Kapitel 1 – Thea
Der Typ vor mir bestellt für seine Freundin, und sie lässt ihn.
„Einen großen Iced Americano für mich. Und für sie einen kleinen Cold Brew, schwarz.“ Er dreht den Kopf halb nach hinten. „Kein Zucker, Babe. Die Saison fängt an.“
Sie lächelt. Die ganze Zeit hat sie auf das Schild neben der Kasse geguckt, Pumpkin Spice is back, orange Schrift auf Schwarz und ein kleiner Kürbis mit einem zugekniffenen Auge. Jetzt guckt sie auf ihre Sneaker.
Ich stehe seit sechs Minuten in dieser Schlange und filme seit fünf. Es ist Mittwoch, mein dritter Tag als Gaststudentin an einer Uni, die mich nicht wollte. Die Caption habe ich schon.
pov: you bought a whole semester and still have to wait for coffee
Die Uni wollte mich wirklich nicht. Meine Noten waren in Ordnung, aber es war Juli, die Plätze für Gaststudierende waren vergeben, und die Bewerbungsfrist war im März abgelaufen. Dann hat der Anwalt meiner Familie mit einem Herrn aus dem Athletic Department telefoniert, und drei Wochen später gab es Pläne für einen neuen Kraftraum mit einer kleinen Messingtafel neben der Tür und einen Platz für mich. Ich finde das praktisch. Ich wollte ein Semester ohne die Leute, die mich seit dem Kindergarten kennen, und eine Uni mit Football, weil ich noch nie in einem Stadion gesessen habe, in dem die Leute wirklich schreien.
Der Typ vor mir spielt vermutlich in so einem Stadion. Er ist groß, eins neunzig mindestens, graue Jogginghose, ein Hoodie mit dem Logo der Uni und ein Nacken, der breiter ist als sein Kopf. Seine Haare sind noch nass vom Duschen. Er riecht nach Duschgel aus dem Supermarkt, irgendwas mit Sport im Namen.
Hinter mir knallt die Tür. Die Freundin dreht sich um.
Ich vergesse, was ich filmen wollte.
Dunkelblonder Pferdeschwanz, hoch am Hinterkopf, so straff gebunden, dass ihre Augenbrauen ein bisschen mit hochgezogen werden. Blaue Augen. Kein Make-up, oder so gutes, dass man es nicht sieht. Eine rote Trainingsjacke, Reißverschluss bis unters Kinn. Keine einzige Sommersprosse, glatte helle Haut, nur die Nase ist ein bisschen rot, weil es draußen schon frisch ist. Sie sieht mich an und guckt nicht weg.
Mir sackt der Magen weg wie in einem Luftloch über dem Atlantik.
Dann dreht sie sich wieder nach vorn.
Ich nehme das Handy runter.
Okay. Okay, okay, okay.
Ich will sie haben. Das denke ich zuerst, ganz ohne Umweg, und gleich danach: Was kostet sie? So bin ich erzogen. Bei uns fragt man nach dem Preis, und wenn der andere zögert, hat man zu niedrig angefangen.
„Elf siebenunddreißig“, sagt die Barista.
Der Typ hält seine Karte ans Lesegerät. Es piept zweimal kurz, und auf dem Display steht in Rot Declined.
„Sorry. Willst du’s noch mal versuchen?“
Er zieht die Karte zurück, wischt sie am Hoodie ab und hält sie noch einmal hin. Zweimal Piepen. Die Barista guckt an ihm vorbei auf die Schlange, die bis zur Tür reicht. Die Freundin legt ihm die Hand auf den Rücken, ganz flach, zwischen die Schulterblätter, und zieht mit der anderen ein Portemonnaie aus der Jackentasche.
Da bin ich schon an ihr vorbei.
„Ich übernehm das.“ Ich halte mein Handy ans Lesegerät. Einmal Piepen, freundlich. „Und für mich einen Venti Iced Vanilla Latte mit Hafermilch, extra Shot. Sorry. Hi.“
„Hey“, sagt er. „Lass. Wir zahlen selbst.“
Er sagt es leise, durch die Zähne, und spannt den Kiefer an.
„Zu spät.“ Ich lache, bevor ich weiß, worüber. „Ehrlich, das sind elf Dollar. Ich hab heute schon mehr für einen Lipgloss ausgegeben.“
Das war falsch. Ich lache noch einmal hinterher, aber das hilft auch nicht.
