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Mister Bip

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Zusammenfassung

Ich schaute mir die Bilder, die die Misshandlungen der Insassen zeigten, an und scannte blitzschnell die Infotexte ein. Ich rannte von Bild zu Bild, mein Kopf begann zu hämmern und ich spürte, wie sich der Sand da drinnen verfestigte. Meine Gruppenkameraden konnten mir gerade so folgen und redeten auf mich ein, fragten, was mit mir los sei. Ihre Sätze prasselten einfach so an mir ab. Mein einziges Ziel war es, noch mehr von diesem süchtig machenden Klackern in meinem Kopf zu bekommen, welches durch das Ansehen eines jeden schrecklichen Bildes erzeugt wurde.

Genre:
Other
Autor:
ValonRavan
Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
15
Rating
n/a
Altersfreigabe
18+

Kapitel 1: Ein alles verändernder Ausflug

Hi, mein Name ist Bip. Ich bin 16 Jahre alt und gehe in die Realschule in Paulsburg. Ich bin so etwas wie der Inbegriff eines Strebers. Ich neige dazu, dreimal am Tag zu trainieren, morgens wie ein Verrückter aus dem Bett zu schießen, eigene Songs zu kreieren und mir um die tausend Zettel zu schreiben, damit ich ja nichts vergesse. Ich bin hoch motiviert, meine schräge Vergangenheit im Gymnasium hinter mir zu lassen und später, nachdem ich mein Abi nachgeholt habe, Professor der Psychologie zu werden. Aber kein stinknormaler Professor, wie ihr euch denken könnt, sondern einer für seine Behandlungsmethoden auf der ganzen Welt bekannter Professor mit einer riesigen Praxis und tausenden unter sich stehenden Mitarbeitern. All das wäre natürlich total realistisch gewesen, wenn es da nicht diese folgenschwere Geschichtsstunde gegeben hätte. Dort behandelten wir ein ganz besonders düsteres Thema. Eines, das mich für den Rest meines Lebens begleiten sollte. Was könnte das nur gewesen sein? Ach ja, der Nationalsozialismus. Ich weiß nicht, warum, aber irgendwie schien mich dieses Thema komplett fertig zu machen. Mein Gehirn schaltete im Geschichtsunterricht einfach ab, mein Kopf tat schrecklich weh und es fühlte sich so an, als würden in meinem Hinterkopf ständig kleine Seifenbläschen explodieren.

Nach der letzten Schulstunde schien dieses ungemütliche Gefühl nicht weggehen zu wollen. Auf dem Nachhauseweg fuhr ich mit meinem Fahrrad immer zwar ziemlich schnell, aber irgendwie kamen mir die Bewegungen der Menschen um mich herum wie Slow Motion vor. Zuhause angekommen, legte ich mich dann meistens erst mal ins Bett und machte einen kleinen Powernap.

Nachmittags lernte ich und am nächsten Tag wusste ich bei den Abfragen und Tests so gut wie nichts mehr, woraufhin ich dann meine erste Fünf kassierte. Mich nahm diese Fünf komplett mit und ich wusste ums Verrecken nicht, was mit mir los war. Also beschloss ich, mich umzuprogrammieren. Ich las seit Kurzem ein Buch über neurolinguistische Programmierung. Ein Buch, das einem eine Technik an die Hand gibt, um erfolgreicher und glücklicher im Leben zu werden. Ein Step für diese Transformation in ein neues Ich war, sich jeden negativen Gedanken, den man hat, aufzuschreiben und diesen dann in einen positiven Satz umzuformen.

