Mr. Right: please find me

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Summary

Leseprobe❗️ Erhältlich über Amazon❗️ Sadie sucht Mr. Right! Eigentlich simpel. Ein netter Mann. Ein bisschen Romantik. Kein Chaos. Leider lebt sie mit drei wandelnden Katastrophen zusammen. Wesley analysiert jedes Date wie ein Therapeut. Nolan kommentiert alles ungefiltert. Und Liam… zerstört jeden Mann mit zwei Sätzen. Zwischen peinlichen Dates, völlig eskalierenden Situationen und ihren absolut unbrauchbaren Mitbewohnern versucht Sadie verzweifelt, endlich die Richtige für jemanden zu sein. Doch je mehr sie sich anpasst, desto mehr läuft alles schief. Denn manchmal ist Mr. Right nicht der, der perfekt ist - sondern der, der alles zerstört, was du dir über Liebe eingeredet hast.

Genre
Romance
Author
Mediha C.
Status
Complete
Chapters
2
Rating
5.0 7 reviews
Age Rating
18+

Herzensspuren

Jeder Mensch hat seine eigene Art, sein Leben zu führen. Manche möchten von klein auf ein großartiger Sänger werden und arbeiten mit einer Ernsthaftigkeit daran, die selbst Operngeister nervös machen würde. Andere wiederum rennen wie wild um die Welt, springen von Kontinent zu Kontinent und tun so, als hätte das Leben eine eingebaute Surfmusik. Und dann gibt es mich. Ich gehöre zu dieser sehr kleinen, sehr gefährlichen Gruppe von Menschen, die einen strukturierten Lebensplan besitzen. Einen Lebenskalender. Oder – wie ich ihn nenne – Sadies Herzensspuren. Das ist kein gewöhnliches Buch. Oh nein. Das ist mein persönliches Kontrollzentrum für ein perfektes Leben. In diesem Buch schreibe ich alle Dinge auf, die ich erreichen möchte. Und wenn ich sie erreicht habe, streiche ich sie durch. Nichts fühlt sich befriedigender an, als einen Traum mit einem dicken, dramatischen Strich zu erledigen. Manche Menschen meditieren. Ich streiche Ziele durch.

Mein Name ist Sadie Wilson. Ich bin 24 Jahre alt und arbeite als Modedesignerin in einer der angesagtesten Modefirmen in New York. Wenn man meinen Lebenskalender aufschlagen würde, würde man eine beeindruckende Sammlung menschlicher Übertreibung finden. Mit fünfzehn war ich bereits die beste Kalvinistin in ganz New York. Ja. Die beste. In ganz New York. Eine Stadt mit acht Millionen Menschen, dreißigtausend ehrgeizigen Müttern und vermutlich einer erschreckenden Menge musikalischer Kinder. Und trotzdem: ich. Ich werde bis heute zu Konzerten in verschiedenen Opernhäusern eingeladen. Mein Zimmer ist außerdem voller Pokale von Reitturnieren. Meine Schwimmkünste sind ebenfalls legendär – zumindest laut einem Foto, auf dem ich vor fünf Jahren den ersten Platz in einem Wettbewerb zwischen fünfundzwanzig Ländern gewonnen habe. Ich habe keine Ahnung mehr, wie ich das geschafft habe. Vermutlich aus Trotz. Ich habe außerdem bereits alle Länder der Welt besucht. Ja, wirklich. Alle. Wenn jemand also noch eine Insel findet, die ich nicht gesehen habe, werde ich wahrscheinlich sofort hinfliegen, nur um mein Buch zu korrigieren. Ich besitze ein Haus in Italien und eines in einem der angesagtesten Viertel von New York. Außerdem leben meine beiden besten Freunde Wesley und Nolan bei mir – ein weiterer Punkt auf meiner Liste, der triumphierend durchgestrichen wurde. Zu meiner Familie gehören außerdem eine Nacktkatze namens Harry, eine Perserkatze namens Fast Food, ein Chihuahua namens Prettyboy und mein Pferd Bobby, das ich regelmäßig auf einem Bauernhof besuche. Mein Leben ist also im Grunde eine Mischung aus Modeimperium und leicht verwirrtem Zoo. Und heute ist mein Geburtstag. Wir feiern gerade bei mir zu Hause.

Eigentlich sollte es eine Überraschung sein, aber Nolan kennt mich gut genug, um zu wissen, dass Überraschungen für mich ungefähr so angenehm sind wie Steuerprüfungen. Deshalb hat er mich vorher gewarnt. So konnte ich mich rechtzeitig vorbereiten: rotes seidiges Kleid, blonde Haare in weichen Wellen, roter Lippenstift, Parfüm – das ganze Programm. Ich kenne Wesley und Nolan seit meiner Kindheit. Wir sind zusammen zur Schule gegangen. Während Nolan und ich in der Modebranche gelandet sind, ist Wesley Koch geworden. Und nicht irgendeiner. Einer der besten Köche in ganz New York. Er besitzt ein Fünf-Sterne-Restaurant und ist gleichzeitig unser persönlicher Koch zu Hause. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, womit ich dieses Level an Luxus verdient habe, aber ich stelle keine Fragen. Die beiden unterscheiden sich allerdings sehr. Wesley ist breit gebaut, hat lange blonde Haare wie ein Surfer, grüne Augen und eine beneidenswert gebräunte Haut. Nolan hingegen hat kurze braune Haare, die er immer ordentlich zur Seite legt, und eine Hautfarbe, die ungefähr dem Farbton: Bibliothekslampe - entspricht. Auch ihr Stil ist unterschiedlich. Wesley trägt gern kurzärmelige Hemden und Shorts. Nolan läuft freiwillig in Anzügen herum. Niemand weiß warum. Vermutlich ein psychologisches Bedürfnis nach Kontrolle. Aber heute haben sich beide besonders Mühe gegeben. Das Haus ist perfekt dekoriert und leuchtet im Dunkeln. Wesley trägt sogar einen weißen Anzug und hat seine sonst lässigen Haare zusammengebunden. Nolan trägt einen schwarzen Anzug und singt mit den anderen lautstark: Happy Birthday! Mein Leben ist so toll. Wirklich.

»Na los, Sadie! Wünsch dir etwas!«, ruft Wesley und klatscht in die Hände. Mein rotes Lächeln strahlt glücklich, während ich meine Herzensspuren öffne. Denn in meinem Leben ist alles geplant. Alles hat seinen Platz. Ich blättere durch Seiten voller durchgestrichener Träume. Reiten. Schwimmen. Weltreisen. Modekarriere. Haus kaufen. Freunde einziehen lassen. Alles erledigt. Perfekt. Dann komme ich zur letzten Seite. Und dort steht nur noch ein einziger Wunsch. Mein letzter Wunsch. Mein Lächeln gefriert. Langsam. Sehr langsam. Meine Augen werden größer. Und dann schreie ich. So laut, dass jemand die Musik ausschaltet.

»Sadie? Was ist los?!«, fragt Wesley sofort. Ich packe ihn am Kragen.

»Mein Wunsch!« Das kann nicht wahr sein. Das ist ein Albtraum.

»Ich… ich glaube, ich werde ohnmächtig.«

»Oh Gott! Nolan! Hilf mir!«

»Leute! Die Party ist vorbei!«

Und so geschah es. Der schlimmste Geburtstag meines Lebens. Ich musste ganze zwanzig Minuten flach auf dem Boden liegen, bis mein Gehirn endlich beschloss, wieder mit meinem Körper zusammenzuarbeiten. Zwanzig Minuten sind übrigens eine erstaunlich lange Zeit, wenn zwei Männer neben einem stehen und darüber diskutieren, ob man noch lebt oder nur dramatisch stirbt. Als ich mich schließlich langsam aufsetze, wickelt Wesley mir ein nasses Tuch um den Kopf, als wäre ich eine sehr empfindliche Pflanze, die gerade umgetopft wurde.

»Hier. Trink das.« Nolan dagegen drückt mir ein Glas Wasser in die Hand. Ich nehme einen Schluck. Mein Kopf fühlt sich an, als hätte jemand darin Möbel umgestellt.

»Du sahst aus, als hättest du einen Geist gesehen.« Er beugt sich ein Stück näher zu mir. Ich überlege kurz, ob ich ihm erklären soll, dass ein Geist tatsächlich weniger erschreckend gewesen wäre als das, was ich gesehen habe.

»Da haben wir den Übeltäter«, sagt Wesley plötzlich. Er hält mein Buch hoch. Mein Lebensplanbuch. Mein Untergangsbuch.

