Die Fremde im Bus
Der Regen prasselte gegen das Busfenster und es wurde langsam dunkel. Es war ein langer Tag in der Turnhalle gewesen und ich konnte es kaum erwarten, endlich daheim eine Dusche zu nehmen und meinen engen, verschwitzten Turnanzug gegen eine bequeme Jogginghose auszutauschen. Im Bus roch es nach nassem Hund und alten Turnschuhen. Außer mir fuhren noch zwei weitere Personen mit der Linie 71 Richtung Ostend.
Durch den Regenschleier wirkten die Lichter auf den Straßen verschwommen, Menschen eilten mit gesenktem Kopf vorbei, um dem Regen so schnell wie möglich zu entkommen. Mit einem leichten Ruck setzte sich der Bus in Bewegung, als ich ein energisches Klopfen hinter mir wahrnahm. Ich drehte mich um und erblickte durch das Fenster eine regennasse, wütende Gestalt, die unter lautem Fluchen dem Bus hinterherrannte und an das Fenster klopfte.
Entnervt bremste der Busfahrer ab und öffnete die Tür. Die Gestalt stieg ein und zog sich, immer noch keuchend, die Kapuze vom Kopf. Eine Welle samt-schwarzer, voller Locken ergoss sich über die Schultern der jungen Frau, die jetzt dem Busfahrer anerkennend zunickte und sich auf einen Sitzplatz im vorderen Teil des Busses schwang. Sie zog die Jacke aus, setzte sich Kopfhörer auf und ließ sich tiefer in den Sitz sinken.
Ihre Schultern waren muskulös. Sie trug ein tanktop, das den Blick auf ein kleines Tattoo am linken Schulterblatt freigab. Sie nickte zum Beat, während sie gedankenverloren in die Dunkelheit starrte. Ihre Stirn lehnte gegen das Fenster und unsere Blicke begegneten sich durch die
Spiegelung der Scheibe. Die Fremde verdrehte die Augen und sah weg. Ich wurde rot und wandte ebenfalls den Blick ab.
Unter anderen Umständen wäre mir die Frau wahrscheinlich gar nicht aufgefallen, in einem volleren Bus, zu einer anderen Uhrzeit. Sie war
nicht die Art Mensch, mit der ich mich für gewöhnlich abgab. Neben meinem Medizinstudium verbrachte ich die meiste Zeit in der Sporthalle.
Turnen war schon immer meine Leidenschaft gewesen und auch wenn es nie für eine Karriere gereicht hat, blieb ich meinem Hobby treu. Mein
Freundeskreis war entsprechend eher überschaubar und bestand aus einigen Kommilitoninnen, mit denen ich mich zum Lernen traf. Viel freie Zeit
hatte ich nicht und wenn sich doch einmal eine Lücke zwischen Schreibtisch und Reck ergab, verbrachte ich sie meistens mit meinen
Freundinnen in einem Restaurant oder einer Cocktailbar.
Die Frau, die dort vor mir im Bus saß und ihren Arm lässig über die Lehne des Sitzes hängen ließ, sah nicht aus, als würde sie viel von Cocktails halten. Falls sie in Bars ging, waren es sicher keine in denen
ich mich aufhalten würde. Sie wirkte trotzig und aufbrausend und irgendwie einschüchternd.
Der Bus hielt erneut. Die Fremde sprang auf und lief Richtung Tür.
Bevor sie ausstieg nickte sie mir knapp zu und drückte mir mit einem spöttischen Zucken ihres Mundwinkels einen Zettel in die Hand. Es war
ihre Nummer. Dann verschwand sie in der Dunkelheit.