Prolog
GWEN
2 Jahre zuvor...
Es soll Menschen geben, die akribisch To-do-Listen führen. Und dann gibt es mich: Ich führe Listen über Olivia Rhodes. Liebevoll nenne ich sie Die Rhodes-Chroniken, und das mag fürs Erste etwas verstörend klingen, aber Liv ist meine beste Freundin, und solange diese Listen nur in meinem Kopf existieren, gibt es keinen Grund, weshalb man sich darüber echauffieren sollte. (Ein Wort, das Liv übrigens äußerst gerne verwendet, und auch das steht auf der Liste.)
Der erste Eintrag stammt von dem Tag an dem sie mir zum ersten Mal, in unserer gemeinsamen Wohnung auf dem Campus der St. Arden University, begegnete.
Olivia sortiert ihre Bücher nach Farben.
Mit einer Sporttasche über der Schulter, einem Umzugskarton unterm Arm und einem Lolli zwischen den Zähnen stand ich vor einem großen Regal, das aussah, als hätte da jemand einen Regenbogen hineingequetscht. Davor kniete ein Mädchen mit schokoladenbraunem Haar und einer Strickjacke, in die wir vermutlich beide gepasst hätten, und schob einen dunkelgrünen Buchrücken einen halben Zentimeter nach hinten. (Randnotiz: mit einem Lineal. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen.)
»Hi«, nuschelte ich um den Lolli herum, was ungefähr so klang, als säße ich gerade beim Zahnarzt.
Sie drehte sich erwartungsvoll um, grinste bis über beide Ohren und streckte mir ihre winzige Hand entgegen. »Du musst Gwendolyn sein.«
Ich ließ meine wenigen Habseligkeiten auf das Sofa fallen, nahm den Lolli aus dem Mund und erwiderte ihren zarten Händedruck. »Gwen. Gwendolyn nennt mich nur meine Großmutter.«
»Liv«, stellte sie sich vor. Sie war gut zehn Zentimeter kleiner als ich, bildhübsch, und hatte große, freundliche Augen, die sich nicht entscheiden konnten, ob sie nun braun oder grün sein wollten.
Punkt zwei kam keine fünf Minuten später dazu.
Olivia ist eines der liebreizendsten Wesen auf diesem Planeten.
»Ich habe Teewasser aufgesetzt«, verkündete sie in einem melodischen Ton. »Ich wusste nicht, was du magst, also habe ich einfach drei Sorten mitgebracht.«
Auf dem Tisch standen tatsächlich drei ordentlich nebeneinander aufgereihte Teedosen: Earl Grey, Pfefferminze und Himbeer-Vanille. Dazu zwei Tassen mit passenden Untertassen und ein Teller, auf dem sie verschiedene Kekse hübsch angerichtet hatte. (Randnotiz: Die Kekse waren der Größe nach geordnet.)
»Okay, vielleicht bleibst du doch bei Gwendolyn. Du scheinst meiner Grandma ähnlicher zu sein als gedacht«, erwiderte ich und griff nach einem Keks mit Marmeladenfüllung. »Aber keine Sorge, sie ist mein absoluter Lieblingsmensch.«
Sie kicherte leise und schob mir den Teller ein Stück näher.
In kürzester Zeit entstand zwischen uns tatsächlich so etwas wie Freundschaft, und das hatte ich beim besten Willen nicht geplant. Ich war nach St. Arden gekommen, um mein Jurastudium durchzuziehen, im Rudern noch besser zu werden und einigermaßen mit meiner Mitbewohnerin auszukommen. Denn mein Leben fand seit meinem zehnten Lebensjahr auf dem Wasser statt, und Menschen, die nicht im selben Boot saßen wie ich, hatten darin bisher eher am Rand stattgefunden. Ich war davon ausgegangen, dass wir uns die Wohnung teilen, einen Plan erstellen, wer wann den Müll rausbringt, und ansonsten einander aus dem Weg gehen.
