Die Träne des Teufels

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Summary

„Fehler sind menschlich“, sagt man und doch passieren sie selbst einem Gott. Das Resultat sind Menschen, die über das sogenannte dritte Auge verfügen – so zum Beispiel Marie Harrison. Eine Frau, die seit jeher von einem Dämon begleitet wird und sich auf den Gedanken versteift, dass sie wahnsinnig ist. Sie liebt ihn – eine Wahnvorstellung. Aber was, wenn sie gar nicht verrückt ist? Sarkany ist sich uneins, wie er sie davon überzeugen kann, dass er real ist und so scheint es ein hoffnungsloses Unterfangen sich zu wünschen, dass sie die Sphären dieser Welt hinter sich lassen können und zusammen finden. Allerdings haben auch höhere Wesen Erbarmen und so geht Sarkany einen Deal ein, der ihn für 365 Tage ein Mensch sein lässt.

Status
Ongoing
Chapters
4
Rating
n/a
Age Rating
18+

oo. Orenda

Seit Tagen regnete es in Seattle und obgleich die Menschen dem schon längst überdrüssig waren, nahm es kein Ende.

Sarkany begann den Tag wie jeden Morgen und saß auf dem Space Needle, dem Aussichtsturm von Seattle. Wie so oft beobachtete er die Lichter der Stadt, die den Sternen Konkurrenz machten und den Menschen den Anblick der Unendlichkeit verwehrten. Jedes Licht stand immer für mindestens einen Menschen und so auch für Marie, an die er wie so oft dachte.

Noch war es dunkel, doch bald schon würde die Sonne durch die Schemen der Nacht brechen und einen neuen Tag mit sich bringen. Und so kam es:

Die blassen Strahlen der mächtigen Sonne erfassten die Welt am Horizont und breiteten sich aus. Die düstere Nacht, dessen Sterne von den Wolken geschützt worden waren, wurde verdrängt und machte dem hellen Tag Platz. Es war ein endloser Tanz, den die Sonne und der Mond ausführten, während sie einander nie auch nur gänzlich berührten. Sie triezten einander, wichen sich aus und doch blieb dieses romantische Lichtspiel den Menschen als eben jenes verborgen. Schlussendlich hatten jene nämlich die Zeit erfunden und Tag und Nacht erschaffen, die ihren Alltag bestimmten.

Die Wahrhaftigkeit blieb ihnen allerdings verborgen - so wie auch Sarkany.

Dämonen waren nicht gerade das, was die Menschen glaubten, zu wissen. Ihr feinstofflicher, luftiger Körper war viel mehr eine Verborgenheit, die ein paar wenigen vorbestimmt war und gerade deshalb wurden sie meist für all das Schlechte, was die Menschen umgab, verantwortlich gemacht.

Sarkany hatte es selbst oft zu spüren bekommen.

Nicht selten wurde er von Menschen, die glaubten, ihn wahrzunehmen, für irgendetwas Negatives, das die Menschen selbst heraufbeschworen hatten, verantwortlich gemacht. Einfach, weil die Menschen nicht dazu stehen wollten, dass sie ihres eigenen Glückes Schmied waren. Sie selbst bestimmten, ob Gutes oder Böses geschah und nicht selten wiederholten sie Fehler, obgleich sie das Resultat vorher kommen sahen.

Jene glaubten dann vorwiegend den Wenigen, die das dritte Auge innehatten und vollzogen dann argwöhnische Rituale, die die Dämonen vertreiben sollten, weswegen sie größtenteils aus ihrer Gutmütigkeit heraus verschwanden.

Das war auch einer der Gründe, weshalb Sarkany stets darauf achtete, nicht allzu auffällig zu sein. Er wollte nicht, dass man ihn auf irgendeine Art und Weise wahrnahm und womöglich für etwas verantwortlich machte, womit er eigentlich gar nichts zu tun hatte.

Er wollte nur seine Unendlichkeit absitzen, sich seiner eigenen Melancholie hingeben und hoffen, dass die Erlösung irgendwann kam.