»Dein letzter Wunsch.« Er tippt mit dem Finger auf die letzte Seite. Ich starre darauf. Mr. Right finden. Mein Magen zieht sich zusammen.

»Deswegen bist du ohnmächtig geworden?« Nolan runzelt die Stirn. Ich sehe ihn an, als hätte er gerade gefragt, warum Menschen Angst vor Haien haben.

»Weil das nicht so einfach ist.« Ich drücke ihm das Glas Wasser gegen die Brust, als würde ich ihm damit die Verantwortung zurückgeben. Dann schlage ich die Seite wieder auf.

»Meine Mutter sagt immer, es ist einfacher, auf der Straße eine Million zu finden, als den richtigen Mann.« Ich starre wieder auf den Satz. Mr. Right finden. Dann seufze ich so tief, dass wahrscheinlich irgendwo eine Möwe vom Dach fällt.

»Übrigens…« Ich räuspere mich.

»Mein Ohnmachtsanfall hatte noch einen zweiten Grund«, sage ich. Wesley und Nolan sehen mich an. Ich starre demonstrativ in mein Buch.

»Mir ist plötzlich eingefallen…, dass ich in meinem ganzen Leben noch nie etwas mit Männern hatte«, rede ich. Dann hebt Nolan langsam den Finger. Und zeigt auf mich.

»Das ist beleidigend.« Er steht auf.

»Was denn?« Ich blinzle.

»Ääääh… halloooo?!« Er zeigt dramatisch auf sich selbst. Dann auf Wesley.

»Sind wir etwa keine Männer für dich?«, fragt er. Ich überlege kurz.

»Nein.« Dann antworte ich ehrlich. Nolans Augen werden riesig. Wirklich riesig. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie gerade ein eigenes Postleitzahlgebiet bekommen haben. Er legt eine Hand auf seine Brust.

»Es wäre weniger schmerzhaft gewesen, wenn du uns direkt das Herz herausgerissen hättest.« Dann dreht er sich beleidigt weg. Ich springe fast auf.

»So habe ich das nicht gemeint!« Ich halte ihn am Arm fest, bevor er dramatisch aus dem Raum marschieren kann.

»Ich meine nur…« Ich gestikuliere hilflos.

»Ich sehe euch nicht mit diesen Augen.« Ich mache eine kleine, peinliche Kreisbewegung vor meinem Gesicht.

»Ihr wisst schon… Mr.-Right-Augen«, rede ich.

»Aha.« Er verschränkt die Arme.

»Sind wir also nicht gut genug für die Prinzessin?« Er lehnt sich ein Stück nach vorne.

»Was haben andere Männer, was wir nicht haben? Einen zweiten Penis?«, fragt er. Wesley prustet sofort los. So stark, dass er Nolan gegen die Brust schlägt.

»Du Idiot!« Dann wischt er sich lachend über das Gesicht.

»Na los«, sagt er schließlich und schiebt Nolan Richtung Küche.

»Bring ihr ein Stück Kuchen. Sie ist ein bisschen durcheinander«, sagt er. Wesley setzt sich neben mich. Ich senke langsam den Kopf.

»Ich habe noch nicht einmal meinen ersten Kuss gehabt, Wesley.« Jetzt ist er still. Ich starre wieder auf mein Buch.

»Und jetzt soll ich plötzlich Mr. Right finden.« Ich blättere zurück zur zweiten Seite.

»Vielleicht habe ich einfach mit der falschen Reihenfolge angefangen. Das passiert mir öfter. Zum Beispiel, wenn ich versuche, Möbel ohne Anleitung aufzubauen.« Ich tippe auf zwei alte Wünsche.

»Ich hätte ihn einfach früher auf die Liste setzen sollen.«, sage ich.

»Hier zum Beispiel«, sage ich und zeige auf die Seite.

»Körperbehaarungsentfernung.« Wesley liest den Punkt laut vor.

»Entspannungsspa«, liest er. Er nickt langsam, als würde alles plötzlich Sinn ergeben. Dann hebt er das Buch ein wenig an und betrachtet die Seite kritisch.

»Ja«, sagt er schließlich nachdenklich.

»Ich denke auch, dass Mr. Right genau zwischen Haarentfernung und Wellness sehr gut aufgehoben wäre«, neckt er. Ich starre ihn an. Dann seufze ich. Langsam schließe ich mein Buch. Und lasse mich wieder rückwärts auf die Couch fallen, als hätte mich mein eigenes Leben gerade körperlich beleidigt. Denn mein perfektes Lebenskonzept hat ein winziges, kleines Problem entdeckt. Es fehlt nur noch… ein Mann. Und ironischerweise scheint genau das die einzige Sache auf der Welt zu sein, die sich absolut nicht planen lässt.

»Alle in meinem Alter sind schon verheiratet, haben Kinder und leben glücklich bis ans Ende ihrer Tage«, jammere ich und starre dramatisch an die Decke, als würde dort irgendwo mein persönliches Schicksal wie eine schlecht montierte Lampe hängen.

»Und ich?« Kurz hebe ich den Kopf.

»Ich muss jeden Tag darauf achten, dass mein Chihuahua nicht aus Versehen im Ofen landet und ich ihn am Ende noch mit Rosmarin esse.« Dann lasse ich ihn wieder zurückfallen.

»Mein Leben ist ein einziges Desaster.« Ich seufze tief. Wesley bleibt erstaunlich ruhig. Er sitzt am Fußende der Couch, zieht plötzlich meinen Fuß auf seinen Schoß und beginnt ihn zu massieren, als wäre er ein professioneller Therapeut für überdramatische Frauen mit existenziellen Krisen.

»Jetzt mach es dir doch nicht so schwer«, sagt er ruhig. Seine Hände arbeiten erstaunlich kompetent. Ich notiere mental: Falls ich jemals Mr. Right finde, muss er Fußmassagen können.

»Du hast noch jede Menge Zeit, Mr. Right zu finden«, fährt Wesley fort. Er hebt kurz den Blick.

»Vielleicht ist er sogar ganz in deiner Nähe und du siehst ihn nur nicht.« Seine Finger hören plötzlich auf, meinen Fuß zu kneten. Im nächsten Moment setzt sich meine Nacktkatze Harry direkt auf mein Gesicht. Ich starre kurz ins Nichts. Dann hebe ich ihn langsam hoch.

»Darf ich vorstellen«, sage ich trocken und halte ihn hoch wie eine besonders wertvolle olympische Trophäe.

»Mr. Right.« Ich küsse ihn auf seinen kahlen Kopf und setze ihn neben mich. Lächelnd sehe ich zu Wesley. Der schaut mich einfach nur still an. Als sich unsere Blicke treffen, beginnt er zu schmunzeln.

»Sei für heute mein Mr. Right und massiere mir die Füße.« Ich hebe meinen Fuß demonstrativ wieder an, um ihn daran zu erinnern. Er nickt gehorsam und macht weiter. Ich lasse meinen Kopf erneut nach hinten fallen. Genau in diesem Moment taucht Nolan neben mir auf. Wie ein besonders enthusiastischer Kuchenlieferant.

»Hier, Sadie.« Er reicht mir ein gigantisches Stück Geburtstagstorte.

»Nach dieser Kalorienbombe wirst du Mr. Right ganz schnell vergessen«, sagt er. Ohne mich aufzusetzen, nehme ich den Teller.

»Vergessen?« Ich setze mich empört halb auf. Dann stopfe ich mir ein riesiges Stück Kuchen in den Mund.

»Hier wird überhaupt nichts vergessen!« Ich kaue wütend.

»Ab heute beginnt unsere Mission.« Noch ein Stück Kuchen verschwindet.

»Wir suchen den verfluchten Mr. Right, der es bis heute vergessen hat, mich zu finden!« Ich rede mit vollem Mund weiter und schiebe mir das nächste Stück hinein. Ein Stück Torte löst sich dabei und landet direkt auf meinem Dekolleté. In genau diesem Moment klingelt es an der Tür.

»Oh.« Ich piekse mit meiner Gabel in das Stück Kuchen auf meiner Brust.

»Hört ihr das?« Ich grinse.

»Mr. Right hat mich gefunden«, lache ich. Dann steht Nolan auf und geht mit einem leichten Kopfschütteln zur Tür.

»Übrigens« sagt er unterwegs.

»… ich habe wegen deiner kleinen Geburtstagskatastrophe vergessen zu erwähnen, dass ein Freund von mir heute aus dem Gefängnis entlassen wurde und eine Unterkunft braucht«, sagt er. Meine Augen werden sofort so groß wie Untertassen.

