Kapitel 1
Liebe Inkitts,
mit Schattenkönig geht es ins ferne Indien - und zu einer Begegnung, die zwei Männer ganz unterschiedlicher Herkunft völlig aus der Bahn wirft. Wer Lust hat, Leon nach Mumbai zu begleiten, ist herzlich eingeladen :)
Lasst mir gern eure Meinungen da. Es gibt nichts, was so sehr motiviert wie der Austausch mit euch :)
Stagger Lee
P.S.: Als ich die Geschichte geschrieben habe (2016), war der Paragraph 377 in Indien noch in Kraft, nach dem homosexuelle Handlungen rechtswidrig waren.
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I.
Beim Aufwachen blieb er an zwei Details hängen.
Das erste, plausiblere war ein Geräusch. Irgendwo in der Nähe summte sein Handy. Mit dem zweiten Detail tat er sich schon schwerer, denn die Hand auf seinem Unterbauch gehörte sicher nicht ihm. Leon drehte den Kopf. Wenn er angestrengt hinblinzelte, konnte er das Display in der Dunkelheit leuchten sehen.
Das Bett roch nach einer fremden Mischung aus Deodorant und Schweiß. Neben ihm bewegte sich etwas. Die Hand rutschte von ihm ab.
Als sich Leon auf die Seite wälzte und nach dem Handy angelte, streifte sein Arm Stoff. Seine Kleider – oder die Kleider von jemand anderem – lagen neben dem Bett auf dem Boden. Richtig, er hatte an der Wand gelehnt und sich beim Ausziehen helfen lassen. Hier machte die Erinnerung so plötzlich Fortschritte, dass er einfach stillhielt, das vibrierende Telefon in der Hand.
Ein langer, gieriger Kuss, nasse Lippen, speichelverschmierte Wangen, aber keine Zeit, keine Zeit. Sie hatten es beide eilig gehabt, und sie waren auch beide zu sternhagelvoll gewesen, um über verhakte Reißverschlüsse zu lachen. Für Sex hatte es dann aber wohl doch gereicht.
Noch ein paar Details trotteten herbei. Er schmeckte Restalkohol, und seine Unterlippe war dicker als normal. An den Biss erinnerte er sich nicht genau. An die mindestens vier, fünf Longdrinkgläser Wodka brauchte er sich gar nicht genau zu erinnern, auch an den Weißwein nicht, mit dem der Abend bei Jaroslav angefangen hatte – unter seiner Schädeldecke saß ein pulsierender, kalter Schwamm anstelle eines Gehirns.
In der Wohnung war es dunkel bis auf das allererste Dämmerungslicht. Er tippte auf die Nacht von Freitag auf Samstag. Und das Handy vibrierte immer noch.
Eine Sekunde, bevor er den Anruf annehmen konnte, erstarb das Vibrieren. Das Display erlosch. Aber sein Schädelschwamm hatte die Nummer erkannt. Wenn sie so früh anriefen – an einem Wochenende -, musste es dringend sein.
„Scheiße.“ Leon setzte sich auf.
Die nächste Bewegung seines Bettnachbarn übertrug sich auf ihn. Dann war die Hand wieder da. Sie wanderte zwischen seine Schenkel. Der Augenblick war zu unwirklich für klare Gedanken – bis auf den, dass er den Anrufer nicht warten lassen wollte.
Leon wählte die Nummer an. Gleichzeitig schob er die Hand weg. Als das nicht wirkte und sie Anstalten machte, vom Tasten zum Zugreifen überzugehen, rückte er ein Stück in Richtung Bettkante.
Am anderen Verbindungsende meldete sich eine Stimme. „Block.“
Zum ersten Mal wurde Leon voll bewusst, dass er um fünf Uhr früh an einem Samstagmorgen nackt in seinem Bett saß und in Gesellschaft eines One-Night-Stands mit Conrad Block persönlich telefonierte.
„Herr Block“, sagte er an einer klebrigen Schicht auf seinen Stimmbändern vorbei.
