~1~
Anna
"Anna, hast du meine Krawatte gesehen? Die mit den blauen Streifen?"
“Die muss doch im Schrank hängen?”
Stöhnend stelle ich den Bügeleisen aus, nehme das frisch gebügelte Hemd und gehe zu meinem Mann ins Schlafzimmer.
“Warte, ich suche schon. Die habe ich gestern erst aufgeräumt.” Mit einer Hand halte ich ihm sein Hemd hin, während ich mit der anderen im Schrank wühlen.
“Hast du mein Hemd gebügelt?”
“Daniel, schau doch hin. Ich halte es dir vor die Nase.”
“Kein Grund mich anzuschnauzen. Ich hab doch nur gefragt.”
“Und ich habe nur geantwortet.”
“Mein Gott, hast du deine Tage oder was?”
“Nein. Tut mir leid.” Ich ziehe die gesuchte Krawatte aus dem Schrank und reiche sie Daniel. “Hier bitte.”
“Endlich, ach ja, hätte Ich glatt vergessen. Ich komm erst spät wieder, also warte nicht auf mich. Wir treffen uns heute auswärts mit ein paar Investoren, das wird sich sicher ziehen.”
“Schon wieder? Ich dachte wir würden uns heute mal einen schönen Abend machen?” Ich schließe den Abstand zwischen uns und helfe ihm mit seiner Krawatte, während er sich im Spiegel betrachtet und seine Ärmel richtet.
“Tut mir leid, aber das ist wichtig. Mach dir doch einen schönen Abend mit den Mädels.”
Mit den Mädels? Ich wollte doch so gerne endlich wieder…
Ich streiche ihm über die Brust, wandere zu seinem Gurt und schaue ihm verrucht in die Augen. “Wie gesagt, ich wollte mir eigentlich einen schönen Abend mit dir machen.” Vielleicht dann jetzt? Ein schneller Quickie?
Ich beiße mich auf die Unterlippe, öffne seine Schnalle und hoffe auf eine Antwort, nach der ich mich schon lange sehne.
“Lass das Anna, ich kann jetzt nicht. Ich werde auch bestimmt total müde sein, wenn ich wieder komme. Morgen ja?”
Nachdem sich Daniel seinen Gurt wieder richtet, gibt er mir einen zarten Kuss auf die Stirn und verlässt das Haus.
“So ein Misst…” Verzweifelt lasse ich mich auf das Bett fallen und schließe die Augen.
Warum? Warum lässt er sich von mir nicht mehr verführen? Warum verführt er mich nicht mehr? Gefalle ich ihm nicht mehr?
Ich setze mich auf und betrachte mich im Spiegel. Ich würde nicht sagen, dass ich hässlich bin. Ich bin nur…normal? Stört ihn das vielleicht? Bin ich ihm zu langweilig geworden? Vielleicht sollte ich meine Haare schneiden?
Ich laufe zum Spiegel hin und betrachte mich. Mit meinen Händen fahre ich meinen Körper entlang. Bei meinen Brüsten halte ich an. Ich nehme beide in die Hände, drücke sie zusammen und etwas höher. Vielleicht so? Mit einer Hand Streifen ich meinen Hals hoch, fasse mir über die Lippen und Spitze sie zu einem Kussmund. Dann greife ich nach meinen langen, braunen Haaren und schwinge sie mir wild über den Kopf auf einer Seite. Oder so?
“Aaaah…”, ein frustrierter Schrei lässt mich wieder ins Hier und Jetzt zurück. “Ich bin so verzweifelt.” Über mich selbst den Kopf schütteln, gehe ich die Treppen runter, um in die Küche nach meinem Handy zu greifen.
~GirlsGroup~
Ich: Bock auf einen Mädelsabend?
Jenny: Bin dabei
Ela: Ich auch
Mia: Au ja, aber diesmal lassen wir uns von den Kerlen alles spendieren
Ich: Ich bin verheiratet Mia
Mia: Na und? Musst ja nicht gleich mit ins Bett hüpfen. Das Übernehmen wir 😜
Mia: 22 Uhr vor dem ‘Shadow’
Ich: 👍
***
Nachdem ich mir meine Haare gelockt, einen perfekten eyeliner Strich gezogen und mein lila-metallic Kleid angezogen habe, bin ich mit dem Taxi zu unserem Treffpunkt gefahren.
