1 - Ein Held sein
Der stechende Gestank von Lampenöl haftet meiner Kleidung an. Leise stöhnend streife ich sie ab und rümpfe die Nase. Der feuchte Stoff landet auf dem Boden; mein Mantel, ein Wollpullover und ein Hemd. Kälte prickelt auf meiner nackten Haut.
»Was ist passiert?« Irmelin wuselt um mich herum, wirft weiße Leinentücher auf den Küchentisch und nimmt das abgekochte Wasser vom Herd. Der Raum ist in ein angenehmes Zwielicht getaucht. Ohne meine Antwort abzuwarten, drückt sie mich auf einen Stuhl und berührt mit einem befeuchteten Lappen mein rechtes Schulterblatt. Ich beiße die Zähne aufeinander und halte mich an der Tischkante fest. Das warme Wasser läuft mir in Rinnsalen über den Rücken und sickert in meinen Hosenbund, als sie unbeirrt Blut und Lampenöl von meiner verletzten Haut wischt.
»Wir mussten etwas improvisieren«, presse ich hervor. Meine Gedanken wandern zu Astrid von Abetz, der Leitenden Direktorin für Feenlichtforschung, und ein kalter Schauder erfasst mich.
»Wurdet ihr verfolgt?«, fragt Iri.
Ich schüttle den Kopf und höre Maximilian aufatmen. Er steht steif an der Küchentür und lässt die Augen kaum von den beiden Eldur. Onyek sitzt mir gegenüber am Tisch und bindet bedächtig ein weißes Leinentuch um seine Wunde am Arm. Akin dagegen ragt wie ein bedrohlicher Schatten hinter ihm auf. Er wirkt weitaus weniger ausgezehrt als Onyek und trägt warme, saubere Kleidung unter dem Umhang. An seinen Handgelenken sind zwar rote Einkerbungen von Fesseln zu erkennen, aber sie scheinen seit einigen Tagen abzuheilen.
Hinter mir erklingt ein Plopp. »Das brennt jetzt etwas«, warnt Iri, ehe sie eine beißende Flüssigkeit über die Schnittwunden kippt. Ich hole zischend Luft und krümme mich zusammen, bis meine Stirn die kalte Tischplatte berührt. Mein Rücken steht in Flammen.
»Ich muss nur noch einen Verband anlegen, dann hast du es geschafft.« Irmelin streichelt mir flüchtig über die Locken und langsam richte ich mich wieder auf. Sie bindet ein langes Leinentuch um meinen Oberkörper, sodass der obere Rücken und das rechte Schulterblatt bedeckt sind. Anschließend hilft sie mir in ein sauberes Hemd, da ich den rechten Arm wegen des Verbands nur eingeschränkt bewegen kann.
»Was genau ist denn nun passiert?«, fragt sie erneut.
Ich zögere. Es wäre vernünftig, alles zu gestehen; auch die Dinge, die ich ihr schon länger verheimliche. Doch mir bleiben die Worte im Hals stecken.
»Lore.« Meine Schwester legt ihre kühlen Fingerspitzen an meine Wange und dreht meinen Kopf zu sich. Ihr Blick gleitet über mein Gesicht, dann flucht sie. »Bitte sag mir nicht, dass du enttarnt wurdest.«
»Sie wusste bereits, was ich bin, als sie kam.« Meine Stimme klingt rau.
»Sie?« Iri zieht sich neben mir einen Stuhl zurecht, ohne mich eine Sekunde lang aus den Augen zu lassen.
Ich hole tief Luft. »Es lief eigentlich alles nach Plan, bis sie aufgetaucht ist. Die Adlige ließ sich einfach nicht abwimmeln, aber wir konnten auch nicht zulassen, dass sie Onyek kauft. Also habe ich ihn befreit und dann haben wir ihre Kutsche geklaut. Fred wird das Gefährt gerade irgendwo los.«
»Und die Adlige wusste, dass du ein Nachtwesen bist?«, hakt meine Schwester hartnäckig und sichtlich beunruhigt nach. »Aber woher denn?«
»Es gibt etwas, das ich dir verschwiegen habe«, gestehe ich leise. »Meine Seele … Du weißt ja, dass ich eine habe, aber das ist nicht alles. Irgendwer muss sie vor meiner Geburt vervollständigt haben, weil sie instabil war. Weil ich ein Mischlingskind bin. Manfred sagt, dass ich sonst nicht überlebt hätte.«
Irmelin und Maximilian starren mich verständnislos an. Ich winde mich und die nachfolgenden Worte kommen mir atemlos schnell über die Lippen. »Was ich damit sagen will, ist, dass es jemanden gibt, der wollte, dass ich existiere und dieser jemand ist die Adlige aus Hasenzahns Nachtwesenhandel. Sie weiß nicht nur, dass ich Feze habe, sondern auch von meiner Seele. Weil sie es war, die sie vervollständigt hat.«
Irmelin legt eine Hand an meinen Arm, um meinen Redeschwall zu bremsen. »Ich verstehe das nicht. Mama hat deine Mutter und dich in einem weitentfernten, verlassenen Wald gefunden. Inwiefern passt das zusammen?«
Ich verknote meine Finger ineinander und habe plötzlich Angst, dass meine Stimme versagt. »Meine Mutter ist hochschwanger vor ihr davongelaufen.«
Das jedenfalls hat der alte Willi im Ödland angedeutet.