Um so produktiv wie möglich zu sein, entschloss ich mich, die Nächte über wach zu bleiben und so viele Gedanken wie möglich umzuformen. Da war nur eine Sache, die ich vergaß: den Schlaf. Eigentlich komplett überbewertet, aber leider dennoch sinnvoll. Besonders, wenn es da um mehrere Wochen geht, die man mit wachen Nächten verbringt, um aus sich eine 1er-Notenmaschine zu machen. Naja, wer hätte es gedacht, das ganze Prozedere war natürlich komplett kontraproduktiv. Ich hatte zwar den Lehrern offen vor der Klasse gesagt, dass ich mich nun umprogrammiere und ich mich deshalb für ein paar Wochen komisch verhalten würde, aber vor den Stegreifaufgaben und Schulaufgaben konnte ich mich nicht verstecken. Ich versaute natürlich eine nach der anderen und zog mich vor Enttäuschung immer weiter in mich zurück. Doch es sollte noch schlimmer kommen. Es näherte sich der schlimmste Tag meines Lebens, der Besuch des KZs in Dachau.

Schon auf dem Weg zum KZ wehrte sich mein Kopf mit allen Mitteln gegen die Fahrt im Bus. Ich erzählte nicht gerade leise meinem Sitzkameraden, dass sich für mich alles wie in Zeitlupe bewegte und ich alles verkehrt herum wahrnahm. Während der Fahrt fühlte sich alles so an, als würde mich irgendeine unsichtbare Kraft nach vorne ziehen, so dass ich befürchtete, mit voller Wucht gegen die Vordersitze zu krachen.

Mein Kopf gab mir das Gefühl, als wäre da Sand drin, und mit jeder Bewegung nach rechts oder links fiel der Sand in meinem Kopf ebenfalls in die entsprechende Richtung. Um so näher wir dem KZ kamen, desto mehr wurde die Welt zu einem Schwarzweißfilm. Dass ich mich plötzlich wie ein absolutes Genie fühlte, bemerkte außer mir keiner. Für mich war es so, als würde ich in einer anderen Welt leben. In einer Welt, die nur ich wahrnehmen konnte und die niemand anderes außer mir verstand.

Nach einiger Zeit erreichten wir den Zielort. Zuerst betraten wir den Innenhof des KZs und wurden aufgefordert, alle mit den Köpfen auf den Boden zu schauen, so wie es zur Zeit des Zweiten Weltkrieges auch die Juden den ganzen Tag tun mussten. Mein ganzer Körper zog sich in sich zusammen, meine Arme pressten sich mit voller Kraft seitlich an meinen Körper, meine Hände steckten völlig verkrampft in meinen Hosentaschen und alles war auf einmal still. Ich hörte nichts außer stumpfe, komische Geräusche, die ich als leise verzerrte Stimmen wahrnahm.

Ich verharrte in meiner Position, bis jemand laut, vielleicht auch mehrmals, meinen Namen rief. „Bip! Bip!“ Ich schreckte auf, sah mich um und bemerkte, dass der Lehrer uns in Gruppen aufteilte. Wir durften immer nur zu viert herumlaufen. Wir sollten uns zuerst einmal einen Überblick über das große Gebäude verschaffen und uns alles anschauen. Dafür hatten wir ca. zwei Stunden Zeit, bis wir uns dann wieder am Eingang treffen sollten.

Als ich mit meiner Gruppe durch die Gänge wanderte, war ich sofort bereit, meine besondere Auffassungsgabe auszunutzen. Ich schaute mir die Bilder, die die Misshandlungen der Insassen zeigten, an und scannte blitzschnell die Infotexte ein. Ich rannte von Bild zu Bild, mein Kopf begann zu hämmern und ich spürte, wie sich der Sand da drinnen verfestigte. Meine Gruppenkameraden konnten mir gerade so folgen und redeten auf mich ein, fragten, was mit mir los sei. Ihre Sätze prasselten einfach so an mir ab. Mein einziges Ziel war es, noch mehr von diesem süchtig machenden Klackern in meinem Kopf zu bekommen, welches durch das Ansehen eines jeden schrecklichen Bildes erzeugt wurde.

Plötzlich fand ich mich gemeinsam mit meiner Klasse mitten in einem Feld wieder, auf dem abgemagerte Gestalten Löcher in die Erde gruben, Steine herumtrugen und von Wärtern geschlagen und teilweise kaltblütig erschossen wurden. Ich schaute völlig verstört auf den Boden. Mein Herz pochte wie verrückt. Wir gingen weiter.

