Kapitel 1 - LP
Ethan
Die mexikanische Sonne ist gnadenlos, selbst wenn sie gerade erst am Horizont auftaucht. Ich beobachte, wie sie sich an den heruntergekommenen Gebäuden von Nuevo Laredo hocharbeitet und lange Schatten über den rissigen Asphalt zieht.
Wir sind seit achtzehn Stunden unterwegs, aber niemand sieht müde aus. Nicht Noah, der an seinem Motorrad lehnt und wild gestikuliert. Nicht Jayden, dessen Augen ununterbrochen unsere Umgebung absuchen. Und schon gar nicht Danny, deren Lachen die morgendliche Stille wie ein silbernes Messer durchschneidet.
»Ich habe dir gesagt, du sollst keine Wheelies machen!«, schimpft Noah mit einer Stimme, die zwischen Stolz und Verärgerung schwankt. Er lockert sich mit der Hand das sandblonde Haar und sein Blick klebt an ihr, als könnte ein Wimpernschlag sie verschwinden lassen.
»Was denn? Die Straße war leer.« Dannys Stimme hat diesen musikalischen Klang, der selbst Schuld nach Unschuld klingen lässt. Sie wirft ihr dunkles Haar über eine Schulter und grinst. »Ich wollte nur sehen, ob ich es noch kann.«
Ich lehne mich gegen die Motorhaube unseres Jeeps und verschaffe mir einen Überblick über die Umgebung. Ich sehe eine öde Autobahn, eine Tankstelle mit flackernder Leuchtreklame und dahinter unser Ziel. Die Morgenluft flimmert bereits vor Hitze – ein Vorgeschmack auf einen Tag voller Schweiß und Staub.
»Du hättest dir das Genick brechen können«, fährt Noah fort, aber er klingt nicht wirklich wütend. Nur die Sorge eines Wolfes, der seine Gefährtin gefunden hat und sein Glück kaum fassen kann. »Menschen heilen nicht so wie wir. Sie sterben einfach!«
Danny rollt mit den Augen. »Das hatten wir doch schon. Ich fahre seit meinem sechzehnten Lebensjahr!«
»Trotzdem kannst du stürzen und dich verletzen«, entgegnet Noah, rückt näher an sie heran und atmet tief ein, als er seine Hand auf ihre Schulter legt und die Markierung an ihrer Halsbeuge berührt. Die Duftmarke ist subtil, aber für diejenigen von uns mit geschärften Sinnen nicht zu ignorieren.
Er könnte genauso gut den Boden um sie herum markieren.
»Das war ziemlich beeindruckend«, sagt Skadi mit leiser Stimme, die in der stillen Morgenluft dennoch zu hören ist. Sie sitzt auf Jaydens Motorrad, ihr weißes Haar leuchtet im zunehmend stärker werdenden Licht. »Wie das Vorderrad einfach vom Boden abgehoben ist.«
Jayden schnaubt und stellt sich neben sie. Die rot gefärbten Spitzen seines Haares reflektieren das Licht wie Blut. »Du kannst so beeindruckt sein, wie du willst. Du bleibst meine Beifahrerin.«
Skadis Lippen formen sich zu einem Lächeln. »Immer so beschützerisch«, flüstert sie, ihre Stimme leise, nur für ihn bestimmt. Sie beugt sich zu ihm, ihre Lippen streifen beinahe sein Ohr. »Trotzdem werde ich den Führerschein machen.«
Ich beobachte, wie sich Jaydens Kiefermuskeln anspannen und seine Nasenflügel leicht flattern. Er antwortet nicht mit Worten. Seine Hand legt er auf ihren Hinterkopf, vergräbt die Finger in ihrem weißen Haar und zieht sie zu sich heran, um sie zu küssen.
Mein Blick wandert zurück zu Noah und Danny. Dort hat sich die Situation leider weiterentwickelt. Danny hat es irgendwie geschafft, sich auf Noahs Motorrad zu manövrieren – genauer gesagt direkt auf seinen Schoß. Ihr Rücken ist an seine Brust gedrückt, während sie ihr Handy hochhält, um ein Selfie zu machen. Unterdessen haben Noahs Hände ihren Weg zu ihren Brüsten gefunden.
Dankenswerterweise lenkt das Geräusch einer zuschlagenden Autotür meine Aufmerksamkeit auf Cole, der endlich aus dem Jeep steigt. Sein kupferrotes Haar fängt die Sonne ein, seine grünen Augen verengen sich, während er die Szene abschätzt.
