Kapitel 1
I.
Er wusste sofort, welche Straße die richtige war.
Äußerlich unterschied sie sich nicht von den anderen Straßen der Gegend - gerade, nicht sehr breit und mit schlichten, einstöckigen Häusern.
Wegen seiner Nähe zum Industrial Canal, der den Lake Pontchartrain mit dem Mississippi verband, gehörte Lower Ninth Ward zu den Vierteln, die vor zwanzig Jahren am meisten unter Hurrikan Katrina gelitten hatten. Und so wie einige dieser Viertel würde sich der Stadtteil nie wieder ganz erholen. Es gab immer noch Haufen von Gerümpel und angeschwemmtem Unrat, inzwischen von Ranken überwuchert. Ein paar der Grundstücke standen leer. Viele Leute waren nicht unterwegs.
Trotzdem ließ Tim seinen Wagen ein Stück vor der Kreuzung ausrollen. Er wollte sichergehen, dass ihn niemand beobachtete.
„42nd, New Mangrove Street“, wiederholte die Stimme aus dem Polizeikanal. „Drei Einsatzfahrzeuge vor Ort, Fahrzeug Nummer vier unterwegs, Tatort ist für die Spurensicherung freigege-“
Tim stellte den Funk ab. Dann saß er da und starrte nach vorn. Er brauchte den Namen der Straße nicht mehr. Er brauchte auch kein Navigationsgerät, das ihn führte, oder die vielen Autos vor einem der Häuser da drüben. Die New Mangrove Street hob sich für ihn so deutlich von der Umgebung ab wie ein dunkler Tunnel.
Flüchtig überlegte er, Bertrand anzurufen, seinen Vorgesetzten. Irgendeine Ausrede würde ihm einfallen. Dass er sich nicht gut fühlte, stimmte sogar. Das hatte zwar schon vorgestern angefangen, aber heute war es wirklich schlimm. So schlimm, dass er seit dem Aufstehen daran dachte, sich krankzumelden.
Langsam löste Tim die Hände vom Lenkrad und betätigte den Fensterheber. Bevor ihm klarwerden konnte, was für einen Riesenfehler er damit machte, drang Luft in den Wagen - und mit ihr der Geruch.
Es roch nach Gras, nach saurer Erde im Schatten unter den Sträuchern ein Stück weiter rechts, nach dem Gummi von Autoreifen, nach Abgasen, nach erhitztem Asphalt und vor allem süßlich-metallisch nach Blut.
Im Umkreis von hundert oder mehr Metern war kein Tropfen Blut zu sehen. Der Geruch kümmerte sich nicht darum. Er hinderte Tim daran, den Blick von dem Haus loszureißen.
Das Ganze war völlig verrückt. Tim tastete nach seinem Handy. In den letzten Jahren hatte er praktisch nie krankgefeiert. Dann dachte er an seine Pflicht und sein Berufsethos.
„Scheiße“, murmelte er und ließ das Handy, wo es war.
Im Verlauf der nächsten Minute startete er ein halbes Dutzend Versuche, weiterzufahren. Alle scheiterten. Erst als ein silbergrauer Toyota aus einer anderen Richtung in die New Mangrove Street einbog, schaffte er es, das Seitenfenster zu schließen und aufs Gas zu treten.
Bestimmt war die Hitze schuld. Hitze verstärkte Gerüche. Eigentlich mochte Tim das Klima von New Orleans - die drückenden, warmen Tage, die schwülen Nächte, die oft sturzbachartigen Regenfälle. Heute brachte es ihn an seine Grenzen.
Geistige Warnlampen leuchteten auf, wie immer, wenn er sich selbst belog. Er ignorierte sie und lenkte seine Aufmerksamkeit auf das Ziel. Bei oberflächlicher Betrachtung hatte das Haus nichts Auffälliges an sich. Bei genauerem Hinsehen bemerkte man Details, kleine Unstimmigkeiten.
Alle Fenster waren von innen verhängt. Im Vorgarten häuften sich Dinge, über die man sich wunderte - zertretene Kartons, ein kaputter Campingstuhl, ein Kissen von einem Sofa, ein Kanister mit einem großen Leck, der vielleicht Benzin enthalten hatte.
Keine egal wie arme Mieterpartei hätte diesen Kram in ihrem Vorgarten herumliegen lassen. Er war leicht zu beseitigen. Und es war der Kram, den man wegräumte, wenn man nicht wollte, dass die Nachbarn mit dem Finger auf einen zeigten.
Tim parkte seinen Wagen hinter dem silbergrauen Toyota. Im Vorgarten, nahe der Haustür, unterhielt sich ein untersetzter Mann in einem zweitklassigen Anzug mit einem Streifenbeamten. Drei weitere Polizisten waren dabei, das Grundstück vernünftig zu sichern. Sie hatten schon eine Menge Absperrband angebracht und nur den Weg von der Grundstücksgrenze bis zur Haustür ausgespart.
