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The Journey – Marduks Aufstieg

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Zusammenfassung

250.000 Jahre vor ihrer eigenen Zeit strandet Yrsa Torvik in einer Welt, die ihr fremder kaum sein könnte. Ashbridge, Nekropolis und alles, was sie kennt, existieren noch nicht. Während ihre Gefährten den langen Weg zurück in Stasiskapseln antreten wollen, weigert Yrsa sich, ihr Leben einer Maschine anzuvertrauen. Sie sucht einen anderen Weg. Mit nichts als ihrer schwarzen Uniform, einer Sinnbrücke und einer gehörigen Portion Trotz schleicht sie sich in einen militärischen Raumhafen – und findet sich wenig später ausgerechnet im Cockpit einer Sturmklinge wieder. Als fünfte Pilotin der Gelben Staffel gelangt sie an Bord des Resonanzkreuzers Helion und mitten in einen uralten Krieg gegen die Vharuun. Zwischen fremden Sternen, neuen Gefährten und dem Androiden Sieben lernt Yrsa eine Zukunft kennen, die nie die ihre sein sollte. Doch je länger ihre Reise dauert, desto schwerer wird die Frage: Wie weit würde sie gehen, um nach Hause zurückzukehren – und was, wenn sie unterwegs einen neuen Ort findet, den sie nicht mehr verlassen will? THE JOURNEY ist ein Science-Fiction-Spin-off aus dem Witchbook-Universum über Heimat, Loyalität, Liebe und die Entscheidung, welchen Weg man selbst wählt.

Genre:
Scifi
Autor:
Sascha
Status:
vor 5 Tagen
Kapitel:
3
Rating
n/a
Altersfreigabe
16+

Prolog – Der lange Schlaf

Djehuty nannte es einen langen Schlaf.

Yrsa betrachtete die sechs schwarzen Kapseln und dachte, dass Schlaf gewöhnlich keine Verriegelungen brauchte.

Sie standen in zwei Reihen zu je drei in einer Kammer tief unter Atlantis. Goldene Linien verliefen durch den dunklen Boden, zogen sich an den Sockeln der Kapseln hinauf und verschwanden unter ihren glatten Außenflächen. In regelmäßigen Abständen wanderte ein schwacher Lichtimpuls hindurch. Jedes Mal antwortete etwas im Inneren der Anlage mit einem kaum hörbaren Summen.

Die Kapseln waren länger als ein Mensch und breit genug, dass selbst Balar in seiner Rüstung darin Platz gefunden hätte. Ihre Abdeckungen bestanden aus demselben schwarzen Material wie die Wände. Keine Scharniere waren zu erkennen. Nur vier schmale Vertiefungen an den Seiten verrieten, wo sich die Verriegelungen befanden.

Malisa stand dicht neben Yrsa. Ihre Schulter berührte beinahe deren Arm, doch nicht ganz. Balar stützte eine Hand auf den Rand der vordersten Kapsel. Die Verletzung an seiner Seite war versorgt worden, trotzdem hielt er den Oberkörper noch immer ein wenig zu steif. Webstor wartete hinter ihm und betrachtete die goldenen Zeichen, die über der geschlossenen Abdeckung schwebten. Ku-aya und Blight standen bei der gegenüberliegenden Reihe. Ihre Finger waren miteinander verschränkt.

Djehuty hatte ihnen den Rücken zugewandt. Seine helle, goldgesäumte Gewandung hob sich scharf von den schwarzen Flächen der Kammer ab. Vor ihm schwebte die Darstellung der Erde. Darüber lagen Sterne, Linien und Zeichen, deren Bedeutung selbst die Sinnbrücke hinter Yrsas Ohr nicht erfasste.

Zwei goldene Punkte standen dicht nebeneinander.

Erst als Djehuty die Darstellung drehte, erkannte Yrsa, dass zwischen ihnen keine räumliche Entfernung lag.

Nur Zeit.

„Ihr seid auf dieselbe Welt zurückgekehrt, von der Ihr aufgebrochen seid“, sagte Djehuty. „Der Ausgang des Portals lag jedoch nahezu zweihundertfünfzigtausend Jahre vor dem Zeitpunkt, den Ihr Eure Gegenwart nennt.“

Niemand antwortete.

Das Summen unter dem Boden schien lauter zu werden.

Webstor löste den Blick als Erster von der Darstellung. „Vor unserer Zeit.“

„Ja.“

„Nicht danach.“

„Nein.“

Webstor sah wieder zur Erde. „Dann sind Ashbridge und Nekropolis nicht verschwunden.“

Djehuty ließ die beiden Punkte näher zusammenrücken, bis nur noch eine schmale goldene Linie zwischen ihnen lag.

