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Der Zuseher

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Zusammenfassung

In der Stille seines Zimmers verbringt ein einsamer Mann seine Tage damit, die Menschen auf der verschneiten Gasse vor seinem Fenster zu beobachten. Aus flüchtigen Blicken, Kleidungsstücken und kleinen Gesten spinnt er Geschichten über fremde Leben, überzeugt davon, hinter den unscheinbaren Einzelheiten mehr zu erkennen als andere. Doch als eine junge Frau seine Aufmerksamkeit fesselt, verändert sich sein gewohnter Zeitvertreib. Ihre wiederkehrende Anwesenheit weckt in ihm eine Sehnsucht, die bald über bloße Neugier hinausgeht. Während er versucht, ihre Geheimnisse zu entschlüsseln, verschwimmen die Grenzen zwischen dem, was er sieht, und dem, was er sich erhofft. Fünf winterliche Tage lang verfolgt er aus sicherer Entfernung das Leben anderer – bis er den Mut fasst, seine eigene Welt zu verlassen.

Status:
vor 4 Tagen
Kapitel:
5
Rating
5.0 (1 Bewertung)
Altersfreigabe
13+

Tag 1

Es war wieder einer dieser Tage, an denen schon der Blick nach draußen ein Gefühl von Kälte versprach. Es war der erste Tag des Jahres, an dem es zu schneien begann. An diesem Tag wachte ich sehr früh auf, blieb noch im warmen Bett liegen und sah ein wenig hinaus. Ich beobachtete, wie die kleinen Schneeflocken an meiner Scheibe hängen blieben und kurz danach schon wieder schmolzen. Hier fühlte sich das Bett gleich noch wärmer an.


Kurz darauf entschied ich mich schließlich dazu, aufzustehen und mir meinen üblichen morgendlichen Tee zu kochen. Mein Inneres freute sich schon sehr darauf, gleich beobachten zu können, was es außerhalb meines Fensters alles Schönes zu sehen gab. Kaum war das Getränk fertig, setzte ich mich wie sonst auch auf meinen kleinen Holzstuhl neben dem Fensterbrett. Meine kalten Finger freuten sich, als sie die warme Tasse berührten.


Hinausblickend fixierte ich zuerst einmal meinen Blick auf das gegenüberliegende Nachbarhaus. Es war ein gewöhnliches Bürgerhaus mit einer eintönigen beigen Farbe – genauso wie das Haus, in dem ich lebte. Es hatte schöne alte Fenster, in die man wegen der Dunkelheit fast gar nicht hineinschauen konnte, und ein kleines Dach in einer fast schon ausgebleichten braunen Farbe. Allein der Anblick dieses Gebäudes gab mir jeden Tag, an dem ich es betrachtete, ein wohliges Gefühl und ließ mich nur durch diese kleinen Details Freude verspüren.


Der Tee war nun bereits zur Hälfte leer und das Licht der Stadt fing an, mich zu begrüßen. Schließlich ging der erste Passant durch die Gasse. Es war ein Mann mittleren Alters, welcher sich anscheinend schon in einer stressigen Lage befand. Er lief mit schnellen Schritten an den Häusern vorbei und sein Gesichtsausdruck vermittelte mir das Gefühl, dass er bereits zu spät dran war. Sie müssen wissen, ich verbringe meine Freizeit gerne damit, Leute wie diesen Herren zu beobachten und dazu kleine Geschichten oder Vermutungen aufzustellen. Da ich dies nun schon einige Zeit lang tat, fiel es mir nicht schwer zu wissen, dass meine Vermutung über diesen Mann wahrscheinlich zutraf; ich hatte sofort an seiner Kleidung und an weiteren kleinen Details dieses Urteil fällen können. Sehr auffällig bei diesem Herrn war nämlich allein schon der Aktenkoffer, den er mit sich trug. Aber nicht nur das, mir fiel auch auf, dass seine Kleidung der eines Beamten entsprach. Er trug einen Anzug und zudem noch seine Schuhe … ach, die Schuhe. Sie sahen sehr teuer aus, das muss ich zugeben. Durch seine Kleidung und seinen Aktenkoffer war ich mir nun sehr sicher, dass es sich um einen Beamten handeln musste. Auch seine angespannte Miene schien meine Vermutung zu bestätigen. Er hatte einen sehr wütenden Gesichtsausdruck, welcher sogar bei mir schon innerlichen Stress auslöste.


Als der Mann dann schlussendlich vorbeigelaufen war und seinen stressigen Weg zur Arbeit fortsetzte, wurde es still und ich wartete auf den nächsten Passanten. Jedoch wartete ich nun schon so lange auf eine Person, dass mein Tee bereits über die Hälfte leer war und ich langsam anfing, mich zu langweilen. Doch genau in diesem Moment lief der Nächste vorbei. Es war wieder ein Mann, allerdings diesmal ein relativ junger. Er sah auch nicht so aus, als hätte er einen so gut bezahlten Beruf wie der vorherige. Er ging sehr langsam und trödelte vor sich hin. Dieser war wohl nicht in Eile, und deshalb brauchte ich etwas länger für meine Vermutung. Doch dann fiel mir seine Fellmütze auf. „Wie kann ich das denn erst jetzt sehen?“, dachte ich mir und fing an zu schmunzeln. Der Träger dieser Fellmütze musste einer der hier arbeitenden Bergleute sein. Also ließ es sich einfach sagen, wer hier vor mir ging. Er musste einer von ihnen sein, und durch sein junges Alter vermutete ich auch, dass es sich noch um einen Lehrling handelte. „Deshalb geht er auch so langsam“, dachte ich. „Der junge Lehrling ist die Arbeit sicherlich noch nicht gewöhnt und muss sich noch dazu zwingen.“


