Kapitel 1
Es war eine friedliche, mittelalterliche Stadt.
Eigentlich eher ein großes Dorf, aber es hatte sich ein gewisser Reichtum entwickelt.
Zumindest für einige.
Der Rest lebte von dem, was sich so anbot oder vorbeikam. Die, die auf etwas warteten, das vorbeikam, waren Huren, Betrüger und Straßenräuber. Manchmal vereinigten sich diese drei Professionen auch in einer Person.
Ja, es war friedlich, wenn man nicht zu genau hinschaute oder die Hauptstraße verließ.
Niemand würde nachts für die Sicherheit von Leib, Leben oder Eigentum garantieren. Es war absolut nichts Ungewöhnliches, die Wachen am Morgen den einen oder anderen Körper aus einer Seitengasse bergen zu sehen. Die besser betuchten Bürger der Stadt ignorierten es einfach, es war schließlich nichts Besonderes.
Die Häuser in diesem Ort waren aus Holz, Lehm und Stroh gebaut. Einige der reicheren Bürger besaßen sogar Häuser aus Stein, aber das waren absolute Ausnahmen.
Die Hauptstraße war mit Kopfsteinpflaster ausgelegt und erlaubte ein einigermaßen sauberes Reisen.
Man musste nur den zahlreichen Hinterlassenschaften der noch zahlreicheren Tiere ausweichen. In diesem Ort gab es keine Gerberei, die die Fäkalien einsammelte, weshalb es oft bis zum Himmel stank.
In den Seitenstraßen und kleineren Gassen bestand der Boden aus festgestampftem Lehm und Kot, der sich bei Regen in ekligen Matsch verwandelte und unter der Sommerhitze zu einem klebrigen Staub wurde.
Dabei war diese kleine Stadt jedoch keine Ausnahme, es roch so, wie die Städte auf dieser Welt zu dieser Zeit rochen. Je größer die Siedlung war, desto schlimmer war der Gestank.
Ebenso unvermeidlich wie der Gestank war die Feuerwache, die nachts eigentlich verhindern sollte, dass die strohgedeckten Häuser Feuer fingen und dass alle Lichter gelöscht waren. Doch die richtigen Münzen in die richtige Hand gegeben und schon fing ein Haus Feuer und brannte bis auf den Grund nieder.
Fremde wurden eindringlich gewarnt, nicht nachts zu reisen, nicht nur an diesem Ort, sondern überall. Doch im Gegensatz zu anderen Gemeinden und Städten behielt dieser kleine Ort seine Stadttore auch bei Nacht geöffnet. Denn es war der einzige, der sich im Umkreis von einhundert Meilen befand.
Die müden und gelangweilten Wachen schliefen fast im Stehen und zeigten Neuankömmlingen nur den Weg zur nächsten Taverne mit einem Bett und einem Stall.
Manchmal teilten Ross und Reiter sich auch den Stall. Es kam immer darauf an, wie viel Platz und Münzen vorhanden waren oder wie gut jemand mit dem Schwert oder der Magie umzugehen verstand.
Denn es war das Zeitalter der Magie, der Drachen und der Krieger.
Manche nannten es das glorreiche goldene Zeitalter, andere nannten es das verdammte Zeitalter. Fragte man eine neutrale Person, war es ein bisschen von beiden.
Kinder wurden auf der Straße ausgesetzt, um zu sterben, während die Reichen ihre Haustiere mit Delikatessen fütterten.
Hin und wieder sah man gut meinende Menschen, die versuchten zu helfen, doch die Regel war, dass jeder sich nur um sich selbst kümmerte.
Es sei denn, man wurde beim Stehlen erwischt.
Üblicherweise bedeutete das den Verlust der Hand, und wenn man jemand Reichen oder Einflussreiches bestahl, kam auch noch eine ausgiebige Folter hinzu.
Manchmal wurde man auch einfach so gefoltert, es kam immer darauf an, in welcher Laune sich die Magistrate befanden.
