Hoffnung
Wo sollte man anfangen, wenn man kein Ende sah? Wenn überall nur Dunkelheit herrschte, war auch kein Platz für Licht. Oder Hoffnung.
Imolu ging es seit dreihundertfünfundsechzig Tagen so. Seit einem Jahr ging er ins Bett, schlief schlecht und stand am nächsten Tag wieder auf, um raus auf die Aschebrache zu gehen.
Er war nicht der Einzige. Mit ihm waren es noch zwölf andere Menschen von sechs bis sechsundneunzig die es jeden Tag auf diesen hoffnungslosen, verbrannten Flecken Erde hinauszog. Sie alle suchten nach etwas. Nach menschlichen Überresten, nach Devotionalien oder nach sonstigen Gegenständen. Imolu indes suchte nach dem ersten Anzeichen von Grün. Er wollte sich mit allem zufriedengeben. Mit einem Grashalm, einer Distel oder einer Ackerwinde. Denn er war nicht so hoffnungsvoll wie die anderen, die dachten, dass sie noch den kleinsten Knochen ihrer Angehörigen finden würden, um ihnen zumindest so etwas, wie ein ehrbares Grab bereiten zu können. Nein, er wusste, dass das Feuer des Krieges, so heiß gewesen war, das es alles zu Asche verbrannt oder in seine Bestandteile zerschmolzen hatte. Als Bauer jedoch wusste er, dass ein Feuer den Boden bereinigen und fruchtbarer machen konnte. Einige Pflanzen Feuer sogar brauchten, um Samen zu produzieren und abwerfen zu können. Dass das richtige Verhältnis von Asche, Kohlen und pflanzlichen Bestandteilen, den Boden sogar um Welten fruchtbarer machen konnte. Und das über hunderte Jahre hinweg, ohne weiteren Dünger hinzufügen zu müssen. Aber dieses Feuer war anders gewesen. Wie oder was anders gewesen war, konnte er sich bis heute nicht erklären. Das Einzige, was eine Tatsache war, dass es gebrannt hatte, bis nur noch Asche und Kohle übrig war. Es schien, als hätte der Krieg den Kreislauf zerstört und dass das Land bis heute nicht bereit war, sich zu erholen.
Aber was sollte er auch anderes Tun als auch den nächsten Morgen wieder raus zu gehen und jeden verbrannten Acker nach einem grünen Kraut abzusuchen. Denn im Gegensatz zu anderen Bauern, die das Glück hatten, weil ein, zwei Äcker oder der Stall verschont geblieben war, war ihm alles verbrannt. Er hatte nichts anderes mehr als diese kranke Hoffnung.
Andere waren schon lange gegangen. Wohin, das wusste Imolu nicht. Es waren nie irgendwelche Nachrichten zu ihm durchgedrungen. Nie ein Brief angekommen dass man nachfolgen könnte.
Also blieb er und hoffte auf das Unmögliche. Zusammen mit den zwölf anderen.