1 Owen
25.07.2016
„Es sollte ein ganz einfacher Auftrag sein, verdammte Scheiße. Einfach, unkompliziert und nun sie dir unseren Barbaren an, Hackfleisch haben sie aus ihm gemacht.“ Meine Füße wollten sich am liebsten selbst überholen als ich, wie meine fünf Kameraden mit dem Segeltuch in der Hand Richtung Truck lief. Skylar war bereits vorgelaufen und hatte die Ladeklappe geöffnet, so dass wir Conan direkt aufladen konnten. Jeremy saß mit laufendem Motor am Steuer und Holley rief bereits im nächsten Hospital an. Mit jeder Sekunde, die verstrich sickerte etwas mehr Leben aus unserem Barbaren heraus. „Scheiße, wenn Aaron das erfährt, macht er Kleinholz aus Cullen.“ Mit verschränkten Armen stand Aarons Schwester Kate neben dem wartenden Fahrzeug und sah mir direkt in die Augen. „Oh, keine Sorge, er weiß es bereits.“ Sie tippte sich mit ihrem Handy gegen die Wange und zog eine Augenbraue hinauf. „Niemand fällt unser Riesenbaby wie einen urzeitlichen Mammutbaum und kommt ungeschoren davon. Die Frage ist nur, inwieweit ist das tatsächlich Cullens Schuld… Und nun schafft ihn endlich in die Klinik.“ Wir wuchteten Conan auf die Ladefläche und sprangen zu ihm hinauf, während Jeremy bereits das Gaspedal durchtrat. In einem Wahnsinnstempo fuhr er uns durch den Verkehr Chicagos. Ein paar Mal sah es so aus, als würde er einen Unfall verursachen doch immer wieder fand er eine kleine Lücke, durch die der Truck gerade eben so hindurchpasste. Die Fahrt dauerte nicht lang, aber dennoch musste ich zu meiner Schande gestehen, dass mir mein Magen in der Kehle hing. Mit quietschenden Reifen kamen wir schliddernd vor dem Northwestern Memorial Hospital zum Stehen. Eine beinahe wahnwitzig kleine Asiatin in weißem Kittel wartete bereits auf uns. Was mich beeindruckte war, dass, obwohl ein Dodge Ram auf sie zuraste, sie nicht einmal mit einer Wimper zuckte.
Skylar informierte sie über die Verletzung am Hals unseres Barbaren, die einfach nicht aufhören wollte zu bluten und im nächsten Moment schaute ich sprachlos dabei zu, wie sie sich auf Conans Brust schwang und einen Finger in das Loch an seinem Hals stopfte. Einen Moment dachte ich so etwas wie ein gieriges Blitzen in ihren Augen zu sehen, als sie in Conans markantes Gesicht sah. Bei den Worten, die ich dann hörte, fiel mir das Kinn auf die Brust und ich stand regungslos da und schaute dem ungleichen Duo hinterher, wie sie im Hospital verschwanden. Jeremy schaute zu mir und wieder zu Tür. „Hat sie…“ Ich nickte nur, noch immer sprachlos, bis Kate mit ihrem Zeigefinger meinen Kiefer hochdrückte und mich breit angrinste. „Na, ich glaube da hat Conan gerade seine Gefährtin auf der Brust oder stört dich etwas an ihrer Aussage?“ Ich holte tief Luft und sah auf Kate hinab. „Nein, ist doch ganz normal, dass eine Ärztin auf der Brust eines Mannes sitzt, wohlgemerkt den Finger in einem Loch an seinem Hals stecken hat und ihm sagt, dass er nicht auf die Idee kommen soll zu sterben, bevor sie ihn bis zur Besinnungslosigkeit geritten hat. Ganz ehrlich Kate, stell dir die beiden doch mal bildlich vor…“ Conan geschätzte 120kg und 2 Meter war ein vollkommener Brocken. Die Asiatin konnte nicht mal 1,6 Meter groß sein und wog, wenn überhaupt sicher nicht mehr als 50kg. Kate neben mir fing an zu lachen. „Naja, wenn sie ihn reitet, kann er sie auf jeden Fall nicht zerdrücken.“ Lachend verschwand sie durch die Tür ins Hospital und gerade als ich grinsend hinterhergehen wollte, klingelte mein Handy. Noch immer mit meinem Kopfkino beschäftigt blickte ich auf das Display und las nur das Wort „Alpha“. Ich schluckte und nahm den Ruf schließlich an. „Alpha?“ ein tiefes Einatmen war zu vernehmen. „Ich höre…“ Noch einmal schluckte ich und begann dann meinen Bericht.
