Prolog
Maja wachte davon auf, dass etwas in ihren Fuß biss. Nicht fest, aber entschieden genug, dass sie das Bein reflexartig unter der Decke wegzog. „WLAN." Am Fußende tauchten zwei graue Ohren zwischen den zerwühlten Decken auf. Einen Moment später hob die Katze den Kopf und sah Maja mit einer Unschuld an, die ungefähr so glaubwürdig war wie ihre Behauptung, sie hätte mit der Sache nichts zu tun. In den vergangenen Wochen war WLAN ordentlich gewachsen. Der kleine runde Katzenkörper war länger und schlaksiger geworden, nur ihre Pfoten wirkten noch immer ein bisschen zu groß für den Rest von ihr. Eine davon landete jetzt auf der Stelle, an der eben noch Majas Fuß gelegen hatte. „Lass das." WLAN blinzelte. Dann schob sie die Nase wieder unter die Decke. Maja zog beide Füße ein. Hinter ihr kam ein leises, tiefes Brummen. Leo hatte sich irgendwann in der Nacht an ihren Rücken geschoben. Sein Arm lag schwer um ihre Mitte, sein Gesicht dicht an ihrem Nacken. „Ich hab dir gesagt, die Katze bleibt nachts draußen." Seine Stimme war noch rau vom Schlaf. Maja lächelte. „Sie hat gemaunzt." „Natürlich hat sie das." „Sehr traurig." „Viermal." Maja drehte den Kopf ein Stück. „Du hast mitgezählt?" „Ich wollte schlafen." WLAN setzte sich auf und begann mit einer Vorderpfote auf die Decke über Majas Füßen zu schlagen. Leo zog Maja ein Stück weiter zurück, bis sie wieder ganz an seiner Brust lag. „Selbst schuld." „Du bist unglaublich mitfühlend." Sein Mund streifte ihre Schulter. Nur kurz, kaum mehr als eine Berührung. Maja schloss für einen Moment die Augen. Es waren inzwischen genau diese Dinge, die sie manchmal noch überraschten. Nicht die Küsse. Nicht seine Hände an ihr. Nicht einmal, dass sie morgens in seinem Bett aufwachte. Sondern wie wenig Nachdenken inzwischen dazwischenlag. Früher hatte sich jede Berührung zwischen ihnen angefühlt, als müsste danach irgendeiner einen Schritt zurückmachen. Ein Blick zu lange. Eine Hand zu nah. Ein Moment, der möglichst schnell wieder in irgendeinem Spruch verschwinden musste, bevor einer von ihnen sich eingestand, was er eigentlich bedeutete. Jetzt war es einfach Morgen. Zerwühlte Decken. WLAN an ihren Füßen. Leos Arm um ihre Mitte. Sein Atem warm in ihrem Nacken. Maja drehte sich vorsichtig in seiner Umarmung um. Leo ließ sie gerade so weit los, dass sie sich bewegen konnte, und sank auf den Rücken zurück. Eine Hand schob er unter den Kopf, die andere blieb locker an ihrer Taille. Seine Augen waren noch geschlossen. Die dunklen Haare standen völlig zerzaust in alle Richtungen. Maja stützte das Kinn auf seiner Brust ab und sah ihn an. Sie mochte ihn so. Vielleicht sogar ein bisschen zu sehr. Dieses völlig Unsortierte am Morgen, bevor er richtig wach war und bevor der Tag irgendetwas von ihm wollte. Nach einigen Sekunden öffnete er ein Auge. „Was?" Maja lächelte. „Nichts." Das zweite Auge ging auf. Sein Blick blieb schläfrig an ihrem Gesicht hängen. Maja hob die Hand und strich ihm eine Strähne aus der Stirn. Sie fiel sofort wieder zurück. „Lass", murmelte er. „Ich mache gar nichts." Sie fuhr noch einmal durch seine Haare. Diesmal ohne auch nur so zu tun, als wollte sie sie ordnen. Ein Mundwinkel hob sich. Leo legte die Hand in ihren Nacken und zog sie zu sich. Der Kuss war langsam und noch weich vom Schlaf. Maja ließ sich gegen ihn sinken. Seine Finger glitten über ihren Rücken und blieben an ihrer Seite liegen. Kein Zögern. Kein vorsichtiges Ausloten. Nur Wärme und dieses seltsam beruhigende Wissen, dass sie danach nicht wieder auseinanderrücken mussten. Als Maja sich ein Stück von ihm löste, folgte Leo ihr. Sein Mund strich über ihre Wange, weiter zu ihrer Schläfe und schließlich zu ihrem Ohr. Sie wollte gerade etwas sagen, als sie seine Zähne ganz leicht an ihrem Ohrläppchen spürte. Maja zuckte zusammen und quietschte leise auf. „Leo." Er hob kaum den Kopf. „Was?" Sie drehte sich so weit zu ihm, dass sie sein Gesicht sehen konnte. „Die Katze ist anscheinend nicht die Einzige hier, die beißt." Sein Mundwinkel zuckte. „Hab ich nie behauptet." „Du hast sie gerade noch dafür kritisiert." „Hab ich nicht." „Doch." „Mhm." Seine Lippen strichen noch einmal über ihr Ohr. Maja zog die Schulter hoch und musste lachen. „Das kitzelt." Diesmal küsste er nur die Stelle darunter. Seine Hand an ihrer Seite zog sie näher, obwohl zwischen ihnen ohnehin kaum noch Platz war. Maja