»Er wird eine Weile hierbleiben«, redet Nolan weiter. Ich sitze plötzlich kerzengerade.

»Aus dem Knast?!« Ich klammere mich sofort an Wesleys Arm.

»Oh Gott.« Die Tür geht auf.

»Liaaaaaam!«, ruft Nolan begeistert.

»Mein Bruderherz! Komm rein! Wir haben schon auf dich gewartet«, sagt er.

»Haben wir das?« Ich drehe langsam den Kopf zu Wesley. Wesley lächelt ruhig und schüttelt den Kopf.

»Na komm«, sagt Nolan und legt dem Mann den Arm um die Schulter.

»Ich stelle dir meine besten Freunde vor«, sagt er. Der Fremde nimmt die Kapuze ab. Und ich muss zugeben… Der Mann sieht aus, als hätte ein rebellischer Herrscher beschlossen, ein Tattoo-Studio zu überfallen. Eine üppige Mähne tiefschwarzer, welliger Haare fällt in lebendigen Locken um sein Gesicht.

Die Seiten sind kurz rasiert, was seinem ganzen Auftreten etwas gefährlich Elegantes gibt. Seine hellblauen Augen leuchten. Seine Augenbrauen sind markant. Ein Piercing glitzert. Sein ärmelloser schwarzer Hoodie hängt offen, wodurch man einen verschwitzten, muskulösen Oberkörper sieht. Sein Hals trägt ein Tattoo dunkler Engelsflügel. Seine Arme sind ein Museum aus Waffen, Skeletten und Schriftzügen. Seine Hände sind ebenfalls tätowiert. Der Mann sieht aus wie ein wandelndes Kunstwerk. Ein sehr gefährliches Kunstwerk. Und vor allem… kommt er aus dem Knast.

»Wooooow, ganz langsam«, sage ich sofort und springe auf.

»Ist er gerade eben erst aus dem Gefängnis raus?«, frage ich Nolan mit hochgezogenen Augenbrauen.

»Beruhige dich«, sagt Nolan schmollend.

»Es war nur eine Kleinigkeit«, redet er. Ich verschränke die Arme.

»Was hast du angestellt?« Ich sehe zu Liam. Seine Augen sind auf mein Dekolleté gerichtet. Frechheit!

»Ich saß wegen Raubkopien«, sagt er ruhig.

»Ich habe nur den Staat beklaut.« Er greift in seine Jackentasche. Ich klammere mich sofort an Wesley.

»Wesley«, flüstere ich panisch.

»Er zieht eine Waffe«, rede ich. Liam zieht etwas heraus. Ein schwarzes Haarband.

»Du hast was auf deinem Kleid«, sagt er. Ich starre auf mein Dekolleté. Tatsächlich. Krümel. Ich drehe mich sofort zu Nolan.

»Nolan. Wir müssen reden.« Ich marschiere an Liam vorbei. Neben meiner Zimmertür bleibe ich stehen und verschränke die Arme.

»Du bringst einen Häftling hierher?«, zische ich. Nolan seufzt.

»Sadie, er ist wirklich ein guter Mann. Die Polizei hat alles beschlagnahmt. Wenn ich ihm nicht helfe, landet er auf der Straße.« Wir schauen beide zur Couch. Liam sitzt dort. Wesley bringt ihm etwas zu trinken. Und Liam hebt meine Perserkatze Fast Food vorsichtig auf den Arm, weil sie allein nicht auf die Couch kommt. Er gibt ihr einen Kuss auf den Kopf. Meine Schultern sinken langsam. Verdammt. Mitleid.

»Außerdem« sagt Nolan plötzlich mit einem breiten Grinsen.

»… vielleicht ist er ja dein Mr. Right«, redet er. Ich ramme ihm sofort den Ellbogen in den Bauch.

»Ganz bestimmt nicht.« Ich zeige mit meinem langen roten Nagel auf ihn.

»Auf meiner Liste stehen keine tätowierten Ex-Häftlinge, die aussehen wie Serienkiller«, rede ich. Nolan hebt sofort die Hände.

»Okay, okay.« Dann schaut er wieder zu Liam.

»Aber sieh ihn dir doch an. Wie harmlos er da sitzt. Ganz allein. Ohne Familie«, redet er. Ich folge seinem Blick. Liam streichelt gerade Fast Food. Mein Herz wird weich.

»… Na gut«, murmele ich schließlich.

»Danke dir! Liam! Wir haben noch Geburtstagstorte!« Nolan strahlt sofort, als hätte er persönlich die weltweite Kuchenproduktion erfunden. Ich hingegen gehe langsam zurück zur Couch und lasse mich wieder fallen, während ich versuche, so zu tun, als wäre es völlig normal, dass plötzlich ein frisch entlassener Ex-Häftling im Wohnzimmer sitzt. Liam schaut mich an. Seine Augen sind scharf. Wirklich scharf. So scharf, dass ich kurz überlege, ob sie auch Konservendosen öffnen könnten.

»Herzlichen Glückwunsch«, sagt er ruhig.

»Wenn ich gewusst hätte, dass du Geburtstag hast, hätte ich dir ein Geschenk mitgebracht.« Er streichelt dabei weiterhin meine Katze, als wäre sie ein diplomatischer Vermittler zwischen uns.

»Aber du siehst aus, als hättest du bereits alles im Leben«, fügt er hinzu. Mein Gehirn springt sofort zu meinem letzten Wunsch. Mr. Right. Ja. Klar. Alles. Absolut. Perfekt.

»Du hast dein Geschenk noch gar nicht ausgepackt«, sagt Wesley plötzlich. Er reicht mir eine kleine Schachtel mit einer roten Schleife. Ich lächle.

»Da ist nicht zufällig Mr. Right drin, oder?«, frage ich. Wesley lacht.

»Beim nächsten Geburtstag weiß ich dann, was ich dir schenken muss«, sagt er. Ich gebe ihm einen kleinen Schlag auf den Arm und öffne die Schachtel. Ein Armband. Ein zartes, silbernes Armband mit einem kleinen roten Herz. Mein Gesicht wird automatisch weich.

»Ich lege es dir an«, sagt Wesley. Er nimmt mein Handgelenk und schließt vorsichtig den Verschluss.

»Ich glaube, du hast deine Einkaufsliste verloren.« Liam hält mein Buch hoch. Meine Herzensspuren. Ich lächle. Sehr künstlich. So künstlich, dass wahrscheinlich irgendwo ein Plastiklöffel neidisch wird.

»Mein lieber, lieber Knastinsasse.« Ich nehme ihm das Buch aus der Hand.

»Das hier«, sage ich und halte es neben mein Gesicht.

»… ist keine Einkaufsliste.« Ich lasse mich neben ihm auf die Couch fallen.

»Das sind meine Herzensspuren«, rede ich.

»Deine was?« Er hebt eine Augenbraue. Ich schließe die Augen.

»Nolan«, seufze ich.

»Erklär es ihm.« Ich lege das Buch auf meinen Bauch.

»Heute bin ich alt geworden, habe keinen Mann, kein Kind und Lippen, die so ungeküsst sind, dass sie langsam Staub ansetzen.« Ich atme tief aus.

»Wenn jetzt ein Blitz einschlägt, würde ich das ehrlich gesagt akzeptieren«, gebe ich zu. Nolan nimmt mein Buch.

»Sadie schreibt seit ihrer Kindheit alle Ziele ihres Lebens in Bücher«, erklärt er. Er zeigt Liam einige Seiten.

»Und jedes Mal, wenn sie etwas erreicht hat, streicht sie es durch.« Er klappt das Buch zu.

»Das war’s eigentlich«, sagt er.

»Kann ich reinschauen?«, fragt Liam. Mit geschlossenen Augen hebe ich einfach eine Hand, als würde ich einem gelangweilten Kellner signalisieren, dass er mir endlich die Rechnung bringen soll. Soll er doch schauen. Als hätte ich etwas zu verbergen. Ich höre, wie er die Seiten durchblättert.

»Ist das nicht schwachsinnig?«, sagt er. Meine Augen fliegen auf. Wie bitte? Langsam hebe ich den Kopf von der Couch.

»Wie bitte?«, frage ich.

»Soweit ich das verstanden habe, hast du all deine Wünsche in einer bestimmten Reihenfolge verfolgt.« Er blättert weiter.

»Ist es nicht schwachsinnig, sich selbst Grenzen zu setzen und nach einem Muster zu leben?« Hat der gerade… mein ganzes Lebenskonzept beleidigt? Dieser Mann kam vor zwanzig Minuten aus dem Gefängnis. Er hat wahrscheinlich jahrelang Betonwände angestarrt und nennt jetzt meinen Lebensplan schwachsinnig.