„Guten Morgen, Herr Kramer.“
„Ihnen auch einen guten Morgen. Entschuldigung, ich bin noch nicht ganz wach.“ Die Matratze senkte sich ab. Er warf einen Blick nach links und meinte zu sehen, dass sein Bettkompagnon bequem auf einen Ellbogen gestützt dalag. Und dann kam die Hand tatsächlich zurück.
Leon glitt aus dem Bett. „Was kann ich für Sie tun?“ Er hockte sich neben den Kleiderhaufen.
Der Schatten im Bett schien die Botschaft empfangen zu haben. Das Rascheln einer Decke ertönte, bloße Füße trafen auf Parkettboden. Aus dem Schatten wurde ein menschlicher Umriss. Er reckte sich und nahm Kurs auf den Durchgang zu Wohnzimmer, Küche und Bad. Leon folgte dem Umriss mit den Augen, wie er vorbeiging, hinterlegt von den leidlich helleren Fenstern zur Elbe und zum Hafen - schlank, muskulös, so nackt wie er selbst.
„Es handelt sich um eine Krise“, antwortete Conrad Block. Trotz der Uhrzeit klang er hochkonzentriert. „Über unsere anlaufenden Projekte sind Sie unterrichtet?“
Im Bad sprang das Licht an.
„Nicht bis in jede Einzelheit“, sagte Leon. Er starrte auf den Lichtschein, der von rechts aufs Parkett fiel. „Aber unterrichtet, ja. Schon.“
„Um eines dieser Projekte geht es“, fuhr Block fort. „Die Sache ist dringend. Wir sind gestern Abend gegen elf benachrichtigt worden und mussten im Anschluss mit dem Auftraggeber sprechen. Nur deshalb störe ich Sie um diese Uhrzeit.“
„Das ist kein Problem.“
Das Licht im Bad ging wieder aus.
Während er auf Schritte lauschte, spaltete sich ein Teil von Leon vom Rest ab. Dieser Teil funktionierte auch nach kurzen, wilden Nächten, und mittlerweile war anscheinend zu ihm durchgedrungen, dass er gebraucht wurde.
„Wir würden den Auftrag ungern verlieren“, sagte sein Vorgesetzter. „Wie schnell schaffen Sie es hierher?“
„Ziemlich schnell.“ Das Gebäude von Block&Maßmann Developments lag am Neuen Jungfernstieg, fünf Minuten Autofahrt entfernt, zu Fuß zwanzig. Er musste nur duschen, mit Mundwasser gurgeln – oder es gleich trinken -, in einen Anzug steigen und hoffen, dass ihn der Restalkohol unterwegs nicht aufs Pflaster schickte. „In einer Stunde.“
„Machen Sie anderthalb draus.“
„Verstanden.“
„Vielen Dank, Herr Kramer. Ich weiß Ihre Einsatzbereitschaft zu schätzen. Alles Weitere erfahren Sie später.“ Ohne sich zu verabschieden, unterbrach Block die Verbindung.
Leon legte das Handy weg. Jetzt stand er vor der Aufgabe, sich in einen zumutbaren Angestellten zu verwandeln. Seinem One-Night-Stand begegnete er in der Küche. Er suchte nach einem Namen. Jaime. Jaime Soundso.
Sie hatten sich über die ersten zwei Gläser Double Cross Wodka hinweg über andere Länder unterhalten. Jaime hatte von einer Kindheit in Argentinien erzählt und enthusiastisch auf die Aussage reagiert, dass Leon schon dreimal in Südamerika gewesen war, kraft seiner Funktion als Bauberater. Irgendwann hatte die Anzahl der nächsten Gläser nichts mehr bedeutet, nur noch der steile Pfad auf ein Gegenüber zu, irgendeins - angefeuert vom Alkohol und von gewissen Trieben.
Leon überlegte, wie er nach Hause gekommen war. Bestimmt hatte Jaroslav ihnen ein Taxi gerufen.
