Kapitel 1 – Das Ende meines ersten Lebens
Am Abend, an dem ich starb, hatte ich vergessen, Brot zu kaufen.
Das klingt wahrscheinlich nach einem ziemlich dummen letzten Gedanken. Andererseits sucht man sich solche Dinge nicht aus. Niemand wacht morgens auf und denkt: Heute wäre ein guter Tag, um die Welt für immer zu verlassen. Vielleicht sollte ich vorher noch die Wohnung aufräumen.
Ich jedenfalls hatte andere Pläne.
Ich wollte nach Hause, etwas Warmes essen, meine Kopfhörer aufsetzen und endlich diesen verdammten Boss besiegen, der mich seit drei Abenden zur Verzweiflung brachte. Ausserdem wartete eine neue Animefolge auf mich. Irgendwo in meinem Kühlschrank lag vermutlich noch ein Joghurt, dessen Haltbarkeitsdatum ich besser nicht überprüfen sollte.
Ein völlig gewöhnlicher Abend also.
Vielleicht war genau das das Schlimmste daran. Dass nichts darauf hindeutete, wie wenig Zeit mir noch blieb.
Der Regen hatte kurz nach Sonnenuntergang eingesetzt. Jetzt, mehrere Stunden später, schien der Himmel beschlossen zu haben, die gesamte Stadt unter Wasser zu setzen. Ich stand unter dem schmalen Vordach eines kleinen Lebensmittelladens und betrachtete die Strasse, auf deren Asphalt sich das Licht der Reklametafeln spiegelte.
Eigentlich mochte ich solche Abende. Nicht die Nässe oder die Kälte, die sich unter meinen Kragen schob. Aber dieses besondere Gefühl, wenn die Welt draussen dunkel wurde und überall kleine Inseln aus Licht entstanden: die Fenster eines Cafés, die Scheinwerfer vorbeifahrender Autos, das warme Gelb einer Wohnung, in der wahrscheinlich gerade jemand das Abendessen vorbereitete.
Mein Handy vibrierte.
Noch online heute?
Darunter folgte ein Bild des Bossmonsters: zwölf Arme, ein halbes Dutzend Zähne zu viel und ein Gesicht, das aussah, als hätte jemand einen Oktopus mit einem Kühlschrank gekreuzt.
„Du mieses Vieh“, murmelte ich und tippte: Bin auf dem Heimweg. Und wehe, ihr startet ohne mich. 🤣
Sofort erschien ein lachendes Emoji. Dann ein zweites.
Ich steckte das Handy weg. Es waren diese Kleinigkeiten, die ich an meinem Leben mochte. Nicht jeder Tag musste etwas Besonderes sein. Manchmal genügte es, sich auf einen gemütlichen Abend zu freuen.
Trotzdem gab es Momente, in denen ich mich fragte, ob nicht irgendetwas fehlte. Ein Abenteuer vielleicht. Oder wenigstens das Gefühl, auf etwas zuzulaufen, statt immer nur denselben Weg zurückzulegen.
Arbeiten. Einkaufen. Nach Hause. Schlafen. Wieder aufstehen.
Natürlich war mein Leben nicht schlecht. Ich hatte Dinge, die ich liebte, Menschen, mit denen ich lachen konnte, und genug Möglichkeiten, mich in Geschichten zu verlieren. Fantasyromane, Spiele, Anime – überall gab es Welten, in denen hinter dem nächsten Hügel etwas Unbekanntes wartete. Geheimnisvolle Wälder. Schwebende Inseln. Uralte Ruinen. Gefährten, die gemeinsam durch Gefahren gingen und dabei einander so nahe kamen, dass sich Fremde wie Familie anfühlten.
Helden, die am Anfang keine Ahnung hatten, was sie taten, mochte ich am liebsten. Vielleicht, weil ich mich in ihnen wiedererkannte. Nicht in ihren Heldentaten, eher in der Ahnungslosigkeit.
„Na los“, sagte ich zu mir selbst. „Du bist doch nicht aus Zucker.“
Ich verliess das Vordach. Der Regen traf mich augenblicklich im Gesicht.
„Okay. Vielleicht doch ein bisschen.“
Einige Strassen weiter befand sich ein kleiner Buchladen. Er war längst geschlossen, aber das Schaufenster war beleuchtet. Zwischen Kriminalromanen und Bildbänden lag ein dicker Fantasyroman. Auf dem Umschlag erhob sich ein Schloss über einer Stadt aus weissen Türmen; zwei Drachen kreisten darüber.