„Sie existieren noch nicht.“

Die Worte trafen Yrsa anders, als sie erwartet hatte.

Ashbridge war nicht gefallen. Seine Mauern waren nie gebaut worden. Nekropolis lag nicht in Trümmern. Es gab noch keinen ersten Stein, keine Königin und keinen Schwarzen Tod. Ihre Eltern waren nicht tot. Sie würden nur erst in einer Zeit geboren werden, die so weit entfernt lag, dass selbst Djehutys Zahlen sie nicht wirklich fassen konnten.

Malisa suchte ihre Hand. Ihre Finger schlossen sich um Yrsas, fest und warm.

Balar ließ den Rand der Kapsel los.

„Ich habe nach Ashbridge gegriffen“, sagte er. „Ich habe den Ort gespürt.“

„Den Ort vielleicht“, erwiderte Djehuty. „Nicht seinen Zeitpunkt.“

Über der Darstellung der Erde entstand der Donnerkeil. Nur als goldenes Abbild, doch Yrsa erkannte den langen Rumpf, die gebogenen Tragflächen und die beschädigte Seite, an der kurz vor dem Ende bereits Feuer entlanggelaufen war. Hinter dem Schiff öffnete sich ein blutroter Ring. Feine goldene Splitter bewegten sich an seinem Rand.

Balar hob die unverletzte Hand. Zwei blaue Lichtpunkte erschienen über seiner Handfläche. Schmale Fäden wuchsen aus ihnen hervor, fanden einander jedoch nicht. Nach wenigen Atemzügen erloschen sie.

„Ich kann einen neuen Riss öffnen“, sagte er.

Djehuty betrachtete die leere Stelle über Balars Hand. „Wohin?“

Balar schwieg.

„Ein Portal benötigt einen Anker“, fuhr Djehuty fort. „Euer Anker war Ashbridge. Die Bewegung des Donnerkeils, sein beschädigter Kern und der Zusammenbruch seiner Steuerfelder haben diesen Anker verschoben. Ihr habt nicht allein eine Entfernung überbrückt.“

Die Darstellung veränderte sich. Linien liefen durch den Rumpf des Schiffes, teilten sich und verloren sich im roten Portal.

„Um denselben Übergang in Gegenrichtung zu erzeugen, bräuchten wir den genauen Ort des Donnerkeils im Augenblick der Öffnung. Seine Geschwindigkeit, seine Ausrichtung und den Zustand sämtlicher beteiligter Felder.“

„Dann berechnet es“, sagte Malisa.

Ihre Stimme war ruhig. Nur ihre Finger schlossen sich fester um Yrsas Hand.

„Dafür benötige ich die Flugaufzeichnungen.“

Über dem goldenen Donnerkeil breitete sich weißes Licht aus. Der Rumpf zerbrach lautlos. Einen Augenblick später blieb nur eine Wolke aus glühenden Punkten zurück.

„Das Schiff wurde zerstört“, sagte Djehuty. „Mit ihm gingen die Aufzeichnungen verloren.“

Balar sah auf das Abbild, bis auch die letzten Trümmer erloschen.

„Ich war dort“, sagte er. „Ich kann Euch sagen, was ich getan habe.“

„Ihr wart verletzt. Das Schiff befand sich außer Kontrolle, und mehrere Systeme versagten gleichzeitig. Selbst eine geringe Abweichung würde einen anderen Ausgang erzeugen.“

„Wie gering?“, fragte Webstor.

Djehuty wandte den Kopf zu ihm. „Zu gering, um sechs Leben auf eine Schätzung zu gründen.“

Yrsa sah wieder zu den Kapseln.

„Aber darauf sollen wir unser Leben gründen.“

Djehutys Blick kam zu ihr zurück.

Er wirkte weder verärgert noch überrascht. Seit sie ihm begegnet waren, hatte Yrsa kaum eine Regung in seinem Gesicht gesehen, die er nicht sehen lassen wollte. Nur wenn er Ku-aya ansah, lag dort etwas anderes. Kein Erkennen. Eher die Unmöglichkeit, dass er etwas erkannte, das nicht vor ihm stehen durfte.

„Die Kapseln sind keine Schätzung“, sagte er. „Ihre Funktionsweise ist bekannt.“

„Für zweihundertfünfzigtausend Jahre?“

„Dazu komme ich.“

Er legte die Hand auf die vorderste Kapsel.