Eine Stimme lenkte ihn ab. „Guten Morgen.“
„Dir auch“, sagte Leon. „Hör mal, ich muss los zur Arbeit.“
Er rechnete mit einer schlimmstenfalls irritierten Antwort. Stattdessen klang Jaime Soundso, als habe er ein Grinsen im Gesicht. „Ach, einer von denen bist du.“
„Und einer, der eine Dusche auf dem Zettel hat. Ich will wirklich nicht unhöflich sein, aber die Zeit drängt ein bisschen.“
Er schaute zu, wie sich sein nächtlicher Begleiter von der Arbeitsfläche löste. Als Leon das Schlafzimmer betrat, hatte sich der andere Mann schon fertig angezogen. Im nächsten Moment schlenderte Jaime Soundso an ihm vorbei und nahm diesmal Kurs auf die Diele.
Leon folgte ihm. Im Dielenlicht sah er seinen One-Night-Stand deutlicher. Er erinnerte sich an Haarsträhnen, die er weggestrichen hatte, damit sie den Küssen nicht im Weg waren, und sein taktiles Gedächtnis erinnerte sich an festes Fleisch.
Dann war Jaime im Treppenhaus, und Leon fand sich in der offenen Wohnungstür wieder.
„Hey.“ Der Argentinier ließ einen langen Blick an seinem nacktem Körper hinunter wandern. „Auch wenn du zur Arbeit musst“ – er betonte die letzten drei Worte – „sehen wir uns ja vielleicht mal wieder.“
„Vielleicht“, entgegnete Leon. „Wobei One-Night-Stands nicht so mein Ding sind.“
Ein halb dreistes, halb ernüchtertes Lächeln breitete sich auf Jaimes Gesicht aus. „Selber schuld.“
Er zwinkerte. Anschließend ging er den Flur hinunter. Als er fast beim Aufzug war, rief er über die Schulter zurück: „War trotzdem nett.“
Leon machte die Tür zu. Im Bad warf er das Kondom weg, das er im Bett gefunden hatte, und lieferte sich dem Spiegel über dem Waschbecken aus. Von der geschwollenen Unterlippe war nichts zu sehen, auch nichts von krassem Schlafmangel. Das gab ihm Auftrieb.
Wenn es weiter so glattlief, brauchte er unter der Dusche nicht noch einmal an die vergangene Nacht zu denken, weder an das fantastische Geländer fremder Knochen und Muskeln noch an sein eigenes heimliches Inneres, das sich Jaime vielleicht auf Suche nach genau diesem Geländer ins Bett geholt hatte.
***
Als er das Haus gegen halb sieben verließ, war die Sonne aufgegangen. Die Elbe glitzerte silbrig. Drüben am anderen Ufer ragten die Lastkräne des Hafens auf, wie ein stählerner Wald in dunstigem Licht. Sogar für Mitte Mai war es warm.
Dementsprechend hatte Leon einen leichten Anzug ausgewählt. Strenge Dresscodes gab es im Unternehmen nicht – er konnte auch in Jackett, Jeans und Sneakers zur Arbeit kommen -, aber die Ausnahmesituation, meinte er, erforderte er seriöses Outfit.
Der Verkehr am Elbufer hielt sich in Grenzen. Leon atmete durch. Immerhin, seit der Dusche herrschte fast Normalzustand, er hatte nicht mal Kopfschmerzen.
An den Landungsbrücken war mehr los. Ein paar frühe Touristen tummelten sich vor den Imbissbuden, Andenkenläden und Ticket-Verkaufsstellen oder lehnten an der Promenadenmauer. Nicht alle von ihnen ignorierten Leon. Die Blicke bauten ihn auf.