Nein, das Leben auf der Straße oder als armer Mensch war definitiv nicht einfach.
In einer frühen Frühlingsnacht, als die Temperaturen es gerade schafften, über den Nullpunkt zu klettern, kam ein junger Magier in die Stadt.
Seine Schritte waren langsam und schwerfällig, es war einfach zu erkennen, dass er müde war.
Ebenso einfach war es zu erkennen, dass dieser Magier erstaunlich groß und breit war. Die meisten Menschen verbanden mit einem Magier die gebeugte Gestalt eines alten Mannes, der sich kurzsichtig über seine Bücher beugte, oder eine verführerische Sirene.
Doch dieser Magier war keines von beidem.
Er war jung, groß und gut gebaut, aber müde und schmutzig von der langen Reise zu Fuß. Er schritt durch das Tor, bekam den üblichen Hinweis und schlurfte weiter.
Gierige Augen folgten dem Fremden, als er durch die fast leeren Straßen zu einer Taverne ging, wo er sich für ein paar Tage einmieten und erholen wollte.
Sie alle identifizierten den Mann in der Robe als Schwarzmagier und viele enttäuschte Schultern wurden gezuckt. Dann würden die Mägen eben ein wenig länger knurren. Niemand, der nicht total verzweifelt oder noch bei klarem Verstand war, würde sich mit einem Magier anlegen.
Aber Verzweiflung lässt einen verrückte Dinge tun und so folgten ein paar leuchtend grüne Augen dem Magier weiter.
Der Besitzer der grünen Augen erhob sich geräuschlos und folgte den müden Schritten des Magiers. Der Straßenräuber hatte den Vorteil der Überraschung auf seiner Seite, er kannte sich aus und konnte schnell verschwinden.
Er war nicht so verrückt, sich auf einen Kampf einzulassen, das wäre Selbstmord.
Vielmehr plante er, den Magier anzuspringen, einen Beutel vom Gürtel zu schneiden und wie der Blitz zu verschwinden.
Der Magier sah einfach zu müde aus, um noch weit zu rennen.
Und als der Magier um die Ecke der Hauptstraße bog, rannte der Räuber los, sprang dem Magier in den Rücken und hielt ihm eine Klinge an die Kehle. Gleichzeitig zischte der Räuber dem Magier eine Warnung zu, den Mund zu verhalten.
Das geschah in einem kurzen Augenblick und das überraschte Keuchen gab der Hoffnung auf ein zuschlagen und entkommen Nahrung.
Der kleinere der Beutel wurde schnell und geübt vom Gürtel gelöst. Doch dann wurde der Räuber überrascht, als der Magier den Arm packte, der um seinen Hals lag, und den Räuber mit geübter Leichtigkeit nach vorn über seine Schulter zog.
Der Räuber landete hart auf seinem Rücken, drehte sich wie eine Katze und wollte aufspringen, als der Magier auch schon über ihm war und ihm die Kapuze herunterriss. Leuchtend rote Haare waren für einen Moment zu sehen, bevor der Dieb gnadenlos austrat und den Magier an einer besonders empfindlichen Stelle traf.
Das alles dauerte nur wenige Sekunden. Niemand bemerkte etwas und selbst wenn, niemand wäre eingeschritten, weder auf der Seite des Magiers noch auf der Seite des Diebs.
Grunzend und fluchend vor Schmerz ließ der Magier los und ging zu Boden, und der Dieb schoss davon wie eine Katze mit einem brennenden Schwanz.
Alles, was der Magier sah, war ein Rotschopf, der mit seinem Beutel flüchtete … Ein neues Stöhnen, eines von innerem Schmerz, entfuhr dem Magier.
Er musste diesen Beutel zurückholen, darin befand sich ein wertvolles Amulett. Er konnte es sich nicht leisten, es zu verlieren, also stand er torkelnd auf und folgte dem bereits verschwundenen Räuber.
Rotschopf war um eine Ecke gebogen und fluchte lautlos, denn er stand gleich einer ganzen rivalisierenden Bande gegenüber.
