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Wo der Winter Barmherzigkeit lehrt

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Zusammenfassung

Patric war der Alpha seines Rudels, doch um dessen Überleben zu sichern, musste er eine ihm fremde Luna heiraten. Auch Cara fügte sich dem Willen ihres Alphas und ging eine ehelos bleibende Pflichtverbindung ein. Was niemand ahnte: Patric und Cara waren vom Schicksal bestimmte Gefährten. Ein Leben lang blieb ihnen das gemeinsame Glück verwehrt, bis sie starben, ohne je miteinander leben zu dürfen. Erst als ihre Kinder, Clyde und Ayla, auf die verborgenen Tagebücher ihrer Eltern stoßen, enthüllt sich die herzzerreißende Wahrheit. Seite für Seite teilen sie den stummen Schmerz, die unerfüllte Sehnsucht und die unerschütterliche Liebe zweier Seelen, die nie getrennt werden konnten. Während Clyde und Ayla in den Zeilen der Vergangenheit lesen, erkennen sie nicht nur das Vermächtnis ihrer Eltern – sie entdecken auch die eigene, tiefe Seelenverwandtschaft. Ein berührender Gestaltwandler-Roman über tragische Liebe, das Band wahrer Gefährten und die heilende Kraft der Vergebung und des Friedens, was beides oftmals mehr Erfüllung bringt als Hass und Streit.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
24
Rating
n/a
Altersfreigabe
16+

Kapitel 1: Clydes Erbe

Nordrudel – Das Anwesen des Alphas

Der schwere, süßliche Geruch von frischer Erde und nassem Tannengrün hing wie ein undurchdringlicher Schleier in der kühlen Waldluft. Die Beerdigung des alten Alphas Patric war vorbei. Als sein einziger Sohn und neuer Alpha des Rudels stand Clyde noch am Grab, während die Rudelmitglieder nach und nach die Köpfe senkten, ihm stumm die Hand drückten und sich schließlich in ihre Häuser zurückzogen. Jeder spürte, dass an diesem Tag nicht nur ein erfahrener Anführer begraben worden war, sondern dass eine neue Ära begann.

Doch als Clyde kurz darauf das große Anwesen betrat, herrschte in der wuchtigen Eingangshalle keine ehrfürchtige, heilende Stille.

Ashton – seine Mutter und die offizielle Luna des Rudels – stand am Fuß der breit geschwungenen Holztreppe. Sie trug ein teures, tiefschwarzes Trauerkleid, doch der feine Stoff konnte die harte, anspruchsvolle Haltung ihres Körpers nicht verbergen. Die Arme verschränkt, die Lippen zu einem dünnen, hochmütigen Strich gezogen, blickte sie auf die Halle hinab. Selbst in diesem Moment der Trauer wirkte sie keineswegs wie eine gebrochene Witwe. Sie wirkte wie eine Herrscherin, die darauf wartete, dass man ihr nach langer Wartezeit endlich die Krone überreichte.

„Wir dürfen jetzt keine Zeit verlieren, Clyde“, sagte sie, und ihre Stimme hallte scharf durch das hohe Gebälk. „Jetzt, da dein Vater tot ist, müssen wir die Finanzen und die Führung des Rudels unverzüglich neu ordnen. Ich werde ab heute die Verwaltung der Besitztümer und des Anwesens übernehmen. Und was diese unnutzen Omegas im Gesindehaus angeht – es wird höchste Zeit, dass wir dort kräftig einsparen. Dein Vater war viel zu weich zu ihnen.“

Clyde blieb am großen Panoramafenster stehen und blickte hinaus in den dichten Nebel, der wie ein graues Meer über den Baumkronen des Reviers lag. Seine Kiefermuskeln spannten sich so fest an, dass ein Schmerz durch seinen Kiefer fuhr. Er atmete ruhig ein und aus, um den brodelnden Wolf in seinem Inneren zu zügeln. In seinen Adern brannte seit dem Versterben seines Vaters die volle, ungebündelte Macht der Alpha-Aura – eine elektrische, schwere Energie, die nur auf einen Funken wartete.

Er drehte sich langsam um. Seine Schritte auf dem dunklen Dielenboden waren vollkommen lautlos.