„Danke“, sagt er zur Barista. Dann nimmt er seine Freundin am Arm und geht zum Abholtresen. Sie geht einen halben Schritt hinter ihm und sieht mich nicht an.
Die Barista schreibt Namen auf die Becher. Bei ihm Cole. Bei ihr Riley. Bei mir Tia, wie jedes Mal, und ich buchstabiere trotzdem nicht.
Riley.
Ich setze mich ans Fenster, öffne mein Video und schneide nichts.
Draußen geht Cole auf und ab, das Handy am Ohr, den Rücken zur Scheibe. Mit der freien Hand reibt er sich den Nacken, immer an derselben Stelle. Ich wette, er hat die Bank dran.
Riley kommt allein wieder rein.
Sie bleibt neben meinem Tisch stehen, legt ihr Portemonnaie auf die Tischplatte und klappt es auf. Dunkelblaues Kunstleder, der Druckknopf hält nicht mehr richtig. Am Reißverschluss baumelt eine kleine silberne Medaille, oval, mit einer Frau darauf, die die Hände ausbreitet.
„Zehn“, sagt sie und legt einen Schein vor meinen Becher. „Elf.“ Ein Dollar, zerknittert, sie streicht ihn mit dem Daumen glatt. Dann die Münzen, eine nach der anderen, und bei jeder tippt sie mit dem Fingernagel auf den Tisch. Ein Quarter. Ein Dime. Zwei Pennys. Ich drehe meinen Ring am Finger, während sie zählt, immer rundherum, und kann nicht damit aufhören. „Elf siebenunddreißig.“
„Ich hab nicht mitgezählt.“
„Weiß ich.“
Ich lache. Sie nicht.
„Okay, sorry, das war echt nicht so gemeint. Ich wollte nur nett sein.“
„Du wolltest nicht nett sein.“ Sie sagt es ganz ruhig. „Du wolltest dich vordrängeln.“
„Das auch.“ Ich hebe die Hände. „Schuldig. Aber die Schlange war wirklich lang.“
Fast lächelt sie. Dann lässt sie es.
„Seine Karte ist neu“, sagt sie. „Von einer anderen Bank. Die schalten die erst nach ein paar Tagen frei.“
„Klar.“
„Echt jetzt.“
„Ich hab doch klar gesagt.“
Sie sieht mich an. Von Nahem sind ihre Augen heller, als ich dachte, fast grau am Rand, und unter dem linken hat sie einen winzigen Leberfleck, den man auf Fotos nicht sieht. Sie riecht nach Haarspray und nach draußen.
„Danke“, sagt sie. „Aber das brauchen wir nicht.“
„Es waren elf Dollar.“
„Eben.“
Sie klappt das Portemonnaie zu und muss den Druckknopf zweimal mit dem Daumen festdrücken, bis er hält. Dann sieht sie mein Handy neben dem Becher, die Kamera-App noch offen.
„Hast du das gefilmt?“
„Was? Nein.“ Ich drehe das Handy um, und das ist natürlich ein Geständnis. „Nur die Schlange. Und dich ein bisschen. Also deinen Hinterkopf. Bevor ich wusste, dass das dein Hinterkopf ist.“
„Zeig.“
Ich zeige es ihr. Der letzte Clip ist fünf Sekunden lang: die Theke, das Kürbisschild, ein dunkelblonder Pferdeschwanz, der nachwippt, als sie sich umdreht. Sie guckt sich die fünf Sekunden zweimal an.
„Löschen.“
Ich lösche den Clip vor ihren Augen. Papierkorb, zuletzt gelöscht, endgültig löschen. Ich halte ihr das Display hin.
„Weg. Siehst du? Ich bin harmlos.“
„Bist du nicht“, sagt sie. Schon im Weggehen sagt sie über die Schulter, so leise, dass ich nicht sicher bin, ob es mir gilt: „Trotzdem danke.“
Draußen nimmt Cole ihre Hand, telefoniert weiter und geht los, so schnell, dass sie mit ihrem ungeöffneten Cold Brew kaum hinterherkommt. Ich sitze mit meinem viel zu großen Latte da und warte, dass sie sich an der Ecke umdreht. Sie biegt ab, ohne sich umzudrehen. Das Letzte, was ich sehe, ist der Pferdeschwanz.
Das Geld liegt noch neben meinem Becher, zwei Scheine, ein Quarter, ein Dime, zwei Pennys. Ich könnte es ins Trinkgeldglas werfen, die Barista hätte es verdient. Stattdessen stecke ich es in das kleine Innenfach meiner Tasche, zu dem Lippenpflegestift und dem Ersatzschlüssel, an den ich nie denke.
