Ein Überraschungsbaby
Egal, wie gut ich mich auf das Gespräch vorbereite, die unausweichliche Frage bereitet mir Angst.
„Willst du das Baby behalten?“, fragt Sandy. Ihr Blick klebt an dem Schwangerschaftsbuch, das sie in der Hand hält. Darin steht in krakeliger blauer Handschrift: Charlotte Garnett.
Ich schaue an mir herunter auf meinen Bauch, der unter meinem weinroten Hoodie verborgen ist. Noch letzte Woche wusste ich nicht, dass da ein kleines Leben in mir heranwächst, das vollkommen von mir abhängig ist. Als der Arzt heute Morgen die zwölfte Woche bestätigte, stand meine Welt Kopf. Ich habe keine Ahnung, wie ich sie wieder in Ordnung bringen soll. Mein Kopf fühlt sich an wie ein riesiges Labyrinth, in dem ich völlig orientierungslos bin.
„Ich weiß es nicht“, flüstere ich fast.
Ich will so viele Dinge im Leben erreichen und liebe Herausforderungen. Ich probiere gerne Dinge aus, vor denen andere zurückschrecken, selbst wenn sie moralisch fragwürdig sind, weil ich mich nicht einschränken lassen will. Meine Liste mit Dingen, die ich vor meinem Tod erledigen will, wird immer länger, aber ein Baby stand nie darauf.
„Es ist noch nicht zu spät für eine Abtreibung.“ Sandys Stimme zittert. „Ich meine, es ist in einer betrunkenen Nacht entstanden und du weißt nicht einmal, wer der Vater ist. Außerdem hast du getrunken, bis du letzte Woche den Verdacht hattest, schwanger zu sein.“ Sie legt mein Buch zurück auf ihren Schreibtisch, ganz vorsichtig, als wäre es das Baby selbst. „Ich bin keine Expertin, aber ein Baby im letzten Studienjahr großzuziehen, ist hart. Besonders, wenn der Vater nicht da ist. Das sind doch gute Gründe, oder?“
Ich presse die Lippen zusammen und wäge den Rat meiner besten Freundin ab. „Vielleicht kann ich zurück zu dieser Studentenverbindung und mich umhören? Vielleicht finde ich dieses Arschloch ja.“
Sie zieht eine Augenbraue hoch. „Wie willst du dich umhören? Etwas wie: ‚Hey Leute, kennt ihr den Typen, den ich vor drei Monaten auf einer eurer Partys gefickt habe?‘“ Sie schnaubt. „Komm mal klar, Char. Weißt du überhaupt noch, wie er aussah? Seine Haarfarbe? Sein Name?“
„Nein, eigentlich nicht.“ Ich seufze und lasse mich rücklings auf Sandys Bett fallen. „Aber an seine Augen erinnere ich mich. Sie waren smaragdgrün. Und er hatte dunkle Haare.“
„Dunkel wie in Schwarz oder dunkelbraun?“
„Ich bin mir nicht sicher. Der Raum war zu dunkel, um den Unterschied zu sehen.“
„Erinnerst du dich an seinen Namen? Vielleicht einen Spitznamen?“
Ich starre an die Zimmerdecke und versuche, mich an irgendetwas Nützliches zu erinnern, um ihn zu finden, aber mir fällt nichts ein. Ich schüttle frustriert den Kopf.
„Wessen Namen hast du dann beim Orgasmus geschrien? Sag mir nicht, du hast Ethans Namen gestöhnt.“
Ich werfe ihr einen Blick zu, der so eisig ist, dass er einen Drachen einfrieren könnte. „Können wir jetzt bitte nicht über meinen Orgasmus reden? Es gibt ein wichtigeres Thema, das geklärt werden muss. Dringend.“
Sandy reißt die Hände hoch. „Sorry. Ich war nur neugierig. Wie kannst du dich an nichts mehr erinnern, wenn du mit dem Typen die ganze Nacht gevögelt hast?“
„Ich war betrunken, okay? Es war die Nacht, in der Ethan mit mir Schluss gemacht hat. Ich war so verloren und brauchte einfach nur einen Schwanz“, sage ich und zucke bei dem letzten Wort leicht zusammen.
„Den hast du bekommen, und den Bonus gleich dazu.“ Sandy zeigt auf meinen Bauch.
Ich stöhne und halte mir die Hände vors Gesicht. „Ich schwöre, wir haben verdammt noch mal Kondome benutzt. Dieser Mist.“
„Char, bist du sicher, dass es nicht von Ethan ist?“
„Verdammt sicher. Wir hatten seit Wochen keinen Sex mehr, als wir uns getrennt haben. Wenn es von ihm wäre, wäre ich schon im vierten Monat.“
Sandy nickt, aber ihre Stirn bleibt in Falten. „Aber im Ernst, selbst wenn du ihn findest, was willst du ihm sagen?“
„Dass wir schwanger sind? Vielleicht können wir gemeinsam entscheiden, was wir tun?“ Zugegeben, das klingt extrem naiv. Vielleicht kann ich es auf meine Schwangerschaftsdemenz schieben.
„Wir? Es gibt kein Wir. Ihr seid kein Paar. Und warum glaubst du, dass er sich an dich erinnert?“, fragt sie. „Falls er sich erinnert, wird er wahrscheinlich einfach sagen: ‚Treib es ab.‘ Wenn er dich nicht erkennt, hält er dich für ein verrücktes Mädchen, das verzweifelt einen Erzeuger für sein Kind sucht.“
Ich wimmere leise. Ich hasse es, wenn Sandy mir die Fakten so um die Ohren haut.