Goldenes Licht erwachte unter seiner Handfläche. Die vier Vertiefungen an den Seiten glühten auf. Mit einem tiefen metallischen Einrasten lösten sich die Verriegelungen, und die schwarze Abdeckung glitt zur Seite.

Im Inneren lag keine Matratze. Eine helle, körperförmige Mulde füllte den unteren Teil der Kapsel. Ihr Material gab unter Djehutys Fingern nach und kehrte sofort in seine ursprüngliche Form zurück. Schmale Öffnungen verliefen entlang der Seiten. Darüber hingen feine Leitungen und flache dunkle Felder, die sich erst bewegten, als goldenes Licht durch sie floss.

Ein menschlicher Körper entstand als durchscheinende Darstellung über der Mulde.

„Sobald die Kapsel geschlossen ist, wird der Körper in eine Stasissuspension gebettet“, erklärte Djehuty. „Die Suspension stabilisiert das Gewebe, versorgt die Zellen und gleicht Veränderungen des Drucks aus. Anschließend wird der Stoffwechsel schrittweise abgesenkt, bis kaum noch biologische Eigenzeit vergeht.“

Webstor trat einen halben Schritt näher. „Kaum?“

„Ein vollständiger Stillstand wäre mit einem lebenden Körper nicht vereinbar.“

„Und für uns?“

„Zwischen dem Schließen und dem erneuten Öffnen der Kapsel werden nur wenige Augenblicke liegen.“

„Während außerhalb davon eine Viertelmillion Jahre vergeht“, sagte Yrsa.

„Ja.“

Djehuty bewegte zwei Finger. Helles Licht stieg in der leeren Kapsel empor. Es sah zunächst aus wie Nebel. Dann wurde es dichter und sammelte sich in der körperförmigen Mulde zu einer klaren Flüssigkeit, die von schwachen goldenen Schlieren durchzogen war.

Yrsa beobachtete, wie sie höher stieg.

Über die Stelle, an der ihre Hände liegen würden.

Über ihre Brust.

Bis über ihr Gesicht.

„Die Kapsel wird vollständig gefüllt“, stellte sie fest.

„Ja.“

„Auch die Lungen?“

Malisa wandte den Kopf zu ihr.

Djehuty blieb bei der Wahrheit. „Während der Einleitung verdrängt die Suspension die Luft aus den Atemwegen. Sie übernimmt die Sauerstoffversorgung, bis der Stoffwechsel weit genug abgesenkt ist.“

Yrsa kannte Wasser. Sie konnte schwimmen, hatte in Flüssen gebadet und war oft genug mit Kleidung hineingefallen. Wasser besaß jedoch eine Oberfläche. Wenn ihr die Luft ausging, konnte sie nach oben.

In dieser Kapsel würde über ihr ein verriegelter Deckel liegen.

„Wie lange bin ich dabei wach?“

„Nur wenige Atemzüge.“

„Also bin ich wach.“

„Die Kapsel dämpft Euer Bewusstsein, bevor die Suspension Euer Gesicht erreicht.“

„Dämpft?“

Zum ersten Mal entstand eine kleine Pause.

„Der genaue Zeitpunkt unterscheidet sich von Mensch zu Mensch.“

Yrsa zog ihre Hand aus Malisas Fingern und ging zur offenen Kapsel. Die Flüssigkeit war nur eine Darstellung. Trotzdem hielt sie Abstand zum Rand.

„Was geschieht, wenn die Energie ausfällt?“

„Der Stasiskern besitzt eine eigene Versorgung.“

„Und wenn sie ausfällt?“

„Jede Kapsel verfügt über zwei voneinander unabhängige Kerne. Fällt einer aus, leitet der andere die Erweckung ein.“

„Und wenn auch der zweite versagt?“

„Dann könnte die Kapsel ihren Insassen nicht länger schützen.“

Yrsa sah in die flüssigkeitsgefüllte Mulde. „Was geschieht zuerst?“

„Sein Stoffwechsel würde vorher wieder einsetzen. Ohne funktionierende Pumpen könnte die Suspension jedoch nicht schnell genug aus den Atemwegen entfernt werden.“

„Er würde ertrinken.“

Djehuty ließ die Darstellung der Flüssigkeit verschwinden. Die Mulde lag wieder trocken und hell vor ihnen.

„Bei einem vollständigen Ausfall sämtlicher Systeme wäre das möglich.“

Malisa trat neben Yrsa. „Aber genau deshalb gibt es mehrere Systeme.“

Yrsa sah Djehuty an. „Hat jemals jemand so lange in einer dieser Kapseln gelegen?“

„Nein.“

Die Antwort kam ohne Ausflucht.

Gerade deshalb war sie schlimmer als jede Beruhigung.