Iri runzelt die Stirn. »Aber wie kommst du darauf? Wieso hat dich die Adlige dann vorhin nicht festnehmen lassen? Sie hatte doch sicher die Möglichkeit dazu.«
Ich setze an, zu antworten, halte dann aber inne. Es stimmt, Astrid hätte mich ohne größere Schwierigkeiten in ihre Gewalt bringen können. Stattdessen hat sie abgewartet, was ich tun würde, um Onyek zu retten.
»Und wer ist sie überhaupt?«, fügt Maximilian hinzu. »Hast du ihren Namen erfahren?«
»Astrid von Abetz«, antworte ich abwesend, in Gedanken noch bei der vorherigen Frage.
»Die Cousine des Königs?«, entfährt es ihm.
Irmelin wird blass. »Sie wird die ganze Stadt nach dir und den befreiten Eldur umwälzen.«
Maximilian verschränkt die Arme, als würde es ihn frösteln. »Ihr solltet Edengal so schnell wie möglich verlassen. Mit etwas Glück sind die Eisenbahnschienen bald wieder–«
Heftig schüttle ich den Kopf. »Nein! Ich habe Ekene noch nicht gefunden. Ohne ihn werde ich nirgendwo hingehen.«
»Du wirst nicht jeden retten können«, erwidert Irmelin ungewohnt hart.
Mein Herz schlägt stur und fest gegen meinen Brustkorb, als wolle es gegen ihre Worte rebellieren.
»Wenn du an Ekene herankommen willst, musst du dich auf den Handel mit Astrid einlassen«, wirft Akin in eldurischer Sprache ein. Den letzten Teil unseres Gesprächs hat er offenbar verstanden oder sich zumindest grob zusammenreimen können.
»Eine Sache verstehe ich nicht«, sagt Maximilian, ohne Akin zu beachten. »Wie konnte dich die Fürstin denn überhaupt finden? Sie konnte kaum wissen, dass du im Nachtwesenhandel sein würdest.«
»Sie hat dir gesagt, was sie von dir verlangt, nicht wahr?«, fragt Akin.
Ich sehe zwischen ihm und Maximilian hin und her und verspüre einen Anflug von Kopfschmerzen.
»Wir werden Lore nicht gegen leere Versprechungen eintauschen«, knurrt Onyek. Er hat inzwischen seinen Verband fertiggestellt und funkelt Akin an. Die frische Narbe in Onyeks Gesicht und der ungepflegte Bart lassen ihn unberechenbar und wild erscheinen.
Akin verzieht keine Miene. »Vielleicht hat unser kleiner Held von sich aus ein Interesse daran, seine Fehler aus dem Ödland wiedergutzumachen. Unser Trupp ist nur seinetwegen in Gefangenschaft geraten.«
Du wirst ein Held sein, hallen Astrids Worte in meinem Kopf nach.
Ich balle die Hände zu Fäusten. »Ich tue bereits, was ich kann, um unsere Leute zu retten. Das einzige, was du dagegen tust, Akin, ist, meine Bemühungen zu sabotieren.«
»Ohne meine Hilfe hättest du nicht einmal dich selbst retten können.«
»Ohne deine feenbeschissene ›Hilfe‹ wäre Astrid nie gekommen und alles wäre nach Plan gelaufen«, kontere ich und erhebe mich schwungvoll von meinem Platz. Ich hätte nicht übel Lust, ihm eine reinzuhauen.
»Und wie sieht dein Plan jetzt aus?« Akin lässt weder Reue noch Scham erkennen. »Wie willst du alle Eldur retten?«
Ich presse die Lippen aufeinander.
Er nickt, als hätte er nichts anderes erwartet.