Und dann war da noch Hamburg, das ihn unterstützte. Spätestens als er auf Höhe der Speicherstadt vom Elbufer abdrehte, schlossen sich die Häusermassen um ihn, holten ihn in ihre Mitte, weckten Gefühle in ihm auf, und dazu zählten Leidenschaft und Zugehörigkeit. Er hatte die Wohnung an der St. Pauli Hafenstraße nicht zufällig gemietet. Er liebte Flüsse, eigentlich jede Art von Wasseransammlung. Aber er wusste, wäre er vor die Wahl zwischen Fluss und Stadt gestellt worden, hätte er keine Sekunde gezögert.
Beim Gehen kam ihm Baudelaires Gedicht ,Les Sept Vieillards‘ in den Sinn. ,Fourmillante cité, cité pleine de rêves‘ hieß es da, wimmelnde, traumerfüllte Stadt, und es war auch die Rede von Mysterien, die wie Flüssigkeit durch die engen Adern einer Metropole liefen.
Hamburg spielte mit, wie es das immer tat, wie es alle größeren Städte fast immer taten.
Nach einer Viertelstunde erreichte Leon die Binnenalster, nach weiteren fünf Minuten das Gebäude von Block&Maßmann Developments am Neuen Jungfernstieg. Leon überprüfte sein Spiegelbild in einer der Fensterflächen neben dem Eingang. Die Frisur, der kurze Bart und die von ihm ausgehenden Haarlinien längs der untersten Kieferpartie saßen einwandfrei.
Am Empfangstresen hockte ein Mitarbeiter, den Rücken zum Foyer und zu beschäftigt mit seinem Monitor, um Leon zu bemerken.
Anstatt den Aufzug zu betreten, joggte er die Freitreppen hinauf. Im zweiten Stock, wo die Planungsräume lagen und wo er sich mit seinem Kollegen Timo Schneider ein Büro teilte, sah er ferne, sich bewegende Personenumrisse hinter Glastüren, vermutlich ein von Block einberufenes Krisenteam.
Plötzlich fand er es merkwürdig, nicht sofort zu diesem Team zu stoßen. Normalerweise arbeitete er als Mitglied einer Gruppe, denn auch wenn er als Experte in seinem Bereich galt, waren ihm in seiner vierjährigen Anstellungszeit noch nie ganze Großprojekte überantwortet worden.
Im fünften Stockwerk sammelte er sich. Hier saß niemand am Empfangstresen. Die nüchtern-elegant gestylten Räumlichkeiten wirkten wie ausgestorben. Nur aus der Richtung von Blocks Büro kamen schwache Geräusche. Leon durchquerte das Foyer.
Sein Vorgesetzter stand neben seinem Schreibtisch und telefonierte. Dann entdeckte er Leon und winkte ihn herein.
Der Raum jenseits der Tür war riesig. Fenster im engeren Sinn gab es nicht, stattdessen eine Glasfläche, die die komplette Wand hinter dem Schreibtisch ersetzte. Hier befand man sich hoch über der Stadt und der Alster, was Weitsicht und Vorstellungsvermögen suggerierte. Leon sah Conrad Block noch einmal winken. Er folgte der Aufforderung und steuerte eine Sitzgruppe an der rechten Wand an.
Block beendete sein Telefonat und kam herüber. „Bitte, nehmen Sie Platz.“
Leon hockte sich auf die Kante eines Sessels, riss sich zusammen und rückte in eine bequemere Haltung. Dabei beobachtete er seinen Vorgesetzten.
Conrad Block war ein großer, hagerer Mann Mitte Sechzig, glattrasiert und immer tadellos gekleidet. Im Unternehmen wusste man, dass er Frau und drei Kinder hatte und aus einer alten Hamburger Kaufmannsfamilie stammte. Er legte Wert auf guten Kontakt zu seinen Untergebenen, aber ein Anhänger der ,hands on’-Chefphilosophie war er nicht unbedingt. In den unteren Etagen tauchte er nur selten auf.
Jetzt stellte er sich neben den Sessel gegenüber von Leon. „Danke für Ihre schnelle Reaktion. Einen Kaffee?“
„Gern.“
„Schwarz?“
„Schwarz, ja. Danke. Kein Zucker.“
Den Kaffee zapfte Block an einer Maschine auf der anderen Raumseite.