Auf halber Strecke zum Haus musste Tim stehenbleiben. Es wunderte ihn, dass die Personen auf dem Grundstück ihre Aufgaben erledigten, anstatt vor dem Haus zurückzuweichen. Nicht nur der Geruch nach Blut war hier überwältigend, sondern auch untergeordnete Gerüche - Zigarettenasche, Essensreste, die in verschiedene Materialien eingezogen waren, länger nicht geputzte Toiletten, Alkoholdämpfe, nie gereinigte Teppiche und Gardinen. Das Gemisch quoll ins Freie wie eine unsichtbare Wolke.
Um zu tarnen, dass er stehengeblieben war, holte Tim die Brille aus der Hemdtasche. Trotz seines Alters von knapp fünfunddreißig trug er sie mittlerweile beim Arbeiten.
,Deine Augen sind das Einzige an dir, das nicht perfekt ist’, hatte sein letzter One-Night-Stand zu ihm gesagt.
Er setzte die Brille auf. Der Ausschnitt vom Vorgarten, den er anvisierte, verschwamm. Stirnrunzelnd nahm Tim die Brille wieder ab. Der Ausschnitt wurde klarer. Verworren steckte er die Brille weg. Sekundenlang trat sogar der Geruch des Hauses in den Hintergrund.
Das änderte sich, als er den Vorgarten erreichte. Sein Puls beschleunigte sich. Feuchtigkeit bildete sich zwischen seinen Schulterblättern. Er konnte unmöglich ins Hausinnere gehen, absolut ausgeschlossen.
Als einer der Polizisten ihn ansprach, wäre er fast zurückgezuckt.
„Forensik?“ Die Frage klang übertrieben laut.
„Ja.“ Tim hielt dem Streifenbeamten seinen Ausweis hin. „Detective Timothy Slater. Meine Kollegin müsste schon hier sein. Bella Martel.“
„Ist sie. Alles klar.“ Der Polizist zog eine vage Grimasse. „Dann mal viel Vergnügen.“
„Danke.“ Flach atmend näherte sich Tim der Vordertür.
Er hatte den Verstand verloren. Er würde es keine fünf Minuten in diesem Gebäude aushalten. Der Geruch nach Blut war jetzt stark genug, um Assoziationen mitzubringen, Bilder von verzerrten Gesichtern, von rohem Fleisch und von Klingen oder Projektilen, die das Leben zweibeiniger Wesen zerstörten.
Tims Haut fühlte sich zu eng für seinen Körper an.
Der leitende Beamte vor Ort hatte ihn natürlich längst bemerkt. Aber Captain Dave Moreau war nicht der Typ, der ein Gespräch mit seinen Polizisten unterbrach, nur weil die Spurensicherung anrückte. Jetzt kam er zu Tim herüber.
„Slater“, sagte er knapp. Er war ein unattraktiver Mann Ende fünfzig, smart und zynisch, einer der besseren Captains im NOPD. „Bella hat mit Fotos angefangen. Kleine Warnung vorab - das ist eine Riesenschweinerei da drin.“
„Drogenmilieu? Ein Kartell?“
„Wahrscheinlich.“ Moreau deutete mit dem Kinn auf die Tür, um ihm zu sagen, dass er sich an die Arbeit machen sollte.
Tim raffte seine ganze Selbstbeherrschung zusammen. Wenn Moreau mitbekam, dass er den Schauplatz kaum ertragen konnte, würde er ihn austauschen - ärgerlich, ein Punktabzug fürs Ego, aber kein echtes Problem. Auch erfahrene Tatortermittler knickten manchmal ein.
Warum er schließlich ins Haus ging, wusste Tim selbst nicht genau. Irgendwo unter dem Widerwillen und der mysteriösen Hektik, mit der sein System auf die Geruchsattacke reagierte, wachte etwas in ihm auf. Er musste es sehen, all dieses Blut.
Und, meldete sich seine Vernunft, er war ja nicht zum Spaß Polizist geworden.
***
In der kleinen Diele öffnete Tim seinen Koffer. Während er die Schutzausrüstung überzog, atmete er durch den Mund. Das schwächte die Gerüche ein bisschen ab, und der Mund-Nasen-Schutz kaschierte seinen Trick.
Nach dem Umkleiden fiel ihm ein, dass er seine Brille vergessen hatte, an die er wegen des Ganzkörperanzugs jetzt nicht mehr problemlos herankam. Tim musterte einen Gegenstand, ein verwaistes, hölzernes Schlüsselbrett an der Wand neben ihm. Er konnte jede Unebenheit im Holz und jede Farbveränderung an den Metallhaken erkennen.
Er klammerte die Entdeckung aus. Dafür war später noch Zeit. Mit einem innerlichen Stoßgebet betrat er den Wohnbereich.
Moreau hatte nicht übertrieben. Schon im ersten Raum musste sich ein mittleres Massaker abgespielt haben.