Die Stuhllehne knarrt, als sich Onyek zurücklehnt. Obwohl er kränklich blass aussieht, scheint ihm die Vergiftung nur wenig anzuhaben. Ich erinnere mich gut daran, dass ich nach meinem Erstkontakt mit dem Snakurgift nicht einmal selbstständig sitzen konnte. Für ihn muss es mindestens das dritte Mal sein und er steckt es überraschend gut weg.
»Bis ich mein Feze wieder nutzen kann, bleiben wir hier und unternehmen keinerlei Rettungsaktionen«, bestimmt er und fixiert mich mit seinem Blick. Dann sieht er Akin an. »Und du denkst nicht einmal daran, Lore nochmal zu verraten.«
Akin verzieht keine Miene.
»Ist das klar?« Onyeks Stimme ist kälter als der Edengaler Winter.
»Ayi.«
»Worüber sprecht ihr?«, fragt Irmelin und räumt die übriggebliebenen Leinentücher weg. Ihre Bewegungen sind fahrig und ihr Blick huscht immer wieder zu den beiden Eldur.
Ich schüttle nur den Kopf.
Iri hält beim Aufräumen inne und runzelt unzufrieden die Stirn. »Wenn es etwas gibt, das wir wissen sollten –«
»Wir sind hier sicher, du musst dir keine Sorgen machen«, unterbreche ich sie schroffer als beabsichtigt. Hinter meinen Schläfen beginnt es zu pochen. Nicht gewillt, noch länger jedem Rede und Antwort stehen zu müssen, steige ich über meinen Kleiderhaufen hinweg, um zur Tür zu gelangen. Maximilian, der steif am Türrahmen steht, sieht mich eindringlich an. Er wartet offenbar noch auf eine Antwort, aber an seine Frage kann ich mich schon nicht mehr erinnern. Ich schiebe mich an ihm vorbei in den Flur und laufe die Treppe hinab, um wenigstens kurz meine Ruhe zu haben.
Ich wandere rastlos durch die Vorderstube, dann in die Druckstube. Die Verwüstung durch Hasenzahns Handlanger vor drei Tagen ist kaum mehr zu erahnen. Die Möbel stehen wieder dort, wo sie hingehören und die Werkzeuge und Hilfsmittel sind säuberlich sortiert und aufgeräumt. Ich lehne mich an die Druckerpresse. Hinter den beschlagenen Fenstern ist die Nacht hereingebrochen und ein kalter Luftzug bereitet mir eine Gänsehaut.
Akins Frage nach meinem Plan zur Rettung der Eldur windet sich ätzend durch meine Gedanken. Es gibt keinen Plan; über die heutige Aktion hinaus habe ich noch nicht nachgedacht. Und lediglich unsere Leute zu befreien und zu fliehen, wird nichts nützen. Wenn der König im Frühjahr angreift und unser Land mit künstlichem Feenlicht zerstört, ist alles umsonst. Ob wir dann dort oder hier sterben, macht keinen großen Unterschied.
Vielleicht ist der Tod des Königs der einzige Weg, um die drohende Vernichtung aufzuhalten. Wenn er nicht mehr wäre – was würde passieren? Würde sich ein anderer Adliger auf den Thron setzen? Oder könnten die Rebellen die Macht an sich reißen und ihre Reformen durchsetzen? Ob es möglich wäre, einen neuen Herrscher zu überzeugen, keinen Krieg gegen uns zu führen?
Ich höre die Treppe knarren und nur wenig später erhellt flackerndes Licht die Druckstube. Irmelin kommt wortlos zu mir und sieht mich an, als versuche sie, meine Gedanken zu lesen. Die Kerzenflamme spiegelt sich in ihren blauen Augen.
»Diese Fürstin«, setzt sie an und scheint nach den richtigen Worten zu suchen. »Sie mag damals dabei geholfen haben, dass du leben kannst, aber sie bestimmt nicht darüber, wer du bist oder was du tust.«
Ich drehe den Kopf weg, damit Iri nicht in meinem Gesicht lesen kann. Astrids verheißungsvolle Worte kreisen wie ein Schwarm Krähen durch meine Gedanken. Du wirst den König töten. Du wirst ein Held sein.
»Und bitte versteh meine Aussage von vorhin nicht falsch.« Irmelin legt ihre Hand an meinen Unterarm. »Auch wenn ich nicht alle deine Vorhaben gutheiße, werde ich dich so gut wie möglich unterstützen. Vielleicht gelingt es uns ja doch noch deinen besten Freund zu befreien.«
Ich nicke bloß. Die Angst um Ekene und die anderen Männer des Trupps schnürt mir die Kehle zu, weil ich befürchte, dass Iri Recht hat. Ich werde nicht jeden retten können. Vielleicht nicht einmal mich selbst.
