Kapitel 1: Der Duft von Luxus und Provokation
Der Bass der Musik war nicht nur zu hören, er vibrierte tief in meiner Brust. Jeder Herzschlag fühlte sich fremdbestimmt an, angepasst an den dröhnenden Rhythmus, der durch die Wände der gemieteten Villa am Stadtrand schlug.
Ich strich mir mit kühlen Fingern über den Stoff meines schlichten, schwarzen Kleidchens. Im Vergleich zu den seidenen, glitzernden Roben der anderen Frauen wirkte ich wie ein Schatten, der sich versehentlich auf ein Ölgemälde geschlichen hatte.
Warum habe ich mich nur von Kilian breitklopfen lassen?, fragte ich mich zum gefühlt zehnten Mal an diesem Abend.
Kilian feierte seinen Dreißigsten. Er war mein ältester Freund, der Junge aus der Nachbarschaft, mit dem ich früher auf Bäume geklettert war. Doch heute Abend war er der Gastgeber einer exklusiven Party, umgeben von Leuten, die alle selbstbewusst lachten und teuren Champagner tranken.
„Hey, Lillifee! Du stehst ja immer noch in der Ecke!“
Kilians Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Er tauchte plötzlich neben mir auf, ein breites Grinsen auf den Lippen, und drückte mir ein Glas Sekt in die Hand.
„Kilian, bitte... nenn mich nicht so. Hier hören das Leute“, murmelte ich verlegen und spürte, wie mir die Hitze in die Wangen stieg. „Außer dir nennt mich schon seit Jahren keiner mehr so.“
„Ach was, du wirst immer meine kleine Lillifee bleiben“, lachte er herzlich und drückte mich kurz an sich. „Komm schon, amüsier dich! Ich muss kurz rüber zu ein paar Jungs vom Fechtclub, aber du bleibst nicht allein stehen, klar?“
Bevor ich protestieren konnte, war Kilian bereits im Getümmel verschwunden. Ich atmete tief durch und wollte gerade einen Schluck nehmen, als eine Stimme direkt neben meinem Ohr erklang:
„Ein süßer Spitzname.“
Die Stimme war tief, rau und besaß eine kühle Präsenz, die die Luft um mich herum schlagartig gefrieren ließ.
Ich fuhr herum.
Vor mir stand ein Mann. Groß, mit dunklem, leicht gewelltem Haar und scharf geschnittenen, fast unbarmherzigen Gesichtszügen. Seine dunklen Augen – von der Farbe warmen Bernsteins – lagen intensiv, aufmerksam und vollkommen ungeniert auf mich gerichtet. Er trug ein dunkelblaues Hemd, dessen oberste Knöpfe offen standen, und strahlte eine selbstverständliche Dominanz aus.
„Ich habe nicht mit dir gesprochen“, erwiderte ich leise, während mein Herz einen Aussetzer machte.
Ein langsames, fast gefährliches Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Er machte einen Schritt auf mich zu, sodass mir sein Duft entgegenschlug – kühles Zedernholz und schweres Parfum.
„Aber ich mit dir... Lillifee.“
Das Wort schnitt durch die Musik. Er betonte jede Silbe langsam, fast genüsslich.
Ein Schauer lief mir über den Rücken, gefolgt von einer Welle des Entsetzens. Meine Wangen brannten.
„Nenn mich nicht so“, sagte ich schärfer, als ich mich jemals selbst gehört hatte. Ich versuchte, ihm standzuhalten, auch wenn mir die Knie zitterten. „Niemand nennt mich so. Nur Kilian.“
Der Fremde neigte den Kopf leicht zur Seite. In seinen Augen funkelte Amüsement über meinen Widerstand. Er wich keinen Zentimeter zurück. Stattdessen trat er noch ein Stück näher, bis die Distanz zwischen uns gefährlich schrumpfte.
„Nur Kilian?“, wiederholte er leise, beugte sich leicht zu mir herab und sah mir tief in die Augen. „Schade für Kilian. Aber du solltest wissen, Lillifee... ich halte mich selten an fremde Regeln.“
„Mein Name ist Lilli“, brachte ich heraus, doch die Intensität seines Blicks ließ meine Stimme lächerlich dünn klingen.
„Ich weiß, wie du heißt“, raunte er, und seine Lippen formten erneut dieses überlegene Lächeln. „Aber ‘Lillifee’ passt viel besser zu dir. Es bringt dich nämlich so schön aus der Fassung.“
Ich presste die Lippen zusammen, unfähig, etwas zu erwidern. Er hatte mich durchschaut – innerhalb von wenigen Sekunden.
„Ich bin Elias...Elias Peraso“, stellte er sich schließlich vor, ohne mir die Hand zu reichen. Seine Augen brannten sich in meine. „Und ab heute mache ich die Regeln.“