Ich fotografierte das Buch für später.
Für später.
Die Worte waren zu einer Gewohnheit geworden. Das Spiel für später. Die Reise für später. Der Roman für später. Die Dinge, die ich lernen wollte, sobald mehr Zeit da wäre.
„Irgendwann“, sagte ich und ging weiter.
An der Kreuzung warteten mehrere Menschen unter dem Dach einer Haltestelle. Eine Frau mit einem Kinderwagen. Zwei Jugendliche, die auf ein Handy starrten. Ein älterer Mann mit einer Einkaufstasche, aus der eine Lauchstange ragte. Ich setzte meine Kopfhörer auf. Ein ruhiges Instrumentalstück begann; erst Klavier, später sanfte Streicher.
Musik war seltsam. Ein einziges Lied konnte einen Menschen an Orte zurückbringen, die es vielleicht gar nicht gab. Manchmal hörte ich einen Soundtrack und sah sofort die Küste eines Spiels vor mir oder einen Wald, in dem winzige Lichter zwischen den Bäumen schwebten.
Mein Handy vibrierte erneut: Boss ist bereit. Wir warten auf dich.
Ich antwortete mit einem Daumen nach oben.
Die Ampel sprang auf Grün.
Es gab keinen Blitz. Kein unheilvolles Zeichen. Keine geheimnisvolle Stimme, die meinen Namen rief. Nur das Geräusch eines Motors, zunächst so alltäglich, dass ich es nicht bemerkte.
Dann hörte ich ein Hupen.
Ein langes, schrilles Geräusch, das nicht mehr aufhören wollte.
Jemand schrie.
Links schoss ein Lieferwagen über die nasse Fahrbahn. Seine Hinterräder brachen zur Seite aus, das Fahrzeug drehte sich. Für einen winzigen Moment sah ich den Fahrer durch die Windschutzscheibe. Sein Mund war geöffnet; seine Hände umklammerten das Lenkrad. In seinem Gesicht stand derselbe Ausdruck, den ich wahrscheinlich in meinem eigenen hatte.
Fassungslosigkeit.
Ich wollte zurückspringen. Ein Fuss bewegte sich. Meine Schultern spannten sich an. Doch irgendetwas in mir wusste bereits, dass die Zeit nicht reichen würde.
Das kann doch jetzt nicht passieren.
Ein absurder Gedanke. Als müsste das Universum sich vergewissern, ob der Unfall in meinen Terminplan passte.
Dann gab es einen Schlag.
Und die Welt verlor ihren Halt.
Ich weiss nicht, ob ich sofort starb. Ich erinnere mich an Regen, an kaltes Pflaster unter meinem Rücken und an ein Licht, das über mir flackerte. Und an meine Musik. Sie spielte noch immer, irgendwo dicht neben meinem Ohr. Das ruhige Klavierstück passte nicht zu den Stimmen, die durcheinanderriefen.
Jemand fragte, ob ich ihn hören könne.
Natürlich konnte ich ihn hören. Ich war doch nicht taub. Aber mein Mund gehorchte mir nicht.
Ich versuchte, eine Hand zu bewegen. Nichts.
Das ist schlecht.
Meine Gedanken glitten fort. Zur Wohnung, zum unaufgeräumten Schreibtisch, zum Buch im Schaufenster. Dann kam eine winzige Erkenntnis, schwerer als alles andere.
Ich habe ihnen gesagt, sie sollen auf mich warten.
Ich wollte mein Handy. Eine Nachricht schicken. Tut mir leid. Wird heute doch nichts.
Der Gedanke war so lächerlich, dass ich beinahe gelacht hätte. Aber ich konnte nicht. Stattdessen zog sich etwas in meiner Brust zusammen. Ich wollte noch so vieles machen. Keine hundert Heldentaten. Nicht einmal besonders aufregende Dinge. Nur ein Morgen. Ein völlig gewöhnliches Morgen mit zu wenig Schlaf, zu viel Kaffee und irgendeiner neuen Kleinigkeit, über die ich lachen konnte.
Bitte.
Ich wusste nicht, an wen sich der Gedanke richtete.
Noch nicht.
