Die Challenge-Mission
Es hatte so harmlos begonnen.
Im Zeitalter der irdischen Raumfahrt – im Jahr 2589 – gehörten intergalaktische Flüge bis ans andere Ende der Galaxis längst zum Alltag. Die einst unwirtlichen Planeten Mars und Venus waren bezwungen und besiedelt, und der Mondtrabant war seit über vier Jahrhunderten als Kolonie fester Bestandteil des irdischen Lebens.
Nun streckte man die Finger aus – weit ins Weltall hinein, zu den Nachbargalaxien. Und darüber hinaus. Nein, man war nicht größenwahnsinnig geworden. Man begann nur endlich, die technischen Möglichkeiten, die man auf der Erde entwickelt hatte, auch für die Raumfahrt zu nutzen.
Schon zu Beginn des 22. Jahrhunderts hatte man damit begonnen, Menschen für medizinische Zwecke einzufrieren – um sie Jahrzehnte später, wenn die Medizin entsprechend fortgeschritten war, wieder aufzutauen.
Damals, als es zum geologischen Kollaps auf der Erde gekommen war, hatte man Abertausende von Menschen tiefgefroren und eingelagert – und sie dann, sobald die technischen Möglichkeiten bestanden, auf Mars und Venus gebracht, um diese Planeten zu besiedeln.
Langsam erholte sich das Ökosystem der Erde, das Problem der Überbevölkerung war unter Kontrolle. Doch um in naher oder ferner Zukunft nicht erneut vor dieser Herausforderung zu stehen – einen weiteren Kollaps würde Mutter Erde kaum überleben – begann man, sich anderweitig zu orientieren. Es musste noch andere erreichbare Planeten im Weltall geben, solche, die mit der derzeitigen Technik bewohnbar gemacht werden konnten, wie zuvor Mars und Venus.
Derzeit arbeitete man an einer Station auf dem Pluto und versuchte, das enorme Druckproblem der Atmosphäre zu entschärfen. Aber irgendwo da draußen mussten Planeten existieren, deren Bedingungen jenen der Erde nahekamen.
Zu diesem Zweck war die Expedition „Challenge“ ins Leben gerufen worden.
Die „Challenge“ war ein Raumschiff von gewaltigen Ausmaßen – das größte, das je gebaut worden war. Stück für Stück hatte man es im Schwebedock der Mondstation montiert. Nach acht Jahren reiner Bauzeit war es nun endlich fertiggestellt und einsatzbereit.
Die Crew stand längst fest: ausschließlich ausgewählte Offiziere, die sämtlichen Anforderungen und Bedingungen hundertprozentig entsprachen. Das Kommando lag bei Captain William Becker – über das Schiff und über eintausend Mann Besatzung.
Die Mission? In die Tiefen des Alls vorzudringen, so weit wie noch nie ein Mensch zuvor.
Die Heimat der Crew würde nach dem Start die „Challenge“ sein. Eine Rückkehr zur Erde war nicht geplant. An Bord gab es alles, um neue Planeten besiedeln zu können. Und um zu überleben. Bis eine neue Heimat gefunden war, würde sich das Leben der Crew ausschließlich an Bord abspielen, über Jahrzehnte hinweg.
Der Plan sah vor, das Schiff von hundert Crewmitgliedern betreuen zu lassen – der Rest würde die Reise im Tiefschlaf verbringen. So konnte man „altersbedingte“ Ausfälle jederzeit ersetzen; schließlich wusste niemand, wie lange die Mission dauern würde.
Auch an den Fortbestand der Crew hatte man gedacht: Kindergärten und Schulen waren an Bord, Geburtenkontrolle war kein Thema. Die Leiter der „Challenge“-Mission waren überzeugt, dass man mit der Besiedlung neuer Planeten ruhig schon unterwegs beginnen konnte. Die Direktiven besagten, dass das Alltagsleben möglichst normal stattfinden sollte – und so hatte man bei der Auswahl der Crew auf zwischenmenschliche Beziehungen geachtet und sie sogar gefördert.
Boshafte Zungen nannten die „Challenge“ gelegentlich ein „Kuppelschiff“ – ein Begriff, der den Grundgedanken der Mission ins Lächerliche zog und den eigentlichen Zweck verfehlte. Denn fremde Planeten kann man nicht besiedeln, ohne die Menschheit zu vermehren.
Alles lief anfangs wie am Schnürchen. Die „Challenge“ startete mit nur zwei Wochen Verspätung zu ihrer Mission, und bald hielt der Alltag Einzug an Bord. Becker leitete das Kommando mit harter Hand – zu hart, nach Meinung einiger Crewmitglieder – die sein extrem militärisches Verhalten und seine oftmals ungewöhnlich gnadenlosen Entscheidungen nicht nachvollziehen konnten.
