Die neue Aufgabe des Frühstücksmessers
Sich einen Knochen zu brechen, war wohl die nervenaufreibendste Sache, die dir passieren konnte. Wenn man natürlich nervende kleine Schwestern außer acht ließ. Sich einen Armknochen zu brechen, war eine Sache, die einem wahnsinnig machen konnte. Einem wortwörtlich die Wände hochgehen ließ, wenn man das mit dem Gips denn noch könnte.
Wenn es dann noch juckte, fühlte man sich echt eingeschränkt und wünschte sich Superkräfte.
BAZING!
Und der Knochen war wieder heile. Doch leider hatte die junge Frau, die aus ihrem Bett die kalkweißen Krankenhauswände anstarrte, keine Superkräfte. Einige merkwürdige Angewohnheiten vielleicht schon, so wie zum Beispiel in der dritten Person von sich selber reden. Aber bestimmt keine Superkräfte.
Doch lassen wir das, ich lag mit gebrochenen rechten Unterarm, einem gebrochenen Brustkorb, ein paar gebrochenen Fingern und gebrochenem rechten Unter- und Oberschenkel in einem Krankenhausbett.
Aus meinem Bein ragten diverse Gestänge und Schrauben, so richtig Frankenstein mäßig. Mein gebrochener Arm hingegen war an den Fingern an einem Gestänge angemacht. Meine Bettnachbarin hatte sich gerade frohen Mutes verabschiedet. Wobei mein Mut in neue ungeahnte Tiefen sank. Ich hatte niemanden mehr, der mir half, mir etwas reichte, wenn ich es brauchte. Oder mein Kissen zurechtrückte.
Auf dem Tischchen, Schrägstrich Nachttisch, Schrägstrich Regal lagen die Überreste meines Frühstücks. Die Pflegerin, die das alte Bett entfernt hatte, hatte auch mein Blutdruck gemessen und dabei das Tischchen in weite Ferne geschoben. Somit war das Messer, mit dem meine Bettnachbarin noch meine Brötchen geschmiert hatte in weiter Ferne.
Schon durch das bloße Anstarren des Messers wurde der Juckreiz stärker. Mein linker Zeigefinger war schon auf dem Weg zur Klingel, bevor ich nur schon darüber nachgedacht hatte. Nur noch einen Zentimeter, dann war mein Zeigefinger bei dem rettenden roten Knopf. Doch plötzlich wurde die Türe aufgerissen und ein Bett wurde herein geschoben. „Wehe es ist kein Notfall“, sagte eine Frauenstimme, noch bevor ich sie sehen konnte. „Ja Judith, ist es“, antwortete ich, als die Person die zu der Stimme gehörte, dass Zimmer betrat. Schuldbewusst ließ ich den Finger wieder sinken. Judith war eine resolute Stationsleiterin, die schon dem älteren Semester angehörte und das Glück hatte, mich umsorgen zu müssen. „Was ist es den dieses Mal?“
„Ich möchte bitte gerne das Frühstücksmesser haben“, flehte ich.
„Warum brauchst du das?“, bohrte sie weiter.
„Damit ich mich erstechen kann“, antwortete ich ironisch.
„Du weißt schon, das es eine stumpfe Spitze hat“, belehrte mich Judith.
„Ja, weiß ich. Ich will schließlich auch, dass ihr meine Schmerzensschreie hört, wenn ich es tue“, sagte ich.
Ich beobachtete Judith dabei, wie sie das Bett des neuen Patienten anschloss, sodass der Herzmonitor eine direkte Verbindung zum Schwesternzimmer hatte. Dann, wieso auch immer, meldete sie ihm den Fernseher und das Telefon, an obwohl er momentan noch nicht richtig bei Sinnen war. Ich, kriegte zwischenzeitlich Krämpfe in der Bemühung Judith bei ihrer Arbeit zuzuschauen. Ihr müsst mich verstehen, ich hatte im Zimmer den Fensterplatz, aber durch die unfallbedingte nicht Benutzung meiner rechten Hälfte war ich nach links ausgerichtet. Bei jedem Versuch, zur Türe zu schauen musste ich meinen ganzen Oberkörper anspannen und den Kopf heben, sodass ich oberhalb meines Oberarms nach rechts schauen konnte. Denn die Fernbedienung, mit der man Kopf- und Fußteil voneinander hoch oder runter stellen konnte, hatten sie mir weggenommen. Ich hatte nicht auf die Anweisung des Doktors gehört, dass ich flach liegen bleiben sollte, weil sonst meine Rippen nicht gut zusammenwachsen würden. Deshalb ließ ich zwischenzeitlich den Kopf sinken und wartete, bis Schwester Judith an meine Seite des Bettes watschelte.