Ich habe noch nie Geld zurückbekommen, das ich nicht zurückhaben wollte.
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Mein Apartment liegt im vierzehnten Stock in Seaport, und nachts ist es so still, dass ich den Kühlschrank höre. Unten am Hafen blinken die Lichter an den Masten. Ich habe den Fernseher an, ohne Ton, irgendeine Kochshow, in der Leute weinen, weil ihr Soufflé zusammenfällt. Ich liege quer auf dem Sofa, die Füße oben auf der Lehne, und google seit zwei Stunden eine Frau, die mir elf Dollar und siebenunddreißig Cent zurückgegeben hat.
Riley ist leicht zu finden. Rote Trainingsjacke heißt Cheerleading, Cheerleading heißt Kader, und der Kader der Uni steht online, mit Fotos, alle im selben Licht und mit denselben Zähnen. Dritte Reihe, links. Riley Callahan, Junior, Nursing.
Callahan. Natürlich heißt sie Callahan. In Boston heißt sogar ein Tunnel so.
Ihr TikTok hat 412.000 Follower.
Ich setze mich auf. Ich habe 50.000, und darauf bin ich stolz, auch wenn ich so tue, als wäre es mir egal. Ich habe sie mir mit Hotelzimmern und Unboxings verdient und mit meinem Gesicht, das in Großaufnahme ziemlich gut aussieht. Riley hat achtmal so viele. Ich scrolle. Stunts in der Halle: Sie wird hochgeworfen, dreht sich in der Luft und landet in den Armen von zwei Mädchen, die sie auffangen, ohne hinzusehen. Get ready with me vor einem Spiel, Glitzer auf den Wangenknochen, Schleife ins Haar. Cole ist in jedem zweiten Video, manchmal sieht man nur seinen Arm, wenn er ins Bild greift und ihr den Pferdeschwanz zurechtzieht. Die Kommentare sind voller Herzen. the blueprint. if they break up I stop believing in love. protect them at all costs.
In einem Video sitzt sie nachts im Auto, im grünen Licht vom Armaturenbrett, in einem hellblauen Kasack, die Haare offen. Sie sieht müde aus. Sie sagt in die Kamera: „Ihr fragt mich ständig, wie ich das alles schaffe, Training und Uni und die Schichten. Ehrlich? Ich schlafe nicht.“ Dann lacht sie und stoppt die Aufnahme mitten im Lachen.
Ich gucke es mir sechsmal an.
Dann wechsle ich das Konto. Das tue ich sonst nur, wenn ich nicht schlafen kann.
Mein zweites Instagram heißt saltwater.only. Daran hängt ein Threads-Account mit demselben Namen und 31.000 Followern, die nicht wissen, wer ich bin. Sechsundvierzig Fotos. Beine in der Wanne, Schaum bis zu den Knien, dahinter das beschlagene Fenster. Ein Hintern im nassen Sand am Strand von Nantucket, die Bikinihose ein bisschen verrutscht. Zehen auf weißem Hotellaken. Nie ein Gesicht, nie mein Ring. Ich poste und lese die Kommentare, aber ich antworte nie, das ist meine einzige Regel.
Ich öffne die Liste meiner Follower und tippe ein R ins Suchfeld, dann ein i. Das ist so albern, dass ich laut lache, allein in meinem Wohnzimmer.
Sie steht in der Liste.
Riley Callahan. Dasselbe Profilbild wie auf TikTok, die rote Jacke, das Lächeln mit Zähnen. Sie folgt mir seit Juli.
Ich höre auf zu lachen.
Die Nachrichtenanfragen öffne ich nie. Da liegen Nachrichten von 800 Männern, die meine Füße wollen, und von ein paar Frauen, die mir Shapewear verkaufen. Jetzt öffne ich sie. Ich scrolle an hey beautiful vorbei, an how much for pics und an einem Mann aus Ohio, der mir jede Woche ein Foto von seinem Truck schickt.
Riley Callahan. Vierzehn Nachrichten. Die erste vom 9. Juli. Die letzte vom 28. August.
In der Vorschau steht nur der Anfang der letzten.
Ich weiß, dass du nie antwortest. Das ist okay. Ehrlich gesagt ist das vielleicht sogar das Schönste daran.