Das Licht wurde schwächer. Die Stimmen entfernten sich. Eine letzte Klaviernote verklang.
Dann war nichts.
Keine Dunkelheit. Keine Stille. Nicht einmal Leere. Leere müsste man wahrnehmen können, und dafür müsste noch jemand da sein, der sie wahrnimmt.
Vielleicht verging eine Sekunde. Vielleicht ein Jahrhundert. Irgendwann war ich wieder da. Nicht als Körper. Eher als ein Gedanke, der vergessen hatte, zu wem er gehörte.
Bin ich …?
Die Frage blieb unvollständig.
Ich erinnerte mich an eine Strasse. An Regen. An ein Licht.
Ich bin gestorben.
Dann hörte ich etwas. Ganz leise. Wie Papier, das umgeblättert wurde. Eine Seite. Noch eine. Und noch eine. Als sässe irgendwo in unvorstellbarer Entfernung jemand mit einem sehr dicken Buch.
Hallo?
Keine Antwort.
Ist da jemand?
Das Blättern hörte auf.
Etwas suchte nach mir. Nicht nach meinem Körper. Nicht nach meinen Erinnerungen. Es war wie eine Hand, die über ein Regal voller Bücher glitt und einen ganz bestimmten Titel finden wollte.
Ich hielt mich an einen Namen, der vor mir aufleuchtete wie eine letzte Erinnerung an etwas Vertrautes: an einen Avatar, den ich liebte, an türkisfarbenes Fell, dunkle Haare und eine Gestalt, die ich selbst entworfen hatte.
Waioshra.
Ein Name, den ich mir ausgesucht hatte.
Das Blättern begann von Neuem, schneller. Seiten rauschten wie aufgescheuchte Vögel. Etwas zog an mir, und zum ersten Mal seit meinem Tod empfand ich wieder Angst.
Dann schlug ein unsichtbares Buch zu.
Und ich fiel.
Mein erster Atemzug brannte.
Ich riss die Augen auf und hustete, bis mir die Brust schmerzte. Kalte Luft schmeckte nach feuchter Erde, Holz und etwas Süssem, das ich nicht einordnen konnte.
Über mir schwankten Äste. Zwischen gewaltigen Stämmen schwebten winzige Lichter. Die Rinde der Bäume schimmerte silbern, und lange, fast durchsichtige Blätter wiegten sich im Wind.
Ein Wald.
Ein verdammter Wald.
„Was …?“ Meine Stimme klang heiser und seltsam rau.
Ich setzte mich auf. Mein Körper reagierte zu schnell, als hätte jemand seine Gewichte falsch verteilt. Mir wurde schwindelig.
Krankenhaus. Halluzination. Traum. Ich klammerte mich nacheinander an jedes Wort. Keines erklärte die leuchtenden Pflanzen.
„Hallo? Ist jemand hier?“
Ein Tier antwortete mit einem langen, kehlig gesungenen Ton, den ich noch nie gehört hatte.
Ich hob den Blick. Zwischen den Baumkronen standen Sterne, unglaublich viele Sterne, und eine blassviolette Lichtspur zog sich quer über den Himmel. Darüber hing ein riesiger silberner Mond.
Für einen Augenblick fühlte sich wenigstens das vertraut an.
Dann schoben sich die Wolken zur Seite.
Ein zweiter Mond erschien, kleiner und bläulich schimmernd.
„Nein.“
Ich zählte sicherheitshalber nach.
Zwei.
Ich rieb mir die Augen. Zwei.
„Also … falls hier irgendwo eine Göttin zuständig ist“, sagte ich und sah mich um, „ich hätte ein paar Fragen.“
Stille.
„Und vielleicht eine Waffe.“
Ein Zweig knackte.
Ich verstummte. Tief zwischen den Wurzeln bewegte sich ein Schatten. Ich spürte, wie sich alle Haare meines Körpers aufrichteten – was ein merkwürdig konkretes Gefühl war, über das ich später nachdenken wollte.
Zwei blassgelbe Augen öffneten sich im Dunkeln.
Etwas knurrte.
Mir fiel wieder ein, dass Fantasywelten nicht nur wunderschöne Landschaften besassen.
Sondern meistens auch Monster.
„Oh“, sagte ich leise.
Die Augen kamen näher.
„Scheisse.“