Liv hatte andere Pläne, und die Rhodes-Chroniken füllten sich schneller, als ich nach einem imaginären Stift greifen konnte. Die Randnotizen spare ich mir an dieser Stelle, sonst sitzen wir morgen noch hier. Fakt ist: Liv packte mir heimlich meine Lieblingssnacks in die Sporttasche, stellte mir morgens eine Thermoskanne mit heißem Tee hin, obwohl ich schon um fünf das Haus verlassen musste, und wusch sogar meine stinkenden Sportklamotten, wenn ich bis spät in die Nacht in der Bibliothek versackt war.
Fakt ist auch: Ich hatte fest damit gerechnet, dass sie mir eines Tages den Kopf abreißen würde, weil ich, im Gegensatz zu ihr, der unordentlichste Mensch auf diesem Planeten war. Doch Liv warf nur einen einzigen Blick in mein Zimmer hinein, schloss sehr behutsam die Tür und stellte genau eine Regel auf: Mein Chaos hatte in den Gemeinschaftsräumen nichts verloren. Wie es hinter meiner Tür aussah, sei ihr herzlich egal. Es gab keinen Vortrag und kein Augenrollen, wie ich es nur zu gut von meinen Eltern kannte. Sie nahm mich einfach so, wie ich war, und ich wusste gar nicht, wohin mit so viel Großzügigkeit.
Und dann war da noch die Sache mit meiner Zeit. Wir verbrachten jede freie Sekunde miteinander, zumindest so viele, wie ich zwischen den Vorlesungen und den Trainingseinheiten aufbringen konnte. Und weil das nicht besonders viele waren, hatte ich ständig Angst, dass sie dabei zu kurz kam und mich irgendwann doch in den Wind schießen würde. Warum mich das überhaupt so beschäftigte? Weil sie mir wichtig wurde. Ich entschuldigte mich so oft dafür, dauernd auf Achse zu sein, bis sie mir eines Abends eine grüne Maske ins Gesicht schmierte, damit ich die Klappe hielt, und mir erklärte, sie sei einfach nur froh, mich in ihrem Leben haben zu dürfen. So saßen wir auf dem Sofa, sahen aus wie zwei sehr zufriedene Avocados und schauten Serien, bis ich wie immer als Erste einschlief.
An diesem Abend trug ich den wichtigsten Punkt in die Rhodes-Chroniken ein.
Olivia ist meine beste Freundin. (Randnotiz 1: Die erste und einzige, die ich je hatte. Randnotiz 2: nach läppischen vier Wochen.)
Womit ich diese Zuckerpuppe verdient habe, kann ich mir bis heute nicht erklären. Ich sollte eher froh sein, sie in meinem Leben zu haben, als umgekehrt.
Irgendwann wollte sie zum ersten Mal mit zu einem meiner Wettkämpfe. Zu einer Freundschaft gehöre nun einmal, dass man einander unterstützt, erklärte sie, während wir in meinem unordentlichen Zimmer saßen und sie mir die Haare flocht.
»Du musst wirklich nicht mitkommen«, wiederholte ich zum dritten Mal. »Es ist schweinekalt und ungemütlich, und wenn ich ehrlich bin, sieht man bei einem Head Race nur Boote, die nacheinander vorbeifahren. Wenn man bei dem Nebel da draußen überhaupt etwas sieht.«
»Das klingt doch aufregend«, fand Liv und wickelte sich einen Schal um den Hals, der ungefähr so lang war wie sie selbst. Sie steckte ein Buch in ihre Manteltasche, und ich beschloss, das nicht persönlich zu nehmen. Ich meine, wer fuhr freiwillig bei dieser Kälte zu einem Wettkampf, um zu lesen?
Olivia hat immer ein Buch dabei. (Randnotiz: Egal, ob sie es liest oder nicht.)
Der Fluss lag an diesem Oktobermorgen unter einer Nebeldecke, die so dicht war, dass erst lang und breit diskutiert wurde, ob das Rennen überhaupt stattfinden konnte. Erst als die Sicht langsam besser wurde, gab die Rennleitung schließlich grünes Licht. Daraufhin lotste ich Liv an eine Stelle am Uferweg, kurz vor der Ziellinie, drückte ihr meine warme Jacke in die Arme und schärfte ihr ein, dass sie schreien durfte, sobald ein dunkelblauer Vierer auftauchte.
