerenden Irrtum sie begingen.

Keiner von ihnen verstand die biologische Architektur der Proteaner.

In der Heimatwelt der Proteaner gab es keine physischen Schranken, wie die Menschen sie kannten. Ihre organischen Hüllen waren lediglich Gefäße – Verdichtungen aus komprimierter, hochfrequenter Bio-Energie, geformt nach ihrem freien Willen. Doch die dichte, sauerstoffreiche Atmosphäre der Erde und das Magnetfeld des Planeten übten einen enormen Druck auf ihre molekulare Struktur aus.

Hinzu kam die monatelange Zwangssedierung. Die Chemikalien hatten die organischen Wandlungsprozesse in ihren Körpern nicht gestoppt, sondern lediglich blockiert. Über ein halbes Jahr hinweg hatte sich die Bio-Energie im Inneren der acht Wesen angestaut wie Wasser hinter einem Staudamm, dessen Wände unter der Last von Millionen Tonnen Druck langsam Risse bekamen.

Ihre Physiologie gehorchte einem kosmischen Biorhythmus. Einmal in der Woche – synchronisiert mit den elektromagnetischen Gezeiten, die das Sonnensystem durchzogen – mussten ihre Körper die aufgestaute Ladung abgeben, um nicht von innen heraus zu verbrennen.

Es war Mittwoch auf Donnerstag Nacht. Punkt Mitternacht.

In der Isolationszelle saß Arian auf der Kante seiner Stahlliege. Seine Finger zitterten. Ein leises, kaum wahrnehmbares Knistern war in seinen Waden zu spüren, das sich rasend schnell über seine Oberschenkel und seinen Brustkorb ausbreitete. Er blickte hinüber zu Lyra. Auch ihre Haut hatte zu schimmern begonnen – nicht mehr im sanften Perlmuttton, sondern in einem stechenden, tiefen Azurblau. Neben ihr ballte Kaelen die Fäuste, während feine, weiße Lichtbögen zwischen seinen Fingerspitzen hin und her sprangen.

„Arian …“, flüsterte Lyra. Ihre Stimme war kein menschlicher Laut mehr, sondern ein harmonischer Oberton, der direkt in der Luft vibrierte. „Die Blockade … sie bricht.“

„Ich weiß“, gehorchte Arian im selben schwebenden Ton. „Haltet stand, so lange ihr könnt. Wenn wir uns hier entladen, werden sie es nicht überleben.“

Doch es gab kein Halten mehr. Das Gesetz ihrer Existenz verlangte Tribut.

Im Kontrollraum flackerte die Hauptbeleuchtung.

„Was ist das?“, rief der leitende Ingenieur und schlug auf seine Konsole. „Spannungsabfall in Sektor 7! Das Hilfsaggregat schaltet sich nicht ein!“

„Blick auf den Monitor!“, schrie einer der Sicherheitsleute und zeigte mit zitterndem Finger auf die Kameraübertragung der Isolationszelle.

Das Bild war fast vollständig weiß getrocknet. Die Kamerasensoren übersteuerten.

Durch das fünfundzwanzig Zentimeter dicke Panzerglas war zu sehen, wie die Körper der acht Fremden sich aufzulösen begannen. Es gab keine Knochen mehr, kein Fleisch, keine Haut. Ihre physischen Silhouetten streckten sich, wurden transluzent und wandelten sich in grelle, hochfrequente Lichtgestalten aus reiner, pulsierender Energie. Die Luft in der Kammer ionisierte augenblicklich. Der Sauerstoff verbrannte stumm, während die Temperatur im Raum um Hunderte Grad anstieg.

Ein hochfrequenter Ton – so schrill und tief zugleich, dass das Trommelfell der Wachen zu reißen drohte – erfüllte den gesamten Komplex.

„Notfall! Notfall!“, brüllte der Ingenieur in sein Headset. „Spritzt ihnen das Narkotikum! Sofort!“

Zwei bewaffnete Wachen stürzten auf die Luftschleuse zu. Sie griffen nach den Notfall-Spritzen, um die Injektionsleitungen manuell zu überbrücken. Doch sie kamen nicht einmal bis zur zweiten Sicherheitstür.

Die geballte Entladung von acht Proteanern gleichzeitig traf die Infrastruktur von Sektor Caelum wie der Einschlag eines Kometen.

Das Panzerglas der Isolationszelle hielt der thermischen und elektromagnetischen Belastung nicht länger stand. Ohne ein Geräusch zersprang die fünfundzwanzig Zentimeter dicke Scheibe in Milliarden mikroskopisch kleiner Kristalle, die wie ein Diamantenregen durch die Luft schossen.

Im selben Moment schoss eine sichtbare Schockwelle aus weißem und goldenem Licht durch die Flure von Trakt 7. Die Hauptgeneratoren im Untergeschoss der Station explodierten in einer Serie von kaskadierenden Kurzschlüssen. Funkenregen ergoss sich aus den Kabeltrassen der Decke. Die Computermonitore implodierten einer nach dem anderen, die elektronischen Türverriegelungen sprangen mit lautem Knallen aus ihren Verankerungen, und die Notbeleuchtung flackerte ein einziges Mal auf, bevor sie für immer erlosch.

Die gesamte Forschungsstation war schlagartig blind, taub und ohne Strom.

In dem darauffolgenden Chaos, umgeben von dichten Rauchwolken und den Schreien verängstigter Wissenschaftler, flohen die acht Wesen. Sie benötigten keine Türen, keine Schlüssel und keine Leitern. Als reine, schwerelose Lichtimpulse gleiteten sie durch die stählernen Belüftungsschächte, durchdrangen die Spalten der deaktivierten Sicherheitsschotts und stiegen entlang der Hauptversorgungsschächte senkrecht nach oben.

