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All Hallow's Eve

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Zusammenfassung

Wenn die Tage kürzer werden, Nebel durch die Straßen zieht und die Grenze zwischen Wirklichkeit und Albtraum ein wenig dünner scheint, ist es Zeit für Geschichten, die perfekt in die dunkle Jahreszeit passen. All Hallows’ Eve ist eine Sammlung schaurig-schöner Kurzgeschichten rund um Halloween, Dunkelheit und all das, was sich vielleicht besser im Schatten verborgen halten sollte. Mal unheimlich, mal spannend, mal düster oder überraschend – jede Geschichte erzählt ihre ganz eigene Geschichte und entführt euch für eine Weile in eine andere Welt. Manche lassen euch vielleicht lächeln, andere mitfiebern und die eine oder andere hoffentlich noch einmal über die Schulter schauen. Die Geschichten sind unabhängig voneinander und können in beliebiger Reihenfolge gelesen werden. Und weil eine einzige Halloween-Nacht niemals genug Geschichten erzählen kann, darf diese Sammlung mit der Zeit immer weiter wachsen. Also macht es euch gemütlich, zündet eine Kerze an und schlagt die erste Seite auf.

Genre:
Horror
Autor:
Ria Summers
Status:
vor 3 Stunden
Kapitel:
7
Rating
n/a
Altersfreigabe
18+

~Perfect.~

Als die App auf meinem Handy erscheint, bin ich gerade dabei, einen falschen Blutfleck von meinem weißen Kleid zu reiben.

Er geht nicht weg.

Natürlich nicht. Das Kunstblut, das Amber gekauft hat, soll laut Verpackung realistisch trocknen. Offenbar bedeutet realistisch, dass es sich genauso hartnäckig verhält wie echtes Blut.

„Lass es“, sagt Amber hinter mir. „Du gehst als ermordete Braut. Ermordete Bräute haben Flecken.“

Ich betrachte mich im beschlagenen Badezimmerspiegel. Das Kleid stammt aus einem Secondhandladen außerhalb von Salem. Spitze, vergilbte Perlen, ein enger Schnitt, der vermutlich einmal elegant war und jetzt aussieht, als hätte jemand darin drei Tage in einem feuchten Grab gelegen.

Der Schleier ist an einer Seite zerrissen. Unter meinem rechten Auge zieht sich eine künstliche Wunde bis zum Mundwinkel. Amber hat sie mit Flüssiglatex modelliert und darauf bestanden, dass sie „herrlich verstörend“ aussieht.

Ich finde, ich sehe aus, als hätte mich jemand mit einer rostigen Axt geküsst.

„Ich gehe nicht als ermordete Braut“, sage ich. „Ich gehe als Frau, die von ihrer besten Freundin zu einer Party gezwungen wurde.“

„Das wäre kein Kostüm. Das bist du jeden Freitag.“

Amber grinst mich durch den Spiegel an. Sie trägt schwarze Kontaktlinsen, zwei winzige Hörner und ein rotes Lederkleid, das ihr vermutlich mehr gekostet hat als meine Monatsmiete.

„Außerdem, es ist Halloween“, fügt sie hinzu. „In Salem. Du kannst heute Abend nicht zu Hause sitzen und Dokumentationen über verschwundene Menschen ansehen.“

„Das wäre wenigstens thematisch passend.“

„Du bist achtundzwanzig, June. Du bist nicht tot.“

„Die Jury berät noch.“

Amber verdreht die Augen und verlässt das Bad. Musik dröhnt aus dem Wohnzimmer. Irgendein Remix aus Orgelklängen und dumpfen Bässen lässt die dünnen Wände meiner Wohnung zittern.

Draußen schreien Kinder. Nicht aus Angst, sondern weil vermutlich jemand besonders großzügig mit Süßigkeiten gewesen ist. Durch das gekippte Fenster dringt kalte Oktoberluft herein, gemischt mit dem Geruch verbrannter Kürbisse, feuchtem Laub und Zimt.

Ich greife nach meinem Handy.

Keine neuen Nachrichten.

Nicht, dass ich welche erwartet hätte.

Meine Mutter schickt mir an Feiertagen animierte Grußkarten. Mein Vater schreibt gar nicht. Mein letzter Kontakt mit einem Mann, der nicht beruflich bedingt war, liegt sechs Monate zurück und endete damit, dass er mir erklärte, er sei „emotional nicht bereit für etwas Festes“, bevor er zwei Wochen später Verlobungsfotos postete.

Mit einer Frau namens Summer.

Niemand sollte einer Summer vertrauen.

Ich will das Handy gerade zurück auf das Waschbecken legen, als ich das neue Symbol sehe.

Eine schwarze App.

Kein Name unter dem Icon. Nur ein weißer Kreis, der in der Mitte von einem dünnen roten Strich geteilt wird.

Ich runzle die Stirn.

„Amber?“

„Falls du Hilfe mit dem Reißverschluss brauchst, sag bitte, dass du dich für eine Korsage entschieden hast!“

„Hast du etwas auf meinem Handy installiert?“

Sie erscheint in der Tür, eine Flasche Tequila in der Hand.

„Vielleicht.“

„Amber.“

„Was denn? Du klingst, als hätte ich russische Spionagesoftware installiert.“

Ich halte ihr das Display hin.

Ihr Grinsen verschwindet nicht, aber es verändert sich. Wird interessierter.

„Oh.“

„Oh?“

„Perfect.“

„Was?“

„So heißt die App.“ Sie tritt näher und tippt auf das Symbol.

„Perfect. Mit Punkt, glaube ich. Eine Dating-App.“

„Ich habe keine Dating-App heruntergeladen.“

„Ich schon.“

„Auf meinem Handy?“

„Du hast mir deinen Code gegeben.“

„Damit du die Musik ändern kannst.“

„Habe ich auch.“ Sie wischt die Benachrichtigung weg, die auf dem Bildschirm erscheint. „Und danach habe ich dein Leben gerettet.“

„Indem du meine Daten an einen potenziellen Axtmörder weitergibst?“

„Die App gibt es nur heute.“

„Natürlich.“

„Ehrlich.“ Amber nimmt mir das Handy ab. „Sie taucht jedes Jahr an Halloween auf. Nur für vierundzwanzig Stunden. Keine endlosen Profile, keine Männer mit Fischen auf Fotos, keine Nachrichten wie ‚Hey, sexy‘. Du meldest dich an, beantwortest ein paar Fragen, und der Algorithmus sucht dir genau eine Person aus.“

„Das klingt überhaupt nicht bedrohlich.“

„Du triffst deinen perfekten Partner.“

„Und danach erwacht man ohne Nieren in einer Badewanne?“

„Du hörst zu viele Podcasts.“

„Du hörst zu wenige.“

Amber tippt auf das Icon.

Der Bildschirm wird schwarz.

Ein einziger Satz erscheint.

JEDER VERDIENT EINEN PERFEKTEN ABEND.

Darunter pulsiert ein roter Button.

BEGINNEN

„Du hast mich noch nicht registriert, oder?“

Amber schweigt.

„Amber.“

„Nur Name, Alter und Standort.“

„Das ist eine Registrierung.“

„Du kannst es löschen.“

Ich strecke die Hand aus, aber sie zieht das Handy zurück.