Niemand war so dumm, einen Magier zu bestehlen, einen anderen Straßendieb dagegen? Schließlich konnten Straßenräuber einen nicht in Würmer oder anderes verwandeln.
„Oh, verdammter ...“
Ein Blick über die Schulter zeigte dem Dieb, dass der Rückweg abgeschnitten war, denn dort erschien der wütende Magier.
Der Dieb steckte in der Klemme, es gab kein Vor und kein Zurück.
Blitzschnell bückte er sich, hob zwei Handvoll stinkenden Schlamms auf und warf sie dem nächststehenden Rivalen an den Kopf.
Die Schlammwurf-Attacke überraschte seine Gegner und der Räuber wirbelte erneut zu dem Magier herum und rannte so schnell er konnte auf den Mann zu.
Der Plan war einfach. Verzweifelt, aber einfach.
Der Magier würde Zeit brauchen, um einen Zauber auszusprechen. Und der Dieb musste einfach nur vor dem Magier die Hausecke erreichen. Der Gedanke daran, die Hand oder das Leben zu verlieren, lässt einen rennen, als ob die Hölle einem auf den Fersen ist.
In diesem Fall war sie dem Räuber auf den Fersen, aber er schaffte es um die Ecke.
Just, bevor der Magier einen Feuerball schleuderte.
Fluchend stürmte der Dieb weiter durch die schmale Gasse, die gerade breit genug für eine Person war, zwei mussten hintereinandergehen.
Leider hatte auch jemand anders diese Idee und war auf der anderen Seite um das Haus gerannt. Denn dort erschien jetzt der Anführer der anderen Bande und blockierte den Ausgang der Gasse.
Und hinter dem Dieb erschien erneut der Magier.
Der rothaarige Dieb war gerade halb durch die Gasse gekommen, als ein Knistern ertönte. Er warf sich in den Schlamm und sah, wie der Feuerball über ihn hinweg schoss, den anderen traf und ihn in Sekunden tötete.
Unter seiner Kapuze erbleichte der Rotschopf, niemals würde er den Blick purer Panik im Gesicht des Jungen vergessen.
Doch er hatte keine Zeit zu trauern oder zu bedauern. Der Langfinger wusste, dass der Magier ein paar Sekunden brauchte, um dies zu wiederholen, und das war die Zeit, die er hatte.
Er sprang auf und rannte mit dem Mut der Verzweiflung auf den Magier zu, seinen simplen Dolch gezückt.
In dem Moment, in dem sich der Dieb mit aller Macht auf den Magier warf, um ihn umzurempeln, hörte er auch schon, wie das erste Wort des Feuerballspruchs kam. Ziellos stach er zu, fühlte, wie die Klinge Fleisch traf und der Magier unterbrochen wurde.
Die Macht des Aufpralls ließ den Magier stolpern, der Dieb kletterte über ihn und rannte weiter, zurück in die Gasse, die zuvor blockiert war.
Dort lag der immer noch qualmende, aber, überraschenderweise, nicht brennende, Körper eines Straßenjungen.
Mit einem Beutel in seiner Tunika, dessen Inhalt hoffentlich den Tod von zwei Straßenkindern wert war, rannte der Dieb an der Leiche vorbei, um weiter hinten im Gewirr der Gassen zu verschwinden.
Der Magier folgte ihm wie ein Fluch und rief die Worte für einen anderen Spruch.
Doch der Dieb wollte nur noch hier weg.
Nur noch wenige Augenblicke und er würde erneut hinter einer Hausecke verschwinden.
Drei, zwei ...
Aber in dem Moment, als er um die Ecke biegen wollte, traf ihn etwas in den Rücken, katapultierte ihn aus der Gasse und um die Ecke. Er schrie auf, überschlug sich und blieb einen Moment bewegungslos liegen.
Doch dann rappelte er sich auf, zuerst auf Hände und Knie, bevor er sich auf die Füße kämpfte und in den nahen Schatten verschwand.
Er hatte es geschafft.
Vielleicht.