Slice of Life - Unerwartete Liebe

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Summary

Ville wird nach vier Jahren aus der Haft entlassen. Vier Jahre lang hatte er Zeit, das zu bereuen, was er seiner Freundin Sheila angetan hat und alles zu verarbeiten. Fest entschlossen sein Leben wieder auf die Reihe zu kriegen, kommt er bei seiner langjährigen guten Freundin Carolin unter, die die einzige Konstante in seinem Leben zu sein scheint. Allerdings muss Ville sich schnell eingestehen, dass er ganz und gar nichts auf die Reihe bekommt. Sheila will nichts mehr von ihm wissen und auch sonst scheinen sich all seine Freunde von ihm abgewandt zu haben. Nur Carolin ist ihm geblieben, die sich immer merkwürdiger verhält. Außerdem hat er noch immer mit einem schwerwiegenden Problem zu kämpfen, das ihn einfach nicht loslässt und ihn schon wieder mit einem Bein in den Knast drängt. Wird er seinem Verlangen widerstehen können und dem Gesetz treu bleiben?

Status
Complete
Chapters
137
Rating
5.0 3 reviews
Age Rating
18+

Kapitel 1 - Ville

Teil 1

Es war der 1. April und tatsächlich kam es Ville vor, als hätte sich irgendjemand einen Aprilscherz mit ihm erlaubt.

Er hockte in dem Häuschen der Bushaltestelle, die schwarze Tasche, in der sich sein sämtlicher Besitz befand, stand unter der Sitzbank zwischen seinen Füßen.

Es regnete wie aus Eimern und obwohl Oskar, sein Halbbruder, versprochen hatte ihn abzuholen, war er nicht aufgetaucht. Nachdem er gefühlt eine Ewigkeit auf ihn gewartet hatte, war er schließlich zur Bushaltestelle in der Nähe gegangen und wartete nun auf den Bus, der eigentlich schon vor einer Viertelstunde hätte kommen sollen.

Ville schlang die Arme um sich, denn bei der Nässe fing er an zu frieren. Sein Blick wanderte die Straße entlang, doch niemand schien bei diesem Wetter freiwillig nach draußen zu gehen.

Er hatte schon lange auf diesen Tag gewartet, den Tag seiner Entlassung.

In den letzten Wochen hatte er zusammen mit seinem Sozialarbeiter daran gearbeitet, dass er nicht vollkommen aufgeschmissen dastand, wenn er endlich wieder seine Freiheit wieder hatte, doch der Kerl hatte klaglos versagt. Er hatte weder eine eigene Wohnung noch sonderlich viel Geld und er würde erst wieder für Ronald, seinen alten Chef arbeiten können, wenn er wirklich clean war.

Lange Rede, kurzer Sinn: Er stand mit nichts da.

Ville wusste noch nicht so recht, was er denken sollte. Sein Hirn war offensichtlich noch überfordert, immerhin hatte er sich in den letzten vier Jahren um herzlich wenig Gedanken machen müssen.

Er hatte ein überraschend bequemes Bett und drei Mahlzeiten am Tag gehabt, dazu Gespräche mit irgendwelchen Therapeuten, die glaubten, ihn zu kennen und irgendwelche Prognosen aufstellen zu können, wie er sich verhalten würde, wenn er aus dem Knast entlassen wurde. Als ob die eine Ahnung hatten.

Niemand kannte ihn besser als Sheila, doch auch von ihr hatte er in den letzten vier Jahren kaum etwas gehört. Er hatte einmal mit ihr telefoniert, doch sie hatte ihm nur allzu deutlich gesagt, dass sie nichts mehr von ihm wissen wollte.

Bei dem Gedanken an die Frau, die er noch immer für die Liebe seines Lebens hielt, schüttelte es ihn. Sie war der Grund, warum er nun in dieser misslichen Lage war. Nein, falsch. Sie war nicht der Grund, er selbst hatte alles zu verantworten. Immerhin hatte sie ihn nicht darum gebeten, dass er sie schlug und schlecht behandelte.

Doch irgendwie kam er nicht umhin, auch ihr einen Teil der Schuld zuzuschieben. Ihre Beziehung war schon von Anfang an toxisch gewesen. Schon als sie als Teenager ein Paar geworden waren und er sich noch weniger im Griff gehabt hatte. Doch sie waren glücklich gewesen, bis er auf einmal durch quälende Gedanken in ein Loch gerutscht war.

In diesem Moment, in dem es ihm so schlecht gegangen war, hatte Sheila sich entschlossen, sich einen anderen Typen anzulachen, der sie besser behandelte.

Ville spürte, wie sich seine Brust zusammenzog. Es war ja nicht so, als könnte er sie nicht verstehen, doch er war sich ziemlich sicher, dass vieles nicht geschehen wäre, wenn sie sich nicht mit diesem Kerl getroffen hätte.