„Eine Frage“, sagt sie. „Wann hattest du zuletzt einen wirklich schönen Abend mit jemandem?“

„Letzte Woche mit dir.“

„Ich meine jemanden, den du küssen könntest, ohne dass ich unsere Freundschaft danach neu bewerten muss.“

„Noch nie.“

Das Wort kommt zu schnell.

Amber sieht mich an.

Ich hasse diesen Blick. Diesen weichen, vorsichtigen Ausdruck, als wäre ich ein verwundetes Tier, das bei der kleinsten Bewegung flieht.

„Dann probier es aus“, sagt sie leiser. „Nur heute. Nur ein Date. Wir sind die ganze Zeit in der Stadt. Tausende Menschen sind unterwegs. Du schickst mir deinen Standort. Und sobald er seltsam wird, komme ich und schlage ihn mit meinem Absatz tot.“

Ich betrachte die schwarze App.

Der rote Button wirkt fast wie ein Tropfen Blut.

„Eine Stunde“, sage ich.

Amber strahlt.

„Drei.“

„Eine.“

„Bis Mitternacht.“

„Das sind fast vier Stunden.“

„Halloween endet um Mitternacht.“

„Das ist nicht wahr.“

„Für die App schon.“

Ich sollte Nein sagen.

Stattdessen drücke ich auf

BEGINNEN.

Der Bildschirm flackert.

Eine Frage erscheint.

WAS FEHLT DIR AM MEISTEN?

Darunter stehen keine Auswahlmöglichkeiten. Nur ein leeres Textfeld.

„Die wollen meine Seele analysieren“, murmele ich.

„Schreib Sex.“

„Ich lösche die App.“

Amber lacht und verschwindet wieder.

Ich starre auf das Feld.

Was fehlt mir?

Nähe klingt zu verzweifelt. Liebe zu pathetisch. Ehrlichkeit zu bitter.

Ich tippe:

Jemand, der bleibt.

Die nächste Frage erscheint sofort.

WOVOR HAST DU AM MEISTEN ANGST?

Diesmal überlege ich länger.

Dann schreibe ich:

Vergessen zu werden.

Die App lädt.

Eine dünne weiße Linie kreist über den Bildschirm. Sekunden vergehen. Dann eine Minute.

„Vielleicht findet sie niemanden“, sage ich.

„Unmöglich“, ruft Amber aus dem Wohnzimmer. „Für jeden Topf gibt es einen psychopathischen Deckel.“

Mein Handy vibriert.

Ein Foto erscheint.

Der Mann darauf trägt einen dunklen Mantel. Kein Kostüm, soweit ich erkennen kann. Sein Haar ist fast schwarz, ein wenig zu lang und vom Wind zerzaust. Er steht vor einer Reihe leuchtender Kürbisse, doch sein Gesicht ist nicht vollständig ausgeleuchtet.

Trotzdem sehe ich seine Augen.

Grau. Oder blau. Vielleicht liegt es am Licht.

Er ist attraktiv. Nicht auf die glatte, perfekt inszenierte Art, die mich sofort misstrauisch macht. Da ist etwas Unfertiges an ihm. Eine Narbe an der linken Braue. Ein schiefes Lächeln. Müdigkeit in seinem Blick.

Unter dem Foto steht nur ein Name.

ELIAS, 31

Darunter:

ÜBEREINSTIMMUNG: 100 %

„Hundert Prozent“, lese ich vor.

Amber ist sofort wieder da. „Zeig.“

Sie entreißt mir das Handy.

„Oh mein Gott.“

„Was?“

„Er ist heiß.“

„Das ist keine Persönlichkeit.“

„Bei hundert Prozent vielleicht schon.“

Ein neuer Text erscheint.

DEIN MATCH WARTET AM HAWTHORNE HOTEL.

20:30 UHR.

BARTHOLOMEW’S LOUNGE.

Darunter zählt eine Uhr rückwärts.

00:23:47.

„Das Hawthorne ist voll“, sage ich. „Man bekommt an Halloween nicht einmal einen Platz auf dem Bürgersteig davor.“

„Offenbar schon, wenn man perfekt ist.“

„Amber.“

Sie reicht mir das Handy zurück. „Du gehst hin.“

„Du bist sehr bestimmend für jemanden, der vermutlich als Letzte lebend gesehen wird.“

„Ich bin in der Essex Street. Du schreibst mir alle zehn Minuten. Wenn du dreimal nicht antwortest, komme ich.“

„Zweimal.“

„Abgemacht.“

Ich sehe erneut auf sein Foto.

Elias.

Sein Blick haftet an mir, obwohl das unmöglich ist.

Unterhalb der Uhr erscheint eine letzte Nachricht.

KOMM ALLEIN.

~

Salem ist an Halloween keine Stadt.

Es ist ein lebendiges Tier.

Menschen schieben sich durch die Straßen, eng, laut und bunt. Hexenhüte schwanken über der Menge. Dämonen rauchen vor Restaurants. Ein Mann im Priesterkostüm küsst einen Werwolf unter einer Laterne, während eine Gruppe betrunkener Engel ihnen zujubelt.

Überall hängen Lichterketten in Orange und Violett. Aus den Lautsprechern eines Geschäfts dröhnt „Somebody’s Watching Me“. Nebelmaschinen speien weiße Schwaden über den Gehweg.

Die Kälte kriecht trotzdem durch mein dünnes Kleid.

Ich halte den zerrissenen Schleier fest, damit er mir nicht vom Kopf geweht wird, und bahne mir den Weg zum Hotel.

Das Hawthorne erhebt sich am Rand der Menge wie ein dunkler, alter Wächter. Seine Fenster leuchten golden. Vor dem Eingang stehen Menschen Schlange, obwohl ein Schild verkündet, dass sämtliche Veranstaltungen ausverkauft sind.

Ich zeige dem Türsteher die Nachricht auf meinem Handy.

Er betrachtet erst das Display, dann mich.

„Perfect?“

„Offenbar.“

Sein Gesicht bleibt ausdruckslos. „Gehen Sie rein.“

„Sie kennen die App?“

Er reagiert nicht.

„Entschuldigung?“

Hinter mir beschwert sich jemand laut, dass ich die Schlange aufhalte. Der Türsteher öffnet die Absperrung und macht eine knappe Bewegung.

Ich trete ein.

Die Wärme im Hotel ist beinahe erdrückend. Es riecht nach altem Holz, Parfüm und Whiskey. Die Eingangshalle ist mit schwarzen Rosen und tropfenden Kerzen geschmückt. Ein riesiger Kronleuchter wirft flackernde Schatten über die Decke.

Bartholomew’s Lounge liegt am Ende eines schmalen Korridors.

Mit jedem Schritt wird der Lärm der Lobby leiser.

Als ich die Bar betrete, habe ich das Gefühl, eine andere Zeit zu betreten.

Dunkelrote Samtsessel. Messinglampen. Ein Kamin, in dem echtes Feuer brennt. Leise Klaviermusik. Kaum Kostüme. Kaum Gäste.

Und er.

Elias sitzt allein an einem Tisch nahe dem Fenster.

Er erhebt sich, sobald er mich sieht.

Für einen Augenblick bleibe ich stehen.

Das Foto hat ihm nicht gerecht werden können.

Er ist größer, als ich erwartet habe. Sein Mantel liegt über der Rückenlehne, darunter trägt er ein dunkles Hemd. Die Narbe an seiner Braue ist im warmen Licht deutlicher. Seine Augen sind tatsächlich grau.

Aber es ist nicht sein Aussehen, das mich festhält.