Zusammengekrampft und leicht humpelnd folgte ich meiner Klasse durch das Gelände. Ich hatte das Gefühl, die Identität eines ehemaligen KZ-Insassen angenommen zu haben. Als wir uns die Öfen, in denen die Leichen verbrannt wurden, ansahen, hatte ich die Vision, wie eine abgemagerte, schreiende Gestalt unter dem Gelächter eines Wachpostens bei lebendigem Leib verbrannt wurde. Ich wollte nicht mehr. Das Einzige, woran ich denken konnte, war mein schönes, warmes Zuhause. Der einzige Ort auf der Welt, der für mich jetzt noch sicher war.

Doch es kam noch schlimmer. Wir sahen uns die Gasduschen an, die Millionen von Menschen das Leben genommen hatten. Ich ging näher heran, um mir diese so wie die anderen Klassenkameraden genauer anzuschauen. Vollkommen unerwartet spürte ich, wie Gas meine Lungen durchströmte. Ich wollte anfangen zu husten, doch aus irgendeinem Grund war ich wie gelähmt. Ich wollte schreien, ich wollte weinen, ich wollte das Taschentuch aus meiner Hose herausnehmen, um mir die Nase zuzuhalten. Doch ich konnte nicht. Meine Haut fing an, sich aufzulösen und auf den Boden zu klatschen. Ich spürte, wie sich mein Körper immer weiter auflöste. Doch auf einmal stand ich wieder bei meiner Klasse. Ich presste meine Arme noch mehr an mich heran und ging weiter.

Am Ende des Ausflugs versammelten wir uns unter den Bäumen direkt am Eingang des KZs.

Ich fragte meine Klassenkameradin Stefanija, ob sie auch die Juden sähe, die über uns an den Bäumen hingen. Sie antwortete, dass ich nicht so einen Quatsch reden solle. Wir liefen zum Bus, um endlich wieder zur Schule zurückzufahren.

Der Ausflug war zu Ende, die verzerrte Wahrnehmung blieb. Diese sollte mir noch einige Wochen voller Schrecken, aber auch der geilsten Gefühle meines Lebens bescheren.

Wenn mich ein Außenstehender fragen würde, was an diesen Gefühlen so „geil“ ist, würde ich dieser Person sagen, sie solle sich vorstellen, dass Akupunktur mit seinem Hirn gemacht wird und man die Nadeln deutlich spüren kann. Sie stechen auf behutsame, befriedigende und entspannte Weise in die verschiedensten Areale des Gehirns. Dabei kommen Glücksgefühle zum Vorschein, die sich wie ein Drogencocktail anfühlen und meine Wahrnehmung beeinflussen.

Egal, wie schlimm irgendeine Situation in dieser Verfassung für mich war, sie löste einen weiteren Schub der Akupunkturnadeln in mir aus und damit auch wieder neue Glücksgefühle. Natürlich bedeutete das nicht, dass mir diese verzerrte Realität keine Angst machte.

***

Die Tage vergingen und aus irgendeinem Grund merkten meine Eltern nichts von meiner Veränderung. Wahrscheinlich lag das an meiner Geheimhaltung, meiner neuen veränderten Wahrnehmung. Wenn ich duschte, sah ich, wie die Wassertropfen an der Wand nach oben flossen und die Wände irgendwie neue Details hatten. Es war, als würde ich meine Umgebung in einem ganz anderen Licht sehen. Manchmal fühlte sich mein Kopf so an, als wäre er oben offen und das Blut würde hinten herauslaufen. Komischerweise mochte ich dieses Gefühl, denn mit jedem Blutstropfen, den ich verlor, wurde mein Kopf auch leerer. Leerer von all den schrecklichen Erinnerungen ans KZ und dem Druck, gute Noten schreiben zu müssen. Manchmal, wenn ich in den Spiegel schaute, nahmen meine Haare, die eigentlich blond waren, eine ganz andere Farbe an. Zumindest glaubte ich das.