Am Vorabend waren wir in Chicago eingetroffen, nachdem der Alpha des Cosa-Nostra-Rudels einen Aufruf an die nordamerikanischen Rudel gestartet hatte und um Hilfe bat. Für einen so mächtigen Alpha wie James Cullen, immerhin einer der „Big Five“, war es eher ungewöhnlich und so hatte Aaron, nach einer hitzigen Debatte mit meinem Bruder Raymond, Beta unseres Rudels und Conan unserem Gamma, entschieden die geforderte Hilfe in Form von fünfzehn der kampferfahrensten Frauen und Männer des Wawayanda-Rudels zu entsenden. Mein allererster Einsatz und Conan hatte zugestimmt, dass ich zunächst die Führung übernehmen sollte. Als wir die Zentrale des Cosa-Nostra-Rudels betraten wirkte es im ersten Moment wirklich beeindruckend. Die Zentrale befand sich mitten im Stadtzentrum in einem hohen Gebäude. Vor der Tür stand ein alter, schmächtiger Mann, der im Grunde harmlos aussah und eher, wie ein Hotelpage wirkte als wie eine Wache. Hinter der Tür allerdings, betrat man eine vollkommen andere Welt. Wir betraten eine große Empfangshalle durch eine verspiegelte Flügeltür und noch bevor wir uns an die neuen Lichtverhältnisse angepasst hatten, wurden wir bereits von je zwei kräftigen Männern in Empfang genommen und nach Waffen durchsucht. Über uns waren mehrere Kameras auf den Haupteingang gerichtet und sogar zwei Drohnen flogen über unsere Köpfe hinweg. Eine dieser Drohnen hielt auf mich zu und eine blecherne Stimme forderte mich auf, mich zu identifizieren. „Ich bin Owen McAllister, vom Wawayanda-Rudel. Alpha Aaron Kirk schickt fünfzehn Frauen und Männer zur Unterstützung bei ihren momentanen Problemen.“ Die Drohne machte Bilder aus allen Winkeln von uns. Ich sah zum mürrisch dreinblickenden Conan und zog meine Augenbraue hoch. Diese Behandlung schmeckte keinem von uns. „In Ordnung, sie können eintreten. Melden Sie sich am Tresen bei Corinne.“ Hinter mir schnaubte Conan verächtlich auf und schob die Drohne, die ihn gerade vermaß von sich weg. Ich setzte mich in Bewegung und hörte hinter mir einen lauten Knall. Sofort drehte ich mich um und wollte schon anfangen zu fluchen, als ich den erstaunten Gesichtsausdruck von unsrem Hünen bemerkte. „Wirklich Owen, ich habe sie kaum berührt.“ Mein Blick folgte seinem ausgestreckten Arm zu der vollkommen zerstörten Drohne, die an dem nahgelegenen Pfeiler zerschmettert war. „Conan…“ Ich seufzte und presste meinen Daumen und Zeigefinger gegen meine Nasenwurzel, manchmal war es zum Verzweifeln. Conan war ein genialer Stratege und im Nahkampf machte ihm keiner etwas vor, doch leider ging das ganze einher mit einer etwas unkontrollierbaren Urgewalt. Er hatte es bis heute nicht geschafft seine Kräfte zu kontrollieren und bisweilen führte dies zu zerstörtem Besitztum anderen Menschen.