„Wie lange war der längste Schlaf?“, fragte Webstor.

Die Sinnbrücke übertrug Djehutys Antwort in mehrere Jahrtausende. Doch selbst diese Zahl blieb weit unter jener, die zwischen ihnen und ihrer Zeit lag.

Balar stieß langsam den Atem aus.

„Ihr verlangt also, dass wir darauf vertrauen, Eure Maschinen könnten länger bestehen als jedes Reich, das wir kennen.“

„Atlantis wurde nicht für die Lebensdauer eines Reiches erbaut.“

„Alles kann zerstört werden“, sagte Malisa.

Djehutys Blick ruhte kurz auf ihr. „Ja.“

Niemand hatte erwartet, dass er das zugab.

„Dann nennt Ihr es dennoch sicher?“, fragte Yrsa.

„Ich nenne es den sichersten Weg, den ich Euch anbieten kann.“

Ku-aya löste ihre Hand aus Blights und trat zur geöffneten Kapsel. Ihre schwarzen Augen glitten über die Leitungen, die dunklen Felder und die schmalen Öffnungen entlang der Mulde. Schließlich legte sie zwei Finger auf den Rand.

„Ich kenne Prinzip“, sagte sie. „Nicht diese Bauart.“

Djehuty beobachtete ihre Hand.

„Vertraust Du ihm?“, fragte Malisa.

Ku-aya dachte nach. „Kapsel wird tun, wofür sie gebaut.“

„Zweihundertfünfzigtausend Jahre lang?“, fragte Yrsa.

Ku-ayas Blick hob sich zu ihr. „Das kann ich nicht wissen.“

Blight trat neben sie. „Eine ausgesprochen tröstliche Einschätzung.“

Ku-aya sah ihn an. „Soll ich lügen?“

„Nein.“ Er betrachtete die Kapsel. „Ich hätte nur gern für einen Augenblick vergessen, dass du es nicht tust.“

Ein kaum sichtbares Lächeln berührte Ku-ayas Mund.

Djehuty sah zwischen den beiden hin und her. „Ihr benötigt die Stasis nicht aus demselben Grund wie die anderen.“

Webstor wandte sich zu ihnen. „Was bedeutet das?“

„Ihre Körper altern nicht auf dieselbe Weise wie Eure.“

Blight sah an sich hinunter. „Dieser Körper ist erst wenige Tage alt. Ich hatte gehofft, man würde ihm das länger ansehen.“

Webstor betrachtete ihn. „Du hast dich bereits darüber beschwert, dass er Durst bekommt.“

„Das war berechtigt.“

„Es war dein erster Tag.“

„Ein schlechter Anfang bleibt ein schlechter Anfang.“

Der kurze Anflug von Leichtigkeit verschwand, als Ku-aya wieder auf die Kapsel sah.

„Ich habe diese Jahre schon einmal gelebt“, sagte sie. „Muss nicht noch einmal.“

Djehuty wurde vollkommen still.

Sein Blick lag auf ihrem Gesicht. Nicht auf ihren schwarzen Augen und nicht auf der Hand, die noch immer den Rand der Kapsel berührte. Auf ihrem Gesicht, als suche er darin die Spuren eines Namens, den niemand ausgesprochen hatte.

Ku-aya bemerkte es.

„Ich kenne Euch nicht“, sagte sie.

„Ich habe nicht gefragt.“

„Doch.“

Zwischen ihnen verging ein langer Atemzug.

Djehuty senkte die Hand. Die Abdeckung der Kapsel glitt zurück und verriegelte sich mit vier schweren Schlägen.

„Nein“, sagte er schließlich. „Ihr kennt mich nicht.“

Mehr erklärte er nicht.

Blight sah Ku-aya an. „Wenn du schläfst, schlafe ich ebenfalls.“

„Musst du nicht.“

„Ich habe mehrere Jahrhunderte ohne dich gewartet. Das genügt.“

Ku-ayas Finger fanden seine Hand wieder.

Damit war ihre Entscheidung gefallen.

Balar trat von der Kapsel zurück, auf die er sich gestützt hatte. Sein Gesicht wirkte im goldenen Licht älter, als Yrsa es in Erinnerung hatte.

„Ich habe uns hierhergebracht“, sagte er. „Wenn dies der einzige Weg ist, auf dem ich meinen Fehler noch berichtigen kann, werde ich ihn gehen.“

„Du hast uns aus dem Donnerkeil gerettet“, sagte Webstor.

„Und dabei eine Viertelmillion Jahre am Ziel vorbeigeschossen.“

„Unter den Umständen war das immer noch näher als der Tod.“

Balar sah ihn an.