»Vor allem…« Er blättert weiter. Seine Augen scannen die Seiten.

»… hast du in deinem Leben nur langweilige Sachen gemacht«, redet er. Mein Mund klappt auf. Mein Rücken schnellt hoch.

»Langweilig?!«, frage ich. Er hebt die Hand und zählt trocken auf.

»Kein Bungee-Jumping. Kein Paintball. Kein Fallschirmspringen.« Er klopft mit dem Handrücken auf eine Seite.

»Es ist ja auch kein Todesbuch!«, rufe ich und lasse mich wieder dramatisch auf den Rücken fallen. Ich schließe die Augen. Vielleicht verschwindet er ja. Vielleicht ist er nur eine Halluzination aus Zucker, Stress und Geburtstagstorte.

»Also bitte.« Er blättert weiter.

»Einen Schal häkeln?«, fragt er. Meine Augen reißen wieder auf.

»War das wirklich einer deiner Herzenswünsche?« Er hebt eine Augenbraue und hält das Buch hoch. Ich richte mich wieder auf.

»Der Schal ist richtig flauschig und hält mich im Winter warm, okay?!« Ich lasse mich wieder zurückfallen. Mein Gott. Ich verteidige gerade ernsthaft einen Schal vor einem Ex-Häftling.

»Und die zehnstöckige Torte, die du gebacken hast?«, fragt er. Ich kneife die Augen zusammen.

»Dieser Traum ist wohl in deinem Magen geplatzt«, sagt er trocken.

»Gib das her!« Ich beuge mich sofort zu ihm und reiße ihm mein Buch aus der Hand.

»Was weißt du schon von Wünschen?« Ich lasse mich wieder zurückfallen und betrachte mein Buch, als wäre es ein heiliges Artefakt.

»Ich war fünf Jahre im Knast.« Seine Stimme ist tief. Rau. Ich halte mitten im Blättern inne.

»Wenn jemand sich mit Wünschen auskennt«, sagt er.

»… dann ich.« Langsam senke ich mein Buch. Oh. Gut gemacht, Sadie. Du hast gerade einem Mann, der fünf Jahre eingesperrt war, erklärt, wie Wünsche funktionieren. Applaus. Liam steht bereits auf.

»Nolan, zeigst du mir, wo ich schlafe?« Er greift nach seiner Tasche.

»Ja klar«, sagt Nolan.

»Du bleibst bei mir.« Die beiden gehen los. Mein schlechtes Gewissen krabbelt plötzlich in mir hoch wie eine sehr unangenehme Katze.

»Wartet«, sage ich. Beide bleiben stehen. Ich gehe zur Kommode, ziehe ein unbeschriftetes, leeres Buch heraus und komme zurück.

»Es ist nie zu spät, seine Wünsche aufzuschreiben.« Ich halte es Liam hin. Er schaut auf das Buch. Seine Augen sind still. Eiskalt.

»Von mir aus«, murmele ich genervt.

»… kannst du es auch als Einkaufsliste benutzen.« Ich will meine Arme schon wieder senken. Da lächelt Liam plötzlich. Er nimmt das Buch.

»Danke.« Er hebt es leicht an.

»Ich finde bestimmt was. Ein Wunsch.« Er zwinkert. Dann verschwindet er im Zimmer, das Nolan ihm zeigt. Kurz nach Mitternacht ist das Haus still. Ich trage meinen rosafarbenen Hasenpyjama. Mit passender Hose.

Und flauschigen Bärenhausschuhen. Ich stehe im Badezimmer vor dem Spiegel und putze mir die Zähne. Die Tür öffnet sich. Ich spreche mit Zahnbürste im Mund.

»Wesley.« Schaum tropft leicht in das Waschbecken.

»… sag Nolan, er soll seinem Knastfreund erklären, dass man nach dem Pinkeln den Klodeckel wieder runter macht.« Ich schrubbe meine Zähne.

»Im Gefängnis hat er sich bestimmt wie ein Schwein benommen. Wir müssen ihn erziehen«, murmele ich.

»Keine Sorge.« Diese Stimme. Ich verschlucke mich fast.

»Ich kann mit und ohne Deckel zielen.« Liam. Er steht plötzlich links neben mir. Nur in schwarzer Boxershorts. Mit Zahnbürste und Zahnpasta. Mein Gehirn: Oh. Oh nein. Warum hat dieser Mann Muskeln? Warum so viele?

»Du hast da… etwas«, sagt er. Sein Finger zeigt auf meine Lippen. Dann wischt sein Daumen über meine Oberlippe. Zahnpasta. Er lächelt leicht, dreht den Wasserhahn auf und wäscht seinen Finger. Ich putze schweigend weiter. Ganz normal. Als hätte ich ihn nicht vorhin beleidigt. Meine Augen wandern allerdings. Unfreiwillig. Zu seiner Brust. Hat der Junge mehr Brustmuskeln als ich? Ich schaue kurz auf meine eigene Brust. Dann wieder zu seiner. Analyse abgeschlossen: Ja. Als sein Oberarm meinen berührt, fällt mir die Zahnbürste aus der Hand. Liam reagiert sofort. Er beugt sich nach unten und fängt sie auf. Mit Zahnbürste im Mund. Sein Gesicht ist plötzlich ganz nah an meinem. Seine Augen. Unglaublich klar. Fast durchsichtig. Währenddessen läuft ihm ein kleiner Streifen Zahnpasta aus dem Mund. Meine Zahnbürste berührt kalt meine Brust. Er reicht sie mir. Ich nicke dankbar. Wir putzen weiter. Meine Augen wandern erneut. Zu seinem Bauch. Ich beginne automatisch zu zählen. Eins. Zwei. Drei. Vier. Moment. Das sind acht. Acht?! Das sieht aus wie kleine Tortenstücke. Meine Augen wandern tiefer. Sehr schlechter Plan. Sehr schlechter Plan! Sein Penis. Sieht aus wie ein Berg. Ein Hügel. Als mir plötzlich ein Taschentuch vor die Nase gehalten wird, muss ich blinzeln. Im Spiegel sehe ich mich. Mein Kopf hängt schief. Zahnpasta tropft auf mein Shirt. Großartig. Ich nehme das Taschentuch. Na super. Jetzt denkt der Typ, ich sei eine notgeile Stalkerin. Wenn er nur wüsste, dass er längst von meiner Mr-Right-Liste gestrichen wurde. Ich greife zum Wasserhahn. Zur gleichen Zeit greift Liam danach. Unsere Finger berühren sich. Unsere Blicke treffen sich.

»Nur zu…« Er stoppt. Die Zahnpasta läuft aus seinem Mund. Er beugt sich hastig über das Waschbecken. Spuckt. Zu spät. Ein weißer Streifen landet auf seiner Brust. Und rutscht langsam über seine Bauchmuskeln nach unten. Ich starre. Der Streifen landet am Bund seines Boxershorts. Verdammt der gleitet weiter. Jetzt liegt er auf seinem Penis. Er wischt langsam mit einem Taschentuch. Sehr ungünstige Stelle. Er reibt daran. Und reibt, reibt. Mein Kopf bewegt sich mit. Bei jeder Reibung. Ich drehe mich sofort weg. Spucke ins Waschbecken. Um die Situation weniger peinlich zu machen, lasse ich Wasser laufen. Im Spiegel sehe ich, wie Liam das Taschentuch wegwirft. Und dann - sein Hintern. Wow. Der Typ trainiert definitiv. Der Stoff klemmt zwischen seinen Pobacken. Ich ducke mich sofort und spucke das Wasser aus. Als ich mich wieder aufrichte, stoße ich gegen etwas Hartes. Mein Bauch wird gegen das Waschbecken gedrückt. Liam steht direkt hinter mir. Sein Bauch berührt meinen Rücken. Seine Arme sind links und rechts vom Waschbecken abgestützt. Er umschließt mich praktisch.

»Habe ich dir wehgetan?«, fragt er. Seine Nasenspitze streift meine Wange. Ich halte den Atem an.

»Nein«, flüstere ich.

»Du riechst gut«, sagt Liam plötzlich dicht hinter mir. Seine Stimme ist so nah an meinem Ohr, dass ich kurz vergesse zu atmen. Dann spüre ich, wie er leicht an einer meiner Haarsträhnen schnuppert.

»Welches Shampoo benutzt du?«, fragt er. Und sein Penis berührt meinen Hintern. So warm. Mein Gehirn setzt kurz aus. Warum riecht dieser Mann an meinen Haaren?