Es ist die Art, wie er mich ansieht.

Nicht prüfend.

Nicht überrascht.

Eher, als hätte er lange gewartet.

„June“, sagt er.

Seine Stimme ist ruhig und tief.

„Elias.“

Er lächelt.

Das schiefe Lächeln vom Foto.

„Du bist gekommen.“

„Du klingst überrascht.“

„Ich hatte gehofft, dass du es tust.“

Er zieht den Stuhl für mich zurück. Die Geste ist altmodisch genug, um gespielt zu wirken, aber bei ihm tut sie es nicht.

Auf dem Tisch stehen bereits zwei Gläser.

„Whiskey Sour“, sagt er. „Ohne Eiweiß. Mit wenig Sirup.“

Ich setze mich langsam. „Woher weißt du, was ich trinke?“

„Die App.“

„Das habe ich nicht angegeben.“

„Dann ist sie wohl besser, als wir dachten.“

Er setzt sich mir gegenüber.

Ich sollte misstrauisch sein.

Bin ich auch.

Nur fühlt sich das Misstrauen seltsam weit entfernt an, während er mich ansieht.

„Du bist nicht kostümiert“, sage ich.

,,Doch.“

„Als was?“

„Als Mann, der bei einem Blind Date nicht völlig überfordert ist.“

Ich lache.

Es passiert, bevor ich es verhindern kann.

„Überzeugend.“

„Danke. Ich habe lange geübt.“

Mein Handy vibriert.

Amber.

Lebst du?

Ich tippe:

Noch. Er hat alle Organe gezählt, aber bisher keines entfernt.

Als ich aufsehe, betrachtet Elias mein Kleid.

„Ermordete Braut?“

„Gefangene Freundin.“

„Deine Freundin hat dich gezwungen?“

„Sie nennt es emotionale Unterstützung.“

„Und du nennst es Nötigung.“

„Du verstehst mich erschreckend schnell.“

Sein Blick senkt sich auf den falschen Blutfleck an meiner Brust.

„Sie hat sich Mühe gegeben.“

„Zu viel. Das Zeug geht vermutlich nie wieder raus.“

„Manche Flecken bleiben.“

Der Satz fällt leise zwischen uns.

Etwas verändert sich in seinem Gesicht. Nur für einen Moment. Ein Schatten hinter seinen Augen.

Dann nimmt er sein Glas.

„Auf perfekte Entscheidungen.“

„Das wäre gelogen.“

„Auf interessante Fehler?“

Ich stoße mit ihm an. „Das klingt realistischer.“

Der Whiskey ist genau richtig.

Nach zwanzig Minuten weiß Elias Dinge über mich, die ich sonst niemandem beim ersten Treffen erzähle.

Nicht, weil er bohrt.

Weil er zuhört.

Wirklich zuhört.

Er unterbricht mich nicht, um selbst etwas Schlaueres zu sagen. Er schaut nicht auf sein Handy. Er lässt keine Gesprächspausen entstehen, die ich panisch mit belanglosen Sätzen füllen muss.

Er weiß, dass ich in einer kleinen Stadt in Vermont aufgewachsen bin, in der jeder den Namen meiner Mutter kannte und niemand meinen.

Er weiß, dass ich Friedhöfe mag, weil sie ehrlich sind.

Er weiß, dass ich als Archivarin im Peabody Essex Museum arbeite und alte Briefe lieber lese als neue Nachrichten.

„Weil tote Menschen nicht mehr lügen können?“, fragt er.

„Weil sie dabei zumindest nicht beobachten, ob man ihnen glaubt.“

„Denkst du, jeder lügt?“

„Jeder verschweigt etwas.“

„Du auch?“

Ich hebe mein Glas.

„Natürlich.“

„Was verschweigst du mir?“

Sein Ton ist spielerisch, aber sein Blick bleibt ernst.

„Dass ich bereits entschieden habe, dass du vermutlich ein kultivierter Organhändler bist.“

„Nur montags.“

„Heute ist Samstag.“

„Dann hast du Glück.“

Ich lache erneut.

Es ist lächerlich einfach.

Zu einfach.

„Was ist mit dir?“, frage ich. „Du weißt alles über mich, und ich weiß nur, dass du Elias heißt, ein sehr überzeugender Mörder wärst und keinen schlechten Whiskey auswählst.“

„Ich restauriere alte Häuser.“

„In Salem?“

„Überall, wo Menschen glauben, dass Vergangenheit etwas ist, das man überstreichen kann.“

„Das klingt düster.“

„Ich bin an Halloween auf einer Dating-App.“

„Stimmt.“

„Meine Schwester sagt, ich wäre nicht besonders gut darin, Menschen kennenzulernen.“

„Hast du ihr die App zu verdanken?“

„So ähnlich.“

Er dreht das Glas zwischen seinen Händen.

„Und was hast du angegeben?“, frage ich.

„Wobei?“

„Bei der Frage, was dir am meisten fehlt.“

Zum ersten Mal weicht er meinem Blick aus.

Das Feuer knackt im Kamin.

„Zeit“, sagt er.

Nur dieses eine Wort.

„Und wovor hast du Angst?“

Er sieht mich wieder an.

„Dass es zu spät ist.“

Ein Schauder fährt über meine Arme.

Nicht aus Angst.

Zumindest rede ich mir das ein.

„Das ist überraschend ernst für ein erstes Date.“

„Die App stellt keine kleinen Fragen.“

„Was glaubst du, warum es sie nur an Halloween gibt?“

„Vielleicht sind Menschen heute ehrlicher.“

„Weil sie Masken tragen?“

„Weil sie glauben, alles wäre ein Spiel.“

Sein Blick bleibt an meiner künstlichen Wunde hängen.

„Oder weil die Grenze heute dünner ist.“

„Welche Grenze?“

„Zwischen dem, was wir wollen, und dem, was wir dafür geben würden.“

Ich beobachte ihn.

„Das klang jetzt tatsächlich nach Kult.“

Er lächelt, aber diesmal erreicht es seine Augen nicht ganz.

Mein Handy vibriert erneut.

Foto, schreibt Amber.

Ich hebe das Gerät.

„Beweis für meine Freundin“, erkläre ich.

Elias lehnt sich ein Stück näher.

Unsere Schultern berühren sich.

Ich öffne die Kamera und halte das Handy vor uns.

Auf dem Display sehe ich mein eigenes Gesicht. Den Schleier. Die Wunde. Elias’ dunkles Haar neben meinem.

Kurz bevor ich auslöse, flackert das Bild.

Für den Bruchteil einer Sekunde sitze ich allein am Tisch.

Dann ist er wieder da.

Ich mache das Foto.

„Alles okay?“, fragt er.

„Ja.“

Ich öffne die Aufnahme.

Wir sind beide darauf.

Ich schicke sie Amber.

Drei Sekunden später erscheinen die blauen Häkchen.

Dann:

Sehr heiß. Bitte nicht ermorden, bevor ich ihn kennenlerne.

Ich stecke das Handy weg.

„Bestanden“, sage ich.

„Das beruhigt mich.“

„Sollte es nicht. Amber ist für schlechte Entscheidungen bekannt.“

„Dann seid ihr euch ähnlich.“

„Frech.“

„Hundert Prozent Übereinstimmung.“

„Die App wird allmählich arrogant.“

Elias sieht zur Uhr über der Bar.

22:07 Uhr.

Seine Miene verändert sich.

