1.
„Und, Silas? Wie läuft es mit deinem neuen Eigentum? Ist es immer noch so ein Wildfang?”
Aaron saß auf dem weich gepolsterten Sessel im Salon eines Herrenhauses. Die Beine hatte er elegant übereinandergeschlagen. In der Hand hielt er einen reich verzierten Kelch, aus dem er von Zeit zu Zeit einen Schluck Rotwein nippte. Seine dunklen Augen ruhten entspannt auf seinem Gegenüber, der in exakt der gleichen Pose ebenfalls in einem bequemen Sessel saß. Und auch sonst sahen sich Aaron und Silas sehr ähnlich. Beide hatten markante, wenn auch blasse, Gesichtszüge. Lediglich die kurzen, dunkelblonden Haare fielen bei Silas noch kürzer und noch heller aus als bei Aaron. Die Kleidung war in schlichten Farben gehalten und von hoher Qualität, ohne jedoch pompös zu wirken. Gerade durch ihre Schlichtheit unterstrich sie das edle Erscheinungsbild der beiden Männer.
Aaron ließ seinen Blick durch den Raum gleiten. Vorbei an den dunklen Regalen, weiter über die große Tafel mit den aufwendig geschnitzten Holzstühlen – beides ebenfalls aus einem dunklen, fast schwarzen Holz – bis hin zu dem dunkelgrünen Teppich und den ebensolchen Sesseln. Alles in diesem Raum war aufeinander abgestimmt und zeugte von Stil und Reichtum des Besitzers.
„Wo ist sie eigentlich?“ Als Aarons Blick schließlich wieder auf Silas ruhte, gab dieser ein Geräusch von sich, das fast schon an ein Knurren erinnerte. Aaron ließ sich davon jedoch in keiner Weise irritieren und nippte an seinem Wein, während er weiterhin abwartend zu Silas blickte. Für einen Wimpernschlag schienen Silas goldbraune Augen zu flackern, die Farbe sich für einen kurzen Moment ins rötliche zu verschieben, bevor auch er einen Schluck Wein trank und sich wieder seinem Gegenüber zuwandte. „Das wüsste ich in der Tat auch gerne. Elias sucht sie bereits. Wenn sich das Mädchen nicht bald in ihr Schicksal fügt…” setzte er an. „…dann sind ihre Tage hier bei mir gezählt. Das Ding ist ungehorsam und widerspenstig wie am ersten Tag. Entweder sie akzeptiert ihre Situation endlich oder ich werde mich ihrer entledigen.“
Aaron nickte langsam auf diese Worte. „Wahrscheinlich warst du bisher einfach nicht deutlich genug ihr gegenüber. Wie lange ist sie jetzt bei Dir?” Silas schmunzelte „Etwa einen Monat. Genug Zeit, um sich in sein Schicksal zu fügen, sollte man meinen. Gut möglich dass ich zu sanft war, doch das wird sich jetzt ändern. DIR eilt dein Ruf ja voraus. Grausam, streng, unnachgiebig, … Hab ich etwas vergessen? Ach ja: Herzlos. Das hätte ich fast vergessen.” Silas lachte auf, als ob er einen besonders guten Witz gemacht hätte. Aaron hingegen hob nur leicht die Augenbraue und stimmte dann eher verhalten in das Lachen ein.„Wo hattest du das Mädchen gleich noch einmal her?” Erkundigte er sich dann, doch noch ehe Silas mit seiner Antwort ansetzen konnte, klopfte es und im nächsten Moment öffnete sich die große Flügeltür.
Ein junger, ganz in schwarz gekleideter Mann trat ein und zog ein gefesseltes Mädchen von vielleicht 16 Jahren mit sich, das sich mit aller Kraft wehrte, sich sträubte und dabei um sich trat. Obwohl der Mann viel Kraft zu haben schien, hatte er Schwierigkeiten damit, das Mädchen, das sich wie ein Aal wand, zu bändigen. Wie durch ein Wunder gelang es der jungen Frau auf einmal, sich loszureißen, doch bevor sie die Tür auch nur ansatzweise erreicht hatte, hatte der Mann sie schon wieder fest am Arm gepackt. Silas seufzte sichtlich genervt auf, während er seinen Kelch auf einen kleinen Beistelltisch stellte.
