Im Innern der Insel

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Summary

Als seine Freundin ihn verlässt, bricht Marc Simon alle Brücken hinter sich ab. Er kündigt den sicheren Job und reist ohne Rückflugticket in den Süden, auf eine Sonneninsel im Mittelmeer. Aber die Aufbruchsstimmung weicht bald tiefer Niedergeschlagenheit; Marc verbringt die Tage passiv und ohne Idee, wie es weitergehen soll. Überraschend findet er in seinem Gepäck eine alte Ansichtskarte. Sein bester Freund früherer Zeiten, Lennard, hat sie einst von dieser Insel abgeschickt und ist seitdem spurlos verschwunden. Marc versteht den Fund als Wink des Schicksals und macht sich auf, den verschollenen Freund zu suchen. Seine Recherchen führen ihn ins Innere der Insel, in eine vergessene Welt fernab der Touristengebiete. Er trifft die geheimnisvolle Vivienne und begleitet sie auf ein Schloss in den Bergen, wo sie mit ihrer Familie lebt. Immer tiefer gerät Marc in den Sog der Ereignisse: Nicht nur Vivienne, auch die anderen Schlossbewohner scheinen auf rätselhafte Weise mit seiner eigenen Vergangenheit verwoben. Schließlich macht er eine grauenvolle Entdeckung. Ein Mystery-Thriller und zugleich ein Trip ins menschliche Unterbewusstsein, wo alte Ängste lauern, verdrängte Erinnerungen, erschütternde Einsichten…

Status
Complete
Chapters
58
Rating
n/a
Age Rating
18+

Nacht

Ein heftiges Zusammenzucken – und ich war wach.

Ringsherum Finsternis, nur unter der Zimmertür ein schmaler Lichtspalt. Von draußen kam Wellenrauschen, der Vorhang bewegte sich leicht im Luftzug. Über mir der Schattenriss des Ventilators – er stand still, ich hatte das Gerät vorm Schlafengehen ausgeschaltet, wie gewohnt.

Schon wieder der Traum. Immer derselbe, seit Jahren. Oder Jahrzehnten. Ich wusste längst nicht mehr, wann es begonnen hatte…

Eine steinige, windgepeitschte Hochebene in der Nacht. Bleiche Bergmassive säumen den Horizont, bizarre Gipfel bohren sich wie Messerklingen in den pechschwarzen Himmel. Immer wieder ziehen Wolken vor den Vollmond und lassen die Szenerie in tiefes Dunkel fallen. Aber die Finsternis währt nie lang, schon bald erstrahlt alles wieder in unwirklichem Glanz.

Eine Gestalt presst sich angsterfüllt gegen den Felshang. Sie ist bloß ein Schatten – und doch erkenne ich auf Anhieb den Menschen, der dort Schutz sucht. Er war mir wichtig, vor langer Zeit. Und ich spüre die Gefahr, in der er schwebt. Seine Verfolger können nicht mehr weit weg sein. Die kleinste Bewegung von ihm, und sie werden erbarmungslos zuschlagen. Lauern sie vielleicht schon hinter den umliegenden Felsbrocken, gierig, bereit zum Töten?

Wieder verschwindet der Mond hinter Wolken, man sieht nicht mehr die Hand vor Augen. Es ist die perfekte Gelegenheit – kurzentschlossen pirscht er los, arbeitet sich behutsam an der Steilwand entlang. Immer wieder sucht er zwischendurch Deckung hinter hinter Vorsprüngen, in Felsspalten, kleinen Höhlen. Und regelmäßig blickt er zurück – nie ist etwas zu sehen. Gelingt es? Entkommt er ihnen doch noch?

Er setzt nun alles auf eine Karte, verlässt die Sicherheit des Hangs, hastet quer über die weitläufige Ebene, will so schnell wie möglich die andere Seite erreichen… geschafft! Jetzt hier irgendwo einen Aufstieg finden und nichts wie raus aus diesem verdammten Kessel! Aber schon wandern die Wolken weiter, geben die Mondscheibe wieder frei, deren kaltes Licht die Umrisse des Fliehenden deutlich gegen die Felswand zeichnet. Er sucht panisch nach einem Versteck, irgendeiner Möglichkeit, aus dem grellen Lichtschein herauszukommen. Aber hinter ihm ragt nur der Hang auf, steil, glatt, abweisend.

Und endlich begreift er, dass es vorbei ist. Er sitzt in der Falle, sie werden ihn kriegen.