Der einzige Lichtblick in diesem Fall, war sein Schützling Marie. Nicht, dass sie wirklich sein Schützling war – so etwas vertraute man keinem Dämon an. Aber Sarkany selbst hatte sich ihrer angenommen, ganz unbewusst. Er erinnerte sich noch, wie sie als Kind in ihrer Wiege geschrien hatte. Und aus irgendeinem unerfindlichen Grund hatte sie ihn wahrgenommen. Ihr drittes Auge war zu prägnant gewesen. Und jenes Kind war es gewesen, das er so oft wie irgend möglich besucht hatte, um dass sie mit dem Weinen aufhörte. Er war wohl der einzige, neben der Mutter, die das Kind entzücken und aufheitern konnte.

Anfangs noch hatte er es für einen bloßen Streich der Natur gehalten, aber mit der Zeit war er klüger geworden. Sie nahm ihn wahr und während sie in ihrem Leben mehr als einmal stolperte, war er es, der ein Auge auf sie warf und ihre Schutzengel verurteilte, wenn sie mal wieder scheiterten.

Nicht selten war er somit an die hellen Wesen geraten, die ihm dafür ziemlich graulten. Es sei Schicksal, hatten sie gemeint, aber er wusste es besser: So etwas wie das Schicksal, war nicht mehr als ein großer Plan, der zuvor geschmiedet worden war und somit war jedes Glück und Unglück vorhersehbar, um dass man eigentlich eingreifen konnte.

Es hätte so vieles vermieden werden können – Marie hätte ein besseres Leben haben können.

Allerdings hatte er realisiert, dass er die hellen Wesen nicht überzeugen konnte und so griff er selbst ein, wenn er es denn konnte und begleitete sie. Der einzige Punkt, der dieses Unterfangen erschwerte, war Marie selbst. Sie war älter geworden und mit jedem Tag, der verstrich, leugnete sie ihn mehr.

Egal, wie oft er ihr einen Schubs gab, wenn ihr die Welt wieder einmal zu Kopf stieg, sie redete sich ein, sie würde wahnsinnig werden.

Und so kam mit jedem Trübsinn, die sie heimsuchte, ein wenig mehr Verblendung dazu. Sie blendete ihn aus, ignorierte ihn und das, obgleich er ihr helfen wollte.

Ein Seufzen entkam dem Dämon, da er wusste, dass seine Taten Grenzen hatten und es viel mehr ein Traum bleiben würde, ihr zu Glück zu verhelfen. Er war einfach kein höheres Wesen. Er war nur ein Dämon. Ein neutrales Wesen, das zwischen Mensch und Engel verweilte. Das bedeutete für ihn, dass er zwar Leid empfinden konnte, was den Engeln verwehrt blieb, aber unfähig war, es besser zu machen.

Natürlich, er konnte Menschen mit Krankheiten infizieren und das taten einige seiner Artgenossen, allerdings war das auch schon alles. Denn seine existentielle Strafe beinhaltete viel mehr, dass er Gedanken lesen konnte und um die Vergangenheit der Menschen Bescheid wusste. Diese Erkenntnis ließ seine Art dann schlussfolgern, was in der Zukunft geschehen könnte.

Es war nichts Festes, mehr eine Art Wettervorhersage, die zumeist zutraf und diese Erkenntnis bescherte ihm oft mehr Leid, als ein Mensch, geschweige denn ein helles Wesen zu empfinden vermochte. Seine ewige Verdammnis beinhaltete somit, dass er verurteilt war, der Menschheit beim Scheitern zuzusehen und das war etwas, was die meisten seiner Art böse werden ließ.

Er schritt geschmeidig die Straßen entlang, ehe er Maries Wohnung betrat und sich ein Schmunzeln auf seinem finsteren Gesicht ausbreitete.

Sie schlief noch und so erfüllte ihre leichte Atmung, untermalt von Gemurmel, ihre Einzimmerwohnung.

Er lächelte.