„Ich schwöre es Owen…“ Ich nickte nur und wandte mich dann dem Tresen zu, um nach der besagten Corinne zu sehen. „Fass einfach nichts mehr an, Großer.“ Am Tresen stand eine verführerische Blondine. Sofort erhellte sich meine Stimmung und ich ging lächelnd auf sie zu. „Sie müssen Corinne sein, man sagte mir zwar, dass wir uns bei ihnen melden sollen, aber nicht, dass es eine solche Freude sein würde ihre Bekanntschaft zu machen.“ Manchmal war das Glück einfach nicht auf meiner Seite. Das Kichern und die Stimme dazu ließen sofort alle eventuellen Gelüste in mir verklingen. Ihre Stimme klang piepsig und in einer penetranten Tonlage, die ich nicht lange ertragen könnte, den Rest gab meiner kurz erwachten Libido dann noch das Grunzen, das auf ihr nervtötendes Kichern folgte. „Hallo mein Süßer… Ich denke ihr wollt zu unserem Boss, doch der hat gerade schon Besuch. Ich gebe euch einfach erstmal eure Zimmer oder willst du gleich den Schlüssel zu meinem haben?“ Ich schluckte schwer und lächelte deutlich zurückhaltender „Nein, ich denke die Schlüssel zu unseren Zimmern reichen, aber danke.“ Sie zog mit ihrem Finger das Kaugummi aus ihre Mund und wickelte es einmal um die Spitze. Angewidert versuchte ich mein Lächeln aufrecht zu erhalten, doch es wollte mir einfach nicht gelingen. „Schade, so ein Prachtexemplar wie du kommt hier nicht oft vorbei.“ Eine doch eher fragwürdige Aussage, denn die Männer, die mein Blick bisher gestreift hatte, waren alle muskulös und hochgewachsen. Mit der freien Hand reichte sie uns die Keycards und nickte in Richtung der Fahrstühle. „Sechster Stock. Frühstück gibt es von 6 bis 8. Dinner von 12 bis 14 Uhr und Lunch von 17 bis 20 Uhr und mein Zimmer ist die 302, falls du es dir anders überlegst.“ Sie zwinkerte mir zu und machte noch einen Kussmund, so dass mir tatsächlich ein Schauder über den Rücken lief. Selbst wenn das Fortbestehen der Wölfe davon abhängig wäre, ich würde niemals auch nur einen Zentimeter meines Körpers in irgendeine ihrer Öffnungen stecken. Ich nickte und eilte zum Fahrstuhl, raus aus dem Gefahrenbereich. Hinter mir fing Conan an zu lachen und schlug mir am Fahrstuhl mit der Hand auf die Schulter, das ich dachte ich würde zusammenbrechen. „Hey, vorsichtig Alter, du hast schon die Drohne zerstört, lass mich wenigstens ganz.“ Schuldbewusst schaute Conan mich an. „Sorry Owen. Aber mal ehrlich, der Kleinen müsste man den Mund verbieten, nicht wahr?“ Ich nickte und grinste den Riesen neben mir an. „Tja, ich kann halt nicht immer Glück haben.“ Die Tür des Fahrstuhls öffnete sich und eine rassige Rothaarige stolzierte an uns vorbei. Unsere Augen folgten ihr, bis sie das Gebäude verließ. „Naja, vielleicht wird der Aufenthalt ja doch noch ganz angenehm.“ Grinsend betraten wir den Aufzug und fuhren in die sechste Etage.
Offensichtlich hatte Alpha Cullen von unserer Ankunft gehört, denn nur eine Stunde später klingelte das Telefon und wir wurden in das Penthouse beordert. Unsere Krieger waren in einer Gemeinschaftsunterkunft auf dem Gelände untergebracht, nur Conan und ich durften den Luxus der Rudelzentrale genießen. Gespannt wie Cullen auf einen Jüngling wie mir reagieren würde, nestelte ich etwas nervös mit meinen Fingern an meinem Hemd herum. Eine Hand fuhr auf meine Schulter herunter. „Wenn du nicht aufhörst wie ein Welpe deine eigene Rute zu jagen, dann wirst du keinen Eindruck auf Cullen machen. Bleib ruhig, entspannt und professionell.“ Die Hand entfernte sich und ich dachte ein ganzer Berg wäre von mir gewichen. „… wenn das nicht funktioniert, stell ihn dir als kläffenden Chihuahua vor." Ich sah erst verblüfft in Conans breit grinsendes Gesicht, brach dann in schallendes Gelächter aus und so lernte einer der Führer unserer Welt mich kennen.