“Anna, hier sind wir.” Ela und die anderen laufen mir entgegen.
“Wow, du hast dich ja heute richtig rausgeputzt.” Mia greift nach meiner Hand, hebt sie über meinen Kopf und dreht mich einmal um meine Achse.
“Der Tag heute war Scheiße, ich brauch etwas Ablenkung.”
“Naaa, was genau meinst du mit Ablenkung mein Schatz?” Mia hebt eine Augenbraue und grinst mich frech an.
“Ganz sicher nicht das, was du wieder denkst. Ich brauch einfach nur Alkohol, gute Musik und euch Mädels, die mit mir die Hüften schwingen."
Kichernd gehen wir in den Club und stellen uns an die Bar.
“Na dann, erzähl mal. Warum war dein Tag so Scheiße?” Jenny und die anderen schauen mich gespannt an, nachdem wir uns, mit unseren Cocktails, an einen Tisch gesetzt haben.
“Ach das übliche. Ich wollte eigentlich heute einen schönen Abend mit Daniel verbringen. Ihr wisst schon, mit Sex. Aber er muss heute lange arbeiten. ‘Du brauchst nicht auf mich warten’ hat er gesagt.”
Ich schnaube und nehme wieder einen Schluck meines Cocktails.
“Also dachte ich, na gut, dann halt ein schneller Quickie bevor er geht. Aber er hat mich nur abgewimmelt und mich auf ‘Morgen’ vertröstet.”
“Ist das dein Ernst?” Ela starrt mich mit großen Augen an.
“Ich hoffe du hast ihm danach ein Nacktfoto von dir geschickt und ihm gezeigt, auf was er verzichtet?” Mia verdreht die Augen.
“Was? Nein! Ich habe mich nur selbst bemitleidet.”
“Anna, du solltest dir jemanden suchen, der dich ganz schnell aus deinem Selbstmitleid zieht und dir zeigt, was für eine Granaten du bist.”
“Mia, was soll das? Anna ist verheiratet. Sie kann doch nicht einfach Daniel betrügen.”
“Ich wusste gar nicht, dass du so prüde sein kannst, Jenny." Mia lacht. “Ich erinnre dich an Ben.”
Mit gerunzelter Stirn, schaue ich fragend zu Jenny. “Wer ist Ben?”
“Ben, ist verlobt und Jennys kleines Betthäschen.”
“Mia-”
“Was? Du hast was mit einem Kerl, der kurz vor dem Altar steht?”
“Ach Anna, er ist einfach echt gut. Keine Panik, sobald er verheiratet ist, wird seine Nummer gelöscht. Aber bis jetzt fliege ich in die Luft, wenn ich es brauche.”
“Das ist aber nicht dasselbe. ICH bin schon verheiratet.”
“Ja, aber vielleicht fehlt es dir einfach an Erfahrung. Ich meine du hattest nur mit Daniel Sex.”
“Was willst du mir denn jetzt damit sagen?” Etwas verwirrt schaue ich zu Mia. Sie grinst zu Ela und Jenny, die jetzt auch ein freches Grinsen im Gesicht haben.
“Hier.” Ela schiebt mir eine Visitenkarte zu.
“High-Escort, sexy Männer erfüllen dir jeden Wunsch. Woher hast du das?”
“Hab ich meiner Tante geklaut. Die hat das nicht nötig, ich dafür umso mehr. Schau dir die Männer dort an und ruf an.”
“Nichts da, spinnst du?”
“Anna, das ist nur Sex -mit Bezahlung. Also wie Shoppen.”
“Genau, also gehst du nicht fremd. Es sind keine Gefühle im Spiel, also nichts emotionales.”
“Komm Schatz, steck die Karte weg. Jetzt gehen wir erstmal tanzen und uns besaufen. Heute schaltest du einfach ab und für den Rest hast du morgen wieder Zeit.” Jenny greift nach meiner Hand und zieht mich auf die Tanzfläche.
Vielleicht haben sie ja recht. Vielleicht sollte ich jetzt einfach abschalten und genießen. Die Visitenkarte habe ich vorher schnell in meiner Clutch gelegt. Darum kümmere ich mich ein andermal.