Jede Nacht, in der Marie keinen Alptraum hatte, war für ihn ein Geschenk. Er mochte es nicht, wenn sie im Schlaf weinte oder wach wurde und sich weinend unter ihrer Decke verkroch. Obwohl sie bereits Ende zwanzig war, war sie in einigen Dingen immer noch ein Kind.

Sie war stolz darauf und er schätzte es sehr, dass sie eine der wenigen war, die sich nicht dafür schämten. Er hatte oft mitbekommen, wie sie sagte: „Das Leben ist zu traurig, um immerzu ernst zu sein und wenn ich nur einen einzigen Menschen am Tag zum Lachen bringen kann, ist es ein guter Tag.“

Leider wusste er, dass sie gerade deshalb oftmals selbst zu kurz kam und ihre Gefühle zurücksteckte und das bescherte Sarkany oft einen bitteren Beigeschmack. Es war Verzweiflung, die ihn dann zumeist heimsuchte, ehe er hilflos zuschaute. Manchmal hatte er sie umarmt und sie hatte sich beruhigt.

Anfangs noch hatte sie sich bedankt, was ihn die ersten Male ziemlich überrascht hatte.

Es war einfach ungewöhnlich, dass sie ihn noch als erwachsene Frau wahrnahm und hinzukommend, war er ein Dämon. Man hatte ihn verflucht, vergrault, ihn verurteilt, aber sich bedankt?

Das hatte bisweilen nur Marie vollbracht. Mit der Zeit hatte sich dies allerdings geändert. Die Augenblicke, in denen sie tatsächlich eine Danksagung über die Lippen brachte, waren sporadisch geworden, da sie sich immer öfter ermahnte, dass sie sich Dinge einbildete und dem Wahnsinn nahe war. Im Zuge dessen nahm sie ihre Worte oftmals zurück oder sprach sie gar nicht erst aus und das brachte Sarkany dazu eingeschnappt zu sein.

Er hasste es, wenn sie das tat – zumal sie nur diese wenigen zärtlichen Momente wirklich miteinander teilten. In Gedanken hatte er ihr dann oft mitgeteilt, dass es real sei und sie nicht wahnsinnig werden würde, aber jedes Mal gab sie Widerworte preis und lenkte sich ab. Es trieb sie schlussendlich nur noch mehr in ihren Gedankenkerker, der ihr vorgaukelte, nichts sei real.

Und so machte sie dicht, sang gedanklich ein Lied oder aber zählte.

Es war zum Haare raufen mit ihr und Sarkany verzweifelte immer mehr.

Um 07:00 Uhr klingelte Maries Wecker, sodass das „Guten Morgen“ eines Radio-Moderators durch die kleine Wohnung schallte. Sarkany verkniff sich ein Lächeln, während er entzückt Marie beobachtete.

Es war zu putzig, wie die Frau mit halb geschlossenen Augen aufsprang und hektisch den Wecker ausschaltete. Ihre Haare hatten sich komplett aus ihrem Zopf gelöst und lagen in langen, unordentlichen Wellen auf ihrem Rücken, während ihr ihre Hose beinahe herunterrutschte und sie diese geradeso festhielt. Bereits im Laufen zog sie sich eben jene aus und schmiss sie wahllos auf die Waschmaschine in ihrem Badezimmer, ehe sie sich eine Tasse Kaffee nahm und beinahe apathisch wach wurde.

„Guten Morgen“, sprach Sarkany leise aus und obwohl sie ihn früher immer vernommen hatte, schien sie erneut ein wenig zu verschlossen; denn es erfolgte keine Antwort, geschweige denn Reaktion.

Der Dämon schlug trübsinnig die Lider nieder und gab leise seine Befürchtung preis, in der Hoffnung, dass sie dadurch aufwachen würde: „Wenn es weiter so geht, wirst du mich eines Tages gar nicht mehr wahrnehmen.“

„Das wäre auch besser so“, erklang die dünne Stimme eines hellen Wesens, das dieser Tage auf Marie aufpassen sollte. Die dunklen Augen des Dämons legten sich auf Gabriele, die Maries neuer Schutzengel war, und obgleich sie von den Menschen als gut abgestempelt worden, waren sie es keineswegs.