Mir fiel auf, dass sich meine Mitschüler seit dem Ausflug ins KZ komisch zu mir verhielten. Ich war mir nicht sicher, ob ich mir das nur einbildete, aber im Augenwinkel sah ich immer wieder, wie manche Klassenkameraden anfingen, eine Art Vogeltanz aufzuführen. Dazu nahmen sie die Arme ganz nah an ihre Körper, streckten die Hände zur Seite, wippten mit ihren Beinen auf und ab und bewegten ihre Hände wie winzige Flügel. Immer dann, wenn ich direkt hinschaute, verhielten sie sich wieder komplett normal.

Dann kam der letzte Dienstag vor den Sommerferien. Alle neunten Klassen schauten in der Aula einen Film an. Mir kam es so vor, als könnte ich diesen Film mit meinen eigenen Gedanken steuern. Die Sättigung, die Fokussierung der Kamera und vor allem die Musik fühlten sich so an, als würden sie sich meinen Gedanken anpassen. Ich fing auf einmal an, die Musik mitzusummen. Schließlich wurde aus dem Summen ein lautes Singen. Zusätzlich dazu ahmte ich die Bewegungen der Schauspieler nach. Die anderen Schüler distanzierten sich von mir und fingen an, sich über mein Verhalten lustig zu machen. Tom filmte meine Aufführung.

Meine ehemalige Ethiklehrerin Frau Kleinholz kam auf mich zu und fragte mich sehr zurückhaltend, aber dennoch direkt, was mit mir los sei. Alles ergab nun einen Sinn. Ich war mir komplett sicher: Ich arbeitete indirekt mit der Firma Samsung zusammen. Meine mobilen Geräte beobachteten mich schon seit Wochen. Ich war die Hauptfigur einer neuen App, die jeden Menschen dabei helfen sollte, all ihre Ziele erreichen zu können. Alle meine Verhaltensmuster wurden aufgenommen und meine Entscheidungen analysiert.

Ich wusste es! Mit dieser App, die tagtäglich meinen Körper und mein Gehirn scannte, um mich und alle anderen Menschen auf dieser Welt zu optimieren, würde ich Multimilliardär werden. All das erzählte ich Frau Kleinholz. Irgendwie wirkte sie auf mich sehr besorgt. Sie bat mich, ihr zu folgen.

Ich wurde in den Notfallraum gebracht, wo schon mein Mathelehrer und der Direktor auf mich warteten. Ihnen erzählte ich dieselbe Geschichte. Ich sagte, dass es mir gut gehe. Ich hätte nur etwas zu wenig gegessen, aber ich würde selbst nach Hause finden. Doch sie baten mich besorgt, noch für einige Minuten bei ihnen zu bleiben. Ich empfand es als wirklich nett, dass die Lehrer sich so viel Sorgen um mich machten, aber dennoch komplett unnötig.

Auf einmal hörte ich es, eine Sirene, die immer lauter wurde. Die Tür ging auf und mehrere Notärzte kamen ins Notfallzimmer. Ich fragte: „Bringen Sie mich jetzt nach Hause?“ Die orange angezogenen Männer schauten mich mit komischen Blicken an und einer von ihnen sagte: „Ja, nimm deinen Schulranzen, wir bringen dich jetzt nach Hause.“

Irgendwie kam mir die Fahrt nach Hause sehr lang vor. Nach einiger Zeit – bestimmt einigen Stunden – fiel mir auf, dass wir uns plötzlich in einer Stadt befanden. Ich fragte die Notärztin, die direkt vor mir saß, wo wir nun hingefahren sind. Sie antwortete mir, dass wir uns in München befinden würden und meine Mutter schon vor der Holzbruck-Klinik warten würde. Ich war zwar über diesen riesigen Umweg verwundert, aber dennoch froh, dass mich schlussendlich meine Mutter nach Hause fahren würde. Als wir dann endlich ankamen, konnte ich meine Mutter gar nicht sehen. Plötzlich wusste ich es. Es fand ein riesiger Flashmob für mich statt und die ganze Welt hatte sich für mich verschworen. Die Menschheit wollte mir helfen, meine App zu entwickeln!

