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Im Innern der Insel

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Summary

Als seine Freundin ihn verlässt, bricht Marc Simon alle Brücken hinter sich ab. Er kündigt den sicheren Job und reist ohne Rückflugticket in den Süden, auf eine Sonneninsel im Mittelmeer. Aber die Aufbruchsstimmung weicht bald tiefer Niedergeschlagenheit; Marc verbringt die Tage passiv und ohne Idee, wie es weitergehen soll. Überraschend findet er in seinem Gepäck eine alte Ansichtskarte. Sein bester Freund früherer Zeiten, Lennard, hat sie einst von dieser Insel abgeschickt und ist seitdem spurlos verschwunden. Marc versteht den Fund als Wink des Schicksals und macht sich auf, den verschollenen Freund zu suchen. Seine Recherchen führen ihn ins Innere der Insel, in eine vergessene Welt fernab der Touristengebiete. Er trifft die geheimnisvolle Vivienne und begleitet sie auf ein Schloss in den Bergen, wo sie mit ihrer Familie lebt. Immer tiefer gerät Marc in den Sog der Ereignisse: Nicht nur Vivienne, auch die anderen Schlossbewohner scheinen auf rätselhafte Weise mit seiner eigenen Vergangenheit verwoben. Schließlich macht er eine grauenvolle Entdeckung. Ein Mystery-Thriller und zugleich ein Trip ins menschliche Unterbewusstsein, wo alte Ängste lauern, verdrängte Erinnerungen, erschütternde Einsichten…

Genre
Horror
Author
Uwe Fuchs
Status
Complete
Chapters
71
Rating
n/a
Age Rating
18+

Nacht

Ein heftiges Zusammenzucken – und ich war wach.

Ringsherum Finsternis, nur unter der Zimmertür ein schmaler Lichtspalt. Der Fenstervorhang bewegte sich im Luftzug, von draußen kam leises Wellenrauschen. Über mir zeichnete sich der Schattenriss des Ventilators ab – das Gerät stand still, ich hatte es vorm Schlafengehen ausgeschaltet, wie gewohnt.

Wieder der Traum. Immer derselbe, schon seit Jahren. Oder Jahrzehnten. Ich wusste längst nicht mehr, wann es begonnen hatte…

Eine steinige, windgepeitschte Hochebene in der Nacht. Bleiche Bergmassive säumen den Horizont, bizarre Gipfel bohren sich in den schwarzen Himmel. Unentwegt ziehen Wolken vor die Mondscheibe und lassen alles in tiefes Dunkel fallen. Aber die Finsternis währt nie lang, schon bald erstrahlt die Szenerie wieder in unwirklichem Glanz.

Eine Gestalt presst sich angsterfüllt gegen den Felshang. Sie ist bloß ein Schatten – und doch erkenne ich sofort den Menschen, der dort Schutz sucht. Er war mir wichtig, vor langer Zeit. Und ich spüre die Gefahr, in der er schwebt. Seine Verfolger können nicht mehr weit weg sein. Lauern sie vielleicht schon hinter den umliegenden Felsbrocken? Die kleinste Bewegung von ihm, und sie werden erbarmungslos zuschlagen.

Wieder verschwindet der Mond hinter Wolken, man sieht nicht mehr die Hand vor den Augen. Kurzentschlossen pirscht er los, arbeitet sich behutsam an der Steilwand entlang. Zwischendurch sucht er Deckung hinter Vorsprüngen, in Felsspalten, kleinen Höhlen. Und regelmäßig blickt er zurück: Nie ist etwas zu sehen. Gelingt es? Entkommt er doch noch?

Nun setzt er alles auf eine Karte: Er verlässt den Schutz des Felshangs, läuft quer über die weite Ebene zur anderen Seite… geschafft! Wenn er hier einen Aufstieg findet, ist er vielleicht gerettet. Ausgerechnet in diesem Moment wandern die Wolken weiter. Neues, kaltes Licht perlt herab, die Umrisse des Fliehenden sind plötzlich messerscharf gegen die Felsen gezeichnet. Verzweifelt sucht er nach einem Unterschlupf, einem verborgenen Winkel, irgendetwas, um aus dem grellen Lichtschein herauszukommen. Aber hinter ihm ist nur die Steinwand, glatt, abweisend, kalt.

Und mit einem Schlag begreift er, dass es vorbei ist. Er sitzt in der Falle, sie werden ihn kriegen.