Nur ganz leicht.

Doch ich bemerke es.

„Hast du später noch etwas vor?“, frage ich.

„Nein.“

„Du siehst aus, als müsstest du einen Zug erwischen.“

„Ich mag keine Uhren.“

„Als Restaurator?“

„Gerade deshalb.“

Er leert sein Glas und steht auf.

„Komm.“

„Wohin?“

„Du bist an Halloween in Salem und sitzt in einer Hotelbar.“

„Es ist warm hier.“

„Ich zeige dir die Stadt, ohne dass dir jemand eine Plastikhexe für vierzig Dollar verkauft.“

„Das klingt illegal.“

„Nur ein bisschen.“

Er reicht mir die Hand.

Ich starre sie an.

Dann lege ich meine hinein.

Seine Finger sind kalt.

Eiskalt.

Er muss meinen überraschten Blick bemerken, denn er sagt: „Schlechte Durchblutung.“

„Oder du bist tot.“

„Dann wäre das unser kleinstes Problem.“

~

Wir verlassen das Hotel durch einen Seiteneingang.

Elias kennt Wege durch Salem, die ich noch nie gesehen habe.

Schmale Gassen zwischen Backsteinhäusern. Innenhöfe, in denen verwitterte Statuen stehen. Eine Treppe hinter einer alten Kirche, die zu einem Garten voller schwarzer Rosen führt.

Die Menge bleibt nur wenige Straßen entfernt, aber ihr Lärm klingt gedämpft. Wie Musik aus einem anderen Raum.

Wir gehen nebeneinander.

Manchmal berührt seine Hand meine.

Beim dritten Mal greift er danach.

Es fühlt sich nicht übereilt an.

Es fühlt sich an, als hätten wir das schon einmal getan.

„Warst du schon immer hier?“, frage ich.

„Fast.“

„Das ist keine Antwort.“

„Es ist die ehrlichste, die ich dir geben kann.“

„Geheimnisvoll ist nicht dasselbe wie ehrlich.“

„Nein.“

Er bleibt vor einer hohen Backsteinmauer stehen. Efeu rankt daran empor. In der Mitte befindet sich eine schmale, grüne Tür.

„Was ist dahinter?“

„Vertraust du mir?“

„Nein.“

„Gut.“

Er drückt die Klinke.

Die Tür öffnet sich.

Dahinter liegt ein Friedhof.

„Das ist dein romantischer Geheimtipp?“

„Du magst Friedhöfe.“

Ich sehe ihn an. „Habe ich dir das gesagt?“

„In der Bar.“

„Nein.“

Er schweigt eine Sekunde zu lang.

Dann lächelt er. „Doch.“

Ich bin mir sicher, dass ich es nicht getan habe.

Fast sicher.

Hinter uns schlägt die Tür zu.

Das Geräusch hallt zwischen den Grabsteinen wider.

Der Friedhof ist kleiner als die bekannten Anlagen im Zentrum. Keine Touristen, keine Führungen, keine Schauspieler in historischen Kostümen.

Nur schiefe Steine.

Nackte Bäume.

Nebel, der flach über dem Boden liegt.

Zwischen den Gräbern brennen kleine Kerzen.

„Wer hat die angezündet?“

„Menschen erinnern sich heute gern an die Toten.“

„Ich bezweifle, dass dieser Ort für Besucher geöffnet ist.“

„Ist er nicht.“

„Perfekt.“

„Genau.“

Wir gehen über einen schmalen Pfad.

Meine Schuhe versinken im feuchten Boden. Das Kleid streift über das Gras. Elias bewegt sich beinahe lautlos neben mir.

„Warum bist du wirklich auf dieser App?“, frage ich.

„Ich habe es dir gesagt.“

„Weil dir Zeit fehlt.“

„Ja.“

„Das ergibt keinen Sinn.“

„Nicht alles muss sofort Sinn ergeben.“

„Das sagen normalerweise Männer, die später in Dokumentationen vorkommen.“

Er bleibt an einem Grab stehen.

Der Stein ist so verwittert, dass ich den Namen nicht lesen kann.

„Ich habe lange auf jemanden gewartet“, sagt er.

Seine Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern.

„Auf wen?“

„Ich wusste es nicht.“

„Bis heute?“

Er sieht mich an.

Die Kerzen spiegeln sich in seinen Augen.

„Bis heute.“

Mein Herz schlägt härter.

Ein Teil von mir will lachen. Ihm sagen, dass das zu viel ist, zu schnell, zu glatt.

Der andere Teil glaubt ihm.

Vielleicht ist genau das das Gefährliche.

„Elias.“

Er hebt die Hand und streicht eine lose Strähne aus meinem Gesicht.

Seine Finger sind noch immer kalt.

„Sag mir, dass du nichts fühlst“, sagt er.

Ich könnte lügen.

Stattdessen schweige ich.

Sein Daumen berührt meine Unterlippe.

Hinter uns knackt ein Ast.

Ich fahre herum.

Zwischen den Bäumen steht eine Gestalt.

Eine Frau.

Weißes Kleid. Dunkles Haar. Bleiche Haut.

Sie ist vielleicht zwanzig Meter entfernt und völlig reglos.

„Hallo?“, rufe ich.

Die Frau bewegt sich nicht.

Elias tritt zwischen uns.

„Wir sollten gehen.“

„Kennst du sie?“

„Nein.“

„Sie sieht uns an.“

„June.“

Die Frau hebt langsam einen Arm.

Sie zeigt auf mich.

Dann auf Elias.

Ihr Mund öffnet sich.

Ich höre nichts.

Aber plötzlich vibriert mein Handy.

Der Ton zerreißt die Stille.

Ich zucke zusammen und ziehe es hervor.

Amber ruft an.

Als ich wieder zu der Frau sehe, ist sie verschwunden.

„Was zum Teufel?“

„Geh ran“, sagt Elias.

Sein Gesicht ist angespannt.

Ich nehme den Anruf an.

„Hey.“

Stille.

„Amber?“

Ein Rauschen erfüllt die Leitung.

Dann ihre Stimme. Weit entfernt.

„June?“

„Ja. Alles okay?“

„Wer ist das?“

Ich runzle die Stirn. „Wer ist wer?“

„Der Mann auf dem Foto.“

Ich sehe Elias an.

„Mein Date.“

Wieder Stille.

„Welches Date?“

Mein Magen zieht sich zusammen.

„Sehr witzig.“

„June, ich meine es ernst. Wo bist du?“

„Auf dem Friedhof hinter der Charter Street. Mit Elias.“

„Wer ist Elias?“

Die Frage trifft mich wie kaltes Wasser.

„Hör auf.“

„Ich kenne keinen Elias.“

„Du hast die App auf meinem Handy installiert.“

„Welche App?“

Ich senke das Telefon.

Auf dem Display leuchtet das schwarze Symbol.

Perfect.

Es ist da.

„Du hast mich heute angemeldet“, sage ich. „Du hast sein Foto gesehen. Du hast mir geschrieben, dass er heiß ist.“

„June, ich bin seit über einer Stunde auf der Party und du antwortest kaum. Das letzte Foto, das du geschickt hast, zeigt dich allein in einer Hotelbar.“

Mein Blick schießt zu Elias.

Er steht vollkommen still.

„Das stimmt nicht.“

„Ich schicke es dir.“

Der Anruf endet.

Sofort erscheint das Bild.

Ich öffne es.