Warum fühlt sich das so… seltsam angenehm an?

Und warum funktioniert mein Gehirn gerade wie ein kaputter Toaster?

»Ich… esse Schokolade«, antworte ich verwirrt. Ich räuspere mich unbeholfen.

»Also… der Duft, den du riechst, kommt wahrscheinlich von der Schokolade. Nicht von meinem Shampoo«, rede ich. Liam blinzelt. Einmal. Zweimal. Der arme Mann versucht offensichtlich gerade zu verstehen, in welcher Welt Schokolade ein Parfum ersetzt.

»Steht dir gut«, sagt er schließlich langsam.

»Also… der Duft.« Er lehnt sich einen Hauch zurück.

»Der Schokolade«, redet er. Ich schwöre, ihm ist kurz schwindelig geworden.

»Sadie?« Wesleys Stimme schneidet durch die Situation wie eine Rettungsleine. Ich ducke mich sofort panisch unter Liams Arm hindurch.

»Ich komme!«, rufe ich und flüchte aus dem Badezimmer. Im Flur steht Wesley mit einem triumphierenden Gesichtsausdruck. Er hebt seine Arme. In der einen Hand: Chips. In der anderen: Eiscreme. Unter dem Arm: eine DVD.

»Um dich aufzumuntern, habe ich einen Film über kleine niedliche Tiere in der Wildnis, eine Tüte Chips und eine Ladung Eiscreme«, sagt er. Dieser Mann versteht emotionale Krisen.

»Wenn du dich wirklich aufmuntern willst«, ertönt plötzlich Liams Stimme hinter mir.

»… genügt es manchmal, laut loszuschreien oder irgendwo richtig fest zuzuschlagen«, sagt er. Wesleys Lächeln verschwindet langsam. Sehr langsam.

»Sadie, ist nicht die Art von Person, die auf Zerstörung steht.« Er senkt seine Arme.

»Niemand erwartet von ihr, Gläser durch die Gegend zu werfen.« Er überlegt kurz.

»Meistens reicht es, auf ein Kissen zu schlagen.« Liam schaut zu mir. Dann lächelt er. Dieses charmante, gefährliche Lächeln. Er zwinkert. Und geht einfach an uns vorbei. Seine Boxershorts ist dabei so weit runtergerutscht, dass man tatsächlich seine Pobacken sehen kann. Oh. Das… ist anatomisch beeindruckend. Doch Wesley stellt sich sofort vor mich. Die Aussicht verschwindet.

»Also« sagt er.

»Depressions-Erholung in deinem Zimmer oder in meinem?«, fragt er.

»In deinem«, antworte ich und nehme die Eiscreme. »In meinem fehlt Mr. Right, wie du weißt.« Also landen wir auf Wesleys Bett und schauen eine Tierdokumentation. Alles läuft gut. Bis… zwei Pinguine auftauchen. Sie watscheln glücklich nebeneinanderher. Zwischen ihren Beinen ein kleines Pinguinbaby. Sie sehen aus wie eine perfekt funktionierende Familie. Und plötzlich…weine ich. Seit zehn Minuten.

»Ich werde nie so eine glückliche Familie haben wie diese Pinguine daaaaa«, schluchze ich und zeige dramatisch auf den Fernseher. Wesley wischt mir die Tränen ab. Dann schaltet er den Fernseher aus.

»Sag so etwas nicht, Sadie«, sagt er sanft. »Die Liebe wird dich finden. Vielleicht dauert es etwas. Aber sie kommt genau dann, wenn du sie am meisten brauchst«, sagt er. Ich schniefe.

»Alles hat seine Zeit«, sagt er. Ich nicke schmollend.

»Werde ich meinen Pinguin finden?«, frage ich mit gebrochener Stimme. Wesley lächelt und berührt meine Wangen.

»Ja.« Er schaut mich ernst an.

»Und er wird dich nie wieder loslassen.« Er schaut sehr intensiv auf meine Lippen. Sehr. Sehr intensiv.

»Habe ich Popel am Mund?«, frage ich sofort und reibe hektisch über meine Lippen. Wesley lacht und senkt den Kopf.

»Mach bitte einen anderen Film rein«, murmele ich und lehne mich zurück.

»Die Pinguine sind mir zu glücklich«, rede ich.

»Dein Wunsch ist mir Befehl, Prinzessin.« Der nächste Film handelt von Zombies. Zombies, die Verliebte zerstückeln. Sehr therapeutisch. Irgendwann schläft Wesley ein. Der Film endet. Aber mein Drama nicht. Also gehe ich in mein Zimmer. Und starre auf mein Kissen. Seit fünf Minuten.

»Okay« sage ich zu mir selbst.

»Einfach draufhauen und alles wird besser.« Ich knie mich aufs Bett. Atme tief ein. Hole aus. Und schlage mit voller Wucht zu.

»AAAAAAA!!!!« Ich schreie.

»Mein Finger!!« Mein kleiner Finger knickt schmerzhaft weg.

»AAAAAAAAA!« Die Tür fliegt auf.

»Sadie?!«, ruft Liam und stürmt herein.

»Gibt es einen Eindringling?!« Er schaut panisch durchs Zimmer. Ich schüttle heulend den Kopf.

»Es ist viel schlimmer!« Ich halte meine Hand hoch.

»Ich glaube, mein Finger ist gebrocheeeeeeen!«, rufe ich. Liam stürzt zum Bett. Er greift meine Hand. Zieht mich hoch.

»Es tut so weh!«, schreie ich und zerre mit der anderen Hand in seinem Haar.

»Wenn du aufhörst zu schreien«, sagt Liam mit schmerzverzerrtem Gesicht.

»… fahre ich dich sofort ins Krankenhaus!«, sagt er.

»Sadie?!«, ruft Wesley verschlafen von der Tür.

»Hat sie erfahren, dass ihr Mr. Right tot ist?« Auch Nolan taucht auf. Stille. Meine Augen werden riesig. Dann schreie ich noch lauter.

Fünf Minuten später sitzen wir im Auto. Zehn Minuten später rennen sie mit mir ins Krankenhaus.

»NOTFALL!«, ruft Nolan.

»MACHT PLATZ!« Ein alter Mann wird samt Rollstuhl zur Seite geschoben. Ich schreie weiter.

»Wir brauchen einen Arzt!«, ruft Liam panisch.

»Was ist passiert?« Eine Krankenschwester kommt. Liam setzt mich auf die Liege.

»Mein Finger ist einen Millimeter zur Seite gerutscht!« Ich halte meinen Finger hoch. Die Schwester tritt erschrocken zurück. Ich schließe dramatisch die Augen.

»Ich werde sterben«, flüstere ich.

»Ohne jemals Mr. Right getroffen zu haben«, sage ich.

»Keine Sorge! Wir finden ihn auch nach deinem Tod!« Nolan ruft hinter mir. Also werde ich hier behandelt. Mit Blaulicht, Drama, drei hysterischen Männern – und am Ende… ist mein Finger nur verstaucht. Ich sitze im Rollstuhl im Krankenhausflur und starre beleidigt auf meine kleine Schiene, als hätte sie mich persönlich verraten. Als ich dann Liam entdecke, der nur in seiner Boxershorts auf einem Klappstuhl sitzt, lehne ich mich automatisch ein Stück nach vorne. Natürlich. Natürlich sitzt der Mann breitbeinig da, als wäre ein Krankenhausflur sein persönliches Wohnzimmer. Mehrere Krankenschwestern stehen ein paar Meter entfernt und tuscheln miteinander. Zwei von ihnen sind knallrot im Gesicht. Eine versucht krampfhaft, nicht hinzuschauen, schaut aber trotzdem jede fünf Sekunden wieder zu ihm. Großartig. Ich sitze hier im Rollstuhl wie eine gebrochene Großmutter, während der halbnackte Ex-Häftling neben mir zum Krankenhaus-Model wird. Der Sanitäter, der mich gefahren hat, hält schließlich neben Liam an. Er sieht ihn lange an. Dann mich. Dann wieder ihn.

»Ihre Freundin ist ein sehr schwerer Fall.« Er macht eine kurze Pause.

»Retten Sie sich, solange Sie können.« Dann schiebt er den Rollstuhl einen halben Meter vor und verschwindet mit einem Kopfschütteln den Flur hinunter. Ich drehe mich sofort empört um.

»Erstens ist er nicht mein Mr. Right!« Ich hebe dramatisch meinen bandagierten Finger.

»Und zweitens tut mein Finger immer noch weh, okay?!«, rufe ich. Liam sagt nichts. Er stellt sich einfach hinter meinen Rollstuhl. Und beginnt zu schieben.