Lachend fiel mir dann auf, dass der Tee nun schon fast ganz leer war und ich ihn wohl noch einmal auffüllen musste. Doch als ich gerade dabei war, aufzustehen, sah ich eine junge Frau um die Ecke biegen, hinein in die kleine Gasse, die ich beobachtete. Wie von selbst entschied sich mein Körper, sich wieder auf den Stuhl zu setzen und hinauszublicken. Ich sah, wie ihr dunkles Haar durch den Wind verweht wurde, und bemerkte ihre Kopfbedeckung. Eine schöne, schneeweiße Fellmütze trug sie und bedeckte damit ihr schönes schwarzes Haar. In der Mitte der Gasse blieb sie plötzlich stehen und schaute so, als würde sie auf jemanden warten. Oder war es nur die Langeweile? Denn mir fiel auf, dass sie eine der wenigen Personen war, die ich nur schlecht einordnen konnte. Ich suchte nach weiteren Einzelheiten und probierte, mehr Details zu beachten. Ihre Jacke fiel mir ebenfalls auf; sie sah aus, als wäre sie bereits jahrelang in Gebrauch gewesen, doch durch ihr markantes Gesicht wirkte sie wie neu. So etwas wie bei ihr hatte ich noch nie erlebt, sie war wie ein Rätsel für mich. Sie erschwerte es mir aber auch, sie besser zu analysieren, da mein Blick sich andauernd wieder auf ihr Gesicht zog und sich nicht abwenden konnte. Die schönen roten Lippen fielen mir hierbei vor allem auf, welche schon fast glänzten. Langsam merkte ich, dass ich sie nun schon fast anstarrte – und so etwas tat ich nie! Ich habe mir immer die Regel gesetzt, dies nicht zu tun, da ich sonst wie ein ganz komischer Mann rüberkomme. Wer starrt denn schon aus dem Fenster und sieht penetrant Leute an? Ich nicht! Ich habe ja immerhin noch Sitten! Doch ich konnte nicht aufhören, und so fielen mir kurz darauf ihre zierlichen Augen auf. Viel musterte ich von ihnen nicht, aber ihre moosgrüne Farbe konnte man nicht übersehen. Aber sie waren nicht nur einfarbig; irgendeine andere Farbe war noch in ihren Augen. Ich konnte diese nur sehr schwer erkennen, also beugte ich mich weiter zum Fenster hinüber, um einen besseren Blick zu gewinnen.

Doch als ich kurz davor war, die Farbe zu erkennen, schaute die junge Frau plötzlich zu mir herauf und ich erschrak sofort. Mein Herz fing augenblicklich an zu pochen und aus der Nervosität wurde plötzlich Angst. „Hat sie mich gesehen? Oh nein! Was muss sie nur von mir denken? Wie komisch ihr das doch vorkommen muss – ein Mann, der sie aus dem Fenster anstarrt! Ich starre nie!“, ging mir schnell durch den Kopf, und ich traute mich erst einmal nicht mehr, hinauszublicken. Nicht einmal traute ich ich mich überhaupt aufzustehen, sodass man mich sehen könnte. Und damit das nicht der Fall war, kauerte ich mich auf den Boden in Richtung meiner Küche.


„Uff“, dachte ich, als ich mich wieder aufrecht hinstellte. „Was für ein Spiel.“ Kurz atmete ich noch durch, und als ich das ganze Szenario noch einmal im Kopf durchging, sank schlussendlich auch langsam mein Puls wieder. „Ein Tee könnte nicht schaden“, dachte ich mir und machte mir direkt einen neuen. Als dieser fertig war, traute ich mich nicht, mich zurück an mein Fenster zu setzen, und blieb deshalb noch kurz in der Küche stehen. Obwohl ich mich gerade erst mit dem Verlauf beschäftigt hatte, ging mir trotzdem nicht aus dem Kopf, ob sie mich gesehen hatte – und wenn ja, was sie dann über mich gedacht hatte. „Nur ein komischer Mensch starrt aus dem Fenster. Blicken ist doch nicht schlimm, aber starren?“, ging mir noch einmal durch den Kopf. „Aber was mich noch mehr interessiert: Was genau hatte sie eigentlich für eine Augenfarbe?“


Nach einer kurzen Weile riss ich mich zusammen, setzte mich erneut ans Fenster und bewegte meine Sicht ganz langsam nach draußen. Sie war weg, und all die Fragen schlichen sich aus meinem Kopf heraus. Mein Blick traute sich danach zwar eine Weile nicht ganz raus, doch nachdem meine Tasse schließlich halb leer war, wandte er sich wieder neugierig in die Gasse. Ein paar Geschichten erschuf ich noch an diesem Tag, aber am Abend, als dann schlussendlich schon der dritte Tee leer war, merkte ich, dass es Zeit war, ins Bett zu gehen und mich auf den nächsten Tag zu freuen.

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