Webstor hob die Schultern. „Ich versuche, den hilfreichen Teil festzuhalten.“

Dann wanderte sein Blick zu den Kapseln. Das wenige Lächeln verließ sein Gesicht.

„In meiner Zeit warten Menschen auf mich“, sagte er. „Und eine Geschichte, die noch nicht beendet ist.“

Er strich über seinen Bart. „Ich werde schlafen.“

Malisa stand neben Yrsa.

Sie betrachtete nicht die Technik. Ihr Blick lag auf der geschlossenen Kapsel vor ihnen, als könne sie durch die schwarze Abdeckung hindurch bereits den Augenblick sehen, in dem diese sich wieder öffnete.

„Wenn wir erwachen“, sagte sie, „sind wir wieder dort, wo wir hingehören?“

„In Eurer Zeit“, antwortete Djehuty. „Ob die Welt dann noch jener entspricht, die Ihr verlassen habt, kann ich nicht versprechen.“

„Unsere Welt existiert jetzt noch nicht.“

„Nein.“

Malisa nahm die Antwort hin. Yrsa kannte die kleine Bewegung an ihrem Kiefer, die verriet, wie viel Kraft es sie kostete.

„Dann gehe ich“, sagte Malisa.

Nicht wir.

Ich.

Erst danach sah sie Yrsa an.

„Und du kommst mit mir.“

Yrsa blickte von ihr zu den sechs Kapseln.

„Nein.“

Das Wort fiel nicht laut. Trotzdem schien es durch die ganze Kammer zu gehen.

Malisa bewegte sich nicht. „Was?“

„Ich lege mich nicht dort hinein.“

„Yrsa.“

„Nein.“

Djehuty blieb vor der vordersten Kapsel stehen. „Wenn Ihr die Stasis ablehnt, bleibt Ihr in dieser Zeit.“

„Vorerst.“

„Es gibt gegenwärtig keinen Weg zurück.“

„Das bedeutet nicht, dass es keinen gibt.“

„Ich habe sämtliche verfügbaren Daten geprüft.“

„Dann fehlen Euch Daten.“

Balar schloss kurz die Augen. Webstor sah zur Decke, als erwarte er von dort Unterstützung.

Malisa trat vor Yrsa. „Nicht hier.“

Yrsa wich ihrem Blick nicht aus.

Djehuty ließ die Darstellung der Erde verschwinden. Die Sterne und Linien zogen sich zu einem einzigen goldenen Punkt zusammen und erloschen.

„Der Donnerkeil, mit dem Ihr angekommen seid, wurde in Eurer Zeit gebaut“, sagte er. „Seine grundlegende Entwicklung hat in dieser Epoche erst begonnen. Kein gegenwärtiges Schiff besitzt die Systeme, mit denen Euer Übergang verbunden war.“

„Aber die Menschen, die ihn gebaut haben, leben jetzt.“

„Einige von ihnen.“

Zum ersten Mal, seit Djehuty die Kammer geöffnet hatte, sah Yrsa nicht zu den Kapseln.

„Dann spreche ich mit ihnen.“

„Das Projekt unterliegt militärischer Geheimhaltung.“

„Das klingt nicht wie unmöglich.“

Malisa schloss für einen Moment die Augen.

Webstor murmelte etwas, das nach einer Bitte um Geduld klang.

Djehuty hingegen betrachtete Yrsa lange. „Ihr kennt diese Welt nicht. Ihr sprecht ihre Sprachen nur durch ein Gerät, könnt ihre Schrift nicht lesen und versteht weder ihre Gesetze noch ihre Technik.“

„Dann lerne ich.“

„Zweihundertfünfzigtausend Jahre lassen sich nicht durch Entschlossenheit überbrücken.“

„Durch Schlaf vielleicht auch nicht.“

Stille legte sich über die Kammer.

Djehuty hätte sie zurechtweisen können. Er hätte Wachen rufen oder die Diskussion beenden können. Stattdessen sah er sie nur an, als würde er etwas abwägen, das über ihre Worte hinausging.

„Die Einleitung der Stasis ist für morgen nach Beginn des ersten Lichtzyklus vorbereitet“, sagte er schließlich. „Bis dahin wird niemand von Euch zu einer Entscheidung gezwungen.“

Malisa wandte sich zu ihm. „Und danach?“

„Danach ebenfalls nicht.“

Yrsa glaubte ihm.

Sie war sich nur nicht sicher, ob Malisa dieselbe Zusage gemacht hätte.

Das Licht von Atlantis ließ die Nacht nicht dunkel werden.

