Kapitel 001: Das Wort "zurück"
Kai wusste nicht, wie lange er geschwiegen hatte.
Am anderen Ende der Telefonleitung wartete Frau Albrecht auf eine Antwort. Neben ihm stand Leon, dessen Ohren sich aufmerksam aufgerichtet hatten. Er konnte nicht hören, was die Mitarbeiterin des Jugendamtes gesagt hatte, aber Kais Gesichtsausdruck genügte ihm.
„Herr Wagner?“, fragte Frau Albrecht vorsichtig. „Sind Sie noch da?“
Kai schluckte. „Ja“, antwortete er leise. „Ich bin noch da.“ Sein Blick wanderte zum Garten. Das Vogelhaus hing an seinem Platz, genau dort, wo Fabio es am Vortag unbedingt hatte haben wollen. „Was bedeutet das jetzt?“, fragte Kai schließlich. „Können sie ihn einfach zurückholen?“
„Nein, so einfach ist das nicht“, erklärte Frau Albrecht. „Fabios leibliche Eltern haben ihren Wunsch geäußert. Das bedeutet noch nicht, dass darüber bereits entschieden wurde.“
Kai schloss die Augen. „Aber sie können es versuchen“, stellte er fest.
Frau Albrecht zögerte einen Moment. „Ja, Herr Wagner. Wir müssen die Situation jetzt sorgfältig prüfen. Deshalb möchte ich morgen persönlich mit Ihnen und Ihrem Mann sprechen.“
Leon legte Kai eine Hand auf den Rücken.
„Hat Fabio etwas falsch gemacht?“, fragte Kai plötzlich.
„Wie kommen Sie darauf?“, erwiderte Frau Albrecht überrascht.
„Weil er endlich glücklich ist“, antwortete Kai. „Er schläft wieder durch. Er lacht. Er hat Freunde gefunden. Und jetzt soll das alles wieder infrage stehen?“ Seine Stimme wurde brüchig. „Dieser Junge hat so lange gebraucht, bis er verstanden hat, dass ihm hier niemand etwas antut.“
Frau Albrecht ließ ihn ausreden. „Das wissen wir“, sagte sie schließlich. „Und glauben Sie mir, Herr Wagner, wir werden Fabios Entwicklung und seine Wünsche bei den weiteren Entscheidungen berücksichtigen.“
„Er möchte hierbleiben“, sagte Kai bestimmt.
„Das hat er uns bereits mehrfach gesagt“, bestätigte Frau Albrecht. „Und wir nehmen das ernst.“
Kai atmete langsam aus. Sie vereinbarten, dass Frau Albrecht am nächsten Vormittag vorbeikommen würde. Anschließend verabschiedete sie sich. Das Telefonat endete. Für einige Sekunden blieb Kai regungslos am Fenster stehen. Dann drehte er sich zu Leon um. „Sie wollen ihn zurück“, flüsterte Kai.
Leon sah seinen Mann an. „Wer?“, fragte er, obwohl er die Antwort bereits ahnte.
„Seine leiblichen Eltern.“
Leon erstarrte. Seine Ohren legten sich langsam zurück. Der ehemalige Soldat hatte in seinem Leben einige Nachrichten erhalten, die ihm den Boden unter den Füßen weggezogen hatten. Doch diese traf ihn anders. „Was genau hat Frau Albrecht gesagt?“, fragte er ruhig.
Kai wiederholte das Gespräch, soweit er sich erinnern konnte. Leon hörte aufmerksam zu, ohne ihn zu unterbrechen. Erst als Kai fertig war, stellte Leon eine weitere Frage. „Gibt es bereits eine Entscheidung?“
Kai schüttelte den Kopf. „Nein. Morgen will sie mit uns sprechen.“
Leon nickte langsam. „Dann hören wir uns morgen an, was sie zu sagen hat.“
Kai starrte ihn ungläubig an. „Wie kannst du dabei so ruhig bleiben?“
Leon sah kurz zur Treppe. „Weil ich gerade nicht ruhig bin, Schatz.“
Seine Stimme klang fest, doch Kai bemerkte, wie angespannt sein Mann war. „Ich habe Angst“, gab Leon zu. „Genauso wie du.“
Kai senkte den Kopf. „Ich kann ihn nicht verlieren, Leon.“
Da zog Leon ihn in seine Arme. Kai klammerte sich an seinen Mann. Sein Schwanz hing kraftlos herab, während Leon ihm langsam über den Rücken strich. „Wir wissen noch nicht, was passieren wird“, sagte Leon leise.