Kurz nach dem Passieren eines Spiralnebels im Kopernikus-System kam es zu den ersten Unruhen. Eine erste Meuterei wurde von Beckers loyalen Anhängern niedergeschlagen – und die Aufrührer, auf Anraten des neuen ersten Offiziers der „Challenge“, auf dem nächsten einigermaßen erdähnlichen Planeten ausgesetzt. Nur mit dem Nötigsten zum Überleben. Ihre Chancen, den ersten Winter auf dem Klasse-F-Planeten zu überstehen, waren minimal.
Eine Mitteilung darüber wurde per Sonde an die Heimat gesendet – obwohl es mehr als unwahrscheinlich war, dass auf diese Entfernung hin jemand auf die Botschaft reagieren würde.
Doch der erzwungene Friede an Bord der „Challenge“ hielt nicht lange. Gerade als das Schiff in einen zu spät entdeckten Meteoriten-Schauer geriet, kam es zum zweiten Aufstand – diesmal angeführt von Olga Terschkow, dem neuen ersten Offizier seit der ersten Meuterei.
Die Unzufriedenheit mit Beckers Kommando war derart angewachsen, dass der Kapitän keine Chance hatte. Er und seine Getreuen wurden innerhalb kürzester Zeit überwältigt – und hingerichtet.
Leider war die „Challenge“ – nun unter dem Kommando von Olga Terschkow – schwer beschädigt. Sämtliche Kommunikationssysteme waren ausgefallen, ebenso Teile der Lebenserhaltung. Und durch einen Defekt im Kühlsystem hatten sich über die Hälfte der Kryozellen abgeschaltet. Die darin befindlichen „Schläfer“ wurden ungewollt eliminiert – nicht vorschriftsmäßig aufgetaut, sondern schlichtweg getötet.
Das Team um Olga Terschkow war zutiefst unzufrieden. Die Mission drohte zu scheitern. Und als wäre das nicht genug, sah sich die neue Captain plötzlich einer Meuterei aus den eigenen Reihen gegenüber.
Hank Mitland, der ihr das Kommando schon während der ersten Revolte geneidet hatte, nutzte seine Chance. Während Olga mit aller Kraft um das Überleben der Mission kämpfte, griff er sie an – in einem Moment, in dem all ihre Sinne einzig auf die Rettung des Schiffes ausgerichtet waren.
Mitland ließ Olga jedoch weder hinrichten noch setzte er sie auf einem Planet aus, wie die Meuterer zuvor – im Gegenteil, er ernannte sich zu ihrem persönlichen Gefangenwärter und schickte die Frau jeden Tag aufs Neue durch die Hölle, indem er seine perversen Neigungen an der damals 23jährigen Olga ausließ. Er hielt sie sich als eine Art Sklavin, ohne eigene Rechte und benutzte sie, wie und wo es ihm gefiel, hielt sie in seinem Quartier gefangen um sie jederzeit zur Verfügung zu haben – und besonderen Spaß machte es ihm, seine sadistischen sexuellen Gelüste an ihr auszulassen.
Und erkannte nicht, dass er sie dabei psychisch brach und zerstörte.
Eine Explosion im Antriebssystem gab der „Challenge“ den Rest. Bis heute weiß niemand, ob es ein Unfall war – oder Sabotage durch Terschkows Getreue. Fest steht: Das Schiff trieb monatelang hilflos durchs All.
Schließlich geriet es in den Anziehungsbereich eines bis dato völlig unbekannten Planeten der A-Klasse – genau jener Typ Welt, den die „Challenge“ zu finden gehofft hatte. Rasche Nachforschungen ergaben: Der Planet war auf keiner bekannten Sternkarte verzeichnet. Man war längst jenseits der Galaxien, die der Menschheit vertraut waren.
Ein Absturz war unvermeidlich. Nichts konnte ihn aufhalten.
Mitland und seine favorisierte Crew versuchten sich mit den Rettungskapseln zu retten. Sie verließen das Schiff noch bevor es in den Orbit eintauchte.
Der Rest der Mannschaft stürzte mit der „Challenge“ auf den Planeten, der später den Namen Induran erhielt – eine Welt, die zu 80 % aus Wasser bestand. Die Hälfte der Landmasse war von unwirtlichem Gebirge durchzogen, doch die übrigen Bedingungen entsprachen weitgehend denen der Erde. Letztlich war nur eine Fläche von der Größe des amerikanischen Kontinents tatsächlich bewohnbar.