Mein Atem stockt.

Ich sitze am Tisch in Bartholomew’s Lounge.

Allein.

Mein Körper ist leicht zur Seite geneigt, als würde jemand neben mir sitzen. Meine Schulter schwebt über einem leeren Stuhl. Mein Lächeln wirkt fehl am Platz.

„Nein.“

„June“, sagt Elias.

Ich weiche einen Schritt zurück.

„Was bist du?“

„Bitte hör mir zu.“

„Was bist du?“

Er kommt näher.

Ich ziehe mich weiter zurück und stolpere fast über einen niedrigen Grabstein.

„Ich wollte dir das sagen.“

„Wann? Kurz bevor du mir die Haut abziehst?“

„Ich werde dir nichts tun.“

„Du bist nicht auf dem Foto.“

„Ich weiß.“

Seine Ruhe macht alles schlimmer.

„Amber erinnert sich nicht an dich.“

„Es beginnt.“

„Was beginnt?“

Er sieht zur Uhr an meinem Handgelenk.

23:03 Uhr.

„Die App löscht mich.“

Ein kalter Wind fährt durch die Bäume. Die Kerzen flackern gleichzeitig.

„Das ergibt keinen Sinn.“

„Perfect gibt jedem Nutzer einen einzigen Abend. Einen Menschen, der genau das ist, wonach er gesucht hat.“

„Du bist ein Mensch?“

Schmerz huscht über sein Gesicht.

„Ich war einer.“

Die Worte hängen in der Nacht.

Mein Herz hämmert so laut, dass ich kaum denken kann.

„Nein.“

„June.“

„Nein.“

„Ich bin vor drei Jahren gestorben.“

Ich lache.

Es klingt schrill und fremd.

„Natürlich.“

„Am 31. Oktober.“

„Hör auf.“

„Ich bin auf dem Heimweg von einer Party von der Straße abgekommen. Mein Wagen ist in den Forest River gestürzt. Man hat mich am nächsten Morgen gefunden.“

„Hör auf!“

Meine Stimme hallt über den Friedhof.

Irgendwo schlägt eine Glocke.

Einmal.

Dann noch einmal.

Nicht Mitternacht. Nur die Viertelstunde.

Elias’ Blick bleibt auf mir.

„Meine Schwester hat die App auf meinem Handy installiert“, sagt er. „Sie wollte, dass ich endlich jemanden kennenlerne. Ich habe sie nie geöffnet. Nicht an dem Abend. Nicht bevor ich losgefahren bin.“

„Und jetzt bist du ein Geist auf Tinder?“

„Ich weiß nicht, was ich bin.“

„Das ist verrückt.“

„Ja.“

„Warum kann ich dich sehen?“

„Weil die App dich ausgewählt hat.“

„Wofür?“

Er schweigt.

Die Antwort liegt bereits in seinem Gesicht.

„Wofür, Elias?“

„Um mich zu ersetzen.“

Die Kälte scheint plötzlich aus dem Boden zu steigen.

„Nein.“

„Um Mitternacht verschwindet einer von uns.“

„Du hast gesagt, die App löscht dich.“

„Wenn du gehst.“

„Und wenn ich bleibe?“

Sein Kiefer spannt sich an.

„Dann bleibe ich.“

„Und ich?“

„Du wirst vergessen.“

„Das ist keine Antwort.“

„Du nimmst meinen Platz ein.“

Ich starre ihn an.

Die Kerzen. Der Nebel. Sein kaltes Gesicht.

Alles fügt sich zu einem Bild, das ich nicht sehen will.

„Du hast mich hergebracht, damit ich sterbe.“

„Nein.“

„Damit du leben kannst.“

„Ich wusste nicht, dass du es bist!“

Zum ersten Mal hebt er die Stimme.

Die Kraft darin lässt Vögel aus den Bäumen auffliegen.

„Ich habe die App heute auf meinem Handy gesehen“, sagt er. „Zum ersten Mal seit meinem Tod. Ich wusste nicht, was sie tut. Ich wusste nur, dass sie mir einen Abend verspricht. Einen echten Abend. Wärme. Geschmack. Berührung.“

Er tritt näher und hebt die Hände, ohne mich anzufassen.

„Ich konnte den Whiskey schmecken, June.“

Seine Stimme bricht beinahe.

„Ich konnte deine Hand fühlen.“

„Und dafür soll ich sterben?“

„Nein.“

„Aber du wusstest es.“

„Nicht sofort.“

„Seit wann?“

Er antwortet nicht.

„Seit der Bar?“

Schweigen.

„Seit wir den Friedhof betreten haben?“

Noch immer nichts.

„Die Frau“, sage ich. „Sie war wie du.“

„Sie hat letztes Jahr gewählt.“

„Was gewählt?“

„Zu bleiben.“

Mir wird übel.

Ich sehe zu dem Platz zwischen den Bäumen, an dem sie gestanden hat.

„Sie hat jemanden ersetzt.“

„Ja.“

,,Und jetzt?“

„Jetzt gehört sie der App.“

Ein Geräusch ertönt.

Nicht aus meinem Handy.

Von überall.

Ein helles, freundliches Klingeln, vollkommen falsch an diesem Ort.

Auf sämtlichen Grabsteinen leuchten plötzlich schwarze Bildschirme auf.

Telefone.

Dutzende.

Vielleicht Hunderte.

Sie liegen im Gras, lehnen an Steinen, stecken halb in der feuchten Erde.

Auf jedem Display pulsiert derselbe weiße Kreis.

Perfect.

„Was zum Teufel ist das?“

„Zeit, dich zu entscheiden.“

Mein eigenes Handy wird heiß.

So heiß, dass ich es beinahe fallen lasse.

Auf dem Bildschirm steht:

DEIN PERFEKTER ABEND ENDET IN

00:41:22

Darunter erscheinen zwei Felder.

BLEIBEN

GEHEN

„Wenn ich gehe, verschwindest du?“, frage ich.

„Ja.“

„Für immer?“

„Ich weiß es nicht.“

„Und Amber erinnert sich wieder?“

„An mich nicht. Nie.“

„Aber an den Abend?“

„Sie wird glauben, du wärst allein gewesen.“

Ich starre auf die Optionen.

„Warum hat niemand davor gewarnt?“

„Weil niemand sich erinnert.“

Der Satz lässt etwas in mir kippen.

Nicht Angst.

Wut.

„Du hast mich angelogen.“

„Ich habe dir nicht alles gesagt.“

„Das ist eine Lüge.“

„Ja.“

Seine Ehrlichkeit trifft härter als jede Ausrede.

„Du hast gesagt, du hättest auf mich gewartet.“

„Das stimmt.“

„Du kanntest mich seit zwei Stunden.“

„Für dich.“

Ich sehe ihn an.

„Was soll das heißen?“

„Für mich sind diese Stunden nicht so vergangen wie für dich.“

Der Wind verstummt.

Auch die Geräusche der Stadt sind fort.

„Jede Minute mit dir dauert länger“, sagt er. „Die App gibt mir Zeit. Vielleicht Tage. Vielleicht Jahre. Ich weiß es nicht. Ich kenne jede Bewegung deines Gesichts. Jeden Atemzug. Ich erinnere mich an jedes Wort.“

Er lächelt traurig.

„Du hast mir erzählt, dass du Friedhöfe magst.“

„Das habe ich nicht.“

„Doch. Nur noch nicht.“

Mein Blut wird kalt.