„Du wirst überhaupt nichts übernehmen, Mutter“, sagte er leise, wobei das Wort "Mutter" eher wie ein gespuckter Laut klang. Die Lautstärke seiner Stimme war gering, aber die Kälte darin ließ die Luft im Raum gefrieren.

Ashton zog eine fein gezupfte Augenbraue hoch und lachte trocken auf. „Wie bitte? Du vergisst dich, Clyde. Ich bin die Luna dieses Rudels. Die Witwe des Alphas! Ich habe dieses Haus Jahrzehnte lang repräsentiert.“

„Du warst nie die Luna dieses Rudels und repräsentiert hast Du auch nichts. Du warst nämlich selten da.“, entgegnete Clyde und machte zwei ruhige, bedrohliche Schritte auf sie zu.

Er sah sie nicht als Mutter an. Dieses Wort hatte in seinem Mund schon als Kind einen bitteren Nachgeschmack. Er hatte schon als kleiner Junge gelernt, die Kälte in ihren Augen zu lesen, wenn sein Vater nicht hinsah. Er erinnerte sich an die Tage seiner Kindheit, an denen sie tagelang spurlos verschwunden war – und an die fremden, stechenden Gerüche anderer Männer, die in ihrer Kleidung hingen, wenn sie schließlich zurückkehrte. Gerüche, die sein Vater Patric stets mit stoischer, schmerzhafter Stille ertragen hatte, nur um den Schein, das Bündnisses und den Frieden im Rudel aufrechtzuerhalten.

„Du warst eine reine Zweckbündnis-Gattin“, fuhr Clyde fort, und seine Stimme wurde noch eine Nuance dunkler. „Ein Preis, den mein Vater gezahlt hat, damit unser Rudel nicht verhungert. Dein Titel ist mit dem letzten Atemzug meines Vaters vollkommen erloschen.“

Ashtons Augen flammten bedrohlich auf, ihre Pupillen verengten sich zu schmalen Schlitzen. „Du kannst mich nicht einfach abservieren!“, zischte sie, und die Maske der vornehmen Dame begann zu bröckeln. „Ich habe Rechte! Ich habe dieses Rudel mit meinem Namen gerettet!“

„Du hast gar nichts“, sagte Clyde hart. Er blieb direkt vor ihr stehen und blickte aus seiner vollen Höhe auf sie herab. „Mein Vater hat dich geschützt. Er hat dir ein Dach über dem Kopf gegeben, Stand, Ansehen und unermesslichen Wohlstand – und du hast ihn dein ganzes Leben lang gedemütigt. Ich habe deine lügenhaften Ausreden gehört. Ich kenne deine Schande. Aber mein Vater ist tot. Seine unendliche Geduld ist mit ihm ins Grab gestiegen. Und meine existiert, was Dich angeht, nicht.“

Er hob die Hand, nicht um zu schlagen, sondern um die absolute Dominanz des neuen Alphas im Raum aufzubauen. Eine sichtbare Druckwelle aus purer Macht breitete sich im Raum aus und ließ die Kerzenflammen auf dem Beistelltisch flackern.

„Ich entziehe dir hiermit jeden Rang, jeden Titel und jeden Anspruch“, sprach er das Urteil aus. „Du hast bis Sonnenuntergang Zeit, deine persönlichen Sachen zu packen. Wenn du morgen früh beim ersten Sonnenstrahl noch auf dem Territorium meines Rudels bist, werde ich dich als feindlichen Eindringling jagen lassen. Hast du mich verstanden?“

Ashton entgleisten jegliche Gesichtszüge. Zum ersten Mal in seinem Leben sah Clyde echtes, pures Entsetzen in ihren Zügen. Sie öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, um zu drohen oder zu wettern, doch gegen die drückende, unnachgiebige Aura des jungen Alphas kam ihr eigener Wolf nicht an. Ihre Lippen zitterten. Zähneknirschend, die Fäuste so fest geballt, dass die Knöchel weiß hervortraten, drehte sie sich um und rauschte mit laut knallenden Absätzen die Treppe hinauf.

Clyde atmete tief aus. Ein langer, schwerer Schauer fuhr durch seinen gesamten Körper. Es war getan. Die giftige, erdrückende Last, die jahrelang wie ein dunkler Schleier über diesem Haus gelegen hatte, begann sich endlich zu lichten.