Es lag in goldenen Streifen auf dem Boden des Quartiers, das Djehuty ihnen zugewiesen hatte. Jenseits des Fensterschildes erhoben sich schwarze Türme aus der Stadt. Fluggeräte glitten lautlos zwischen ihnen hindurch, manche nicht größer als Lichtpunkte, andere breit genug, um ihren Schatten über mehrere Ebenen zu legen. Weiter hinten spiegelten sich die Lichter auf dem Meer.

Yrsa saß auf der Kante ihres Bettes.

Der Rucksack lag ungeöffnet zu ihren Füßen.

Malisa stand am Fensterschild. Sie hatte die schwarze Jacke abgelegt und die Ärmel ihres Hemdes bis zu den Ellbogen hochgeschoben. Ihre Hände lagen flach auf der dunklen Einfassung des Fensters. Seit sie die Stasiskammer verlassen hatten, hatte sie kaum gesprochen.

„Du hast sehr schnell Nein gesagt“, sagte sie schließlich.

Yrsa sah zu den Lichtern hinaus. „Djehuty hat zu lange gebraucht, um einige meiner Fragen zu beantworten.“

„Er hat sie beantwortet.“

„Ja.“

„Ehrlich.“

„Das hat sie nicht besser gemacht.“

Malisa wandte sich um. „Was hätte er sagen sollen?“

„Dass die Kapseln niemals versagen können.“

„Das wäre eine Lüge gewesen.“

„Eben.“

Malisa stieß sich vom Fenster ab und kam zu ihr. „Alles kann versagen, Yrsa. Ein Schiff. Eine Brücke. Ein Pferd. Dein eigener Körper.“

„Keines davon muss zweihundertfünfzigtausend Jahre funktionieren.“

„Die Kapseln wurden dafür gebaut.“

„Nein. Sie wurden dafür berechnet.“

Malisa blieb vor ihr stehen.

„Du hast Angst.“

Yrsa sah auf den Rucksack zwischen ihren Füßen. „Natürlich habe ich Angst.“

Die Offenheit nahm Malisa für einen Moment den nächsten Satz.

Yrsa legte die Hände ineinander. „Ich soll mich in diese Kiste legen. Sie schließen den Deckel, füllen meine Lungen mit dieser Flüssigkeit und versprechen mir, dass ich nichts davon bemerke. Dann liege ich dort, während draußen Städte entstehen und wieder zu Staub werden.“

„Für dich geschieht das nicht.“

„Woher weißt du das?“

„Weil Ku-aya sagt, dass die Technik funktioniert.“

„Ku-aya hat auch gesagt, dass sie nicht weiß, ob sie so lange funktioniert.“

Malisa schwieg.

„Was, wenn ich nach tausend Jahren aufwache?“, fuhr Yrsa fort. „Oder nach hunderttausend? Was, wenn die Kapsel mich weckt, aber der Deckel sich nicht öffnet? Was, wenn die Flüssigkeit nicht abläuft und niemand mehr dort ist, der den Alarm hört?“

„Hör auf.“

„Genau das soll ich tun. Aufhören. Mich hinlegen und darauf vertrauen, dass irgendeine Maschine alles für mich entscheidet.“

Malisa setzte sich neben sie. Das Bett gab unter ihrem Gewicht kaum nach.

„Glaubst du, ich habe darüber nicht nachgedacht?“

Yrsa antwortete nicht.

„Ich habe gesehen, wie die Flüssigkeit gestiegen ist“, sagte Malisa. „Ich habe dieselben Verriegelungen gehört wie du. Und ich weiß, dass Djehuty keine Gewissheit geben kann.“

Ihre Hände lagen auf ihren Knien. Ruhig zunächst. Dann schob sich ihr rechter Daumen über den linken, immer wieder über dieselbe Stelle.

„Ich habe auch Angst.“

Yrsa sah sie an.

Malisa blickte weiter zum Fenster. „Aber ich habe mehr Angst davor, hierzubleiben. Unsere Zeit kommt erst in einer Viertelmillion Jahren. Selbst wenn wir ein langes Leben hätten, würde von uns nichts mehr übrig sein, wenn sie beginnt.“

„Von Ku-aya und Blight vielleicht.“

„Wir sind nicht Ku-aya und Blight.“

„Nein.“

„Die Stasis gibt uns eine Möglichkeit zurückzukehren.“

„Sie gibt uns die Möglichkeit, dort aufzuwachen.“

„Das ist mehr, als wir gestern hatten.“

Yrsa beugte sich vor und stützte die Unterarme auf die Oberschenkel. Tief unter ihnen arbeitete Atlantis. Das Summen der Stadt drang durch den Boden und die Wände, gleichmäßig und unermüdlich.