»Sofort anhalten, Häftling!«, rufe ich. Er bleibt tatsächlich stehen. Ich drehe mich halb zu ihm um und hebe meinen verletzten Finger wie einen Richterhammer.

»Kannst du mir mal erklären, warum du hier in Boxershorts herumläufst?« Ich sehe ihn streng an.

»Ich bin eine Frau mit Klasse. Ich kann mich so nicht mit dir sehen lassen.« Außerdem glotzt gerade das halbe Krankenhaus auf deinen Hintern. Und ich muss daneben sitzen. Liam antwortet nicht sofort. Stattdessen greift er plötzlich nach den Griffen des Rollstuhls. Und kippt ihn nach hinten.

»HEY!« Ich halte mich fest. Jetzt schaue ich direkt nach oben. Direkt in seine Augen. Meine Nase ist so nah an seinem Bauch, dass ich fast seine Haut berühre. Oh. Das sind definitiv Bauchmuskeln. Viele Bauchmuskeln.

»Du hast geschrien«, sagt er ruhig. Seine Stimme klingt erstaunlich gelassen.

»Als würden dich zehn Grizzlybären gleichzeitig angreifen.« Er lächelt leicht.

»Da habe ich vergessen, mir etwas anzuziehen«, redet er. Ich verschränke die Arme.

»So kann ich mich trotzdem nicht mit dir sehen lassen.« Ich schaue mich um. Eine Krankenschwester stolpert gerade fast gegen einen Wagen, weil sie wieder zu Liam starrt. Unglaublich.

»Wo sind Wesley und Nolan?«, frage ich. Liam kippt den Rollstuhl wieder nach vorne und beginnt weiterzugehen.

»In der Kantine.« Er schaut nach vorne, während er mich durch den Flur schiebt.

»Sie dachten, du würdest Hunger bekommen, wenn du aus der Behandlung kommst. Nach jedem deiner Tränenausbrüche scheint Essen dein nächster Schritt zu sein. Das ist wohl dein Muster«, stellt er fest. Ich hebe langsam die Augenbrauen.

»Ein Muster? Ich habe kein Muster. Ich habe emotionale Strategien!«, korrigiere ich.

»Sie scheinen dich wirklich gut zu kennen«, sagt Liam hinter mir ruhig. Seine Stimme ist tiefer geworden, fast nachdenklich.

»Wenn ein Mann auf solche Details achtet, dann musst du ihnen besonders wichtig sein«, redet er. Ich spüre, wie er kurz zu mir hinunterblickt. Als ich den Kopf hebe, sehe ich wieder dieses charmante Lächeln in seinem Gesicht.

»Sadie!« Nolans Stimme durchschneidet meine Gedanken.

»Wir haben deine Medizin!« Er hält mir grinsend einen Muffin entgegen, den ich sofort an mich reiße, als hätte ich seit drei Tagen nichts gegessen.

»Und einen Zaubertrank für die gebrochene Seele«, fügt Wesley hinzu und reicht mir einen kalten Saft. Ich nehme die Flasche, seufze dramatisch und hebe meine bandagierte Hand.

»Kannst du ihn mir bitte öffnen? Ich fühle mich so schwach.« Ich halte meinen Finger mit der Schiene so hoch, dass Wesley ihn unmöglich übersehen kann.

»Aber gerne doch«, sagt er geduldig. Während er den Deckel aufdreht, höre ich hinter mir Liam lachen. Ich drehe langsam den Kopf nach oben zu ihm.

»Was gibt es denn da zu lachen, bitte?«, frage ich gereizt. Liam lächelt immer noch.

»Du scheinst sehr verwöhnt zu sein.« Er tritt einen Schritt zurück und stellt sich neben Nolan. Ich mustere ihn demonstrativ von oben bis unten. Und bleibe natürlich bei der Boxershorts hängen. Das ist kein Outfit. Das ist ein Unfall.

»Ich würde mich ja gerne weiter mit dir unterhalten, aber dein Gesamtbild, mein Freund…« Ich hebe meinen Finger und zeige auf ihn.

»… entspricht nicht dem Geschmack meiner Augen.« Dann wende ich mich zu Nolan.

»Sag deinem Freund bitte, dass er mit zwanzig Metern Abstand hinter uns laufen soll.« Ich deute auf die Menschen im Flur.

»Die Leute sehen uns schon an und denken bestimmt, ich hätte mir einen Stripper bestellt.« Mehrere Besucher sitzen tatsächlich auf ihren Stühlen und lächeln Liam an. Eine ältere Dame mustert ihn sogar mit auffälligem Interesse. Liam scheint das überhaupt nicht zu stören. Er sieht mich nur an.

»Warum ist es dir so wichtig, was andere über dich denken?«, fragt er. Bevor ich antworten kann, mischt sich Nolan ein.

»Sadie ist eine Perfektionistin«, erklärt er ruhig.

»Sie möchte immer ein Vorbild sein und strebt danach, eine sehr beliebte Person zu sein, die im Leben alles erreicht hat«, erzählt er.

»Eine Perfektionistin?« Liam runzelt leicht die Stirn. Ich rolle ein Stück näher an ihn heran.

»Warum wunderst du dich denn?«, frage ich. Er sieht mich einen Moment lang schweigend an.

»Weil jedes Mal, wenn du versuchst perfekt zu sein, ein Stück von dir kaputtgeht.« Seine Worte treffen mich unerwartet.

»Welchen Sinn hat das Leben«, fährt er fort.

»…, wenn man nicht seinem eigenen Strom folgt?« Er verschränkt locker die Arme.

»Regeln wurden erfunden, um Menschen einzuschränken. Man sollte seine Freiheit nicht einsperren, nur weil man Angst davor hat, was andere denken«, redet er. Meine Schultern sinken ein wenig. Warum klingt das so… ernst? Er schaut mich weiter an.

»Du bist eine wunderschöne Frau«, sagt er. Ich blinzele. Moment. Hat der mich gerade…?

»Aber du wirkst nicht frei in deinem eigenen Körper«, sagt er. Ich sehe kurz auf meine Hände. Dann auf meinen Finger.

»Sieh dich doch an«, sagt Liam ruhig.

»Du hast dir einen kleinen Schmerz am Finger zugezogen und sitzt im Rollstuhl, als hättest du das Schlimmste der Welt erlebt.« Er neigt leicht den Kopf.

»Wenn schon Kleinigkeiten dich niederwerfen… wie willst du dann aufstehen, wenn das Leben dir wirklich das Herz bricht?« Seine Worte lassen mich automatisch wieder auf meinen Finger schauen. Bevor ich etwas sagen kann, legt Wesley sanft eine Hand an meinen Haaransatz.

»Sie ist perfekt, so wie sie ist«, sagt er ruhig.

»Sie muss sich nicht ändern«, redet er. Ich lächle dankbar zu ihm.

»Wie hast du es überhaupt geschafft, dir den Finger zu verletzen, Sadie?« Nolan beugt sich leicht vor. Ich drehe sofort den Kopf zu Liam.

»Weil dein unglaublich toller Freund mir gesagt hat, dass all meine Sorgen verschwinden, wenn ich irgendwo draufhaue.« Ich starre Liam streng an. Er schüttelt lächelnd den Kopf.

»Und dann hast du gegen eine Wand geschlagen?«, fragt Nolan. Ich starre ihn entsetzt an.

»Denkst du etwa, ich bin so dumm und schlage mit der bloßen Faust gegen Beton?« Ich halte meinen verletzten Finger hoch.

»Ich habe gegen mein Kopfkissen gehauen.« Stille. Eine Sekunde. Dann beginnt Nolan plötzlich laut zu lachen.

»Was ist daran so lustig?« Ich rolle mit dem Rollstuhl näher an ihn heran. Er versucht sich zu beruhigen, schafft es aber nicht.

»Du hast dir also ernsthaft den Finger verletzt… beim Schlagen eines Kopfkissens?« Er beugt sich leicht nach vorne.

»Was war da drin? Steine?«, fragt er. Meine Augen verengen sich.

»Sehr witzig.« Da er immer noch grinst, hebe ich meinen Fuß und versuche, ihm gegen das Knie zu treten.

»Hey!« Doch Nolan springt blitzschnell zur Seite. Unglaublich.

»Das ist bestimmt nur passiert, weil du nicht weißt, wie man eine Faust richtig benutzt«, sagt Liam und verschränkt lässig die Arme.

»Bevor ich in den Knast gegangen bin, war ich Personal Trainer in einem Boxverein.« Er hebt leicht einen Mundwinkel.