Er wandte sich ab und ging den langen, holzvertäfelten Flur entlang bis ans hinterste Ende des Gebäudes. Vor der schweren Eichentür zum Arbeitszimmer seines Vaters blieb er einen Moment lang stehen. Er schloss die Augen und legte die Hand auf das kühle Metall der Klinke.

Als er die Klinke herabdrückte und eintrat, schlug ihm sofort der vertraute Duft entgegen: frisches Zedernöl, altes Leder, der herbe Geruch von Waldrauch – und diese eine, tiefe, unendlich traurige Note, die seinen Vater in den letzten Jahren wie ein unsichtbarer Schatten begleitet hatte.

Das Zimmer war dunkel. Die schweren Samtvorhänge waren halb zugezogen und ließen nur wenig vom grauen Nachmittagslicht herein. Auf dem massiven Schreibtisch lag alles noch genauso, wie Patric es am Tag vor seinem plötzlichen Zusammenbruch hinterlassen hatte: der aufgeschlagene Füllfederhalter, die Brille, die geordneten Stapel.

Clyde trat an den Schreibtisch und strich langsam über das kühle, dunkel polierte Holz. Sein Vater war in den letzten Monaten nicht an einer Krankheit gestorben. Er hatte keine Wunde von einem Kampf davongetragen. Er war einfach schwächer geworden. Tag für Tag, Woche für Woche, als wurde ihm von innen heraus die Lebenskraft entzogen, bis sein Herz vor wenigen Tagen nach einem plötzlichen, unsichtbaren Schock einfach aufgehört hatte zu schlagen. Clyde hatte es nicht verstanden. Die Ärzte hatten keinen Grund gefunden.

Er setzte sich langsam in den schweren Ledersessel, der noch immer sanft nach dem alten Alpha roch, und begann stumm, die Dokumente zu sortieren. Verträge mit den Nachbarrudeln, Pachtunterlagen für die Wälder, Finanzberichte. Alles war mit akribischer Sorgfalt geführt.

Ganz unten in der letzten, schwergängigen Schublade, versteckt hinter einem dicken Stapel vergilbter Revierkarten aus den Siebzigerjahren, stieß seine Hand auf etwas Massives. Eine kleine Schatulle aus dunkelrotem Holz, mit einem feinen Messingschloss versehen.

Clyde spürte plötzlich einen unerklärlichen, engen Druck in seiner Brust. Sein Herz schlug einen Takt schneller. Er suchte in der Messingschale für Stifte nach dem passenden Schlüssel – und fand ihn an einem ganz schmalen, abgenutzten Lederband.

Das Schloss klickte leise und trocken.

In der Schatulle lagen drei ledergebundene Büchlein. Die Kanten des Leders waren abgegriffen, stellenweise dunkel und weich vom jahrelangen Halten.

Clyde nahm das oberste Buch heraus. Als er es aufschlug, stieg ihm der schwache Geruch von getrockneten Waldblumen und alter Tinte in die Nase. Die Handschrift auf der vergilbten ersten Seite war unverkennbar die seines Vaters – gewohnt kräftig und geschwungen, aber hier, im allerersten Eintrag, zittrig vor einer tiefen, inneren Erschütterung.

Das Datum stammte aus einer Zeit vor über dreißig Jahren.

Morgen werde ich Ashton heiraten. Ich werde vor dem gesamten Rudel die Hand der Frau halten, die ich nicht liebe und niemals lieben kann, um unser Land und unsere Leute vor dem Ruin zu retten. Ich werde mein Wort halten und diese Bürde tragen. Aber mein Herz ... mein Herz ist heute Nachmittag im Niemandsland geblieben.

Ich habe sie gesehen. An der alten Holzbrücke drüben am Fluss. Sie hieß Cara.

Clyde erstarrte. Die Luft entwich mit einem Mal aus seinen Lungen. Seine Finger krallten sich so fest in das weiche Leder des Einbands, dass das Material leise knarrte. Er starrte ungläubig auf die geschwungenen Buchstaben.

Cara.

Er hatte diesen Namen in seinem ganzen Leben noch nie gehört.

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