Obwohl Ville regelmäßig mit Oskar telefoniert hatte, wusste er nichts mehr über Sheila, außer dass der Typ bei ihr wohnte. Sie hatte ihn einfach ausgetauscht gegen einen Anderen.

Dieser Gedanke schmerzte unendlich, doch auch wenn er versuchte es zu akzeptieren, wollte es ihm nicht gelingen. Sheila gehörte doch zu ihm. Schon seit sie in das Haus nebenan eingezogen war, sie beide waren noch Kinder gewesen, hatte es eine ganz besondere Verbindung zwischen ihnen gegeben. Sie hatten so viel durchgemacht und nie im Leben hätte er wirklich damit gerechnet, dass Sheila ihn jemals verlassen würde. Vor allem nicht, wenn es ihm offensichtlich so schlecht ging. Doch so war es nun und er musste sich irgendwie damit arrangieren.

Ville straffte die Schultern, sah noch einmal die Straße hinunter, ob endlich der verdammte Bus auftauchen würde. Doch nichts. Gähnende Leere. Er zog die Knie an und umklammerte sie mit den Armen. Wie erbärmlich er doch war.

Er zog sein Handy aus der Hosentasche, doch er konnte niemanden anrufen, denn Oskar hatte seinen Vertrag für ihn gekündigt. Noch etwas, um das er sich kümmern musste. Immer wieder kreisten die Dinge durch seinen Kopf, um die er sich kümmern musste und er musste zugeben, dass er sich heillos überfordert fühlte.

Doch am wichtigsten war nun, dass er eine Unterkunft fand. Zumindest vorübergehend, bis er eine eigene Wohnung gefunden hatte. Eigentlich hatte er auf Oskar gezählt, doch er konnte nur zu gut verstehen, wenn er nicht wollte, dass er bei ihm blieb.

Immerhin wohnte Sheila und vermutlich noch ihr komischer Typ nebenan und Oskars Mann Johnny konnte ihn nicht mehr leiden, seitdem er Sheila wehgetan hatte.

Da jedoch sein Leben vor dem Knast allein um Sheila gekreist war, hatte er nun keine wirklichen Alternativen.

Er wollte nur ungern bei seinem alten Chef nachfragen, ob er in dem kleinen Apartment in dem Tattoostudio, in dem er früher gearbeitet hatte, schlafen konnte. Doch was blieb ihm noch übrig? Er hatte noch nicht einmal mehr sein Auto, in dem er pennen konnte.

Ein ziemlich großer Kloß bildete sich in seiner Kehle und er musste sich zusammenreißen, nicht einfach loszuheulen.

Doch nach ein paar Sekunden ließ ihn ein Motorengeräusch den Kopf heben. Im ersten Moment glaubte er, dass er sich das nur einbildete, doch es hielt tatsächlich ein ziemlich schickes, weißes Auto an der Bushaltestelle. Der Fahrer hupte, was ihn zusammenzucken ließ, dann wurde das Fenster auf der Beifahrerseite geöffnet.

Neugierig sah er in das Auto und er erkannte sofort, wer darin saß. Es war Johnny, der Mann von Oskar. Er sah noch genau so aus, wie er ihn in Erinnerung hatte. Dünn, perfekt gestylte schwarze Haare und sehr feminine Klamotten.

Ville war so überrascht, ihn zu sehen, dass er noch immer wie gelähmt auf der Sitzbank saß und ihn einfach nur anstarrte.

„Willst du mitfahren?“, rief Johnny ihn durch den lauten Regen zu. Ville konnte nicht glauben, dass anscheinend doch noch jemand auf dieser Welt an ihn dachte.

Er beeilte sich aufzustehen, griff nach seiner Tasche und lief die paar Schritte zum Auto. Sofort spürte er, wie sein Pulli von Regen durchnässt wurde und eilig öffnete er die Beifahrertür und ließ sich auf dem weichen Ledersitz nieder.

Er kam sich irgendwie wie ein Parasit in diesem penibel aufgeräumten Auto vor. Nirgendwo war auch nur ein Staubkorn zu sehen und alles schien genau seinen Platz zu haben.

Ville ließ seine Tasche in den Fußraum gleiten und griff nach dem Gurt, um sich anzuschnallen.

„Danke, dass du mich abholst”, murmelte er und lächelte. Es fühlte sich komisch an, denn er hatte schon wirklich lange nicht mehr gelächelt. Johnny brummte nur, dann trat er das Gaspedal durch.

Ville beobachtete ihn, doch er verzog keine Miene und starrte auf die regennasse Straße. Obwohl es nur höflich gewesen wäre, sich mit ihm ein wenig zu unterhalten, wusste er nicht, was er sagen sollte.