Ihr freundlich, rundliches Gesicht umrahmt mit ihren strohblonden Haaren erschien in meinem Gesichtsfeld.
„Wenn du dich mit dem Messer kratzen willst, dann kannst du das vergessen“, ermahnte mich Judith an die andere Anweisung, dass ich nämlich nicht unter dem Gips rumstochern durfte, denn das gefährde meine Wundheilung. Wie ihr Lesen könnt, ich durfte gar nichts und war nicht einmal schuld an dieser Misere. Ich hoffe, dass ihr mit mir übereinstimmt, dass das Leben schon ein verdammtes Arsch sein konnte. „Aber es juckt“, stänkerte ich weiter. „Das ist ein gutes Zeichen Sofi, das heißt, die Wundheilung setzt ein. Aber jetzt zu etwas anderem“, kündigte Pflegerin Judith unheilvoll an.
„Zu was?“, fragte ich etwas eingeschüchtert.
„Dein neuer Bettnachbar heißt Adam Black“, sagte Judith weniger unheilvoll als erwartet.
Mich beschlich das unheimliche Gefühl, dass es bei mir klingeln sollte, doch es klingelte nicht.
„Sollte ich den kennen?“, fragte ich deswegen wenig schuldbewusst. „Adam Black ist Großinvestor in dieser Stadt. Ihm haben wir zu verdanken, dass unser Krankenhaus saniert wurde“, erklärte mir Judith.
„Und?“, hakte ich nach.
„Und er ist Privatpatient“, redete Judith weiter.
„Warum liegt er dann nicht auf einem Einzelzimmer?“
„Ich darf mit dir nicht darüber reden, aber die Polizei findet es sicherer, wenn er nicht alleine ist“, sagte Judith verschwörerisch.
„Aha, Polizei. Dann wurde er sicherlich ein Opfer eines Verbrechens und jetzt denken sie, dass die Verbrecher davon ausgehen, dass er in einem Einzelzimmer mit Personenschutz liegt“, erklärte ich.
„Du hast es erfasst Sherlock“, meinte Judith.
„Und?“, fragte ich weiter, denn Judith erklärte mir nicht umsonst seinen Lebenslauf.
„Und was?“, fragte Judith verwirrt.
„Komm schon Judith, ich bin nicht von Doofiken. Du erklärst mir nicht umsonst, dass ihr hier die wahrscheinlich reichste und berühmteste Persönlichkeit der Umgebung, die ich übrigens nicht kenne, hier einquartiert habt“, stänkerte ich.
„Ah ja“, meinte sie und setzte gleich hintenan: „Kein Grund, gleich ausfallend zu werden. Ich sage dir das alles, damit du ihn nicht belästigst.“
„Ich habe Sara nicht belästigt“, wehrte ich mich. Sara war übrigens meine vorherige Bettnachbarin, die mich leider verlassen hatte. „Wir sind gute Freundinnen geworden. Sie kommt mich bald besuchen“, erklärte ich. Doch Judiths Blick sprach Bände. Wer's glaubt, sagte er.
„Er ist nicht da, um dich zu kratzen oder dich zu füttern. Er darf die nächsten Stunden nämlich nicht aus dem Bett aufstehen“, sagte Judith.
„Du kannst mir nicht erzählen, das ihr nicht erleichtert wart, als Sara diesen Part für euch übernommen hatte. Aber wie du willst Judith, ich freue mich schon auf unsere gemeinsamen Mittagspausen“, provozierte ich und sah mit Freuden, wie Judiths Gesicht eine etwas säuerliche Miene annahm.
„Du lässt ihn in Ruhe“, sagte sie nochmals mit Nachdruck.
„Aber mit ihm Reden darf ich schon?“
„Natürlich könnt ihr Smalltalk betreiben.“
„Warum habt ihr ihn nicht zu einem anderen Mann gesteckt?“, fragte ich die Frage, die ich eigentlich schon am Anfang unserer Konversation stellen wollte.
„Weil wir bei denen keine Doppelzimmer frei haben“, meinte Judith.
„Dann steckt mich in ein Einzelzimmer“, sagte ich frohen Mutes.
„Du bist schon in einem Doppelzimmer, deine Versicherung hätte da schon beinahe nicht mitgemacht. Eigentlich hätten sie dir nur ein Viererzimmer bezahlt“, erklärte Judith.
„Ah, immer diese Diskriminierung“, jammerte ich.
„So ist es eben. Hast du mehr, kriegst du mehr“, rezitierte Judith eine ihrer Gassenweisheiten. Das hieß für mich, die Unterhaltung war beendet. Judith räumte mein Frühstück ab und so geriet mein zur Kratzhilfe degradiertes Frühstücksmesser in weite Ferne.
Was für ein Scheißleben.