„Was?“

„Wir haben dieses Gespräch bereits geführt.“

„Nein.“

„Viele Male.“

Ich weiche zurück.

„Was meinst du damit?“

„Der Abend beginnt immer wieder.“

Die Displays auf den Gräbern flackern.

Bilder erscheinen.

Ich sehe mich.

In der Bar.

In der Gasse.

Vor dem Hotel.

Immer wieder.

Auf manchen Fotos trage ich das Brautkleid. Auf anderen eine schwarze Jacke, die ich heute nicht dabeihabe. Auf einem Bild ist meine künstliche Wunde auf der anderen Gesichtshälfte.

„Nein.“

„Jedes Mal, wenn du GEHEN wählst, beginnt der Abend neu.“

„Warum erinnere ich mich nicht?“

„Weil die App dich zurücksetzt.“

„Wie oft?“

Elias sieht mich an.

Seine Augen glänzen.

„Dreiundzwanzig Mal.“

Ich kann nicht atmen.

„Das ist unmöglich.“

„Beim ersten Mal laufen wir nur bis zum Hotelportal. Beim fünften küsst du mich im Rosengarten. Beim neunten schlägst du mich, als ich dir die Wahrheit sage.“

Sein Blick fällt auf meine Hand.

„Beim sechzehnten bleibst du.“

Meine Kehle zieht sich zu.

„Ich bin gestorben?“

„Fast.“

„Fast?“

„Du drückst BLEIBEN. Aber kurz vor Mitternacht änderst du deine Entscheidung.“

„Also kann ich sie ändern.“

„Bis die Uhr abläuft.“

Auf meinem Display:

00:37:04.

„Warum erinnerst du dich?“

„Weil ich außerhalb der Zeit bin.“

„Und warum bringst du mich immer wieder hierher?“

„Weil du mich jedes Mal bittest, ehrlich zu sein.“

„Du hättest es sofort sagen können.“

„Dann wärst du sofort gegangen.“

„Ja!“

„Und wir hätten wieder von vorn angefangen.“

„Also hältst du mich hier fest.“

„Die App hält uns fest.“

„Du benutzt sie.“

„Weil ich Angst habe.“

Seine Stimme wird rau.

„Weil ich seit drei Jahren nichts gefühlt habe. Weil meine Mutter jeden Sonntag an mein Grab kommt und ich direkt neben ihr stehe, aber sie mich nicht sehen kann. Weil meine Schwester sich die Schuld an meinem Tod gibt. Weil ich vergessen habe, wie Kaffee riecht und Regen sich auf Haut anfühlt.“

Er kommt näher.

„Und dann erscheinst du.“

Tränen brennen in meinen Augen, doch ich weiß nicht, ob aus Angst oder etwas Schlimmerem.

Mitgefühl.

„Du bist perfekt für mich“, sagt er. „Nicht, weil die App es behauptet. Weil du es jedes Mal bist. Auch wenn du mich hasst. Auch wenn du fliehst. Auch wenn du mich anlügst.“

„Was lüge ich?“

„Dass du nichts fühlst.“

Ich schüttle den Kopf.

„Das macht es nicht besser.“

„Ich weiß.“

„Du willst, dass ich mich opfere.“

„Nein.“

„Was willst du dann?“

Er sieht auf mein Handy.

„Dass du dich erinnerst.“

Plötzlich weiß ich, dass er darauf gewartet hat.

Nicht auf meine Entscheidung.

Auf diese Frage.

„Die App löscht die Erinnerung nur bei Menschen, die gehen“, sagt er. „Aber sie hinterlässt Spuren. Träume. Déjà-vus. Dinge, die du nicht erklären kannst.“

Er greift langsam in die Innentasche seines Hemdes und zieht etwas heraus.

Ein Stück weiße Spitze.

Dasselbe Muster wie an meinem Schleier.

Nur ist es alt.

Vergilbt.

An einer Seite klebt dunkles, eingetrocknetes Blut.

„Woher hast du das?“

„Von dir.“

„Wann?“

„Beim zwölften Abend. Du hast es abgerissen und mir gegeben.“

Meine Finger zittern, als ich danach greife.

Sobald ich den Stoff berühre, explodiert Schmerz hinter meinen Augen.

Bilder rasen durch meinen Kopf.

Elias unter einer Straßenlaterne.

Sein Mund auf meinem.

Ich renne durch den Friedhof.

Ich schreie ihn an.

Ich drücke BLEIBEN.

Schwarze Hände brechen aus der Erde.

Amber ruft meinen Namen.

Ein Auto liegt kopfüber im Wasser.

Elias schlägt gegen die Scheibe.

Sein Mund öffnet sich, doch nur Blasen steigen auf.

Ich reiße die Hand zurück.

Der Stoff fällt ins Gras.

„Oh Gott.“

Ich sinke gegen einen Grabstein.

„Du erinnerst dich.“

„Nur Bruchstücke.“

„Es reicht vielleicht.“

„Wofür?“

Er kniet sich vor mich.

„Um die App zu brechen.“

Ich starre ihn an.

„Du hast gerade noch versucht, mich als Ersatz zu behalten.“

„Nein.“

„Warum bringst du mich dann immer wieder hierher?“

„Weil dieser Ort der Anfang ist.“

Er wischt mit der Hand Moos von dem Grabstein, an dem ich lehne.

Darunter kommt ein Name zum Vorschein.

ELIAS WARREN

Darunter zwei Daten.

1992–2023.

Mein Magen verkrampft sich.

„Das ist dein Grab.“

„Ja.“

„Und?“

„Lies den Rest.“

Unter den Daten ist eine Inschrift.

Geliebter Sohn. Geliebter Bruder.

Mögest du finden, wonach du gesucht hast.

Darunter, kaum sichtbar, wurde etwas in den Stein geritzt.

Kein offizieller Teil des Grabmals.

Ein Kreis.

Durchtrennt von einem roten Strich.

Das Zeichen der App.

„Wer hat das gemacht?“

„Meine Schwester.“

„Warum?“

„Weil sie Perfect. kannte.“

Ich sehe ihn an.

„Sie hat dich nicht zufällig angemeldet.“

„Nein.“

Die Wahrheit sickert langsam ein.

„Sie wusste, was passieren würde.“

„Nicht alles.“

„Was wusste sie?“

„Dass die App Tote zurückbringen kann.“

„Indem sie Lebende opfert.“

„Ja.“

Mir wird noch kälter.

„Dann ist sie schuld.“

„Sie war verzweifelt.“

„Und ich bin nur irgendein Opfer?“

„Nein.“

Seine Antwort kommt sofort.

Zu schnell.

Ich sehe erneut die Bilder auf den Displays.

Mich.

Immer mich.

„Warum wählt die App jedes Mal dieselbe Person?“

Elias’ Gesicht verrät es, bevor er spricht.

„Weil du sie bereits benutzt hast.“

Der Friedhof scheint sich um mich zu neigen.

„Nein.“

„Nicht heute.“

„Wann?“

„Vor drei Jahren.“

Ich starre auf sein Todesdatum.

31. Oktober 2023.

In meinem Kopf öffnet sich eine Tür.

Regen auf einer Windschutzscheibe.

Eine dunkle Landstraße.

Ein Mann an einer Bar, den ich nur wenige Minuten kenne.

Elias.

Jünger. Lebendig. Warm.

Sein Lachen.

Eine App auf meinem Handy.