Als er Leon die Tasse gereicht hatte, setzte er sich ebenfalls. „Kommen wir sofort zur Sache. Was wissen Sie über den Seaside Tower?“
Leons Verwunderung zuckte mit den Ohren. „Nicht viel. Nur, dass es um ein Bauvorhaben in Mumbai geht.“
„Ganz richtig.“ Obwohl Block zurückgelehnt dasaß, wirkte er nicht entspannt. „Das Bauvorhaben steckt noch in den Kinderschuhen, aber die indischen Auftraggeber haben Interesse an unserer Mitarbeit. Das betrifft natürlich im Besonderen erdbebensichere Konstruktionen.“
Block&Maßmann Developments hatte sich vor einer Dekade auf das Feld erdbebensicheres Bauen spezialisiert und konnte eine beeindruckende Liste solcher Projekte vorweisen - unter anderem das Kuriyama-Hochhaus in Tokio und den World Tower in Singapur.
Inzwischen beschäftigte das Unternehmen ein ganzes Kontingent von Mitarbeitern, die den Interessenten modernste Konstruktionsverfahren nahebrachten – Leons Spezialgebiet.
„Mumbai“, wiederholte er.
„Der eigentliche Bau des Seaside Towers ist für Zweitausendsechsundzwanzig angedacht.“ Block legte eine kurze Pause ein. „Direkt im Stadtzentrum. Das gibt den Planern logischerweise eine Menge Verantwortung, und auf der Suche nach ausländischen Partnerunternehmen haben sie sich auch an uns gewandt.“
„Wie weit sind die Verhandlungen gekommen?“
„Nur bis zum Austausch von Ideen und ein paar Angeboten“, sagte Block. Als er weitersprach, klang er eindringlicher. „Ich muss mich nicht lang und breit mit Ihnen über diese Geschäftssphäre unterhalten, Leon. Sie wissen, wie so etwas abläuft. Der Auftraggeber ist im Vorteil. Solange keine Verträge unterzeichnet worden sind, kann er sich nach Belieben umentscheiden.“
Das war nicht neu. Trotzdem stolperte Leon über eine Gesprächskomponente – soweit er zurückdenken konnte, hatten weder Conrad Block noch der zweite Unternehmensleiter, Henry Maßmann, ihn je mit Vornamen angeredet.
„Und hier kommen Sie ins Spiel“, fuhr Block fort. „Die Verhandlungen wurden bis jetzt von Herrn Michaels geleitet. Herr Michaels hat sich gestern Abend gemeldet und uns über einen familiären Krankheitsfall in Kenntnis gesetzt.“
„Das tut mir leid“, sagte Leon. „Ist es ernst?“
„Nein, aber Herr Michaels fällt vorerst aus. Normalerweise wäre das nicht schlimm. In diesem Fall müssen wir allerdings aufpassen, dass uns nicht die Felle davonschwimmen, wie man so sagt. Unsere Gesprächspartner in Mumbai haben zwar Verständnis für die Lage geäußert, aber sie haben auch angedeutet, dass sie die Planungen nicht lange aufschieben möchten.“
Leon begriff noch nicht ganz, was das mit ihm zu tun hatte. Er hob fragend das Kinn.
„Man hat uns eine Art Ultimatum gestellt“, sagte Block. „Wenn wir die Entwürfe für den Tower nicht bis Mitte Juni überzeugend präsentiert haben, wird man sich ein anderes Unternehmen suchen.“
Was den Verlust eines wahrscheinlich zweistelligen Millionenauftrags bedeutete.
Leon bemerkte, dass Block ihn musterte. „Wie wollen Sie darauf reagieren?“
„Die Frage ist eher, wie der Auftraggeber - die Panday Corporation - auf unsere Situation reagiert hat. Anscheinend ist man dort wirklich an einer Zusammenarbeit mit uns interessiert. Ein Spezialist soll die Verhandlungen vor Ort weiterführen. Die Wahl ist auf Sie gefallen, Leon.“
Vielleicht hatte er sich verhört. „Sie wollen mich nach Mumbai schicken?“, hakte Leon nach.