Tim zählte drei Leichen, alle männlich - zwei Weiße, ein vermutlicher Latino. Ein Mann lag zu Füßen eines durchgesessenen Sofas auf dem Bauch, der zweite halb unter einem Esstisch in der hinteren Raumhälfte, ebenfalls auf dem Bauch, der dritte dazwischen und auf dem Rücken. Am rechten Bein des Dritten hing ein Stuhl, so als sei er auf der Flucht darüber gestolpert und mit dem Fuß zwischen die Streben der Lehne geraten.
Der Mund-Nasen-Schutz wölbte sich gegen Tims Lippen, als er vorsichtig tiefer einatmete. Obwohl er dafür weiterhin nicht die Nase benutzte, schien der Geruch in ihn hineinzudrängen wie zäher, klebriger Brei.
Er hörte sich ein leises, angewidertes Geräusch ausstoßen. Seine Augen komplettierten die Szene nur.
So viel Blut auf einmal sah man nicht oft. Um den Mann vor dem Sofa herum hatte sich eine fette, dunkle Lache gebildet, teils getrocknet, teils noch feucht. Der Bodenbelag hatte es nicht geschafft, die Menge an Flüssigkeit vollständig aufzunehmen. Kleckse und Schlieren bedeckten die Sofakante.
Auch der Mann mit dem Stuhl am Bein lag in einer Lache. Bei ihm war deutlicher, woher das Blut stammte. Mehrere lange, schräge Schnitte zogen sich über seinen vorderen Torso. Sein T-Shirt hing in Fetzen. Eine Machete vielleicht, oder ein Küchenbeil.
Den Mann unter dem Tisch hatte es mit Sicherheit in der Bewegung erwischt. Eine der benachbarten Wände war voller dunkelroter Abdrücke - drei-, viermal eine Hand, häufiger angedeutete Körperteile. Ein chaotisches Muster aus Schlieren und Tropfen überzog die ganze nähere Umgebung, darunter auch die Tischplatte. Bestimmt hatten sie ihn beim Aufstehen niedergehackt.
Tim schaute zu den Fenstern hinüber. Sie waren tatsächlich alle verhängt, mit zugezogenen Jalousien oder mit Tüchern. Im Raum herrschte höchstens Dämmerlicht. Ihm reichte die Beleuchtung.
Sein Schutzanzug knisterte sacht, als er sich in den Raum hineinbewegte. Jeder Schritt war eine Überwindung. Er kam sich vor wie der Protagonist in einem fantastischen Horror-Streifen, der sich durch irgendein halbfestes Hindernis zwängt, um jemanden zu retten - nur, dass sich das Hindernis hier aus Gerüchen zusammensetzte.
Der Blutgeruch dominierte, aber jetzt roch Tim auch wieder die Zigarettenasche, den Urin und die Essensreste. Er unterschied Kaffee von billigem Bratfett, Ketchup von Nacho-Gewürz, Sirup von Alkohol. Das ergab doch gar keinen Sinn.
„Hey.“
Mit dem unangenehmen Gefühl, ertappt worden zu sein, sah er hoch.
Seine Kollegin Bella Martel stand in der Tür zum Nachbarraum. So wie er steckte sie in voller Schutzmontur, und so wie er hatte sie eine Maske vor dem Gesicht. Sein eigener Mund-Nasen-Schutz verhinderte vermutlich, dass sie ihm sofort auf die Schliche kam. Sie winkte ihn heran.
Inzwischen hörte Tim ein feines Summen. Es hatte seine Quelle in ihm, nicht in der Umgebung. Das Herz schlug ihm bis zum Hals.
Als er Bella ansteuerte, flackerte ihr Umriss, wurde schwammig an den Rändern und wieder fester. Er verdrängte die Vorstellung, welchen Anblick er bot - hundertneunzig muskulöse, kompakte Pfund, auf einen Meter fünfundachtzig verteilt, und er war kaum dazu in der Lage, ein verdammtes Zimmer zu durchqueren.
Die Scham und die Verärgerung kümmerten sich kurz um sein Sinnesproblem. In der Tür zum nächsten Raum war damit Schluss. Der Blutgeruch formte eine regelrechte Blase. Hitze staute sich im Zimmer. Bis auf ein paar Kartons und ein Sideboard war es leer.
Dafür lagen hier ganze vier Leichen, drei Männer und eine Frau. Möglicherweise hatte man sie nach den Männern im Wohnzimmer getötet. Man konnte das Zimmer nur durch die Fenster verlassen. Der einzige Durchgang außer dem, durch den Tim hereingekommen war, führte in ein winziges Bad.
Erst als er die harte Fläche der Türlaibung unter der Hand spürte, wurde Tim bewusst, was er tat. Sein Körper ließ ihm keine Wahl. Er stützte sich ab und schloss die Augen, um nicht auf dem Absatz kehrtzumachen.
Es war ein Fehler gewesen, ins Haus zu gehen. Und die Augen zu schließen, änderte nichts an der Erkenntnis. Etwas stimmte nicht mit ihm.
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NOPD - New Orleans Police Department