„Jetzt halt das Mädchen doch endlich vernünftig fest, Elias” wandte er sich an den Mann in Schwarz, während er sich langsam und geschmeidig wie eine Katze aus dem Sessel erhob und auf das ungleiche Paar zuging. Anders als Elias, der einen Anzug aus feinster Baumwolle trug, war das Mädchen nur mit einem schlichten Kittel bekleidet, der ihr bis über die Knie reichte und eindeutig schon bessere Zeiten gesehen hatte. Die Haare, die wohl ursprünglich mal mit einem Band zusammengebunden waren, standen wirr in alle Richtungen, nachdem die Schleife sich gelöst hatte. Das Gesicht des Mädchens war rot vor Anstrengung, doch da Elias nun beide Arme wie in einem Schraubstock festhielt, hatte sie keine Chance mehr, sich zu befreien. Als Silas sich langsam und bedrohlich näherte, weiteten sich ihre Augen vor Schreck und eine leise Panik glomm in ihren Augen auf, während ein Zittern durch ihren Körper lief.
Aaron hatte sich unterdessen in seinem Sessel nur leicht umgedreht und beobachtete die Szene fast schon desinteressiert, obwohl ihm kein Detail zu entgehen schien. „Was war es dieses Mal, Elias?” Wandte Silas sich an die Wache, während sein Blick fast schon lauernd auf der Sklavin lag. „Sie hat erneut versucht zu fliehen, mein Fürst. Ich habe sie erwischt, als sie schon halb über die Gartenmauer geklettert war.“ Unter dem lauernden Blick ihres Gegenübers wurde das Mädchen sichtlich blass und begann noch stärker zu zittern – teils vor Angst, teils aber auch vor Wut.
„Tststs,….”wandte sich Silas nun an das Mädchen, wobei seine Augen erneut gefährlich aufblitzten. „Hatte ich dir nicht …geraten … dich damit abzufinden, von nun an meine Sklavin zu sein?” „Ich werde nie Eure Sklavin sein. Eher sterbe ich!”, rief das Mädchen hasserfüllt aus und spuckte Silas vor die Füße. Im gleichen Augenblick schien die Temperatur im Raum um mehrere Grad abzusinken. Silas Blick wurde eisig. „Dieses Mal hast du den Bogen überspannt, SKLAVIN. Du wirst bereuen, mich derart vor meinem Bruder bloßgestellt zu haben! Du wirst leiden dafür und das, bis du bereust, was du getan hast und mich um Gnade anflehst!“
Die ganze Zeit hatte Silas nicht ein einziges Mal geblinzelt. Seine ehemals goldbraunen Augen leuchteten der jungen Frau nun in einem strahlenden Rot entgegen und spätestens jetzt war ihr klar, dass sie sich in ziemlichen Schwierigkeiten befand. „Bring sie in den Keller, Elias, binde sie an den Pflock und bereite alles vor. Ich kümmere mich später um sie.” Die Augen der Wache weiteten sich vor Überraschung. Sofort verfinsterte sich Silas Blick. „Habe ich mich undeutlich ausgedrückt, Elias? Nachdem alle anderen Maßnahmen nicht erfolgreich waren, wird sie es nun eben auf die harte Art lernen!“ Damit drehte er sich, ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren, um und setzte sich wieder auf seinen Sessel, während Elias das Mädchen, das sich erneut mit aller Kraft wehrte, aus dem Raum schleifte. Dieses Mal hatte sie jedoch keine Chance gegen den viel stärkeren Elias, der sie in einem eisernen Griff festhielt. Als wäre gerade nichts von alledem passiert, drehte sich Aaron wieder seinem Bruder zu, dessen Augen langsam zu ihrer ursprünglichen Farbe zurückkehrten. „Eigentlich schade, das junge Ding derart zu brechen. Sie hätte durchaus Potenzial.” Er leerte sein Glas, stellte es ab und lehnte sich entspannt zurück.