»Ich zeige dir, wie man Fäuste richtig benutzt. Danach steht dir nichts mehr im Weg, um dein Kopfkissen zu verprügeln«, neckt er. Ich starre ihn an. Natürlich.

Natürlich war er auch noch Boxtrainer. Warum nicht gleich ehemaliger Ninja und Astronaut dazu? Ich beuge mich ein Stück zu ihm.

»Ich habe meinen Finger an einem Kopfkissen verletzt, das das Aussehen eines Einhorns hat«, erkläre ich langsam.

»Und das nur, weil ich auf dich gehört habe, Mister.« Ich hebe meine Augenbrauen.

»Denkst du ernsthaft, ich ziehe mir jetzt Boxhandschuhe an und riskiere meinen ganzen Arm?«, frage ich. Liam beugt sich ebenfalls ein Stück herunter, bis seine Augen genau auf meiner Höhe sind. Seine hellblauen Augen sehen dabei so klar aus, dass sie fast unverschämt wirken.

»Ich verspreche dir«, sagt er ruhig.

»… dir wird nichts passieren.« Er macht eine kurze Pause.

»Und falls doch…« Sein Blick bleibt auf meinem Gesicht.

»… kannst du mir mein Herz brechen«, redet er. Mein Mund öffnet sich leicht. Was war das denn jetzt für ein Satz? Seine Lippen sind erstaunlich präzise geformt. Und als er lächelt, entstehen kleine Grübchen in seinen Wangen. Mein Gehirn beschließt, für einen Moment Urlaub zu machen.

»Liam«, sagt Nolan plötzlich trocken hinter uns.

»… ich glaube, es ist kein guter Zeitpunkt, um deinen knackigen Hintern so in Szene zu setzen«, sagt er. Liam dreht den Kopf über die Schulter. Zwei ältere Damen stehen ein paar Meter entfernt im Flur. Beide haben Infusionsständer neben sich. Und beide machen gerade ein Foto. Von Liams Hintern. Mein Herz bleibt stehen.

»Oh Gott…« Ich starre entsetzt.

»Sie haben mich mit aufgenommen!« Ich reiße die Augen auf.

»Jetzt denken die alten Damen, ich hätte hier einen Lapdance bestellt!« Ich stoße Liam panisch zur Seite.

»HEY, OMI! HALT!« Ich drehe die Räder meines Rollstuhls hektisch.

»Warten Sie! Ich kann das erklären!« Die beiden Omas bewegen sich allerdings überraschend schnell. Sehr schnell. Zu schnell für einen Rollstuhl. Sie verschwinden um die Ecke. Ich bleibe keuchend im Flur stehen.

»Okay« sagt Wesley und greift von hinten an meinen Rollstuhl.

»Du hast jetzt Sendepause, Sadie.« Er lenkt mich einfach in die entgegengesetzte Richtung.

»Aber das Bild!«, jammere ich.

»Mein wunderschönes Gesicht ist zusammen mit seinem Hintern darauf!« Ich werfe dramatisch den Kopf zurück.

»Meine Zukunft ist ruiniert, Wesleeeeeey!« Ich falle in meine künstliche Ohnmacht. Doch dann höre ich Liams Lachen. Direkt neben mir. Ich reiße sofort wieder die Augen auf.

»Du!«, rufe ich und richte mich auf. Ich zeige mit dem Finger auf ihn.

»Du läufst ab jetzt zwanzig Meter hinter uns. Sofort«, verlange ich. Liam schüttelt den Kopf, aber er gehorcht tatsächlich. Er geht ein paar Schritte voraus. Ich lehne mich zurück. Und sehe automatisch wieder auf seinen Hintern. Wesley und Nolan tun dasselbe.

»Nolan. Finde heraus, welches Trainingsprogramm er macht.« Ich strecke die Hand nach hinten aus.

»Ab morgen fange ich mit Sport an.« Ich starre immer noch auf Liams Hintern.

»Wesley, gib mir dein Handy. Ich muss mir diesen Wunsch sofort notieren«, rede ich.

»Soweit ich weiß, ist das Natur, Sadie.« Nolan räuspert sich. Ich drehe langsam den Kopf zu ihm.

»So einen Hintern wirst du niemals bekommen. Nicht mal mit Op«, redet er. Ich reiße den Arm sofort zurück.

»Willst du mir gerade sagen, dass ich keinen schönen Hintern habe?!«, frage ich. Nolan hebt panisch die Hände.

»Neiiiin! So war das nicht gemeint.« Er beugt sich zu mir und klopft mir beschwichtigend auf die Schulter.

»Deiner ist… äh… fett und weich. Seiner ist optimiert und straff«, erklärt er. Ich schlage ihm sofort auf den Kopf. Wesley beugt sich zu mir.

»Hör nicht auf ihn«, sagt er freundlich.

»Ich finde deinen Hintern wirklich süß«, redet er. Ich atme erleichtert aus.

»Ja. Zu süß.« Nolan grinst.

»Da ist mehr Zucker drin als in einer Zuckerdose«, neckt er. Ich greife sofort nach den Rädern meines Rollstuhls.

»Na warte!« Und jage Nolan den Flur entlang.

Die Nacht überstehe ich einigermaßen. Doch am nächsten Morgen hat sich ein Gedanke in meinem Kopf festgesetzt. Mr. Right. Also binde ich mir meine Haare zu einem lockeren Dutt, setze mein Haarband mit Hasenohren auf und trage eine rosige Gesichtsmaske. In diesem Zustand laufe ich mit meinem Laptop ins Wohnzimmer.

»Sadie? Schon wach?«, fragt Wesley. Er kommt aus der Küche mit einem Teller voller Pfannkuchen. Er trägt ein hellblaues Hemd mit Palmenmuster, das halb offensteht, eine weiße Cargo-Hose und Flipflops.

»Na Sadie«, sagt Nolan und blättert in seiner Zeitung.

»Heute ist Sonntag. Wir könnten in den Club gehen.« Er sieht über den Rand der Zeitung hinweg.

»Vielleicht findest du dort deinen Mr. Right«, sagt er. Ich starre ihn an.

»Ich glaube nicht, dass ich meinem zukünftigen Ehemann an einem Ort begegnen möchte, an dem Menschen ihre Körper aneinanderreiben und sich später gegenseitig vollkotzen«, rede ich trocken.

»Darf ich fragen«, sagt Liam plötzlich.

»… was es mit diesem Mr. Right überhaupt auf sich hat?«, redet er. Ich schaue zur Couch. Liam liegt dort. Nur in einer schwarzen Jogginghose. Alle meine Haustiere liegen auf seinem Bauch und lassen sich von ihm kraulen. Natürlich. Natürlich lieben meine Tiere den Ex-Häftling. Verräter.

»Unsere Sadie sucht ihre Seelenverwandte.« Nolan deutet mit der Zeitung auf mich.

»Und sie möchte, dass es möglichst schnell passiert.« Er zeigt auf mein Gesicht.

»Denn wie du sehen kannst, ist sie inzwischen ziemlich alt geworden«, spricht er.

»Nolan, halt die Klappe.« Ich gehe zur Couch.

»Und du«, sage ich zu Liam.

»Beine runter.« Ich schiebe seine Beine zur Seite und setze mich. Liam richtet sich auf. Ich klappe meinen Laptop auf.

»Außerdem habe ich heute keine Zeit«, sage ich. Ich beginne wild zu tippen.

»Was machst du da?«, fragt Wesley. Ich nehme einen Schluck Kakao.

»Ich melde mich bei einer Online-Dating-Plattform an.« Stille.

»Wofür?«, fragt Nolan. Ich starre ihn an.

»Wofür wohl?« Ich tippe weiter.

»Um Mr. Right zu finden.« Ich schiebe mein Glas zu Liam.

»Stell das bitte ab«, verlange ich. Er stellt es auf den Tisch.

»Ich bin mir ziemlich sicher«, sage ich selbstbewusst.

»…, dass ich hier innerhalb von Sekunden fündig werde«, rede ich.

»Auf solchen Plattformen findest du eher Psychopathen.« Liam lehnt sich zurück. Ich sehe ihn an.

»Woher willst du das wissen?«, frage ich.

»Das letzte Mal, als du einen Computer benutzt hast, war vermutlich in der Steinzeit«, necke ich. Er lächelt leicht.

»Ich glaube nicht, dass sich in den letzten fünf Jahren etwas verändert hat.« Er wirft ein Bein über die Couchlehne hinter mir.

»Diese Plattformen waren schon immer Sammelstellen für merkwürdige Menschen«, redet er. Ich drehe langsam den Kopf zu ihm.