Allerdings musste er wissen, was ihn nun erwartete. Wenn Johnny ihn wirklich zumindest für ein paar Tage bei sich zu Hause übernachten lassen würde, sollte er sich sicher sein, was mit Sheila war. Vielleicht war sie auch gar nicht mehr mit diesem Typen zusammen, mit dem sie ihn damals betrogen hatte.

Ville räusperte sich und sofort sah er, wie Johnny sich versteifte. Ganz offensichtlich fühlte er sich nicht wohl in seiner Gegenwart.

„Lange nicht gesehen”, setze Ville dann an, doch Johnny warf ihm nur einen kurzen Blick zu. Offensichtlich war das nicht der richtige Weg, ein Gespräch anzufangen. Warum machte er es ihm auch so schwer?

„Wie geht es dir denn so? Was gibt es Neues?“, fragte er dann weiter und hoffte, dass er Johnny so irgendwie zum Reden bringen konnte. Denn eigentlich quatschte Johnny wirklich gern. Zwar nicht unbedingt mit ihm, doch Sheila und er hatten sich früher immer stundenlang unterhalten können.

Johnny zögerte noch einen Moment, doch dann atmete er seufzend aus.

„Oskar ist seit ein paar Wochen ziemlich durcheinander, weil du wieder da bist”, sagte er dann und augenblicklich zog sich Villes Brust krampfhaft zusammen. Gleichzeitig kam er sich wie ein Idiot vor. Was hatte er denn erwartet? Dass ihn alle mit offenen Armen empfingen und alles wieder so war, wie vorher? Nein, ihm war klar gewesen, dass einige seiner engsten Freunde nichts mehr mit ihm zu tun haben wollten, weil er Sheila wehgetan hatte.

Doch obwohl er es eigentlich gewusst hatte, schmerzte es schon irgendwie. Zwar hatte Johnny seine Frage nicht wirklich beantwortet, aber er beschloss, auf seine Antwort einzugehen.

„Ich will euch keine Umstände machen”, erwiderte er und meinte es durchaus ernst. Zwar war Oskar sein einziger noch lebender Verwandter den er kannte, doch er wusste auch, dass er und Sheila in den vier Jahren, in denen er nicht da gewesen war, viel Kontakt hatten.

Johnny schnaubte, doch es klang nur halb so verächtlich, wie er es erwartet hatte.

„Oskar ist noch nicht von der Arbeit zurück, anscheinend musste er noch kurz vor Schichtende zu einem Einsatz. Ich wusste nicht mehr, um wie viel Uhr genau er dich abholen wollte, aber ich fand es doch irgendwie nicht richtig, dich unendlich lange warten zu lassen”, erklärte er und Ville spürte, wie ihm Tränen in die Augen stiegen. Wahrscheinlich würde es noch eine Weile dauern, bis er all seine Gedanken und Gefühle sortiert hatte, immerhin waren vier Jahre doch eine lange Zeit, in der sich viel verändern konnte.

„Danke, dass du daran gedacht hast”, sagte er und versuchte, in Johnnys Augen zu sehen, doch er hielt den Blick starr auf die Straße gerichtet.

„Ich tue das nur für Oskar. Er will nachher auch noch etwas mit dir besprechen”, fuhr Johnny dann fort und schnell nickte Ville. Es schien ihm eine gute Idee zu sein, nicht zu sehr auf Konfrontationskurs zu gehen, immerhin war er in gewisser Weise auf Oskar angewiesen, zumindest wieder am Anfang sein Leben auf die Reihe zu bekommen.

Doch seine Gedanken wanderten zu Sheila. Er war sich ziemlich sicher, dass sie noch immer in dem Haus neben Johnny und Oskar wohnte. Allerdings hatte Oskar in den letzten vier Jahren jede Frage nach ihr abgeblockt. Gerade am Anfang und kurz bevor er entlassen wurde, hatte ihn das beinahe in den Wahnsinn getrieben, doch er hatte sich einfach in dem Gedanken verloren, dass sie bald wieder in seinen Armen liegen würde.

Sicherlich würde es einiges an Arbeit sein, immerhin hatte er ihr wirklich wehgetan, aber sie würde schon wieder zu ihm zurückkommen. Selbst wenn sie noch mit diesem Typen zusammen war, würde er um sie kämpfen. Was hatte er denn noch anderes?

„Wie geht es Sheila?“, fragte Ville nach einer Weile, denn er konnte sich einfach nicht mehr zurückhalten. Johnny schnalzte mit der Zunge, doch er antwortete nicht. Es war schon merkwürdig, dass er nichts dazu sagen wollte, aber wahrscheinlich war er einfach nur noch immer wütend auf ihn, dass er Sheila so sehr verletzt hatte. Ville wartete noch ein paar Sekunden auf eine Antwort, als jedoch keine kam, wandte er den Blick aus dem Seitenfenster und betrachtete die vorbeiziehende Landschaft.