Etwa drei Stunden später machten sich Silas und Aaron gemeinsam auf den Weg in die Kellergewölbe. Die zugleich wütenden und angstvollen Schreie des Mädchens, die durch das ganze Herrenhaus gehallt hatten, waren mit der Zeit leiser geworden und einem gequälten, verängstigten Wimmern gewichen. Elias stand vor der verschlossenen Kellertür. „Ist alles bereit?” richtete Silas das Wort an ihn. “Ja, mein Fürst. Es ist alles vorbereitet“, erwiderte dieser mit einer Verneigung. „Aber seid Ihr sicher, dass …?” Silas knurrte. „Ja, ich bin mir sicher. Die Schonfrist ist endgültig vorbei. Mein Bruder mag es vielleicht anders halten als ich, aber mir reicht es jetzt endgültig. Was zu viel ist, ist zu viel. Etwas Derartiges, wie oben im Salon, kann, will und werde ich nicht tolerieren. Allein dafür hat sie Strafe verdient.“ Auf ein kaum merkliches Nicken des Fürsten öffnete Elias die Tür und trat zur Seite.
Silas trat, dicht gefolgt von Aaron, in das dämmrige Licht des Kerkers. Lediglich durch ein kleines Fenster fast an der Decke des Raumes, fielen die letzten Sonnenstrahlen des Tages und hüllten den Raum in ein diffuses Licht. Doch auch ohne diese Lichtquelle hätten die beiden Brüder keine Schwierigkeiten gehabt, sich zu orientieren. In der Mitte des Raumes stand das Mädchen mit dem Gesicht in Richtung eines Holzpfahls, der fest im Boden verankert war. Die Arme waren mit Ketten an einem Ring weit oberhalb ihres Kopfes angekettet. Ihr Kittel war an der Rückseite aufgerissen und gab den Blick auf den nackten Rücken frei, der von zum Teil nur halb oder schlecht verheilten Narben übersät war. Vor ihr auf einem Tisch lagen diverse Peitschen und andere Schlagwerkzeuge bereit. Bei dem Geräusch der sich öffnenden Tür hatte das Mädchen kaum reagiert. Lediglich das Wimmern war verstummt. Für einen kurzen Moment verkrampfte der Körper der Sklavin, dann wurde das Mädchen blass und begann noch stärker als zuvor zu zittern. Langsam und lautlos umrundete Silas die Gefesselte. Vor ihr blieb er stehen und musterte sie schweigend. Aarons Augen hatte sich vor Überraschung geweitet, als der den Rücken der gefesselten Sklavin sah. Leicht verärgert blickte er zu seinem Bruder, der jedoch ebenso innegehalten hatte und nur leicht die Schultern hob.
Silas Hand legte sich an das Kinn der jungen Frau und hob ihren Kopf unerbittlich an, zwang sie so, ihn anzusehen. “Nun…. Sklavin. Hast du mir irgendetwas zu sagen?” Das Mädchen hielt trotz des unerbittlichen Griffs an ihrem Kinn den Blick gesenkt. Mit ausdruckslosen Augen schüttelte sie langsam den Kopf. Ihr Kampfeswille schien dennoch noch nicht zur Gänze erloschen zu sein. Abrupt ließ Silas ihr Kinn los, trat an den Tisch und ließ seine Finger über die unterschiedlichen Werkzeuge gleiten, ohne auch nur einen Moment das Mädchen aus den Augen zu lassen. Diese schien sich immer mehr zu verkrampfen. Ihr Atem ging nur noch stoßweise und als sich Silas Hand um den Griff einer Peitsche schloss, keuchte sie kaum hörbar auf und begann erneut unkontrolliert zu zittern und zu wimmern. Silas bewegte die Peitsche in der Hand hin und her. Als er sie probehalber einmal durch die Luft schnalzen ließ, sackte das Mädchen in sich zusammen, versuchte reflexartig ihr Gesicht mit den Armen zu schützen. Aaron, der die ganze Zeit über scheinbar entspannt am Türrahmen gelehnt hatte, richtete sich auf und ging auf das gefesselte Mädchen zu. Hinter ihr blieb er stehen und ließ seine kalten Finger langsam über einige der älteren Narben wandern. „Welche Verschwendung”, murmelte er eher zu sich selbst, bevor er den Blick auf seinen Bruder richtete, der immer noch mit der Peitsche in seiner Hand spielte. „Du bist dir also sicher über das, was du tun willst?“ Silas legte langsam die Peitsche zurück und kam auf seinen Bruder zu. „Schau sie dir an! Selbst jetzt, im Angesicht des Kommenden ist ihr Wille nicht gänzlich gebrochen. Sie wird sich mir nie unterwerfen und somit lässt sie mir keine andere Wahl. Wenn sie nicht bereit ist, sich mir zu unterwerfen, ist sie mir nicht länger von Nutzen. Sie kann mir dann nur noch in einer Hinsicht dienlich sein.”