Maßlose Angst zerwühlt, zerreißt ihm die Eingeweide. Gleich wird er sterben, es gibt keine Hoffnung mehr. Dann zeigt sich plötzlich, was er so fürchtet: Der Felshang gegenüber – eine dunkle Substanz quillt über dessen obere Kante und kommt in langen, schleimigen Zungen herabgeströmt. Unten entsteht eine pechschwarze, gallertartige Masse, fast an der Stelle, wo er eben selbst noch gewesen ist. Sie breitet sich rasch aus, strömt wie kochende Lava heran.

Das pure Grauen übermannt ihn, blindlings jagt er in die Nacht hinaus – weg, nur noch weg! Er strauchelt, greift in vertrocknete Sträucher, die Dornen zerschneiden ihm Hände und Arme, er reißt sich wieder hoch und läuft weiter, holt das Letzte aus sich heraus. Aber die dunkle Flut ist rasend schnell, hat die Ebene bereits so gut wie bedeckt. Näher kommend löst sich die brodelnde, scheinbar kompakte Masse allmählich auf, zerfällt in einzelne Klumpen, dunkle, spinnenartige Schatten, die auf zahllosen Beinen über den Boden trippeln. Zielstrebig und mit gnadenloser Präzision jagen sie ihr Opfer, nichts kann sie stoppen.

Sie haben ihn fast schon erreicht – da entdeckt er doch noch den ersehnten Aufstieg. Er klettert, die Todesangst treibt ihn an. Oben öffnet sich der Blick, geht weit übers zerklüftete Bergland, am Horizont sieht man das Meer. Reglos und friedlich liegt es da, übergossen mit silbrigem Mondlicht. Dorthin muss er gelangen, nur dort gibt es Sicherheit vor den Spinnentieren. Fast meint man das Wasser mit Händen berühren zu können, so dicht scheint es. Beflügelt durch die neue Hoffnung läuft er weiter. Gleich wird er frei sein, bloß ein kurzes Wegstück trennt ihn noch von seiner Rettung!

Aber sieht er nicht die gewaltige Schlucht, die zwischen ihm und der See klafft? Sein Ziel, so verlockend nah es scheinen mag, liegt doch in weiter Ferne; der Abgrund macht es unerreichbar! Nein, er begreift es offenbar nicht, er stürmt vorwärts, euphorisiert, blind durch die trügerische Aussicht auf Erlösung. Stopp!, will man ihm zurufen, kehr um und finde einen anderen Weg! Zugleich weiß man, dass es vergeblich gewesen wäre. Und dann ist es zu spät…

Der Tritt ins Leere! Ein menschlicher Körper, der für Sekundenbruchteile in der Luft hängt. Hilflos rudernde Arme, Beine, die keinen Grund mehr finden, eine in maßloser Verwunderung erstarrte Miene. Und wie in Zeitlupe setzt die Abwärtsbewegung ein…

… dann ein Zerplatzen, Zerbersten, ein Zucken wie bei einem starken Stromschlag – und ich fand mich auf dem Bett liegend, im Hotelzimmer, in der Dunkelheit.

Aber hatte ich geschrien? Die Bewohner der umliegenden Zimmer aufgeschreckt, aus ihren Betten getrieben? Würde es gleich besorgt an meiner Tür klopfen? Nein, zum Glück blieb alles ruhig; man hörte nur das leise, gleichmäßige Rauschen der See. Ich griff nach der Wasserflasche und trank gierig, trank sie komplett leer. Als es mir endlich besser ging, erhob ich mich und wankte auf den Balkon.

Die Luft war hier draußen kaum weniger dumpf und feucht als drinnen im Raum. Über der nächtlichen See flimmerten matt ein paar Sterne. Die Animationsbühne war längst abgeräumt und dunkel, das Gelände ringsherum verwaist. Weggeworfene Plastikbecher rollten über die Terrakotta-Fliesen, ein auflandiger Wind ließ im Pool kleine Wellen entstehen, die nervös gegen die steinerne Umfassung klatschten.

Dieser verdammte Traum! Seit ich hier war, kam er fast jede Nacht, es wurde immer schlimmer… irgendetwas wollte sich offenbar nicht länger unterdrücken lassen. Bloß was? Und wer war der Flüchtende? Wann konnte ich ihm begegnet zu sein? Jedes Mal nach dem Aufwachen lastete dieses quälende Schuldgefühl auf mir: Ich hatte ihm wieder nicht geholfen, ihn stattdessen den Spinnenwesen überlassen. Aber für was standen diese scheußlichen Kreaturen, was symbolisierten sie?

Wie auf einer Leinwand sah man den so vertraut wirkenden Fremden um sein Leben laufen, genau auf den Abgrund zu. Man konnte nichts tun, das Unglück nicht verhindern. Schließlich der Sturz, das Fallen…

Und am Ende war ich es plötzlich selbst, der aufprallte.