Sie kämpften nicht. Sie töteten nicht. Sie nutzten lediglich die Freiheit der Energie, die ihnen die Natur verliehen hatte.

Knapp dreihundert Meter über dem rauchenden Schacht der unterirdischen Anlage brach die Nachtluft der Wüste über sie herein.

Die kühle, klare Wüstenluft empfing die acht Energieströme, als sie aus den Entlüftungsgittern im Sandboden schossen. Hundert Meter vom Komplex entfernt verdichteten sich die Lichtgestalten wieder. Das gleißende Leuchten nahm ab, schwächte sich ab zu einem sanften Flimmern, bis schließlich wieder feste, physische Formen im Mondlicht standen.

Erschöpft, keuchend und zitternd sanken sie in den kühlen Wüstensand. Ihre Körper fühlten sich schwer an, fremd und geschwächt von der monatelangen Isolation und dem gewaltigen Energieverlust.

Arian richtete sich als Erster auf. Sein Atem flog in kleinen Kondenswolken durch die Nachtluft. Er blickte sich um und zählte durch.

Lyra. Kaelen. Soren. Nia. Taris. Elora. Vael.

Alle acht hatten überlebt.

In der Ferne, tief unter ihren Füßen, heulten die Notstromsirenen des Militärkomplexes auf. Mechanische Warnsignale hallten durch die Stille der Wüste. Auf den Beobachtungstürmen der Außenanlagen flackerten die ersten Scheinwerfer auf und schnitten Hektisch Suchmuster in den Nachthimmel.

„Sie werden das Gebiet binnen Minuten mit Fahrzeugen und Hubschraubern durchsuchen“, sagte Arian. Seine Stimme war rau, und das Sprechen in der menschlichen Kehle fühlte sich nach all den Monaten der Sprachlosigkeit wie trockenes Holz an. „Gegen die Suchtrupps haben wir in diesem geschwächten Zustand keine Chance, wenn wir zusammenbleiben. Eine Gruppe von acht Gestalten ist eine Zielscheibe, die man selbst aus der Luft nicht übersehen kann.“

Lyra trat an seine Seite. Sie blickte auf zu den Sternenbildern, die fremd und kalt über der irdischen Wüste hingen – irgendwo dort draußen schwebte ihr Volk, unwissend über ihr Schicksal.

„Wir müssen uns trennen“, sagte sie leise. In ihren Augen spiegelte sich das Sternenlicht. „Wir müssen untertauchen. Wir werden zu Menschen unter Menschen. Wir lernen ihre Sprache, ihre Gewohnheiten, ihre Papiere. Wir müssen unsichtbar werden im Rauschen ihrer Städte.“

Kaelen sah sie ungläubig an. „Uns trennen? Wir wissen nicht einmal, wo wir sind! Wir haben kein Schiff, keine Technologie!“

„Wir haben unsere Anpassungsfähigkeit“, entgegnete Arian fest. „Das ist unsere stärkste Waffe. Sobald sich die Lage beruhigt hat und die Behörden die Suche einstellen, finden wir wieder zusammen. Aber bis dahin gilt eine eiserne Regel: Keiner hinterlässt Spuren. Keiner offenbart seine wahre Natur. Und vor allem …“ Er hielt inne und blickte in die Runde. „… muss jeder von uns an jedem Donnerstag einen Ort finden, an dem er die Transformation vollziehen kann, ohne gesehen zu werden.“

Ein stummes, schweres Nicken ging durch die Gruppe. Es war ein bitterer Pakt, geboren aus der reinen Notwendigkeit zu überleben. Sie wussten, was diese Trennung bedeutete: Die absolute, erbarmungslose Isolation.

Ohne ein weiteres Wort wandten sich die acht Proteaner ab. Sie liefen in alle vier Himmelsrichtungen davon, während hinter ihnen die Scheinwerfer der Militärfahrzeuge die Dünen zu durchkämmen begannen.

Sie verschwanden in der Dunkelheit der Nacht.

Fünfzehn Jahre vergingen.

Die Akten über den Ausbruch von Sektor Caelum wurden im Pentagon unter den höchsten Geheimhaltungsstufen versiegelt. Der offizielle Bericht sprach von einem tragischen Unfall, einer Fehlfunktion des Hauptgenerators und dem Tod aller beteiligten Testobjekte. Die Station selbst wurde offiziell stillgelegt, das Personal versetzt oder zum Schweigen verpflichtet.

Die acht Wandler lernten zu überleben. Sie nahmen menschliche Namen an: Cole, Vance, Miller, Berg, Thorne, Cross, Finch und Reed. Sie fügten sich nahtlos in die Gesellschaft ein. Sie mieteten Wohnungen, eröffneten Bankkonten, zahlten Steuern und bewegten sich durch die Straßen der Großstädte und Vororte, ohne dass jemals ein Mensch Verdacht geschöpft hätte.

Sie waren zu perfekten Bürgern geworden.

Doch die Zeit war nicht stehen geblieben. Und das Schicksal vergaß nie.

Tief im Bauch der totgeglaubten Forschungsstation von Sektor Caelum rollte an einem kühlen Herbstmorgen ein schwarzer Geländewagen vor das Haupttor. Ein junger, hochgewachsener Mann mit Brille und einem Aktenkoffer unter dem Arm stieg aus.

Sein Name war Dr. Julian Croft. Er war der neue Leiter der Einrichtung, die nun wieder aufgebaut werden sollte.

Er war nicht gekommen, um alte Geheimnisse zu hüten – sondern um Antworten zu finden.

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