Aaron strich sich nachdenklich über sein Kinn. Wie ein Wolf, der seine Beute umrundet, begann er um das Mädchen herum zu schleichen, ließ sie dabei keinen Augenblick aus den Augen. Jede kleinste Bewegung, jede kleinste Reaktion nahm er in sich auf. War das Mädchen zuvor noch zusammengezuckt, als seine kalten Finger ihren Rücken berührt hatten, so schien sie nun wie versteinert, hielt sogar den Atem an. „Wirklich! Was für eine Verschwendung!”, wiederholte er sich, als er wieder neben seinem Bruder stand. „Du bist ihr also überdrüssig?”, hakte er nach. Silas schmunzelte wissend. „Hast du etwa Interesse an ihr?” Aarons Mundwinkel zuckten unmerklich. „Du kennst mich einfach zu gut, Bruder. Aber wie ich vorhin schon sagte: Das Mädchen scheint durchaus Potenzial zu haben.” Erneut blickte er auf die junge Frau, deren Hände sich immer wieder zusammen krampften. „Was willst du für sie haben?” Silas lachte leise. “Wusste ich es doch! Nun gut. Ich habe selbst nichts für sie gezahlt und die Kosten, die sie mir verursacht hat, sind zu vernachlässigen. Außerdem könntest du ohnehin jederzeit Anspruch auf sie erheben. Ich schenke sie dir also.” Aaron lächelte nun ebenfalls. Erneut strich seine Hand über den Rücken der Frau, die wie zuvor zusammenzuckte, dann jedoch anfing zu zittern. „Ich danke dir, Bruder. Dimitri wird sie morgen abholen.” Silas nickte nur zustimmend und grinste dann. „Ich bin gespannt, ob des DIR gelingt, sie zu unterwerfen.” „Sie wird sich unterwerfen, Bruder”, erwiderte Aaron nur, als ob es daran nicht den geringsten Zweifel gäbe. Lautlos verließen beide den Raum. Das Schließen der Tür hallte laut in den dunklen Kellerräumen wieder. Sofort wurde der Kerkerraum deutlich dunkler. Unverändert stand das Mädchen an den Pfahl gebunden. Jegliche Kraft hatte sie verlassen und so hing sie kraftlos in ihren Ketten, zu geschwächt, um auch nur leise zu wimmern oder gar zu zittern. Den Schmerz in ihren Schultern nahm sie kaum noch wahr. Zu groß war die Angst, wie es nun weitergehen würde. Dieses Mal war sie den nur zu bekannten Qualen noch einmal entgangen, doch die Zukunft war mehr als ungewiss. Langsam wurde es immer dunkler in ihrem Gefängnis. Als auch die allerletzten Sonnenstrahlen sie nicht mehr erreichten, war sie in komplette Dunkelheit gehüllt. Nicht einmal einen Schemen konnte sie noch wahrnehmen, so sehr sie sich auch anstrengte. Sie spürte, wie sich langsam die Panik in ihr breitmachte, als sich verdrängte Bilder in ihr Bewusstsein drängten. Hemmungslos fing sie an zu weinen. Zunächst noch ein Wimmern steigerte sich ihre Panik, bis man ihre Schreie erneut im ganzen Herrenhaus hören konnte.