Perfect.

„Wir haben uns damals getroffen“, flüstere ich.

„Ja.“

„Ich erinnere mich nicht.“

„Niemand tut es.“

Die Bilder kehren zurück.

Ich sitze mit Elias in einer kleinen Bar außerhalb von Salem. Nicht im Hawthorne. Ein billiger Laden mit klebrigen Tischen und Papierfledermäusen an der Decke.

Er ist nervös.

Ich auch.

Wir trinken zu viel.

Wir streiten.

Warum?

Ich presse die Hände an meine Schläfen.

„Was ist passiert?“

„Du hast mich gebeten zu bleiben.“

„Und du bist gegangen.“

„Ja.“

„Warum?“

Sein Blick senkt sich.

„Weil ich Angst bekam.“

„Vor mir?“

„Vor dem, was ich fühlte.“

Ein weiterer Blitz.

Ich stehe im Regen vor seinem Wagen.

Ich schreie: „Dann geh doch!“

Er steigt ein.

Ich schlage gegen die Scheibe.

Seine Rücklichter verschwinden auf der Straße.

Später vibriert mein Handy.

DEIN PERFEKTER ABEND IST BEENDET.

Dann nichts.

Keine Erinnerung.

Kein Name.

Kein Elias.

„Du bist wegen mir gestorben.“

„Nein.“

„Du bist gefahren, weil wir gestritten haben.“

„Ich bin gefahren, weil ich feige war.“

„Und die App hat mich vergessen lassen.“

„Ja.“

Ich sehe auf das Grab.

Drei Jahre.

Drei Jahre, in denen ich von einem Auto im schwarzen Wasser träume. Drei Jahre, in denen ich an Halloween mit Herzrasen erwache. Drei Jahre, in denen mir etwas fehlt, ohne dass ich weiß, was.

Jemand, der bleibt.

„Sie bringt uns nicht zusammen“, sage ich.

Elias schweigt.

„Die App gibt uns nicht den perfekten Partner. Sie sucht die Menschen, die wir bereits verloren haben.“

„Vielleicht.“

„Und zwingt uns, dieselbe Entscheidung wieder zu treffen.“

Auf meinem Handy:

00:19:11.

„Was passiert, wenn ich diesmal gehe?“

„Der Abend beginnt neu.“

„Und wenn ich bleibe?“

„Du stirbst. Ich lebe.“

„Und du erinnerst dich an mich?“

„Ja.“

„Aber alle anderen vergessen mich.“

„Ja.“

„Genau wie ich dich vergessen habe.“

Er schließt die Augen.

„Ja.“

Ich beginne zu lachen.

Leise zuerst.

Dann lauter.

Es ist kein fröhliches Lachen. Es ist das Geräusch von etwas, das unter zu viel Druck bricht.

„Perfekt“, sage ich.

Elias öffnet die Augen.

„June.“

„Das ist der Witz, oder? Einer muss immer mit der Erinnerung leben und der andere wird ausgelöscht.“

„Wir können es beenden.“

„Wie?“

„Indem keiner entscheidet.“

Ich sehe auf das Display.

BLEIBEN.

GEHEN.

„Was passiert dann?“

„Ich weiß es nicht.“

„Sehr überzeugender Plan.“

„Beim letzten Mal hast du die Auswahl nicht getroffen.“

„Was ist passiert?“

„Du bist um 23:59 Uhr verschwunden und am Anfang des Abends wieder aufgewacht.“

„Dann funktioniert es nicht.“

„Damals hast du dich nicht erinnert.“

Er nimmt das alte Stück Spitze aus dem Gras und drückt es mir in die Hand.

„Jetzt schon.“

Die Uhr springt auf:

00:15:00.

Sämtliche Telefone auf dem Friedhof beginnen gleichzeitig zu klingeln.

Aus dem Nebel treten Gestalten.

Die Frau im weißen Kleid.

Ein Junge mit einer klaffenden Wunde am Hals.

Ein alter Mann, dessen Gesicht auf einer Seite verbrannt ist.

Eine junge Frau in einem blutigen Cheerleaderkostüm.

Dutzende Tote.

Sie umringen uns.

Auf ihren Brustkörben leuchten die Perfect-Symbole wie Wunden.

„Was wollen sie?“, frage ich.

„Dass du wählst.“

„Warum?“

„Weil jeder neue Handel die App stärker macht.“

Die Frau im weißen Kleid tritt vor.

Ihr Mund bewegt sich diesmal.

„Bleib“, sagt sie.

Ihre Stimme klingt, als spräche sie durch Wasser.

„Er liebt dich.“

Hinter ihr wiederholen die anderen:

„Bleib.“

„Bleib.“

„Bleib.“

Elias stellt sich vor mich.

„Hör nicht hin.“

Die Toten kommen näher.

Ihre Körper verändern sich mit jedem Schritt. Der Junge wird blasser. Die verbrannte Haut des alten Mannes platzt auf. Schwarze Flüssigkeit tropft aus den Augen der Cheerleaderin.

„Du wirst vergessen“, flüstert die Braut. „Wieder und wieder. Er wird allein sein.“

„Halt den Mund“, sagt Elias.

Sie lächelt.

Ihr Unterkiefer löst sich mit einem feuchten Knacken und hängt schief herab.

„Er hat dich schon einmal verlassen.“

Die Worte kommen trotzdem deutlich.

„Er wird es wieder tun.“

Die Telefone klingeln lauter.

00:10:42.

Schwarze Ranken kriechen aus den Displays über den Boden. Keine Pflanzen. Finger. Hunderte dünne, knochige Finger, die sich durch die Erde ziehen.

Sie greifen nach meinen Schuhen.

Elias tritt darauf. Die Finger zerbrechen mit trockenem Knacken, wachsen jedoch sofort nach.

„June!“

Mein Handy pulsiert.

WÄHLE.

Ich drücke weder BLEIBEN noch GEHEN.

Stattdessen halte ich den Finger auf das App-Symbol.

Es zittert.

Ein Menü erscheint.

APP LÖSCHEN?

„Das habe ich versucht“, sagt Elias. „Es funktioniert nicht.“

Ich drücke JA.

Der Bildschirm wird schwarz.

Für eine Sekunde ist alles still.

Dann erscheint ein neuer Satz.

DU KANNST NICHT LÖSCHEN, WAS DU BEREITS GEGEBEN HAST.

Darunter:

ERINNERUNG AKZEPTIERT.

„Was habe ich gegeben?“

Elias starrt auf das Display.

Sein Gesicht wird kalkweiß.

„Deine Angst.“

„Was?“

„Bei der Registrierung. Wovor hast du Angst?“

„Vergessen zu werden.“

Die App wusste es.

Nicht nur heute.

Damals muss ich dieselbe Antwort gegeben haben.

Sie hat mich nicht zufällig ausgewählt.

Sie hat das genommen, wovor ich mich am meisten fürchte, und daraus ein Gefängnis gebaut.

Elias greift nach meinem Handy.

„Und ich habe geschrieben, dass es zu spät sein könnte.“

„Also hält sie dich tot und mich vergessend.“

„Bis einer seine Angst akzeptiert.“

Die Erkenntnis kommt gleichzeitig.

Ich sehe es in seinem Gesicht.

„Du musst gehen“, sage ich.

„Nein.“

„Nicht ich. Du.“

„June.“

„Du hast Angst, dass es zu spät ist. Du hältst an diesem Abend fest, weil du dein Leben zurückwillst.“

„Ich lasse dich nicht allein.“

„Genau das musst du.“

Er schüttelt den Kopf.