Die Notärzte brachten mich in das riesige Gebäude vor mir, welches die Aufschrift „Holzbruck-Klinik“ trug. Sie ließen mich für einen Augenblick allein an der Pforte stehen.

Um mich herum befand sich ein riesiges Aquarium und ich fühlte Freiheit. Das Plätschern des Wassers kam mir vor wie das Plätschern des Blutes, das aus meinem Kopf floss. Zumindest stellte ich mir das vor. Ein unheimlich schönes Gefühl durchströmte meinen Körper, so als würde eine Hand sanft meinen Rücken berühren.

Eine schöne Frau – ungefähr dreißig – näherte sich mir. Sie hatte blonde Haare und einen liebevollen Blick. „Hallo, mein Name ist Frau Alpin.“ Wow! Wie Delphin, dachte ich mir. „Ich begleite dich nun auf dein Zimmer. Dort musst du noch ein paar Formulare ausfüllen und wir müssen dir noch ein paar Fragen stellen. Aber ruh dich erstmal aus.“ Wir gingen links an dem Aquarium vorbei und betraten einen etwa fünfzig Meter langen Flur, an dessen Ende ein Schaukelpferd stand. Das Gebäude wirkte auf mich unglaublich faszinierend, beinahe wie eine andere Welt. Überall neongelbe, blaue und rote Lichter, die die Fenster umrahmten.

Am Ende des Ganges angelangt, gingen wir nun durch eine Tür. Um genau zu sein, durch zwei aufeinander folgende Türen, die verschlossen waren und nur durch die Chipkarte der hübschen Frau neben mir geöffnet werden konnten. Als wir in die Station hineinkamen, sah ich die anderen Patienten.

Einige von ihnen hatten fellartige Armbänder, die vermutlich ihre Narben verdecken sollten. Eine der Patientinnen fragte mich, wie mein Name sei. Ich antwortete, der wäre geheim.

***

Nachdem ich meine Identität nun vor den Patienten geheim gehalten hatte, wurde ich in den coolsten Raum der Welt gebracht. Man konnte die Tür, die in das Zimmer führte, nur von innen öffnen. Von außen brauchte man einen Schlüssel. Ich konnte also in Ruhe arbeiten und meinen Ideen und Emotionen freien Lauf lassen.

Der Raum war komplett leer, bis auf eine auf dem Boden liegende Matratze. Gegenüber davon befand sich ein großes Fenster, aus dem man auf einen kleinen Garten mit Bäumen und anderen Pflanzen schauen konnte. Mein Superblick ermöglichte mir die Sicht, wie aus den kleinen Pflanzen Bäume wuchsen. Ich konnte die Bäume nach eigenem Willen kleiner oder größer werden lassen. Einfach nur cool! Als ich näher an die Scheibe ging, sah ich die vielen verschiedenen Stockwerke des Gebäudes, in dem ich mich befand. Überall befanden sich neonfarbene Lichter und gruselige Gestalten, die sich an die Fensterscheiben pressten. Einfach unglaublich schön!

Und dann entdeckte ich es, eine riesige Kamera mitten an der Decke installiert und weitere im ganzen Zimmer verteilt. Ich tat das, was jede andere Person in meiner Situation gemacht hätte. Es war Zeit für den Body-Scan. Meine App musste ja ein Vorbild für all die Übergewichtigen oder Magersüchtigen auf der Welt präsentieren. Wer hätte es gedacht? Natürlich war ich dieses Vorbild! Ja, meine zwölfjährige Erfahrung als Wettkampfschwimmer und mein tägliches Fitnesstraining hatten sich ausgezahlt. Ich zog mich, wohl bewusst, dass ich beobachtet wurde, nackt aus.

Ich begann erstmal mit Aufwärmübungen. Hampelmänner, Liegestützen, Schattenboxen und zu guter Letzt Sit-ups. Ich war mir sicher, dass jeder mein Sixpack sehen konnte, das ich mir schon seit Jahren antrainiert hatte.

