1 ∿ ERIN ∿ verloren
Ich sehe das Auto erst, als es fast zu spät ist.
Es ist schwarz und flach und nimmt die Kurve viel zu schnell. Mein Körper reagiert, bevor mein Verstand einschaltet. Ich springe zur Seite, meine Tasche schlägt gegen meine Hüfte, mein Fuß verfängt sich am Bordstein. Einen Augenblick lang hänge ich in der Luft, dann knalle ich auf die Knie. Der Aufprall jagt einen stechenden Schmerz durch meine Knochen. Ich beiße die Zähne zusammen, um nicht aufzuschreien.
Der Wagen rast vorbei, so nah, dass ich den Luftzug auf meiner Haut spüre. Er bremst nicht einmal ab. Als wäre nichts geschehen, verschwindet er um die nächste Ecke. Die Motorengeräusche verklingen in der Ferne.
»Amadán!« (Idiot!), schimpfe ich ihm hinterher und richte mich halb auf. Meine Handflächen brennen, weil sie über den rauen Stein geschrammt sind.
Es ist nicht das erste Mal, dass ich hinfalle. Beileibe nicht! Nur lag es diesmal ausnahmsweise nicht an meinen Augen, sondern an Rücksichtslosigkeit. Eigentlich wollte ich peinliche Aktionen dieser Art hier unbedingt vermeiden. Hat ja hervorragend geklappt ...
Immerhin bin ich früh dran. Es sind noch nicht viele Studenten unterwegs. Vielleicht habe ich ja Glück und es bleibt mir erspart, schon an meinem dritten Tag zum Gespött der Uni zu werden.
Blinzelnd sehe ich mich um. Etwas ist anders ...
Nein!
»Damnaigh ort!« (Verdammt noch mal!), entweicht ein weiterer Fluch meinen Lippen. Heiser und erschrocken.
Meine Finger zittern, als ich sie vorsichtig an mein linkes Auge führe. Suchend taste ich es ab. Nichts! Die Kontaktlinse! Sie ist weg! Muss beim Sturz herausgefallen sein.
Eine kalte Welle der Übelkeit schwappt durch meinen gebeutelten Körper. Das kann nicht wahr sein! Diese Linsen kosten mehr als die Miete für mein WG-Zimmer und mein Essen für ein halbes Jahr zusammen. Sie sind mein Ticket zur Unsichtbarkeit. Mein Schutzschild gegen die Blicke, die mich schon immer aussortiert haben, ohne mich überhaupt zu kennen.
Ich darf sie nicht verlieren! Bitte nicht! All die monatelange Arbeit wäre umsonst gewesen.
Hektisch lasse ich mich wieder auf meine Hände fallen, ignoriere den Schmerz in meinen Handflächen und Knien und starre auf den Boden. Doch meine eben noch ungewohnt klare Sicht ist nun verschwommen und seltsam verzerrt, als würde ich in einen dieser Kirmes-Zerrspiegel blicken.
Ich erkenne grauen Asphalt, kleine Steinchen, ein paar gefallene grüne Blätter und die Verpackung eines Proteinriegels, die in dieser perfekt gepflegten Umgebung wie ein Fremdkörper wirkt. Ein bisschen so wie ich ...
Aber irgendwo hier muss sie sein. Sie muss einfach!
»Ar aghaidh leat!« (Komm schon!), flüstere ich und höre selbst die unterdrückte Panik in meiner Stimme. »Komm schon, bitte.«
Mit den Fingerspitzen taste ich den Boden ab, bewege mich zentimeterweise vorwärts. Ich kneife das linke Auge zu und scanne mit dem rechten die Umgebung.
Die Linse ist durchsichtig, und somit auf dem dunklen Untergrund nur schwer zu erkennen. Jeder vorbeilaufende Student könnte darauf treten, ohne es zu bemerken. Jeder Windstoß könnte sie fortwehen. Deutliche Bilder davon, wie sie unter einer Schuhsohle zerbricht, flackern in meinem Kopf auf und lassen mein Herz hart gegen meine Rippen hämmern.
»Drochblias ort!« (Schande über dich!), verwünsche ich nebenbei den rücksichtslosen Fahrer. Mit angehaltenem Atem suche ich weiter.