Die Szenen jener wilden Nacht blitzen vor meinem inneren Auge auf. Ich war stinksauer und enttäuscht von Ethan, meinem Freund seit zwei Jahren, weil er sich lieber von mir getrennt hat, als an unseren Problemen zu arbeiten. Ich habe ihn angefleht, mir zuzuhören, aber er war stur. Kurz darauf ließ ich mich von meinem Kommilitonen Willy zu einer Verbindungsparty auf einem anderen Campus überreden. Ich wollte diesen beschissenen Abend einfach vergessen.
Geh niemals auf eine Verbindungsparty und betrink dich maßlos nach einer üblen Trennung. Ich wünschte, ich hätte auf diesen Rat gehört. Als die Nacht voranschritt, tanzte ich meinen Schmerz weg und kippte alles an Alkohol, was ich finden konnte. Überraschenderweise musste ich mich nicht übergeben, aber ich wurde horny. Sehr horny. Als hätte das Universum Mitleid mit meiner Verzweiflung, lief mir ein heißer Typ mit hypnotisierenden grünen Augen über den Weg. Genau das, was ich brauchte, denn er war im selben Zustand: angeheitert und bereit für ein bisschen Sex.
Eins führte zum anderen, und ehe ich mich versah, landeten wir in einem der leeren Zimmer. Es war ein Rausch. Auch wenn ich Ethan zurückwollte, half der Sex, den stechenden Trennungsschmerz zu betäuben. Doch als ich am nächsten Morgen nackt aufwachte und wegen des Katers kaum meinen Kopf halten konnte, geriet ich in Panik, als ich einen fremden, schnarchenden Mann neben mir liegen sah.
Ich habe mich nur noch angezogen und bin weggerannt.
Ich stöhne bei der Erinnerung und vergrabe mein Gesicht in Sandys flauschigem Kissen. „Was soll ich nur tun?“
„Ich halte eine Abtreibung im Moment für die vernünftigste Lösung.“
„Ich weiß nicht, Sandy. Ich habe es heute Morgen auf dem Ultraschall gesehen. Es sah schon aus wie ein echtes Baby!“ Mein Hals schnürt sich bei dem Gedanken zu. „Ich kann es nicht töten. Das würde mich mein Leben lang verfolgen.“
„Du willst es also behalten.“
Sandy zieht das Fazit für mich, aber zustimmen kann ich ihr auch nicht. Stattdessen drängen sich die Leute in mein Gedächtnis, mit denen ich mich am wenigsten auseinandersetzen will. Ich wimmere. „Meine Eltern bringen mich um.“
Sie sieht mich mitleidig an. Es ist dieser Blick, den sie immer aufsetzt, wenn ich Mist gebaut habe. Ich hasse ihn, weil ich ständig alles vermassle. Ich brauche niemanden, der mich daran erinnert, dass mein Leben ein einziges, riesiges Chaos ist.
„Wenn du es behalten willst, musst du ihnen früher oder später beichten. Je früher, desto besser.“
„Ich weiß“, seufze ich. „Sie werden stinksauer sein. Für sie ist das der Beweis, dass ich immer noch das impulsive Mädchen bin, das aus nichts lernt und sich über seine Zukunft keine Gedanken macht.“
Sie steht vom Stuhl auf und setzt sich neben mich. Sie fährt mir durch die Haare und streicht mir eine Strähne aus dem Gesicht. „Vielleicht bist du ein bisschen impulsiv, aber für mich bist du eine mutige, aufgeschlossene und tolerante Person. Und deine Zukunft ist dir verdammt wichtig. Lass dir von ihnen nichts einreden.“
Ich drücke Sandys Hand in meinem Haar und zwinge mich zu einem Lächeln. „Du weißt immer, wie du mich aufbaust.“
„Du weißt, egal welche Entscheidung du triffst, ich stehe hinter dir. Wenn du abtreiben willst, bin ich bei jedem Schritt dabei. Wenn du es behältst, helfe ich dir, wo ich kann, bis das Baby da ist.“
Allein der Gedanke an die Geburt lässt meinen Magen sich zusammenziehen. Meine Vorstellung von der Zukunft endet, wenn meine Fruchtblase platzt. Danach sehe ich nur noch Dunkelheit, weil es so beängstigend ist. Aber da der Termin in sechs Monaten ist, muss ich mich vorbereiten. „Wie soll ich das Baby bloß großziehen?“
Sie runzelt die Stirn. „Hä? Willst du es alleine großziehen? Ich dachte –“
„Dass ich es weggebe?“, beende ich ihren Satz, während ein kleiner Stich mein Herz trifft.
Sie nickt. „Ich dachte, du willst es behalten, weil du es einfach nicht übers Herz bringst, es abzutreiben“, sagt sie und zieht die Brauen hoch. „Du willst es eigentlich gar nicht, oder? Ich meine, nach der Geburt kannst du einer anderen Familie mit dem kleinen Bündel Freude machen. Dann kannst du mit deinem Leben weitermachen.“
Ich ignoriere das mulmige Gefühl in mir und muss zugeben, dass Sandy recht hat. Mein Leben steht gerade still, aber vielleicht kann ich danach weitermachen, wenn das Baby in guten Händen ist. Denn ich verdiene auch eine Zukunft – hoffentlich wieder mit Ethan an meiner Seite.
Ich zwinge mich zu einem Lächeln. „Ich schätze, das könnte ich tun.“









I love this book❤
Your work is impressive, and I see amazing potential in it. I'd love to help showcase it through line art animation, as well as support with promotion. I also offer custom book covers and formatting, book trailers, anime and comic-style character art, book reviews, and promotion strategies.
Let’s connect!
Discord: reggie194
Telegram: Reggie1946
instagram riggieart
playing hide the sausage 🤣