Nach einer Stunde harten Trainings zog ich mich wieder an und fragte einen Betreuer, ob ich duschen gehen könnte. Daraufhin wurde mir das Badezimmer aufgesperrt. Das Badezimmer war meiner Meinung nach zu Recht verschlossen. Niemand sollte sich aus Versehen in dieses Badezimmer verirren. Ich war mir zu hundert Prozent sicher, dass diese Dusche das zweitschlimmste Erlebnis meines Lebens nach dem KZ darstellen sollte. Die Dusche kam mir vor wie Gasduschen 2.0 und ich wollte eigentlich sofort wieder ins Wunderzimmer zurück, als mir Handtücher gegeben wurden und sich die Badezimmertür knarzend hinter mir schloss. Als ich mich langsam der vielleicht 1,60 Meter hohen Dusche näherte, die außerdem vielleicht gerade mal 60 cm breit war und einen gewaltig nach unten verbogenen Duschhahn hatte, war ich kurz davor, mich zu entscheiden, doch nicht zu duschen. Die Wände waren überall bemalt. Mit höchster Wahrscheinlichkeit hatten andere Patienten die vielen verschiedenen Hilferufe wie „Ich will sterben“, „Ich bin gefangen!“ oder „Bringt mich doch einfach um!“, mithilfe eines Eddings an die Wand gekritzelt. Ich war eingeschlossen in dem gruseligsten Zimmer unseres Universums. Ich schwor bei Gott, dass dieses Bad der Lieblingsort von Hitler gewesen sein muss, um seine Gegner zu vergasen. Ich zog mich widerwillig aus und näherte mich der Dusche.

„Schnell! Hau ab! Du wirst hier sterben! Wir werden dich holen kommen! Wir erstechen dich, sobald du dieses Bad verlässt! Das ist jetzt dein neues Spielzimmer!“ Was war das? Da fiel es mir ein. Das müssen die anderen Patienten gewesen sein! Sie standen vor dem Badezimmer und wollten mir Angst machen. Das konnten sie sich abschminken! Ich fing an, laut zu stöhnen und so zu tun, als hätte ich den größten Spaß meines Lebens. Die Mädels konnten wahrscheinlich nur sehnsüchtig vor dem Bad stehen und sich wünschen, mir Gesellschaft zu leisten.

Vertieft in meine wilden Vorstellungen, hörte ich, wie ein Betreuer an die Tür hämmerte. Ich machte die Dusche aus und sagte: „Ja? Was ist denn los? Das ist nicht das, wonach es sich anhört!“ „Werde endlich fertig, hier sind noch zehn andere Patienten, die ins Badezimmer wollen!“ Zügig trocknete ich mich ab und zog mich an.

Als ich das Bad verließ, konnte ich den leckeren Geruch von Lasagne in der Luft wahrnehmen. Herrlich! Endlich Abendessen! Ich hatte schon seit Tagen nichts mehr gegessen und ich liebe Lasagne. Also ab zum Schöffeln! Ich bin ein hervorragender Schöffler! Doch dann bemerkte ich, dass ich noch die durchgeschwitzten Sachen in den Händen trug. Nachdem ich diese in mein Zimmer gebracht hatte, eilte ich blitzschnell den Duft hinterher zum Esszimmer. Gerade als ich am Kicker vorbeirannte, der direkt links neben meinem Zimmer stand, sah ich einen ungefähr 1,85 m großen Jungen, der vor einer Scheibe stand und immer wieder seinen Kopf gegen diese knallte. Ein herangeeilter Betreuer fragte den Jungen, ob alles in Ordnung sei. Leicht beschwipst, antwortete der Junge: „Ja! Alles ist gut! Ich versuche nur, die Synapsen in meinem Hirn zu zerstören, damit ich nicht mehr denken muss.“ Besorgt redete der Betreuer auf den Jungen ein und begleitete ihn zum Essen. Ich folgte ihnen erschüttert, doch der Duft aus dem Esszimmer ließ mich schnell nur noch an meine wohlverdiente Lasagne denken.

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