Ich muss sie finden! Eine einzige Linse kostet dreitausendfünfhundert Dollar, die ich nicht habe und die ich in nächster Zeit auch ganz bestimmt nicht bekommen werde. Monatelang habe ich dafür gespart, um mir überhaupt dieses eine Paar leisten zu können. Meine Kehle zieht sich zusammen. Meine Sicht verschwimmt noch mehr, weil mir Tränen in die Augen treten.
Nicht weinen! Auf keinen Fall jetzt weinen!
Seufzend krame ich in meiner Tasche nach der kleinen Aufbewahrungsbox. Ich hebe die Hand und nehme auch die rechte Linse vorsichtig heraus, um sie hineinzuulegen. Es hilft nichts. Ich kann nicht mit nur einer Linse herumlaufen. Das verursacht furchtbare Kopfschmerzen, und Schwindel und Übelkeit wären vorprogrammiert.
In dem Moment, in dem ich keine Linse mehr trage, verschwimmt meine Umgebung zu einem abstrakten Nebel aus Farben und Licht. Ich taste nach der vorderen Tasche meiner Jeansjacke. Meine Finger umschließen das harte, leider viel zu vertraute Gestell meiner Brille. Ich zögere einen Moment, atme tief durch und bereite mich innerlich auf den Abstieg vor. Dann setze ich mir das schwere Metallgestell auf die Nase, und die Welt gewinnt ihre unerbittliche Schärfe zurück.
Ich hasse sie. Ich hasse das altmodische, goldene Gestell, das mir meine Mamó (Oma) vor Jahren gekauft hat, weil es das einzige war, das stabil genug erschien, um die dicken Gläser zu halten. Minus zwanzig auf dem linken Auge, minus zweiundzwanzig auf dem rechten. Die Gläser sind so stark, dass sie meine Augen von außen winzig aussehen lassen. Als würde man sie durch das falsche Ende eines Fernglases betrachten.
Diese Brille verändert mein Aussehen vollkommen. Sie verzerrt mein Gesicht und brandmarkt mich als jemanden, der anders ist, noch bevor ich ein Wort gesprochen habe. Schon von weitem sichtbar. Sie macht mich zum Außenseiter, ohne dass man mich kennt.
Seht her! Ich bin anders. Ich kann mir die Operation nicht leisten. Ich bin arm. Ich passe nicht hierher. All das schreit sie einem förmlich entgegen.
Aber wenn ich nicht blind wie ein Maulwurf sein will, ist sie nun einmal notwendig.
Drei Tage! Es hat nur drei Tage gedauert und schon liegen meine Vorsätze in Scherben. Ich wollte unsichtbar sein an der Whitmore. Ich wollte mich einfügen, fleißig arbeiten und einen guten Abschluss machen, ohne vom ersten Tag an eine Außenseiterin zu sein. Die Kontaktlinsen sollten mir das ermöglichen. Sie sollten mich normal aussehen lassen.
Nicht wie das Mädchen, das nur wegen eines Stipendiums an einer der teuersten Privatunis der Ostküste gelandet ist. Nicht wie das Mädchen mit der gruseligen Brille, das auffällt wie ein bunter Hund. Das Mädchen, das ohne diese klobigen Gläser direkt vor ihren Augen so gut wie blind ist.
Damit bin ich schon jetzt grandios gescheitert. Es sei denn, ich finde die verhexte Linse noch. Tief durchatmend beuge ich mich vor und suche weiter, obwohl ich nur noch wenig Hoffnung habe. Meine Fingerspitzen tasten über den Boden und währenddessen kocht die Wut erneut in mir hoch.
Die Wut auf diesen idiotischen Fahrer! Auf diese elitäre Universität mit ihren breiten Straßen, auf denen die Studenten mit ihren teuren Schlitten viel zu schnell und rücksichtslos unterwegs sind. Und auf die verdammten Umstände, die mich immer wieder in dieselbe Ecke drängen.
Ich ignoriere die Scham, die mir heiß im Nacken brennt. Ich weiß, dass ich auffalle. Dass die anderen mich abschätzig mustern und über mich tuscheln. Was kein Wunder ist. Mein Gesicht ist nah am Boden, meine Nasenspitze berührt beinahe den staubigen Asphalt, und meine Hände tasten hilflos umher, während ich gälische Flüche ausstoße.