Maßlose Angst zerwühlt, zerreißt ihm die Eingeweide. Gleich wird er sterben, es gibt keine Hoffnung mehr. Und dann kommen sie: Die Felswand auf der anderen Seite der Ebene, wo er selbst gerade noch gewesen ist – pechschwarz quillt es dort über die Kante und strömt in langen, schleimigen Zungen herab. Unten entsteht ein gallertartiger See, der rasch größer wird, sich wie zähflüssige, giftige Lava heranwälzt.

Jetzt explodiert die Panik in ihm, blindlings rennt er los, getrieben von purem Grauen – weg, nur weg! Er strauchelt, greift im Fallen nach vertrockneten Sträuchern, die Dornen zerschneiden ihm Hände und Arme, er reißt sich wieder hoch, läuft weiter, holt das Letzte aus sich heraus. Aber die schwarze Flut ist rasend schnell, der Abstand schmilzt rapide. Näher kommend löst sich die brodelnde, scheinbar kompakte Masse auf, zerfällt in einzelne Klumpen, dunkle, spinnenartige Schatten, die auf zahllosen Beinen über den Boden trippeln. Zielstrebig und mit gnadenloser Präzision jagen sie ihr Opfer, nichts kann sie stoppen.

Sie haben ihn fast schon erreicht – da entdeckt er doch noch den ersehnten Aufstieg. Verzweifelt beginnt er zu klettern, die Todesangst treibt ihn an. Oben öffnet sich der Blick, geht weit übers zerklüftete Bergland bis zum Horizont, wo das Meer silbrig im Mondlicht schimmert. Dorthin muss er gelangen, allein dort gibt es Sicherheit vor den Spinnentieren. Fast meint man das Wasser mit Händen berühren zu können, so dicht scheint es. Beflügelt durch die neue Hoffnung läuft er weiter. Gleich wird er frei sein, nur ein kurzes Wegstück trennt ihn noch von seiner Rettung!

Aber – sieht er nicht die gewaltige Schlucht, die zwischen ihm und der See klafft? Sein Ziel, so verlockend nah es scheinen mag, liegt doch in weiter Ferne; der Abgrund macht es unerreichbar. Stopp!, will man ihm zurufen, kehr um, finde einen anderen Weg! Und weiß zugleich, dass es zwecklos gewesen wäre. Er rennt weiter, stürmt voran, euphorisiert, blind durch die trügerische Aussicht auf Rettung. Nichts kann die drohende Tragödie noch abwenden…

Der Schritt ins Leere! Ein menschlicher Körper, der für Sekundenbruchteile in der Luft hängt. Hilflos rudernde Arme, Beine, die keinen Grund mehr finden, eine in maßloser Verwunderung erstarrte Miene. Und wie in Zeitlupe setzt die Abwärtsbewegung ein…

… plötzlich ein Aufprallen, Bersten, Zerplatzen, ein Zucken wie von einem starken Stromschlag – und ich fand mich auf dem Bett liegend, im Hotelzimmer, in der Dunkelheit.

Aber hatte ich geschrien? Die Gäste der benachbarten Räume aus ihren Betten getrieben? Würde es gleich klopfen? Zum Glück blieb alles ruhig; man hörte nur das gleichmäßige Rauschen der See. Ich griff nach der Wasserflasche und trank gierig, trank sie komplett leer. Als es mir etwas besser ging, stand ich auf und wankte zur Balkontür.

Draußen war die Luft kaum weniger dumpf und feucht als drinnen im Raum. Über der nächtlichen See flimmerten matt ein paar Sterne. Das Animationsgelände unterhalb des Balkons war längst verwaist, die Showbühne abgeräumt und dunkel. Weggeworfene Plastikbecher rollten über die Terrakotta-Fliesen, ein auflandiger Wind ließ im Pool kleine Wellen entstehen, die nervös gegen die steinerne Umfassung klatschten.

Dieser verdammte Traum! Seit ich hier war, kam er fast jede Nacht, es wurde immer schlimmer. Irgendetwas wollte sich nicht länger unterdrücken lassen. Bloß was? Und wer war der Flüchtende? Wann konnte ich ihm begegnet zu sein? Nach jedem Aufwachen lastete dieses quälende Schuldgefühl auf mir: Ich war wieder passiv geblieben, hatte ihm ein weiteres Mal nicht geholfen gegen die Spinnenwesen. Aber für was standen diese scheußlichen Kreaturen, was symbolisierten sie?

Wie auf einer Leinwand sah man den so vertraut wirkenden Fremden davonlaufen, um sein Leben flüchten, genau auf den Abgrund zu. Schließlich der Sturz, das Fallen und Schweben…

Und am Ende war ich es plötzlich selbst, der aufprallte.

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