wollte gerade die Augen schließen, als ihr Blick über seine Schulter fiel. WLAN saß am Fußende. Kerzengerade zwischen den zerwühlten Decken, die Ohren nach vorn gerichtet, und sah sie an. Maja hielt inne. „Leo." „Mhm?" „Sie beobachtet uns." Er machte nicht einmal Anstalten, sich umzudrehen. „Dann hättest du sie nicht reinlassen sollen." Maja hob den Kopf. Jetzt öffnete Leo die Augen. „Wenn dich das stört." Sie starrte ihn einen Moment an. „Dir ist das wirklich vollkommen egal." „Es ist eine Katze, Maja." „Sie guckt." „Sie guckt immer." „Nicht so." Jetzt drehte er den Kopf doch kurz zum Fußende. WLAN sah zurück. Leo betrachtete sie zwei Sekunden und wandte sich wieder Maja zu. „Doch." Maja musste lachen. „Woher willst du überhaupt wissen, wie sie normalerweise guckt?" „Weil sie mich ständig anstarrt." „Vielleicht mag sie dich." „Vielleicht will sie Futter." Als hätte WLAN nur auf dieses Wort gewartet, sprang sie vom Bett. Ihre Pfoten landeten mit einem dumpfen Geräusch auf dem Holzboden. Einen Moment später saß sie vor der geschlossenen Zimmertür. Maja sah hinüber. WLAN sah zur Klinke. Dann zu ihnen. Das erste Miau war noch verhältnismäßig höflich. Leo schloss wieder die Augen. „Nein." Das zweite war lauter. WLAN stellte sich auf die Hinterbeine und streckte die Vorderpfoten an der Tür hoch. Maja schob eine Hand auf die Matratze. „Ich lass sie eben raus." Sie kam kaum ein Stück weit. Leos Arm zog sich sofort fester um ihre Mitte und holte sie zurück. Maja sah zu ihm hinunter. „Leo." „Mhm." „Sie will raus." „Dann muss sie warten." „Sie hat Hunger." Keine Reaktion. Maja musste grinsen. „Du hast doch gerade noch gesagt, ich hätte sie nicht reinlassen sollen." Leo öffnete die Augen. „Hab ich." „Und jetzt lässt du mich nicht aufstehen, um sie rauszulassen." „Richtig." WLAN miaute erneut. Diesmal so laut, dass Maja lachen musste. „Die weckt gleich die ganze WG." Leo schob das Gesicht wieder an ihren Hals und schloss die Augen. „Auch gut." WLAN kratzte an der Tür. Erst einmal. Dann noch einmal. Draußen im Flur waren Schritte zu hören. „Ja, WLAN, ich hab dich gehört." Maja grinste. „Jetzt kommt Sam." Leos Arm blieb, wo er war. Die Klinke bewegte sich. „Ihr Süßen, es gibt Frühstück! Ich hab frische Croissants geholt und Chloe macht gerade Kaffee und Jona hat irgendeine Marmelade mitgebracht, die angeblich aus diesem kleinen Laden bei der Uni ist, und ich hab ihm gerade gesagt, wenn die wirklich so gut ist, wie er behaup..." „Raus." Sam verstummte mitten im Satz. Die Tür war inzwischen weit genug offen, dass WLAN zwischen seinen Beinen hindurchschoss und im Flur verschwand. Sam sah ihr kurz hinterher. Dann wanderte sein Blick ins Zimmer. Zu Maja, die noch immer halb auf Leo lag. Zu Leos Arm, der fest um ihre Mitte geschlungen war. Wieder zu Leo. „Guten Morgen auch dir, Honey." Leo öffnete ein Auge. Sam hob beide Hände. „Ich bin ja schon weg." Er zog die Tür wieder zu. Kurz bevor sie ins Schloss fiel, hörten sie ihn noch in den Flur rufen: „Und nachher will ich keinen hören, der sich beschwert, dass die Schokocroissants weg sind." Dann wurden seine Schritte leiser. Aus der Küche drangen gedämpfte Stimmen herüber. Chloe sagte etwas, Sam antwortete sofort viel zu laut, irgendwo klapperte Geschirr. Kurz darauf hörte Maja WLAN miauen. Sie sah zu Leo. „Frühstück." Er reagierte nicht. „Frische Croissants." Nichts. „Kaffee." Leo gab ein leises, unwilliges Brummen von sich, zog sie fester an sich und drehte sich mit ihr ein Stück auf die Seite. Bevor Maja etwas sagen konnte, hatte er das Gesicht schon wieder in ihrem Nacken vergraben. „Noch fünf Minuten." Seine Stimme war nur ein raues Murmeln an ihrer Haut. Maja lächelte. „Sam nimmt uns die Schokocroissants weg." „Mhm." Seine Lippen berührten ganz leicht die Stelle unter ihrem Ohr. „Leo." Sein Arm schloss sich noch ein wenig fester um sie. „Fünf Minuten." Diesmal war es beinahe eine Bitte. Verschlafen, leise und so völlig frei von jeder Ironie, dass Maja gar nicht erst versuchte, sich noch einmal aufzurichten. Sie legte die Hand auf seinen Arm und ließ sich zurück gegen ihn sinken. Hinter der geschlossenen Tür ging die WG längst in den Tag über. Stimmen, Geschirr, Sams Lachen, WLAN, die offenbar endlich ihr Frühstück einforderte. Hier drin war es noch warm und still. Maja schloss die Augen. „Okay." Leo atmete an ihrem Nacken aus. „Fünf." Und Maja blieb.