»Diabhal thú id dhá shúil!« (Der Teufel soll dich holen!), schimpfe ich vor mich hin, weil mir die Sprache meiner Großeltern in solchen Situationen Kraft und Durchhaltevermögen gibt. Und weil so mit Sicherheit niemand meine lästerlichen Flüche verstehen kann. Es ist befreiend, auf diese Weise wenigstens ein bisschen von meinem Frust loszuwerden.
Ich hebe den Kopf nicht, als ich Schritte höre, die sich nähern. Sie kommen direkt auf mich zu, doch ich tue einfach so, als würde ich es nicht bemerken. Vielleicht gehen sie einfach vorbei. Hoffentlich!
Die Schritte halten vor mir an. Zuerst sehe ich nur Füße. Teure, spitz zulaufende Lederpumps mit roten Sohlen, die selbst ich als Louboutins erkenne. Darüber schlanke Beine in einer perfekt sitzenden schwarzen Stoffhose.
»Was genau tust du da?«
Ich schlucke trocken und blicke langsam nach oben. Zu den Pumps und der Hose trägt die Frau eine cremefarbene Jacke aus einem feinen Wollstoff, der weich und unglaublich teuer aussieht. Mein Blick trifft auf ihr Gesicht. Sie ist jung, vielleicht in meinem Alter. Ihr dunkelbraunes Haar fällt glatt und glänzend über ihre Schultern. Ihre blaugrauen Augen, kühl und wachsam, mustern mich mit einem Ausdruck, der irgendwo zwischen Neugier und kaum verschleiertem Widerwillen pendelt.
Langsam gleitet ihr Blick über meine Jeansjacke und bleibt schließlich an meinem Gesicht hängen. An der Brille. Ich erkenne genau den Moment, in dem sich ihre Augen weiten und sich ihre Brauen leicht anheben. Ihr Gesichtsausdruck verändert sich. Ihre Mundwinkel ziehen sich etwas nach unten. Eine leichte Anspannung legt sich um ihre vollen, dunkelrot geschminkten Lippen, als müsse sie einen unangenehmen Geruch ertragen.
Sie findet mich abstoßend.
Mein Magen zieht sich zusammen, doch ich zwinge mich, den Blick nicht abzuwenden. Mein ganzer Körper versteift sich. Mein Instinkt schreit danach, wegzulaufen, mich zu verstecken, mich unsichtbar zu machen. Stattdessen presse ich die Lippen zusammen und richte mich etwas weiter auf. Ich lasse mir nichts anmerken. Niemals. Und ich werde mich nicht schämen. Nicht für etwas, für das ich überhaupt nichts kann.
»Ich suche etwas«, antworte ich kühl.
»Offensichtlich. «Ihre Stimme ist glatt und noch kälter als meine. »Aber du blockierst den Weg.«
»Da ist genug Platz, um vorbeizugehen, Nora«, mischt sich eine tiefe, dunkle Stimme ein.
Überrascht drehe ich den Kopf. Die Frau ist nicht allein. Seitlich etwas hinter ihr steht ein Mann. Er ist ... beeindruckend. Das ist das einzige Wort, das mir passend erscheint. Er ist groß, breitschultrig, mit einer Ausstrahlung, die die Luft um ihn herum irgendwie dichter macht. Eine Aura von selbstbewusster Gelassenheit umgibt ihn. Vielleicht sogar von Macht.
Sein dunkles Haar ist sorgfältig gestylt und seine graublauen Augen mustern mich mit einer Intensität, die mich nervös macht. Er trägt eine dunkle Jacke und steht dort mit der selbstverständlichen Sicherheit von jemandem, der noch nie daran zweifeln musste, überall willkommen zu sein.
Ich weiß sofort, dass er einer von denen ist. Von denen, die die Regeln machen. Von denen, die jemanden wie mich ansehen und automatisch einordnen in: keine von uns, unpassend, nichts als ein Hindernis. Er ist reich und privilegiert. Von Geburt an. Er gehört zu denen, die sich die Welt so zurechtbiegen, wie sie ihnen passt. Genau die Sorte Mensch, von der ich mich dringend fernhalten sollte.
Doch dann tut er etwas, das ich nicht erwartet hätte. Er geht neben mir in die Hocke, neigt den Kopf und sieht mir in die Augen. In meine von der Brille entstellten, winzigen Äuglein. Und das tun nur wenige.








