Prolog
Die Tore zum Thronsaal öffneten sich, und der Gesandte blieb einen halben Schritt zu früh stehen.
Der Saal lag im Dämmerlicht der untergehenden Sonne, ein Raum, der weniger gebaut als aus Stein gefaltet schien. Zu beiden Seiten rahmten drei gewaltige Fensterbögen die Wände, durch die sich ein majestätischer Ausblick über Lunareth eröffnete. Die Stadt unter ihnen glühte in Gold und Purpur, als ob sie brannte. Ein roter Teppich spannte sich von der Tür bis zu den Stufen des Marmorthrons.
Doch das war nicht, was ihn den halben Schritt gekostet hatte.
Jemand saß auf dem Thron.
In all den Berichten, die er studiert hatte – in all den Geschichten, die man sich in Virelya erzählte –, hatte nie jemand erwähnt, dass der König persönlich anwesend war, wenn ein Gesandter erschien. Dass es heute der Fall war, konnte nichts Gutes bedeuten.
Langsam betrat er den Raum. Vorsichtig, als träte er in die Höhle eines schlafenden Raubtiers, das vielleicht doch nicht schlief.
Jeder Schritt hallte zu laut. Die Stille zwischen seinen Schritten dauerte zu lang.
Im hinteren Teil des Saales erkannte er die Berater des Königs, vier Gestalten, die sich über einen Tisch beugten, der wie eine überdimensionale Landkarte aussah. Linien pulsierten darauf, magisch projiziert, sich verschiebend wie lebende Grenzen. Als der Gesandte näherkam, sahen sie auf. Ihre Blicke waren weder freundlich noch feindselig. Nur abwartend.
Prüfend.
Er schluckte. Jeder Schritt ein Kraftakt, während er versuchte, Haltung zu bewahren, ein letzter Rest von Stolz, den er wie ein zerbrechliches Artefakt in sich trug.
Dann sah er sie.
Halb im Schatten sitzend, reglos wie Statuen aus uraltem Stein: zwei riesenhafte Trägerwesen zu beiden Seiten des Throns. Vier Gliedmaßen, wuchtige Körper, die Muskeln unter grauer, rissiger Haut gespannt wie Drahtseile. Spitze Ohren, die von viel zu großen, eckigen Köpfen abstanden. Ihre Augen glommen blau im Dämmerlicht, nicht reflektierend, sondern selbstleuchtend.
Sie starrten ihn an.
Wachsam. Und hungrig.
Ein Frösteln kroch über seinen Rücken. Und doch – doch waren sie nicht das Schlimmste.
Er zwang sich, den Blick zu heben.
Und sah dem König in die Augen.
Für einen Moment vergaß er, warum er hier war. Vergessen war der Auftrag, der beschwerliche Weg durch die Grenzlande, die sorgfältig formulierte Warnung, die er auswendig gelernt hatte. Vergessen war alles außer diesem Blick.
Der König sah nicht wie ein alter Mann aus. Aber seine Augen waren alt. So alt, dass sie hätten blind sein müssen, und doch sahen sie alles. Wissend. Unausweichlich. Als blickten sie nicht auf die Oberfläche, sondern durch sie hindurch, bis auf den Grund, wo die Lügen lagen.
Man konnte sich darin verlieren. Vielleicht wäre das sogar eine Erleichterung gewesen.
Ein Räuspern riss ihn aus seiner Starre, scharf und absichtlich.
„Der Gesandte des Königreichs Virelya, mein König.“
Die Stimme kam von einer Wache rechts vom Thron. Ihr Nicken war kein Zuspruch. Es war ein Befehl: Sprich. Jetzt.
Der Gesandte holte tief Luft – so tief, dass seine Rippen schmerzten –, sammelte all den Mut, der ihm nach dieser langen Reise geblieben war. Dann sprach er, so würdevoll er konnte:
„Der Ältestenrat und Königin Mirelle von Virelya senden ehrerbietige Grüße, Eure Majestät.“ Er verbeugte sich, nicht zu tief, nicht zu flach. „Doch leider bringe ich Nachrichten, die Besorgnis erregen.“
Unweigerlich fragte er sich, warum ausgerechnet er für diesen Auftrag ausgewählt worden war. Welche Feinde hatte er sich in Virelyas Hallen gemacht?
„Meine Herrin“, fuhr er fort, die Stimme fester als er sich fühlte, „ist besorgt über gewisse Bewegungen in unseren Grenzgebieten. Wiederholt wurden Söldnergruppen aus Lunareth auf unserem Territorium gesichtet. Ohne Erlaubnis. Ohne Ankündigung.“ Er hielt inne. „Das ist Anlass zur Sorge.“
Die Stille dehnte sich. Ein Herzschlag, zwei, drei.
Dann hob der König die Hand, eine beschwichtigende Geste.
„Söldner sind frei.“ Seine Stimme war ruhig, beinahe sanft. „Sie dienen dem, der sie bezahlt. Ich kann niemandem verbieten, Aufträge anzunehmen, auch nicht in Virelya.“
Ein höfliches Lächeln. Dünn wie Papier.
Aber seine Augen blieben reglos. Tot.
„Ich verstehe“, sagte der Gesandte. Er senkte den Blick, eine Geste des Respekts, aber auch der Kapitulation. Und er wusste, mit plötzlicher, eisiger Gewissheit, dass dies kein Zufall war. Seine Königin hatte recht gehabt. Etwas war im Gange.
Etwas Altes. Etwas Gefährliches.
„Meine Königin“, sagte er langsam, jedes Wort abwägend, „vermutete diese Äußerung. Sie lässt Euch ausrichten, dass Virelya weiterhin den Frieden sucht.“ Er hob den Blick, nur für einen Moment. „Aber nicht ewig zusehen wird.“
Ein letztes Mal verbeugte er sich, tiefer diesmal, weil er spürte, dass es das war, was von ihm erwartet wurde. Dann wandte er sich zum Gehen.
Mit jedem Schritt weg vom Thron wurde das Atmen leichter. Erst am Ende des Saals, als sich die Tore hinter ihm schlossen, wich die Anspannung aus seinen Schultern.
Er hatte überlebt.
Das war mehr, als er erwartet hatte.