»Was soll ich denn schreien?«
»Irgendetwas. Hauptsache laut, um zu kompensieren, dass du kein Motivationsschild für deine beste Freundin gebastelt hast.«
Sie sah mich an, als hätte ich von ihr verlangt, nackt auf einem Tisch zu tanzen. Ach Livy. Ich zog sie in meine Arme und drückte sie fest, damit sie nicht ernsthaft auf die Idee kam, ich könnte ihr das verübeln. (Randnotiz: Beim nächsten Rennen hatte sie eins dabei. Mit Glitzer.)
Kurze Zeit später saß ich im Stroke Seat. Auf der Position, die im Boot den Takt vorgibt. Das war erst seit zwei Wochen mein Platz, probeweise, wie unser Coach betont hatte, aber ich hatte nicht die Absicht, diesen Sitz jemals wieder herzugeben.
Wir starteten fünfzehn Sekunden nach der ersten Mannschaft. Auf den letzten fünfhundert Metern brannten meine Oberschenkel wie Feuer, und genau in dem Augenblick, in dem ich mir sicher war, die Schlagzahl nicht länger halten zu können, hörte ich vom Ufer eine Stimme, die ich in den letzten Wochen nicht ein einziges Mal laut erlebt hatte.
»GWEN! DAS SIEHT SEHR GUT AUS!«
Meine beste Freundin brüllte ein höfliches Kompliment in einem vollständigen Satz, und ich musste mitten im Rennen so lachen, dass ich beinahe den nächsten Schlag verpatzte.
Olivia steckt voller Überraschungen. (Randnotiz: Sie kann schreien. Allerdings klingt sie wie ein Küken.)
Als wir anlegten, wartete Liv schon am Bootshaus, und kaum hatte ich festen Boden unter den Füßen, da fiel sie mir um den Hals, obwohl ich klatschnass war. Wenig später stand ich in trockenen Sachen neben ihr am Steg, die Hände um einen dampfenden Pappbecher gelegt.
Vor uns kam der erste Männerachter von St. Arden zum Halten. Die Jungs stiegen aus, hoben das Boot auf das Kommando ihres Steuermanns aus dem Wasser, über die Köpfe und hinunter auf die Schultern. Einer von ihnen lachte dabei so laut und atemlos, dass er das gesamte Team ansteckte.
Liv wurde neben mir still.
»Wer ist das?«, wollte sie wissen.
»Wer? Da stehen neun Leute.«
»Der Große.«
»Liv … Die sind alle groß. Das ist quasi Einstellungsvoraussetzung.«
»Na, der, der lacht. Ganz vorne«, hauchte sie, ohne den Blick abzuwenden, und ihre Wangen hatten eine Farbe angenommen, die ganz bestimmt nicht von der Kälte kam. »Der mit dem Tattoo auf der Wade.«
Jetzt wusste ich sofort, wen sie meinte. Braune Haare, die vom Schweiß dunkel an der Stirn klebten, und Schultern, über die im Kraftraum schon die halbe Frauenmannschaft getuschelt hatte.
»Ahh. Das ist Vincent.« Ich zuckte mit den Schultern und trank einen Schluck. »Ich kenne ihn nicht wirklich, aber er scheint ganz in Ordnung zu sein. Wir haben bisher vielleicht zwei Sätze miteinander gewechselt, und die handelten von Bootsböcken.« Ich wackelte mit den Augenbrauen, weil ich wusste, dass sie absolut keine Ahnung hatte, was ich damit meinte.
»Er sieht nett aus«, murmelte sie.
Wenn Olivia »nett« sagt, meint sie rattenscharf. (Randnotiz: Dieses Wort würde sie selbst niemals in den Mund nehmen.)
In diesem Moment sah er herüber. Sein Blick streifte den Steg, blieb an uns hängen, und dann hob er das Kinn zu einem knappen Gruß.
Liv krallte sich in meinen Ärmel. »Er hat hergesehen. Oh Gott.«
Vincent sah gut aus, das musste man ihm lassen. Sehr gut sogar, und was mir deutlich wichtiger war: gut genug für meine Liv.
Sie sah ihm nach, bis er mit den anderen in der Bootshalle verschwunden war, und als ich anbot, ihn herüberzuholen, schüttelte sie so heftig den Kopf, dass ihr der Schal von der Schulter rutschte. »Untersteh dich, Gwen. Ich würde auf der Stelle sterben.«
Olivia neigt zu Übertreibungen.