»Ich wusste nicht, dass wir neuerdings Softpornos drehen«, sagt er mit schleppender Stimme, während er die Arme vor der Brust verschränkt. »Hätte ich andere Klamotten mitbringen sollen?«
Jayden löst sich von Skadi, hält aber seinen Arm um ihre Taille gelegt. »Du bist doch nur neidisch, Grady.«
»Worauf?« Cole zieht eine Augenbraue hoch. »Auf die Anklage wegen Sittenwidrigkeit, die uns bevorsteht?«
»Auf die Tatsache, dass wir jemanden haben«, entgegnet Jayden mit einem süffisanten Grinsen. »Wenn du vielleicht Ethan folgen und dich einfach an den Anblick gewöhnen würdest …«
»Daran gewöhnt man sich nicht«, stelle ich klar. »Genauso wenig wie man sich daran gewöhnt, wegen Stöhnen oder Betten, die gegen Motelwände donnern, aus dem Schlaf gerissen zu werden.«
»Larson, entspann dich etwas«, sagt Noah und lacht. Seine Hände ruhen immer noch auf Dannys Körper. »Die beiden sind doch noch harmlos.«
»Stimmt. Ihr seid schlimmer«, entgegne ich. »Denn wenigstens schlafen Jayden und Skadi auch mal.«
Danny errötet, doch das Glitzern in ihren Augen verrät, dass sie jede Sekunde genießt. Noah hingegen sieht offen stolz aus. »Ich kann nichts dafür, dass Wölfe so viel Ausdauer haben«, sagt er mit einem Augenzwinkern.
Cole rollt mit den Augen. »Ethan hat recht. Letzte Nacht konnte ich wegen euch …«
»Ach bitte«, unterbricht Noah ihn. »Sonst bist doch du es, der uns alle mit seinen One-Night-Stands quält!«
»Ich kann einem ahnungslosen Menschen nicht erklären, warum er am besten jeden Laut unterdrücken soll«, fährt Cole ihn an und fährt sich mit der Hand durch seine kupferfarbenen Locken. »Was soll ich denn sagen? Sei leise, weil meine Freunde Wölfe mit verstärktem Gehör sind?«
»Selbst ich kann die Frauen hören, genau wie dich«, wirft Danny ein und gleitet vom Motorrad. »Und ich bin nur ein ganz normaler Mensch.«
»Das liegt daran, dass er sich nicht bemüht, leise zu sein«, sage ich und nutze die Gelegenheit, um das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. »Das tut keiner von euch. Aber wir sind nicht nach Nuevo Laredo gekommen, um euer Sexleben zu besprechen.«
Jaydens Gesichtsausdruck verändert sich, er wird konzentrierter. »Das Gift.«
»Und der neue Besitzer von El Colmillo Plateado«, füge ich hinzu und nicke in Richtung des Gebäudes in der Ferne. »Elijah will, dass wir herausfinden, woher es kommt – und es stoppen.«
»Und wir tun, was Elijah will«, sagt Jayden, wobei sein Tonfall sowohl Loyalität als auch Groll gegenüber seinem Bruder erkennen lässt.
»Also«, sagt Skadi, damit keine Stille einkehrt. »Ich schätze, es ist Zeit, einzuchecken?«
Das Motel El Descanso. Es ist ein zweistöckiges Gebäude mit abblätternder Farbe und rostigen Geländern. Darüber thront – wie ein Geier über einem Kadaver – eine flackernde Leuchtreklame – El Colmillo Plateado.
Schon jetzt liegt der Geruch von Staub, Schweiß und altem Bier in der Luft. Ich erkenne die Einschusslöcher in den verputzten Wänden, die geschwärzten Fenster – und diese ganze Atmosphäre aus Verwahrlosung und Gefahr.
»Jesus«, murmelt Cole. »Dieser Ort sieht aus, als gäbe es hier mehr Krankheiten als in einem Medizinbuch.«
»Ich habe euch gesagt, es ist anders«, erinnere ich ihn. »Aber so sind wir direkt am Club.«
»Genau darüber, wie es aussieht«, fügt Skadi hinzu, während ihre Augen einem Mann folgen, der aus dem Seiteneingang des Clubs stolpert.
Danny seufzt dramatisch und klammert sich an Noahs Hand. »Ich habe mich gerade daran gewöhnt, um vier Uhr morgens in Motels einzuchecken«, sagt sie und betrachtet das Gebäude mit unverhohlener Bestürzung. »Und jetzt das? Wirklich?«
Noah zieht sie näher zu sich heran und küsst sie auf die Stirn. »Es ist nur für ein paar Tage, Baby.«
»Bis wir die Quelle gefunden haben«, stimmt Jayden zu, und sein Blick verhärtet sich beim Anblick des Gebäudes.
Cole grunzt und geht zum Kofferraum, um seine Tasche zu holen. »Wenn wir nicht vorher an Tetanus sterben.«
»Oder erschossen werden«, fügt Skadi hilfreich hinzu.
»Oder an Bettwanzen«, werfe ich ein und ernte dafür ein kollektives Stöhnen.
Jayden schultert seine Tasche, sein Gesicht wirkt nun noch grimmiger. »Willkommen in Mexiko.«