„Der Donnerkeil wird hier gebaut“, sagte sie.

Malisa schloss kurz die Augen. „Noch nicht.“

„Seine Entwicklung hat begonnen. Djehuty hat es selbst gesagt.“

„Und ebenfalls, dass dieses Schiff uns nicht zurückbringen kann.“

„Dieses vielleicht nicht.“

„Du willst nach einem anderen suchen.“

„Ich will mit den Menschen sprechen, die ihn bauen.“

„Djehuty ist der Hüter der Ersten Aufzeichnungen. Wenn selbst er keinen Weg findet—“

„Dann suchen alle anderen offenbar an der falschen Stelle.“

Malisa sah sie an. Trotz allem erschien für einen Augenblick etwas Vertrautes in ihrem Gesicht. Jene Mischung aus Ärger und unfreiwilliger Bewunderung, mit der sie Yrsa schon angesehen hatte, wenn diese einen Befehl auf eine Weise befolgt hatte, die niemand vorgesehen hatte.

„Du weißt nicht einmal, wo du anfangen sollst.“

„Bei den Schiffen.“

„Welchen Schiffen?“

Yrsa deutete zum Fenster. In diesem Augenblick glitt ein langes Fahrzeug zwischen zwei Türmen hindurch. Goldene Linien verliefen über seinen hellen Rumpf. Es verschwand hinter einem Gebäude, das höher war als jeder Turm Nekropolis’.

„Bei irgendeinem.“

Malisa starrte sie an. „Das ist dein Plan?“

„Der Anfang davon.“

„Du kennst weder ihre Ziele noch ihre Besatzungen.“

„Deshalb muss ich mit ihnen sprechen.“

„Du kannst ihre Schrift nicht lesen.“

„Die Sinnbrücke übersetzt ihre Sprache.“

„Yrsa.“

„Malisa.“

„Das ist nicht irgendeine Mauer, auf deren anderer Seite du einen Ausgang vermutest.“

„Nein.“ Yrsa sah wieder hinaus. „Es ist eine ganze Welt voller Ausgänge.“

Malisa erhob sich so abrupt, dass das Bett kaum Zeit hatte, auf die Bewegung zu reagieren. Sie ging zum Fenster, kehrte jedoch nach wenigen Schritten um.

„Und wenn du keinen findest?“

Yrsa antwortete nicht sofort.

„Dann komme ich zurück.“

„Wann?“

„Bevor ihr in die Kapseln geht.“

Malisa blieb stehen.

Sie kannte Yrsa zu gut.

„Nein“, sagte sie.

Yrsa hob den Blick.

„Du gehst nirgendwohin.“ Malisa kam wieder zu ihr. „Nicht heute Nacht. Nicht allein und nicht in einer Stadt, deren Türen du nicht einmal lesen kannst.“

„Du kannst mich nicht—“

„Doch.“

Das Wort trug wieder den Ton ihrer Hauptfrau. Nicht laut, aber so fest, dass Yrsa für einen Augenblick die nassen Straßen Somentins roch und schwarze Banner im Wind schlagen hörte.

Malisa kniete sich vor sie. Ihre Hände schlossen sich um Yrsas.

„Bleib bis morgen“, sagte sie leiser. „Sieh dir die Kapseln noch einmal an. Sprich mit Ku-aya. Stell Djehuty jede Frage, die dir einfällt. Wenn du danach noch immer Nein sagst, reden wir weiter.“

„Und wenn du mich überzeugst?“

„Dann wachst du neben mir auf.“

Malisa hob Yrsas rechte Hand. Ihr Daumen strich über die lange Narbe in der Handfläche.

„Du musst das nicht allein tun.“

Yrsa sah auf ihre ineinanderliegenden Hände.

Genau darin lag die Gefahr.

Wenn sie blieb, würde Malisa sie überzeugen. Nicht mit Djehutys Berechnungen oder Ku-ayas Wissen. Mit der Vorstellung, dass sich nach einem einzigen dunklen Augenblick die Kapseln wieder öffneten und Malisa noch immer neben ihr lag.

Yrsa wollte daran glauben.

Mehr als an alles andere.

„Nur bis morgen“, sagte Malisa.

Yrsa nickte.

Malisa suchte in ihrem Gesicht nach dem Teil der Antwort, den sie nicht ausgesprochen hatte. Schließlich stand sie auf und zog Yrsa mit sich.