»Willst du mir etwa sagen«, frage ich.

»…, dass ich merkwürdig bin?«, knurre ich.

»Ich will dir nur damit sagen, dass du auf solchen Plattformen deine große Liebe ziemlich sicher nicht finden wirst«, spricht er.

»Du kannst sagen, was du willst«, antworte ich würdevoll und tippe noch einmal triumphierend auf meinen Laptop.

»… aber ich habe bereits eine Nachricht bekommen.« Ich drehe den Bildschirm leicht zu ihnen.

»Voilà.« Ich hebe stolz das Kinn.

»Funktioniert doch super. Mr. Right hat mich schon gefunden.« Ich öffne die Nachricht. Liam hebt eine Augenbraue.

»Dann schauen wir uns diesen Mr. Right doch mal genauer an.« Er richtet sich auf und rückt so nah an mich heran, dass unsere Oberarme aneinanderstoßen. Sein Körper ist warm, was ich sofort registriere – und sofort wieder ignoriere. Konzentrier dich, Sadie. Das ist ein Gefängnis-Experte für schlechte Entscheidungen. Er nimmt mir einfach den Laptop aus den Händen, legt ihn auf seinen Schoß und öffnet das Profil. Seine Augen wandern über den Bildschirm.

»Aha. Seine Bilder sind natürlich perfekt. Maßgeschneiderter Anzug, charmantes Lächeln…« Er scrollt.

»Und hinter ihm liegt eine Yacht.« Pause.

»Und in seiner Bio steht, er sei Chemiker«, redet er. Ich verschränke die Arme.

»Ja und?« Ich beuge mich leicht vor.

»Ich sehe da nichts Verdächtiges«, sage ich. Liam schaut mich langsam an. So langsam, als hätte ich gerade gesagt, ich wolle ein Haus auf einem Vulkan bauen.

»Hast du auch die Nachricht gelesen, die er dir geschickt hat?«, fragt er.

»Ja«, sage ich sofort. »Und sie war… ziemlich vertraut«, antworte ich.

»Jungs«, sagt er trocken zu Wesley und Nolan, die sich neugierig zu uns beugen.

»… hört euch mal Sadies großen Chemiker an.« Er liest laut vor.

»Hey Puppe! Hast du Bock mit mir zu chillen, in meinem coolen Auto auf dem Parkplatz?« Liam klappt den Laptop leicht zu.

»Kein Chemiker der Welt spricht so.« Er sieht mich an.

»Außer er kocht Meth«, beendet er. Nolan schnipst mit dem Finger direkt vor meiner Nase.

»Er hat vollkommen recht.« Er zeigt auf den Bildschirm.

»Das ist definitiv nicht dein Mr. Right!«, knurrt er. Ich stoße seinen Finger empört weg.

»Ihr solltet dringend eure Vorurteile gegenüber Menschen abbauen.« Ich reiße meinen Laptop wieder an mich. Liam lässt sich demonstrativ nach hinten fallen, wodurch die Couch kurz wackelt.

»Damit du dann auch wie ich auf dem Schlachthof eines Psychopathen landest?« Er greift nach meiner Perserkatze Fast Food, die sich sofort, wie ein schwerer Sack auf seinen Bauch wirft.

»Nein danke«, sagt er.

»Er ist kein Psychopath!«, protestiere ich. Ich drehe den Laptop zu ihm.

»Diese Plattform hat fünf Sterne Bewertung.« Ich tippe auf die Sterne.

»Fünf« wiederhole ich. Liam wirft nur einen kurzen Blick darauf.

»Du meinst wohl fünf Sterne von Psychopathen«, redet er. Ich werfe ihm einen tödlichen Blick zu. Er schließt grinsend die Augen und schüttelt leicht den Kopf. Wesley setzt sich neben mich.

»Vielleicht überstürzt du das Ganze ein bisschen«, sagt er vorsichtig.

»Lies doch erst mal die anderen Nachrichten.« Er zeigt auf den Bildschirm.

»Du hast noch eine bekommen«, redet er. Ich öffne sofort das neue Profil.

»Ooooooh«, sage ich begeistert. Ich drehe mich triumphierend zu Liam.

»Siehst du? Mein Mr. Right ist kein Chemiker.« Ich halte dramatisch inne.

»Er ist ein gutaussehender Englischlehrer«, spreche ich. Liam öffnet sofort wieder die Augen.

»Na dann«, sagt er trocken und rückt wieder näher.

»… sehen wir uns das mal an.« Er liest laut.

»Hey schöne Frau. Gerne würde ich dich zu einem romantischen Dinner einladen, weil ich der Meinung bin, dass wir zusammengehören«, sagt er.

»Siehst du?!« Ich schaue stolz zu Wesley und tippe mit dem Finger auf den Bildschirm. Liam zeigt auf die Nachricht.

»Er hat: Frau - mit H geschrieben.« Er scrollt.

»Dinner: mit zusätzlichem E.« Er zeigt auf das nächste Wort.

»Zusammengehören: ohne H.« Er lehnt sich zurück.

»Und er nennt sich Englischlehrer«, spricht er. Ich starre auf den Bildschirm. Langsam. Sehr langsam. Mein Gehirn arbeitet. Liam lehnt sich näher zu mir.

»Das Einzige, was dieser Mann unterrichtet«, sagt er trocken.

»… ist wahrscheinlich Bettakrobatik«, redet er.

»Lasst mich in Ruhe!«, sage ich sofort.

»Er ist bestimmt nur nervös«, verteidige ich ihn. Liam hebt die Hände.

»Okay.« Er lehnt sich zurück.

»Dann testen wir ihn«, schlägt er vor. Ich schaue ihn skeptisch an.

»Schreib ihm doch einfach, welche Tiere er mag.« Er grinst.

»Und welche nicht«, verlangt er.

»Sehr gerne.« Ich beginne zu tippen.

»Dann wirst du sehen, dass mein Mr. Right ein sehr gebildeter Mann ist.« Ich tippe den letzten Buchstaben mit dramatischer Entschlossenheit. Nachricht gesendet. Liam lehnt sich zurück und spricht hinter meinem Rücken mit Wesley.

»Ist sie immer so?«, fragt er.

»Meinst du naiv?« Wesley beugt sich ebenfalls zurück.

»Ja«, antwortet er.

»Leider.« Wesley seufzt.

»HEY!«, rufe ich und ziehe beide an den Armen wieder nach vorne.

»Jetzt seid ruhig und schaut!« Ich öffne die Antwort.

»Ich liebe das Tier Mau…« Ich halte inne. Ich blinzle.

»Lies ruhig weiter«, sagt Liam.

»Es wird gleich besser«, lächelt er. Ich schlucke.

»Ich liebe das Tier Mausch…« Ich starre auf den Bildschirm.

»Aber…« Ich runzle die Stirn.

»Nein. Lies nochmal. Da steht: Aba«, sagt Liam ruhig. Verdammt.

»Aba ich bevopuze…« Ich lese weiter.

»Das soll wahrscheinlich; bevorzuge - heißen«, sagt Liam. Ich lese weiter.

»… auch gerne Pferde«, beende ich. Liam beugt sich näher zum Bildschirm.

»Nein.« Er zeigt auf das Wort.

»Da steht Ferdääää.« Seine Lippen sind plötzlich sehr nah an meinem Ohr.

»Ferdääää«, wiederholt er. Ich springe auf.

»JA GUT!« Ich schnappe den Laptop.

»Er ist nicht Mr. Right!« Ich zeige mit dem Finger auf Liam.

»Aber der Chemiker!« Ich nicke entschlossen.

»Der ist mein Mr. Right.« Ich marschiere mit meinem Laptop Richtung Zimmer.

»Ich werde mich jetzt mit meinem Chemiker weiter unterhalten.« Ich drehe mich kurz zu ihnen um.

»Und mich heute Abend mit ihm treffen«, rede ich.

»Lass es lieber!«, ruft Liam hinter mir.

»Das endet nicht gut!«, sagt er.

»Ich bin auch dagegen!«, ruft Wesley.

»Probiere es lieber im Club!«, mischt sich Nolan ein. Ich winke mit meiner bandagierten Hand.

»Nein, meine Lieben.« Ich gehe weiter.

»Ich brauche keinen Mr. Right, der sich im Club die Birne wegsäuft.« Ich öffne meine Zimmertür.

»Ich bin mit meinem Chemiker vollkommen zufrieden.« Ich verschwinde im Zimmer. Und schließe die Tür.

Denn heute… bekomme ich definitiv meinen Mr. Right!