Meine Schwester seufzt leise. »Jetzt komm mit hoch, du hast doch bestimmt Hunger. Und wir müssen noch zwei weitere Nachtlager herrichten.«
Die Tür des Käfigs knallt vor meiner Nase zu. Mit beiden Händen packe ich die Gitterstäbe und versuche sie auseinander zu biegen und mich hindurch zu zwängen. Fürstin Astrid von Abetz beobachtet meine vergeblichen Mühen von der anderen Seite mit unerbittlichem Blick.
›Wehre dich nicht gegen dein Schicksal.‹
Ich halte plötzlich den besudelten Stein in der Hand, der Xavers Schädel eingeschlagen hat. Das Blut ist frisch und dunkelrot, als wäre die längst vergangene Tat erst wenige Augenblicke her.
Astrid deutet mit ihrem Einhorn-Gehstock hinter mich. ›Töte ihn!‹
Ich drehe mich um. Der König thront einer vergoldeten Statue gleich auf seinem diamantbesetzten Stuhl. Beim genaueren Hinsehen erkenne ich jedoch, dass es keine Diamanten sind. Tausende, funkelnde Augen starren mich erwartungsvoll an.
Es sind graue Augen.
Die Augen der Eldur.
Der Stein in meiner Hand zittert.
›Töte ihn!‹
Es ist nicht länger Astrids Stimme, sondern Ekenes. Er taucht neben mir auf und stößt mich einen Schritt nach vorn. Der Stein gleitet mir zwischen den Fingern hindurch und rollt vor die Füße des Königs, indem er eine rote Blutspur hinterlässt.
›Ich bin mir nicht sicher, ob ich–‹
›Töte ihn!‹, wiederholt Ekene und drängt mich wiederum vorwärts. Ich wehre mich dagegen, meine Füße verschmieren das Blut. Plötzlich mischt sich ein Dritter ein und zieht mich in die entgegengesetzte Richtung. An den Gitterstäben hält er inne und sieht mich prüfend an. Die Alterswarze auf seiner Wange kommt mir bekannt vor.
›Manfred?‹
›Genau der. Ich schlage vor, wir gehen an einen angenehmeren Ort, damit wir uns in Ruhe unterhalten können.‹
Überfordert blinzle ich. Mein Kopf ruckt erst zur Käfigtür und Astrid, die dahinter lauert. Dann zum König, der inzwischen aufgestanden ist und Ekenes bleigraue Augen aus den Augenhöhlen herausreißt. Mein bester Freund sackt leblos zu Boden.
›Nein‹, keuche ich. ›Ekke!‹
›Es ist nicht echt‹, sagt Manfred ruhig.
›Er ist meinetwegen tot!‹, schreie ich ihn an und spüre heiße Tränen auf den Wangen. ›Alle sind meinetwegen tot!‹
Außer der eine, den ich umbringen soll.
Verzweifelt raufe ich mir die Haare.
Manfred packt mich an den Schultern und sucht meinen Blick. ›Du träumst, Lore. Niemand ist deinetwegen gestorben. Du kannst mit einem einzigen Gedanken dieses Gitter entfernen und frei sein. Wollen wir es versuchen?‹
Die Käfigtür ist massives Eisen, nichts kann sie einfach verschwinden lassen. Schon gar kein Gedanke.
Manfred seufzt leise. ›Hör zu, Lore, ich bin nicht grundlos hier. Ich bin gestern dem Mädchen aus deinem Traum begegnet. Sie ist mir im Zeltlager der Armen aufgefallen und jetzt ist sie –‹
Ein festes Rütteln reißt mich jäh aus dem Schlaf. Erschrocken setze ich mich auf und blinzle desorientiert in die Dunkelheit. Onyek hockt mit grimmigem Gesichtsausdruck neben mir. Die Bilder des Traums verblassen bereits, ehe ich sie mir ins Gedächtnis rufen kann und das Einzige, das zurückbleibt, ist ein vages, ungutes Gefühl.
»Was hat das Glockenläuten zu bedeuten?«, fragt Onyek und erst da bemerke ich es. Ein fernes Schellen – durch die geschlossenen Fenster ist es leise, aber deutlich zu vernehmen. Ich eile ans nächstbeste Fenster und reiße die Vorhänge zur Seite. Über den Edengaler Hausdächern erhebt sich eine dichte Rauchwolke.
»Es brennt.«









Toll, der Einstieg ist Dir supergut und spannend gelungen. Ich war sofort wieder drin in der Geschichte.....