Später lagen sie nebeneinander auf dem schmalen Bett. Das Licht der Stadt wanderte über die Decke. Malisas Kopf ruhte an Yrsas Schulter, eine Hand auf ihrer Brust. Noch lange blieb ihr Atem zu gleichmäßig, um Schlaf zu sein.

Yrsa bewegte sich nicht.

Irgendwann wurde Malisas Hand schwerer.

Ihr Atem vertiefte sich.

Das Summen von Atlantis blieb.

Yrsa wartete noch länger.

Dann hob sie Malisas Hand vorsichtig an und legte sie auf das Kissen.

Malisa bewegte sich. Ihre Finger schlossen sich für einen Moment, als suchten sie im Schlaf nach dem Stoff von Yrsas Hemd. Danach wurde sie wieder ruhig.

Yrsa setzte sich auf.

Der Rucksack stand noch immer am Fußende. Sie öffnete ihn, legte die wenigen Dinge hinein, die ihr geblieben waren, und schloss die Riemen so leise wie möglich. Die schwarze Uniform des Schwarzen Todes trug sie bereits. Ihre Stiefel nahm sie in die Hand und zog sie erst an der Tür an.

Bevor sie ging, sah sie zurück.

Malisa lag im goldenen Licht der fremden Stadt. Eine lose Haarsträhne verlief über ihre Wange. Yrsa hätte nur ihren Namen sagen müssen. Ein einziges Wort, und Malisa wäre wach gewesen.

Sie sagte es nicht.

„Ich finde einen anderen Weg“, flüsterte sie. „Für uns alle.“

Die Tür glitt lautlos auf.

Der Korridor dahinter war leer. Goldene Lichtleisten verliefen knapp über dem Boden und spiegelten sich auf den schwarzen Wänden. Am Ende des Ganges wartete eine breite Schleuse. Dahinter standen zwei Wachen.

Yrsa ging in die andere Richtung.

Sie hatte auf dem Weg zum Quartier gesehen, wie ein Wartungsgerät aus einer schmalen Öffnung in der Wand gekommen war. Nun fand sie die fugenlose Stelle wieder. Ein schwarzes Feld lag daneben. Als sie die Hand darauflegte, erschienen Zeichen, die sie nicht lesen konnte.

„Auf“, murmelte sie.

Nichts geschah.

Sie berührte das einzige Symbol, das wie zwei auseinanderweichende Linien aussah.

Die Wand glitt zur Seite.

Dahinter führte ein niedriger Versorgungsgang in die Dunkelheit.

Yrsa zog den Rucksack enger und trat hinein.

Von dort an bestand ihr Weg aus Vermutungen.

Sie folgte dem Luftzug, wenn sich der Gang teilte. Ging dorthin, wo das Summen der Maschinen leiser wurde, und wechselte die Ebene, sobald sie Stimmen hörte. Zweimal musste sie warten, bis Arbeitsgeräte an ihr vorbeiglitten. Einmal öffnete sich eine Tür unmittelbar vor ihr, und ein Mann in heller Kleidung trat hindurch. Yrsa senkte den Kopf, als gehöre sie dorthin. Der Mann ging weiter.

Niemand rief ihr nach.

Schließlich endete der Versorgungsgang hinter einer Reihe hoher Behälter. Kühle Luft strich ihr entgegen. Sie roch nach Salz, Metall und etwas Elektrischem, für das Yrsa keinen Namen kannte.

Atlantis lag vor ihr.

Nicht als Darstellung hinter einem Fensterschild. Nicht als Bild aus goldenen Linien.

Als Stadt.

Schwarze Türme stiegen in den Himmel. Zwischen ihnen verliefen Straßen auf mehreren Ebenen. Licht glitt über ihre Ränder, Fahrzeuge bewegten sich lautlos darüber hinweg, und weit oben zogen Schiffe zwischen den Sternen und den höchsten Gebäuden hindurch. Das Meer lag als dunkle Fläche hinter allem.

Yrsa blieb nur einen Augenblick stehen.

Dann suchte sie nach dem nächsten Ausgang.

Eine schwarze Platte am Rand des Weges erwachte, als sie näher kam. Zeichen liefen über ihre Oberfläche. Yrsa erkannte keines davon. Am unteren Rand erschien jedoch das Abbild eines Schiffes.

Sie berührte es.

Ein goldener Punkt entstand unter ihren Fingern. Von ihm zog sich eine Linie durch die Straßen und verschwand zwischen den Türmen.

Yrsa zog den Rucksack höher und folgte ihr.

Tief unter Atlantis standen sechs schwarze Kapseln für den kommenden Morgen bereit.

Eine davon würde leer bleiben.

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