Die Toten rücken näher.

00:05:03.

„Du willst, dass ich dich vergesse“, sage ich. „Und ich muss es zulassen.“

„Nein.“

„Das ist die einzige Entscheidung, die wir nie treffen.“

„Du weißt nicht, was dann passiert.“

„Du auch nicht.“

„Ich könnte für immer verschwinden.“

Meine Brust schmerzt.

„Ja.“

„June.“

Seine Stimme bricht.

Ich greife nach seinem Gesicht.

Seine Haut ist kalt, aber unter meinen Händen spüre ich etwas.

Wärme.

Nur einen Hauch.

„Ich erinnere mich an dich“, flüstere ich.

„Für wie lange?“

„Jetzt.“

„Das reicht nicht.“

„Es muss.“

Er legt seine Hände über meine.

Die Toten beginnen zu schreien.

Ein kollektives, unmenschliches Kreischen, während die Symbole auf ihren Körpern aufreißen.

00:02:11.

„Geh“, sage ich.

„Ich kann nicht.“

„Doch.“

Ich ziehe ihn zu mir und küsse ihn.

Die Welt explodiert.

Erinnerungen stürzen über mich hinweg.

Unser erstes Date vor drei Jahren.

Sein Lachen.

Der Streit.

Seine Rücklichter.

Sein Auto im Fluss.

Alle dreiundzwanzig Wiederholungen.

Jeder Kuss.

Jede Flucht.

Jedes Mal, wenn ich ihn verliere.

Elias hält mich fest, als könnte er mich vor dem Zerbrechen bewahren.

Als wir uns voneinander lösen, weint er.

„Ich liebe dich“, sagt er.

Vielleicht ist es verrückt.

Vielleicht hat er mich in einer einzigen Nacht geliebt.

Vielleicht in vierundzwanzig Leben.

„Ich weiß.“

00:00:30.

Auf meinem Display erscheinen die beiden Felder.

BLEIBEN.

GEHEN.

Ich greife nach seiner Hand.

Dann drücke ich GEHEN.

Nicht für mich.

Für ihn.

„Nein!“

Sein Körper beginnt durchsichtig zu werden.

Die Toten stürzen auf uns zu.

Ihre Hände greifen durch ihn hindurch.

„June!“

Ich halte ihn fester, obwohl ich kaum noch etwas spüre.

„Diesmal lasse ich dich nicht zurück“, sagt er.

„Du lässt mich nicht zurück.“

„Du wirst mich vergessen.“

„Vielleicht.“

„Ich will nicht, dass du mich vergisst.“

„Ich auch nicht.“

00:00:08.

„Aber Liebe ist nicht nur Erinnerung“, flüstere ich.

Sein Gesicht löst sich im Nebel auf.

„Was dann?“

00:00:03.

Ich lächle unter Tränen.

„Bleiben, obwohl man gehen muss.“

00:00:00.

Der Friedhof verschwindet.

~

„June?“

Ich öffne die Augen.

Amber steht vor mir.

Musik dröhnt durch meine Wohnung. Das Kunstblut auf meinem Kleid ist noch feucht. In ihrer Hand hält sie eine Flasche Tequila.

„Alles okay?“

Ich starre sie an.

Mein Herz rast.

„Ja.“

„Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.“

„Nein.“

Das Wort schmeckt falsch.

Amber betrachtet mich kurz, dann hält sie mein Handy hoch.

„Ich habe übrigens eine Dating-App für dich installiert.“

Auf dem Display ist kein schwarzes Symbol.

Nur ein leerer Platz zwischen den Apps.

„Welche?“

Sie runzelt die Stirn.

„Keine Ahnung.“

„Du hast gerade gesagt—“

„Habe ich?“

Sie lacht unsicher. „Vielleicht brauche ich weniger Tequila.“

Draußen schlägt eine Kirchenglocke.

Mitternacht.

Halloween ist vorbei.

Ein Schmerz zieht durch meine Brust.

Ich weiß nicht, warum.

Ich sehe zum beschlagenen Spiegel.

Auf dem Waschbecken liegt ein altes Stück Spitze.

Vergilbt.

An einer Seite klebt dunkles Blut.

Ich hebe es auf.

Bilder zucken durch meinen Kopf, zu schnell, um sie festzuhalten.

Graue Augen.

Eine kalte Hand.

Ein schiefes Lächeln.

Ein Name liegt mir auf der Zunge.

Dann ist er fort.

„June?“, fragt Amber.

Ich schließe die Finger um die Spitze.

„Ich glaube, ich muss morgen irgendwohin.“

„Wohin?“

Ich weiß es nicht.

Am nächsten Vormittag stehe ich dennoch auf einem kleinen Friedhof hinter einer grünen Tür.

Ich habe keine Erinnerung daran, den Weg zu kennen.

Der Himmel über Salem ist grau. Verwelkte Blätter treiben über den Boden. Die Kerzen sind erloschen.

Ich gehe zwischen den Gräbern hindurch, bis ich vor einem verwitterten Stein stehen bleibe.

ELIAS WARREN

1992–2023.

Ich lese den Namen.

Nichts geschieht.

Kein Bild.

Keine Stimme.

Nur dieser unerklärliche Schmerz.

Am Fuß des Grabsteins liegt ein frischer weißer Kreis aus kleinen Steinen.

In der Mitte verläuft ein roter Strich.

Ich knie mich hin.

Meine Finger fahren über die eingemeißelten Worte.

Mögest du finden, wonach du gesucht hast.

„Hast du das?“, flüstere ich.

Der Wind bewegt die kahlen Zweige.

Hinter mir knirscht Kies.

Ich drehe mich um.

Ein Mann steht am Eingang des Friedhofs.

Dunkler Mantel.

Fast schwarzes Haar.

Eine Narbe an der linken Braue.

Mein Herz bleibt stehen.

Er sieht mich an.

Verwirrt.

Vorsichtig.

Lebendig.

In einer Hand hält er ein Handy. Auf dem Display leuchtet eine Nachricht.

Er kommt näher.

„Entschuldigung“, sagt er. „Das klingt vermutlich verrückt, aber ich bin heute Morgen in meinem Auto aufgewacht. Ich erinnere mich an einen Unfall. Und daran, dass ich hierherkommen muss.“

Seine Augen treffen meine.

Grau.

„Kennen wir uns?“

Tränen steigen mir in die Augen.

Ich weiß nicht, warum.

„Nein“, sage ich.

Das Wort zerreißt etwas in mir.

Dann sehe ich auf sein Handy.

Auf dem schwarzen Bildschirm pulsiert ein weißer Kreis, durchtrennt von einem roten Strich.

Darunter steht:

NEUES MATCH GEFUNDEN.

Sein Blick fällt auf mein eigenes Telefon.

Es vibriert in meiner Tasche.

Ich ziehe es heraus.

Die App ist wieder da.

Auf dem Display erscheint sein Foto.

ELIAS, 31

ÜBEREINSTIMMUNG: 100 %

Darunter zählt eine Uhr rückwärts.

23:59:57.

Elias sieht mich an.

„Was bedeutet das?“

Hinter ihm fällt die grüne Tür ins Schloss.

Überall auf dem Friedhof beginnen Telefone zu klingeln.

Und plötzlich erinnere ich mich an alles.

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