Im Gegenteil: Sie waren weder gut noch böse, und im Gegensatz zu den Dämonen, waren sie arrogant. Sie verstanden keinen Schmerz, kein Leid und gerade deshalb hegten sie keinerlei Empathie. Sie waren einfach nur die Exekutive des Herrn und jener orderte nur, dass sein Plan ohne Fehler vonstattengehen sollte.Gabriele lugte halbherzig über den Rand des Schranks, auf dem sie thronte und wirkte beinahe schadenfroh, als sie sagte: „Warte nur ab. Eines Tages wird sie dich gar nicht mehr wahrnehmen und dann kann sie endlich normal leben. Du treibst sie doch nur in den Wahnsinn. Kein irdisches Wesen kann einen Dämon an seiner Seite gebrauchen. Ihr bringt nur Krankheit und Traurigkeit mit euch! Verschwinde lieber! Sie braucht dich nicht.“

Sarkany schaute Marie an, die sich den Kopf hielt, weswegen er sogleich näher an sie herantrat. Nahm sie diesen Engel wahr? Er versuchte ihr Gesicht zu lesen und ihre Gedanken zu ergründen, aber erneut verdrängte sie alles um sich herum und zitierte irgendein Gedicht.

„Mich nimmt sie anscheinend wahr.“

Der Dämon schaute streng zu Gabriele und klagte sie beinahe an: „Anscheinend. Allerdings tust du ihr nicht wirklich gut, schaue sie dir doch mal an.“

Der Engel folgte seiner Anweisung und begutachtete den Menschen, aber schlussendlich zog das helle Wesen nur eine Augenbraue empor und verschränkte die Arme: „Sicher, dass ich das bin? Du bist hier das dunkle Wesen.“

Sarkany ging nicht darauf ein, was dieses Wesen zu sagen hatte, aber im Grunde genommen war es Gabriele gleichgültig. Sie war einfach nur genervt, wie dieser Dämon sich aufführte und deshalb verstand sie auch, warum ihr Vorgänger einen anderen Schützling gewollt hatte. „Na ja, egal. Mach‘ mal, ich habe eh Besseres zu tun.“ Und damit verschwand der Engel und ließ den Dämon zurück, der dies quittierte.

Er hatte schon längst begriffen, dass diese Schutzengel nicht wirklich präsent waren. Sie erschienen nur, wenn sie es für wichtig erachteten. Ansonsten hielten sie sich verborgen und fabrizierten ihre Aufgaben, während sie hier und da mal nach ihren Menschen schauten.

„Geht’s?“, fragte er Marie, aber jene schaute nur in seine Richtung und ging dann stumm ins Badezimmer.

Er wusste, sie liebte und hasste ihn.

Immerhin war er in ihr Leben getreten und hatte damit gegen so ziemlich jede Ordnung verstoßen. Kein Mensch sollte so lange von einem anderen Wesen heimgesucht werden. Er war da gewesen, als so ziemlich einzige Konstante, und das, mit Zärtlichkeiten, die über alles Irdische hinausgingen.

Sie liebte ihn, aber sie hasste ihn.

Immerhin war er nicht wirklich da. Er war nicht greifbar für sie, nicht real. Eine Welt lag zwischen ihnen und diese bildete einen Schleier, der für beide die persönliche Hölle auf Erden war.

Sie wollte, dass er da war – wirklich.

Aber was konnte er tun?

Er war nur ein Dämon. Er konnte nicht einfach so ein Mensch werden oder gar unter ihnen wandeln. Sarkany war in seiner eigenen Existenz gefangen und das war für ihn das schlimmste Übel.

Er konnte ihr diesen Wunsch nicht erfüllen, obschon er ihn sein Eigen nannte.

Sie waren gefangen.

Auf ewig.

Doch viel schlimmer als alles, war der Gedanke, dass Maries kurzes menschliches Leben nicht von Dauer war. Sie würde sterben. Und damit wäre Sarkany hoffnungslos in seiner Ewigkeit allein, verfolgt von dem Gedanken, dass sie gewesen war und er sein würde.

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