Also unterstand ich mich. Zumindest solange sie danebenstand.
Unter dem Vorwand, drinnen etwas vergessen zu haben, ließ ich sie mit meinem Becher am Steg zurück und eilte der Mannschaft nach. Im Gang vor den Umkleiden riss ich eine Ecke vom Aushang mit den Startzeiten ab und kritzelte hastig Livs Nummer aus meinem Handy darauf.
»Hey, Vincent!«
Er blieb wie auf Kommando stehen, ließ seinem Team den Vortritt und wandte sich mir zu.
»Gwen!« Freudestrahlend verschränkte er seine muskulösen Arme vor der noch muskulöseren Brust. »Ich habe gehört, ihr habt den Vierer vor euch fast aufgefressen. Wie lange sitzt du jetzt im Stroke, zwei Wochen vielleicht?«
»Gut beobachtet, Kumpel.« Ich drückte ihm den Zettel in die Hand und zwinkerte ihm zu. »Nicht verlieren.«
Er sah auf das Papier hinunter und dann wieder zu mir, und irgendetwas an seinem Grinsen veränderte sich.
»Gwen, ist das …«
Aber ich war schon auf dem Weg nach draußen und kam mir dabei ausgesprochen raffiniert vor.
Zu meiner Überraschung meldete Vincent sich noch am selben Abend. Liv und ich saßen mit einer Decke über den Beinen auf dem Sofa, als ihr Handy auf dem Tisch vibrierte.
»Was ist das denn für eine Nummer?«, wunderte sie sich und las die Nachricht. Sie runzelte die Stirn und las sie noch einmal. Dann wurden ihre Augen riesig. »Gwendolyn! Was hast du getan?«
Ich zog mir die Decke bis zur Nase. »Es könnte sein, dass ich heute jemandem deine Nummer zugesteckt habe.«
Mit gesenktem Kinn und tief gerunzelter Stirn las sie mir die Nachricht vor: »Hey, hier ist Vince. Ich gebe zu, mit dem Zettel habe ich nicht gerechnet.« Sie ließ das Handy sinken. »Ernsthaft?«
Olivia verstellt ihre Stimme, wenn sie jemanden nachmacht. (Randnotiz: In diesem Fall klang sie verdächtig nach einem Neandertaler.)
Erst wurde sie blass. Dann rot. Dann warf sie ein Kissen nach mir.
Olivia wird knallrot, wenn ihr etwas peinlich ist, und zwar bis in die Ohrläppchen.
Danach brauchte sie eine Dreiviertelstunde und meine gesamte Geduld für lächerliche drei Sätze, in denen sie ihm erklärte, dass sie Liv hieß und am Vormittag neben mir am Steg gestanden hatte. Diesmal dauerte es eine Weile, bis er zurückschrieb, und in diesen Minuten war sie nicht ansprechbar. Dann summte das Handy, und sie lächelte so, als hätte sie Schmetterlinge im Bauch.
An diesem Tag brachte ich einen Stein ins Rollen, ohne zu ahnen, wie weit er einmal rollen würde. Aus einer Nachricht wurden hundert, aus einem Kaffee wurde ein Abendessen, aus diesem wiederum ein Wochenende. Und irgendwann stand Vince so selbstverständlich an Livs Seite, als hätte er schon immer dorthin gehört.
Olivia ist verliebt. (Randnotiz: Das geht auf meine Kappe, und ich bin unverschämt stolz darauf.)
Wenn mich jemand fragt: Es war das Beste, was ich je für sie getan habe.









Ein super schöner Einstieg in die Geschichte - ich bin gespannt, was da noch alles auf uns zukommen wird. 😊
Supertoller Anfang! Ich bin jetzt schon begeistert.
Ich frage mich, ob Vincent nicht gedacht hat, dass das die Nummer von Gwen ist. Oder hat sie den Namen von Liv dazu geschrieben. Bin schon sehr gespannt, wie es weitergeht!
Der Einstieg ist schon mal gelungen. Ich glaube, Vincent stand auf Gwen und hat sich über den Zettel gefreut, musste aber feststellen, dass das nicht ihre Nummer ist