„Ja.“
„Ich kenne mich kaum mit Indien aus.“
„Sie waren Zweitausenddreiundzwanzig in Neu-Delhi.“
„Bloß als Beobachter. Ich weiß sehr wenig über das Land.“
„Ihre Bescheidenheit in allen Ehren“, sagte Block. „Sie sind einer unserer Experten für erdbebensichere Gebäudekonstruktionen, und als so jemanden erwartet man Sie in Mumbai. Sie würden sich mit dem Auftraggeber treffen und die Gespräche weiterführen. Nachdem Sie den Baugrund besichtigt haben, natürlich.“
Danach trat Schweigen ein. Conrad Block hatte Leon bis jetzt durch kein Wort gedrängt - was noch nicht hieß, dass die Stille frei von Druck war.
Aber an diesem Punkt spürte Leon, wie sich unter seiner Verblüffung etwas in ihm umschichtete. Die Größenordnung der Sache machte ihn mehr als nur ein bisschen nervös, und er hatte die Wahrheit gesagt. Ihm fehlte Wissen über Indien, über das Land per se, über seine Strukturen und kulturellen Gepflogenheiten. Gleichzeitig witterte er frischen Wind. In neue Felder arbeitete er sich in der Regel schnell ein.
„Gesetzt den Fall, ich nehme an“, sagte er. „Worauf muss ich mich einstellen?“
Zum ersten Mal lächelte Block. „Die Panday Corporation wird vom Namensgeber der Gesellschaft vertreten, Mr. Ateeq Panday. Er ist unser Hauptgesprächspartner. Aber es gibt da noch jemanden im Hintergrund, den eigentlichen Geldgeber, einen Mr. Johar. Die Panday Corporation gehört zu mindestens drei Vierteln ihm.“
„Und er wäre bei den Verhandlungen nicht dabei?“
„Das kann ich Ihnen nicht sagen. Wir haben bisher nur mit Mr. Panday und seinen engsten Mitarbeitern gesprochen. Es ist gut möglich, dass der Geldgeber irgendwann stärker in Erscheinung tritt. Sie finden das vor Ort sicher bald heraus. Immerhin haben Sie solche Aufgaben schon häufiger erledigt. Ich habe da vollstes Vertrauen in Sie.“
Das war natürlich schön. Gegen Leons Nervosität tat es trotzdem wenig. „Und wie lange würde ich in Mumbai bleiben?“
„Ungefähr drei, vier Wochen. Das hängt von den Entwicklungen ab.“
„Ich verstehe.“ Ein Monat klang nach einer Menge Zeit, aber es kam nicht selten vor, dass die Entwurfsphase bei größeren Bauvorhaben noch deutlich länger dauerte.
„Gut.“ Block musterte ihn wieder. „Was meinen Sie?“
Er zögerte eher anstandshalber. Im Grunde war er schon auf den Zug aufgesprungen.
Er hatte kein laufendes Projekt, das ihn wirklich begeisterte, und irgendwie mischte sich jetzt auch die letzte Nacht in alles eineine Nacht mit viel zu viel Alkohol, mit Sex, der sich im Nachhinein anfühlte, als wäre er jemand anderem passiert. Das erschreckte ihn.
„Einverstanden“, sagte er.
„Ausgezeichnet.“ Block schob den Unterkiefer vor. „Ich lasse Ihnen alle Pläne schicken. Sie können das Material hier oder zu Hause durcharbeiten, nur bitte, tun Sie es sofort.“
Leon stutzte. Also war die Einarbeitung noch dringender als erwartet.
Dann teilte Conrad Block ihm mit, warum. „Sie fliegen morgen Nachmittag.“