„Aber was, wenn sie entscheiden, dass er zurückmuss?“
Leon antwortete nicht sofort. „Dann werden wir alles tun, was rechtlich möglich ist, damit Fabio sicher bleibt“, versprach er schließlich.
Kai löste sich ein wenig aus der Umarmung. „Er ist doch unser Junge.“
Leon nickte. „Für mich ist er das längst.“
Dennoch wussten beide, dass er aktuell "nur" ein Pflegekind ist und nicht offiziell zur Familie gehört. Eine Weile standen sie schweigend beieinander. Dann hörten sie Schritte auf der Treppe.
Rico kam herunter, gefolgt von Nils, der sich vorsichtig am Geländer festhielt. „Ist alles in Ordnung?“, fragte Rico.
Kai wollte antworten, brachte jedoch kein Wort heraus. Leon übernahm. „Wir haben gerade mit Frau Albrecht telefoniert.“
Nils blieb auf der letzten Stufe stehen. „Wegen Fabio?“
Leon nickte. „Seine leiblichen Eltern wollen ihn zurückhaben.“
Ricos Gesicht veränderte sich schlagartig. „Bitte was?“
Nils setzte sich langsam auf die unterste Stufe. Eine Hand ruhte unbewusst auf seiner Brust, dicht neben der Narbe seiner Herzoperation. „Aber Fabio will doch hierbleiben“, sagte er fassungslos.
„Das wissen wir“, antwortete Kai. „Trotzdem müssen sie jetzt alles prüfen.“
Rico verschränkte die Arme. „Nach allem, was sie diesem Jungen angetan haben?“
„Rico“, sagte Leon ruhig.
„Was denn? Soll ich so tun, als wäre das normal?“
Leon schüttelte den Kopf. „Nein. Aber Fabio schläft oben. Und wir wollen nicht, dass er durch einen Streit wach wird.“
Rico presste die Lippen zusammen. Dann nickte er. Nils stand vorsichtig wieder auf und trat zu Kai. „Du weißt, dass ihr nicht allein seid, oder?“, fragte er.
Kai sah ihn an. „Natürlich.“
„Dann vergiss das auch morgen nicht. Wenn ihr irgendetwas braucht, sind Rico und ich da.“
Kai drückte kurz seine Schulter. „Danke.“
Wenig später gingen Nils und Rico wieder nach oben. Kai und Leon blieben zurück.
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Als Leon später nach Fabio sehen wollte, fand er die Kinderzimmertür einen Spalt geöffnet vor. Der kleine Junge lag auf der Seite. Sein alter Stoffhund steckte halb unter der Bettdecke, und ein Ohr des Stofftiers schaute hervor. Leon setzte sich vorsichtig auf die Bettkante.
Fabio bewegte sich. „Leon?“, murmelte er verschlafen.
„Ja, Kleiner. Ich bin’s.“
Fabio öffnete die Augen einen Spalt. „Ist schon Morgen?“
Leon lächelte schwach. „Nein. Schlaf ruhig weiter.“
Fabio griff nach seiner Hand. „Bleibst du noch kurz?“
„Natürlich.“ Leon legte seine Hand in Fabios kleine Finger. Eine Weile sagte keiner etwas.
Dann fragte Fabio mit geschlossenen Augen: „Kannst du morgen mit mir nach den Vögeln gucken?“
Leon spürte einen schmerzhaften Druck in seiner Brust. „Ja, das machen wir.“
„Vielleicht wohnt dann einer im Häuschen“, murmelte Fabio.
„Vielleicht“, sagte Leon leise.
Wenige Augenblicke später schlief Fabio wieder. Leon blieb sitzen. Er betrachtete den kleinen Jungen, der ihm inzwischen so selbstverständlich vertraute. Dann strich er ihm behutsam über die Haare, zwischen seinen weichen Hundeohren hindurch.
„Du gehörst hierher, Fabio“, flüsterte Leon.
Er wusste, dass diese Worte noch keine rechtliche Sicherheit bedeuteten. Aber eines stand für ihn fest. Er würde nicht tatenlos zusehen, wie Fabio sein Zuhause ein zweites Mal verlor.








